Antibiotika-resistente Keime in Massentierhaltung

Neues Arzneimittelgesetz: Profitieren Verbraucher oder die Fleisch-Lobby?

26.06.2014

Über 4 Tonnen am Tag: so viel Antibiotika werden täglich in der deutschen Massentierhaltung eingesetzt. Die gefährliche Konsequenz: Antibiotika wirken nicht mehr gegen Keime. Und die landen mit dem Fleisch auch auf unserem Teller. Kann ein neues Gesetz eine weitere Ausbreitung der Erreger stoppen?

In der Massentierhaltung vermehren sich antibiotikaresistente Erreger wie ESBL besonders gut. ESBL steht für „extended-spectrum beta-lactamases“ und bezeichnet Enzyme, die viele Beta-Laktam-Antibiotika unwirksam machen. Foto: wageningenur.nl

2012 wurde bewiesen, was schon lange vermutet wurde. Eine Studie des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) deckte auf: die Hälfte aller Hähnchenfleischproben enthielt antibiotika-resistente Keime.

Diese Krankheitserreger sind für Menschen sehr gefährlich. Normalerweise helfen Antibiotika bei einer starken Grippe oder anderen bakteriellen Erkrankungen. Sind die Erreger allerdings resistent, schlagen die Antibiotika nicht mehr an. An den Folgen sterben laut Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte jährlich bis zu 30 000 Menschen.

Massen an Tieren brauchen massig Medikamente

Laut EU-Richtlinien dürfen Antibiotika in der Tierhaltung nur zur Krankheitsbehandlung verwendet werden – und nicht zur Prophylaxe oder Wachstumsförderung. Dennoch ist der Verbrauch von Medikamenten enorm. Deutschlands Massentierhaltung steht im europaweiten Vergleich sogar mit an der Spitze der Antibiotikaverbraucher.

Wieso braucht man überhaupt so viele Medikamente? Die Antwort der Agrarbranche ist simpel: In einigen deutschen Schweinemasten stehen bis zu 36.000 Tiere auf engstem Raum zusammen. Wird ein Schwein krank, kann sich die Infektion rasend schnell ausbreiten. Auch deswegen werden Antibiotika in so großen Massen eingesetzt – die Intensivtierhaltung würde ohne sie nicht mehr funktionieren.

Neues Arzneimittelgesetz zu lasch

Die Bundesregierung zog aus den Ergebnissen der BUND-Studie nun Konsequenzen: Im April 2014 ist ein neues Arzneimittelgesetz in Kraft getreten. Tierhalter müssen ab sofort ihren Antibiotika-Verwendung einer bundesweiten digitalen Datenbank melden. Außerdem kann das Viertel der Betriebe mit dem höchsten Antibiotikaverbrauch abgemahnt werden – Strafen drohen allerdings nicht.

Antibiotikaresistenzen: Flächendeckendes Problem

Was hat sich also geändert?  Nicht wirklich viel, sagt Reinhild Benning. Neu ist vor allem die Art der Dokumentation. Statt Stallbuch ist es nun eine digitale Datenbank. Und die Abmahnungen für die “schlimmsten” Antibiotikaverwender? Bei einem Arzneimittel-Einsatz in 80 – 90 Prozent der Hühnermäste nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

“Wir haben ein flächendeckendes Problem mit antibiotika-resistenen Erregern. Das ist die Bundesregierung nicht angegangen.”

Was das neue Gesetz bringt und warum sich die Agrarlobby dagegen sträubt, darüber haben wir mit Reinhild Benning gesprochen. Sie ist Agrarexpertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland.

Foto: BUNDWenn wir in fast jedem Stall Antibiotika einsetzen, entwickeln sich massiv resistente Keime. Wir züchten diese geradezu heran, weil sie besonders gute Überlebenschancen haben.Reinhild BenningAgrarexpertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland