“Die 28 Jahre kamen relativ schnell zusammen” – Der Sektenkonzern Scientology

von am

Sie nennt sich selbst eine "Kirche", Kritiker sprechen von einer "Psychosekte". Scientology ist weiter auf dem Vormarsch - und versucht, kritische Berichterstattung mit allen Mitteln zu verhindern.


“Die 28 Jahre kamen relativ schnell zusammen” - Der Sektenkonzern Scientology Die Scientology-Zentrale in Berlin / © Sascha Schuermann (ddp)

Das Projekt war minutiös geplant und ist unter strengster Geheimhaltung entstanden: Heute Abend kommt mit „Bis nichts mehr bleibt“ erstmals ein Film ins deutsche TV, der die Macht von Scientology fiktiv nachspielt: Es geht um einen Vater, der Mitglied bei Scientology wird und dessen Familie daran auseinanderbricht. Denn er will aussteigen während Frau und Tochter sich von der Sekte nicht lösen können. Vorlage für den Film war der reale Fall einer Hamburger Familie. Wir sprachen mit zwei Kennern des Systems Scientology: Ursula Caberta, sie arbeitet für die Stadt Hamburg als Scientology-Expertin und hat das Filmteam in dem Fall beraten, und Wilfried Handl, der als ehemaliger Österreich-Chef von Scientology der hochrangigste Aussteiger in Europa ist.

Ursula Caberta haben wir gefragt,  was der heutige Film bewirken kann, warum die strategische Öffentlichkeitsarbeit der Sekte so wirksam ist und eingangs, was das System Scientology so gefährlich macht:

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"Kritische Berichterstattung über hochrangige Scientologen gilt als Schwerverbrechen, und die aktiven Scientologen müssen verhindern, dass so etwas passiert." (Ursula Caberta)


Scientology hat seinen ehemaligen Österreich-Chef verloren - ein Aussteigerbericht aus der Führungsetage der Sekte

von Sven Knobloch

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Den einfachen Weg ist er nicht gegangen. Wenn Menschen aus einer Sekte aussteigen, dann suchen sie meist den Untergrund, die Anonymität, sie verstecken sich. Wilfried Handl hat sich für das Gegenteil entschieden. Der Österreicher ist Mitte 50, offen, typisches Wiener Schmäh. 28 Jahre lang war er Mitglied bei Scientology. Seine Zeit in der Sekte begann im Alter von 20 Jahren – und mit einer Frau.

„Ich hatte 1974 eine Freundin. Und diese Dame verschwand dreimal die Woche, ohne mir anfangs zu sagen wohin. Also, ich war nicht eifersüchtig, aber irgendwie wurde mein Interesse geweckt und sie hat mir dann gesagt, sie macht Kurse bei Scientology. Nachdem sie mir gesagt hat: „Das ist toll“ und nachdem sie mir erzählt hat, dass Chick Corea, so ein Jazzmusiker, auch Mitglied ist, da habe ich mir gedacht: das schaust du dir mal an.“

Prominente als Seelenfänger – noch bekannter als Chick Corea sind in diesem Zusammenhang sicherlich die Vorzeige-Scientologen Tom Cruise und John Travolta. Diese berühmten und beliebten Gesichter machen Scientology salonfähig. Doch am Ende, so sagt Wilfried Handl, seien es dann doch die einfachen Mitglieder, die ihn eingefangen und 28 Jahre an die Sekte gebunden haben.

„Die 28 Jahre kommen relativ rasch zusammen. Das was einen anspricht, und das darf man eben nicht vergessen, ist: Scientologen sind sehr freundliche Menschen. Dass das jetzt nur eine aufgesetzte Freundlichkeit ist, der Fachausdruck ist Love-Bombing, das erkennt man ja nicht unbedingt. Sie sind einem sehr zugewandt und bieten quasi eine Art Familie. Oder eine Gruppe zu der man sich zugehörig fühlen kann.“

Handl steigt schnell in der Hierarchie schnell auf, übernimmt Führungsaufgaben. Scientology sei durchaus mit einem Unternehmen vergleichbar: Menschen, an denen man gewisse Fähigkeiten entdeckt, steigen auf. Handl’s Aufgabe: das Anwerben neuer Mitglieder. Dabei sei der Leistungsdruck enorm gewesen. Planvorgaben von der amerikanischen Zentrale sind unbedingt einzuhalten. Handl ist über Jahre fleißiges Werkzeug im System. Er sagt, er habe Menschen abhängig gemacht und dann „ausgequetscht wie eine Zitrone". Am Ende ist er sogar der Österreich-Chef von Scientology. Im Jahr 2002 dann der plötzliche Ausstieg. Nicht aus einer großen Erkenntnis heraus, nicht weil er aufgewacht ist. Wieder ist es eine Frau, die seinen Lebensweg entscheidend beeinflusst.

„Ich hab nach 30 Jahren meine Jugendliebe wieder getroffen, die kannte mich noch aus meiner Zeit vor Scientology. Und die war natürlich ziemlich von den Socken, als sie mich sah. Aber die hat es einfach mal geschafft meine Teflonschicht zu durchstoßen, weil bis dahin hatte ich jede Frage zu Scientology einfach nur abtröpfeln lassen. Das alleine hätte aber noch nicht gereicht, ich musste dazu auch noch eine schlimme Krebserkrankung bekommen. Und da wurde mir eigentlich klar, ich muss dringend etwas in meinem Leben verändern.“

Wilfried Handl besiegt den Krebs. Er liest so viele Bücher über Scientology, wie nie während seiner aktiven Zeit - vor allem die Schriften des Sekten-Gründers, L. Ron Hubbard. Das Streben der Sekte nach irdischer Macht, nach Einfluss in den entscheidenden Positionen unserer Gesellschaft ist dort klar formuliert – das wird Handl erstmalig bewusst. Er entschließt sich, aktiv gegen Scientology vorzugehen, will seine Perspektive in die öffentliche Diskussion einbringen. Mit Vorträgen in Schulen, mit Diskussionsrunden. Er schreibt zwei Bücher. Heute ist Handl der hochstrangige europäische Scientologe, der jemals ausgestiegen ist - und redet darüber. Dafür zahlt er einen hohen Preis:

„Was mich wirklich getroffen hat: seit 2004 habe ich keinen Kontakt mehr zu meinen 3 Söhnen. Und das war sicher schmerzhaft auf der einen Seite, auf der anderen Seite wusste ich, dass es so kommen wird und damit muss man auch rechnen, wenn man sich gegen Scientology wendet.“

Als er auf seine Söhne zu sprechen kommt, wirkt Handl zum ersten Mal etwas verschlossen. Natürlich bereue er, dass er sie in die Sekte gebracht hat. Aber aufhören werde er trotzdem nicht mit seiner Arbeit gegen Scientology. Auch, wenn dadurch vieles einfacher wäre...

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Es wurden bereits 15 Kommentare zu diesem Artikel geschrieben. Diskutieren Sie mit.
  1. kiessl

    kiessl am

    und nun zu handl:
    Wilfried Handl: auch er stapelt hoch, was seine frühere Scientology-Zugehörigkeit betrifft, nur weil er vor über 25 Jahren für einige Monate Leiter einer lokalen Kirche in Wien war, jedoch aus gegebenen Anlass entlassen wurde. Seit einiger Zeit lässt er sich dafür bezahlen, als “hochrangiger Aussteiger” seine verdrehten und unwahren “Fakten” über Scientology zu verbreiten. Auch dies lässt sich mit ganzen Dokumentationen beweisen.

  2. keith

    keith am

    Auf ‘scientology-tv.de’ findet man die Wahrheit des Films. Und Wahrheit sollte man sich nie in den Weg stellen.

  3. Bernd Grütter

    Bernd Grütter am

    Scientology wird von immer mehr Regierungen und Gerichten als Religion anerkannt oder wegen Gemeinnützigkeit von der Steuerpflicht befreit. Nicht so in Deutschland - dem Ursprungsland von 2 Weltkriegen und des Nationalsozialismus. Da wird trotz all der Anerkennungen schon fast in totalitärer Manier kein einziges gutes Haar an Scientology gelassen. Es gibt laut „Scientology-Experten“ rein gar nichts Gutes an Scientology, nichts, das auch nur den geringsten Wert oder Nutzen hat. Das ist praktisch unmöglich und im Grunde PSYCHOTISCH.
    Da werden Geschichten von „Aussteigern“ dramatischer dargestellt als z.B. die Traumata der Sex-Opfer der kath. Pädo-Priester. Das ist Verhältnisblödsinn und zeigt, dass nicht mit gleichen Massstäben gemessen wird. Und jeder, der auch nur Ansatzweise etwas Positives über Scientology sagt, wird sofort ebenfalls in die Sekten-Ecke gestellt und aufs Übelste gebrandmarkt. Eine nicht sofort bestrafte, eigene, frei geäusserte, neutrale oder positive Meinung über Scientology ist in Deutschland seit geraumer Zeit praktisch unmöglich. Das kommt einer gewissen dunklen Periode der deutschen Geschichte gefährlich nahe.

  4. Tobi

    Tobi am

    Man liest ja überall, dass Scientology so eine offensive Öffentlichkeitsarbeit betreibt, und zB kritische Redaktionen schnell angeht und versucht, unter Druck zu setzen. Aber dass ihr das so offensichtlich betreibt, dass ihr selbst diesem kleinen Projekt hier direkt mit Kommentaren bombardiert - superwitzig.

    GETROFFENE HUNDE BELLEN, KANN MAN DA NUR SAGEN.

    Ein Tipp unter vielen:
    Über den Umgang von Scientology mit Kritikern und der Presse, v.a. die Methoden des “Dead Agenting”, siehe zB hier:

    http://www.Ingo-Heinemann.de/Propaganda.htm#dead

  5. Tobi

    Tobi am

    Ihr armen Irren!

    Kommen euch eure Phrasen nicht selbst lächerlich vor?
    “Der Wahrheit sollte man sich nie in den Weg stellen.” - Aha! Wow!  Hat man dir das in langen Psychositzungen ins Hirn gepresst, wa? Und biste da jetzt schon ne Stufe aufgestiegen in eurer komischen Hierarchie? Oder musstest du erst tausende Euros für komische Bücher und PSeudo-Seminare ausgeben, eh dir diese erleuchtung kam?

    Wieso müsst ihr scientologen uns eigentlich mit eurem Quatsch belästigen? Könnt ihr nicht unter euch bleiben? Dann könnt ihr euch immerzu das Hirn zermatschen und den freien Geist wegschwafeln, und wir haben unsere Ruhe. Das wär doch was…

    Mal ehrlich: wieso bleibt ihr nicht unter euch? Die antwort: ihr seid Geld- und Machtgeil. verlogen nennt man das!

    Gute Besserung!

  6. Marcus Engert

    Marcus Engert am

    Sehr geehrter Herr Grütter,

    die Verbindung zum “Dritten Reich” halte ich für untragbar! Ihre Position mag im Kern ja vielleicht sogar richtig sein - so aber kann man Sie nicht ernst nehmen.

    Daher: Kennen Sie eigentlich “Godwin´s Law”? Es besagt, dass im Laufe einer offenen Diskussion im Internet irgendwann jemand einen Nazi-Vergleich bringt.
    Die Erfahrung zeigt: das geht nur leider beinahe immer schief.
    * es ist in den allerwenigsten Fällen gerechtfertigt (so auch hier)
    * es macht so den Autor des Vergleichs zum Verlierer
    * es ist ein Totschlagargument, beendet eine Diskussion, weil eine Antwort darauf fast nie möglich ist

    Herzliche Grüße!

  7. Mark

    Mark am

    Sehr geehrter Herr Engert,

    es freut mich, dass Sie Wert auf journalistische Unabhängigkeit legen. Selbstverständlich sind die von mir angegebenen Quellen nur eine Ergänzung, da die Scientologen in der laufenden Berichterstattung nicht immer gehört werden.

    Ausgewogene Berichterstattung entspricht ja einem demokratischen Grundprinzip, nämlich Rede und Gegenrede.

    Ich bin mir sicher, dass die Öffentlichkeit gerne auch die andere Seite hört, um sich ein Bild zu machen.

    Der erwähnte reale Fall einer Hamburger Familie hat sich aus Sicht der Mutter und des betroffenen Kindes jedenfalls ganz anders abgespielt. Insofern sind die Angaben von Frau Caberta ebenfalls rein thetisch.


    Gruß

  8. Bernd Grütter

    Bernd Grütter am

    Guten Tag Herr Engert

    Ich danke Ihnen für Ihre Stellungnahme. Ich verstehe Ihre Position.

    Man spricht immer davon, dass sich die dunkle Geschichte Deutschlands niemals wiederholen dürfe. Wie will man dies tatsächlich verhindern, wenn jede Erwähnung gewisser Vorboten einer ähnlichen Entwicklung unter dem Deckel gehalten werden muss oder als “gerade nicht passend” abqualifiziert wird?

    Eine frei geäusserte, neutrale oder positive Meinung über Scientology oder Scientologen ist in Deutschland heutzutage praktisch unmöglich bzw. wird sofort mit Diffamierung, Rufmord etc. bestraft. Das ist eine zunehmend beobachtbare Tatsache und zumindest eine ähnliche Entwicklung wie es sie in der Vergangenheit Deutschlands schon mal gab. Es sind die Anfänge einer Entwicklung. Dies darf und muss auch heute erwähnt werden dürfen, wenn man es ernst damit meint, dass sich die Geschichte nicht wiederhole.

  9. Marcus Engert

    Marcus Engert am

    Sehr geehrte Hörer “Mark” und “kiessi”,

    wir freuen uns, dass wir Ihre Aufmerksamkeit erhalten haben. Mit ihrem wertvollen Hinweis auf die “zwei Seiten einer Medaille” benennen sie einen zentralen Punkt, den die für unsere Redaktion arbeitenden Journalisten in ihrer jahrelangen Arbeit für viele renommierte Medien vielseitig kennengelernt haben und der auch Eingang in unseren Redaktionskodex erhalten hat. Wir greifen Ihre Kommentare daher gern als Diskussionsangebot auf und wollen Ihnen eingans erläutern, warum wir Ihre Quellen nicht berücksichten konnten:

    * Link 1: Der Hinweis “Hier finden Sie eine völlig neue Informationsreihe über die Sozialprogramme der Scientology Religion.” zeigt uns, dass es sich um eine durch die sog. “Scientology Kirche” selbst betrieben Seite handelt.
    * Link 2: ist ebenfalls von keiner unabhängigen Institution betrieben
    * Link 3: Hier handelt es sich um den von Scientology selbst produzierten Gegenfilm als zeitnahe Antwort auf die ARD-Produktion. Er ist im “Scientology Kanal” enthalten, folglich ebenfalls nicht objektiv.

    Die Seiten, auf die Sie verweisen, sind rein thetisch. Wir nennen so Quellen, die nicht belegen, sondern behaupten. Gern prüfen wir weitere, zuverlässige, Quellen, so Sie uns diese übermitteln wollen.

    Um einen weiteren Vorwurf durch Sie zu beantworten: Herr Handl erhielt von unserem Sender keinerlei Entlohnung, weder finanziell noch anderweitig. Wir konnten kein unlauteres Verhalten oder eine andere Art der Vorteils- oder Einflussnahme durch ihn erkennen.

    Wenn Sie mögen, freuen wir uns über einen freien, undogmatischen, offenen, transparenten und vom Mut zu eigenen Gedanken geprägten Dialog mit Ihnen, und verbleiben mit besten Grüßen.

  10. Beeke

    Beeke am

    Es ist tatsächlich leicht, gerade in Deutschland bei Diskussionen den Bezug zum Dritten Reich herzustellen. Und noch leichter, die kritische Haltung u.a. der Bundesregierung mit dem, wie Herr Engert so schön bezeichnete, Totschlagargument des Nazivergleichs abzuwerten - ohne jedoch konkrete Gegenbeweise anzutreten, warum Scientology eben keine Sekte sei.
    Hierbei sei anzumerken, dass Deutschland eben nicht allein ist mit seiner Kritik. Es gibt viele Länder, die der Organisation den Status einer Religionsgemeinschaft verwehren. Und darf ich an das Urteil im vergangenen Jahr erinnern, welches in Frankreich erfolgte? Hier wurde die Scientology wegen bandenmäßig organisierten Betrugs zu Bewährungsstrafen für die Täter und zu Geldstrafen verurteilt. Ein “Schicksal”, das bislang doch im scheinbar tendenziösen Deutschland noch erspart blieb.

    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,657597,00.html

  11. Bernd Grütter

    Bernd Grütter am

    @Beeke

    Es geht nicht darum, dass Scientology nicht kritisiert werden soll. Jede Bewegung, Kirche, Partei usw. macht Fehler. Es geht darum, dass jeder, der öffentlich auch nur ansatzweise etwas Neutrales oder Positives über Scientology sagt, sofort ebenfalls in die Sekten-Ecke gestellt und aufs Übelste diffamiert und gebrandmarkt wird. Das ist, wovon ich spreche. Eine frei geäußerte, neutrale oder positive Meinung über Scientology ist in Deutschland seit geraumer Zeit praktisch unmöglich. Dies wird mit Rufmord bestraft. Das Äußern einer eigenen Meinung bezüglich Scientology wird systematisch unterdrückt und dies mit staatlicher Förderung. Das ist es, was einer gewissen dunklen Periode der deutschen Geschichte gefährlich nahe kommt.

  12. kiessi

    kiessi am

    Sehr geehrter Herr Engert.
    Also ich habe jetzt nicht direkt gesagt, dass er sich von Ihnen bezahlen liess. Das tun andere.
    Wenn meine links auf thetisches Material verweisen, dann ist der ARD Film superthetisch.
    Die von mir gelegten links verweisen auf rechtlich einwandfreie Dokumentationen. Wer den Märchenfilm gesehen hat, darf sich auch die Fakten ansehen.

 

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