“Nicht entschuldbar!” – über sprachliche Fehlgriffe im öffentlichen Raum

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Verzeihbarer Ausrutscher oder unentschuldbare Entgleisung? Der "innere Reichsparteitag" während der WM-Kommentierung sorgt für Diskussion. Doch aus sprachwissenschaftlicher Sicht scheint der Fall klar. Ein Expertengespräch.


Die Diskussion ist noch nicht ganz ausgestanden: nach dem sprachlichen Fehlgriff der ZDF-Kommentatorin beim ersten Spiel der deutschen Nationalelf ("Das muss Miroslav Klose doch ein innerer Reichsparteitag gewesen sein") kristallisierten sich schnell zwei Lager heraus. Die einen fanden das als Ausrutscher entschuldbar, die anderen nicht. Nachdem die Gemüter sich nun aber etwas beruhigt haben, ist es Zeit für eine unaufgeregte Betrachtung: was hat es auf sich mit einem solchen Fehlgriff? Kann das entschuldigt werden? Und wie geht man öffentlich um, mit derlei Tabubrüchen und Fehlgriffen?

Das fragen wir eine Expertin: Prof. Ulla Fix hat lang "Deutsche Sprache der Gegenwarte" unterrichtet und erforscht, einer Ihrer Schwerpunkte ist die Stilistik - und für Sie ist, zumindest aus sprachwissenschaftlicher Sicht, der Fall ziemlich klar:

»Sprachwissenschaftlerin Ulla Fix zur Formulierung »innerer Reichsparteitag«« herunterladen


Es wurden bereits 4 Kommentare zu diesem Artikel geschrieben. Diskutieren Sie mit.
  1. f.luebberding

    f.luebberding am

    Studenten haben diesen Begriff 1933 erfunden? Gibt es dafür auch eine Quelle? Niemand verwendet den Begriff im Sinne von großer Freude, sondern von triumphaler Genugtuung, allerdings heimlich genossen. Dass er in den Medien nicht offensiv verwendet wird, ist nachvollziehbar wegen der historischen Konnotationen. Frau Müller-Hohenstein hat ihn auch spontan benutzt. Es geht in der Debatte weniger um die Frage, ob wir denn jetzt flächendeckend Reichsparteitage, innerlich, abhalten sollen (was nun wirklich Quatsch wäre), sondern um die Skandalisierung kurz nachdem sie den Satz ausgesprochen hatte - und ob diese Aufregung eigentlich gerechtfertigt gewesen war. Dabei zeigte sich, dass die meisten der Kritiker den Begriff gar nicht mehr kannten und die ihn kannten, ihn im oben genannten Sinn definierten - als Metapher. Nazi-Apologetik spielte dabei keine Rolle, wenigstens haben ich in der Hinsicht nichts gelesen. Dieser Radiobeitrag ist also eher überflüssig.

  2. Tobi

    Tobi am

    Mich ekelt diese ganze Relativierung.
    * Miroslav Klose ist Pole
    * es ist ein Spiel der deutschen Mannschaft
    * in einem afrikanischen Land

    Wie viele Menschen kann man eigentlich gleichzeitig mit nur einer Äußerung verletzen? Und wie viele Harmonie- (oder Party-)Süchtige interessiert das scheinbar nicht.
    Hier gibt es viele kluge Argumente zu hören, ich sehe nicht alle so, aber sind Argumente. Nur wollen oder können das scheinbar zu viele nicht verstehen. Und da kommt das schöne alte Spiel: “Ich verstehe das nicht, also kann es nicht stimmen.” Schade um die viele Mühe…

  3. Marcus Engert

    Marcus Engert am

    Lieber Herr Kollege Luebberding,

    zunächst vielen Dank für Ihren Kommentar - auch wenn ich, aber das wird nicht überraschen, einige Einwände habe.

    Das Interview ist ein Beitrag zu einer laufenden Diskussion. Er ist erfreulich klar positioniert. Diese Position mag nicht die Ihrige sein, aber ihn deshalb als “überflüssig” zu betiteln, ist kein schöner Stil - auch nicht unter Kollegen.

    Wir haben uns natürlich nicht ohne Grund für Frau Prof. Fix als Gesprächspartnerin entschieden. Sie hat jahrelang als Germanistik-Professorin gearbeitet, war u.a. auch an diesem ganz bedeutenden Projekt zum Deutschen Wortschatz beteiligt: http://wortschatz.uni-leipzig.de/ - Ihre Sorge also, Ihr Aussagen könnten auf Unkenntnis beruhen oder mangels (vielleicht aus Zeitgründen unterlassener) Quellennenung unzuverlässig sein, sind denke ich unbegründet. Frau Fix wird Profi genug sein, Ihre Aussagen abzusichern…

    Zu Ihrer Eingangsfrage:
    Ja, einen solchen Beleg gibt es:
    Röhrich, Lutz: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, S. 1682 im 5. Band.

    Das hätte Ihnen bereits eine einfache Wiki-Abfrage beantwortet. Dort übrigens auch dieser Hinweis: “Die laut Duden (1992) „veraltete“ und „ungebräuchliche“ Redewendung kann auch eine „private Zelebration rechtsradikalen Gedankenguts“ bedeuten.”
    Nun, niemand hat ja gesagt, dass dies bei Frau Müller-Hohenstein zutrifft (deshalb wird ja auch nicht über sie als Person debattiert). Aber eben genau, WEIL der Begriff diese Bedeutung tragen KANN, wird darüber diskutiert. Die Diskussion rechtfertigt das Hinterfragen. Wäre der Begriff gänzlich unproblematisch, gäbe es keine Diskussion, und damit auch diesen Beitrag nicht.

    Mit diesen Quellenhinweisen und der kurzen Begründung der Themenwahl darf ich Sie wiederum um Belege oder Quellen bitten, hierfür: “Dabei zeigte sich, dass die meisten der Kritiker den Begriff gar nicht mehr kannten und die ihn kannten, ihn im oben genannten Sinn definierten - als Metapher. Nazi-Apologetik spielte dabei keine Rolle (...)”.
    (Verstehen Sie das bitte nicht als Angriff, es entspringt rein meinem persönlichen Interesse.)

    Viele Grüße
    Ihr M.E.

    PS: Eine gänzlich persönliche Anmerkung: Sich danach (zeitnah) zu entschuldigen, wäre doch ein Weg gewesen. Das hätte beinahe jedes Missverständis verhindert. Das passierte nicht, auch bei der zweiten Sendung von Frau Müller-Hohenstein kein Wort dazu. Das macht es nicht einfacher…

  4. f.luebberding

    f.luebberding am

    Lieber Kollege Engert,

    danke erst einmal für die Quellen-Angabe. Ich habe diese tatsächlich noch nicht gekannt. Bei uns im Blog hatte jemand aus einem Zeit Aufsatz ein Goebbels Zitat ausgegraben. Und was Wikipedia anging: Dort ist eigentlich erst nach dem Fußballspiel so richtig etwas dazu geschrieben worden und vermittelte erst einmal nur den Eindruck von der öffentlichen Debatte. Das ist ja auch für Wiki nicht ungewöhnlich. Aber lassen wir das. Wiki ist nun wirklich ein Thema für sich. 

    Aber dann zur Verbreitung dieses Begriffs. Worum ging es eigentlich in dieser Debatte? Eben nicht um die Frage, dass Frau Müller-Hohenstein diesen Begriff benutzt hat, sondern um die Reaktion darauf - etwa auf Twitter. Das hat dann die Welt aufgenommen, das ZDF ruderte zurück und schließlich nahm Niggemeier das Thema kritisch in seinem Blog auf. Das alles passierte schon bis 8.00 Uhr morgens. Da hatte ich gerade meinen Lütten zum Kindergarten gerbacht ... . Ohne diesen Online Hype wäre diese Bemerkung genauso schnell verschwunden wie sie gefallen worden war.  Und eines wurde dabei nicht nur bei mir deutlich: Dass viele der User den Begriff nicht mehr kannten, was auch kein Wunder ist. Der ist durchaus antiquiert: “Und mir kommt es so vor, als hätten viele der Leute, die gerade an die Decke gehen, sie (also ihn) einfach noch nie gehört.”, so beschrieb das Niggemeier. Und das lässt sich in dem uferlosen Thread auch gut nachlesen .... . Deshalb ist diese ursprüngliche Definition von der privaten Zelebration rechtsradikalen Gedankenguts auch nach meinem Eindruck nicht mehr zeitgemäß, sondern schlicht die Definition alter Nazis mit entsprechender Biografie gewesen. Das Thema hat sich aber mitlterweile biologisch erledigt. Als Manni Breuckmann das Gleiche wie Müller-Hohenstein passierte, war das mit Sicherheit noch anders:

    http://www.taz.de/?id=archivseite&dig=2005/11/01/a0029

    Heute wurde - bis Anfang der Woche - dieser Begriff halt so definiert wie das Bronski im FR Blog gemacht hat:

    http://www.frblog.de/reichsparteitag/

    Siehe auch meinen eigenen Kommentar dazu - und warum ich diesen Begriff natürlich in einem vorbereiteten Kommentar nicht verwendet hätte. Aber Müller-Hohenstein sprach halt spontan. Was viel interessanter als die Debatte über die Genese dieses Spruchs ist, wäre eine Diskurs Analyse über die Debatte selbst. Also Niggemeiers 950 Kommentare Thread liefert reichliches Anschauungsmaterial ... . Das sollte man noch einmal thematisieren und die Logik des Internets. Sollte sich aber Frau Müller-Hohenstein entschuldigen? Das finde ich keineswegs. Wen hat sie beleidigt? Und dass sie damit die Nazis verharmlost hat, kann ich beim besten Willen nicht erkennen. Man konnte den Satz eigentlich nur so verstehen wie ihn etwa Bronski, Niggemeier und ich verstanden haben - und sicherlich auch Manni Breuckmann ... . Sie kann das aber erläutern, nur damit fängt die Debatte erneut an. Daran hat das ZDF wohl kein Interesse ... . Und deshalb ärgerte mich halt auch das Interview. Es war aber keineswegs überflüssig. Das nehme ich zurück. Sie ist halt anderer Meinung als ich und gerade deshalb können solche Interviews immer nützlich sein. Das weiß ich natürlich auch.

    Mit besten Grüßen

    Frank Lübberding

 

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