Iran: Behörden verschieben Blendung mit Säure – Diskussion erneut entfacht

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Das Urteil ist rechtskräftig: die mit Säure verunstaltete Iranerin Ameneh Bahrami hätte sich am Wochenende rächen und ihren Peiniger blenden dürfen. Doch die iranische Justiz verschob die Vollstreckung auf unbestimmte Zeit. Und die Diskussion um die Unmenschlichkeit des Urteils entfacht von Neuem.


Iran: Behörden verschieben Blendung mit Säure - Diskussion erneut entfacht Der Koran betont das grundsätzliche Vergeltungsrecht in Sure 5,45. / Foto: Marcus Brandt (ddp)

Prof. Dr. Reinhard Schulze Prof. Dr. Reinhard Schulzeist Direktor des Instituts für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie an der Universität Bern. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das Säureattentat eines verschmähten Verehrers kostete die Iranerin Ameneh Bahrami 2004 ihr Augenlicht. Am Samstag sollte sie sich am Täter rächen dürfen - und auch ihm Säure in die Augen träufeln. Der Racheakt war bereits 2009 durch ein Gerichtsurteil legitimiert worden. Doch nun haben die iranischen Behörden die Vollstreckung auf unbestimmte Zeit verschoben – wohl nicht zuletzt wegen des immer stärker werdenden Drucks von außen. So hatte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International das Land im Vorfeld aufgefordert, die inhumane Strafe zu verhindern. Die Diskussion um den Fall Bahrami flammt so nach zwei Jahren erneut auf.

Der Fall ist nicht nur wegen seiner Dramatik besonders. Die Iranerin Bahrami hatte es im Vorfeld auch geschafft, eine Ungleichbehandlung der Frau zu überwinden. Säureanschläge auf Frauen im Iran kommen verhältnismäßig oft vor - bisher war es hier üblich, dass eine Frau, die ihr Augenlicht auf beiden Augen verloren hatte, dem Mann "nur" ein Auge blenden durfte. Bahrami hatte durchgesetzt, ebenfalls beide Augen ihres Peinigers zu blenden. Und auch mehrfaches Bitten der Behörden, die Strafe in eine Haftstrafe abwandeln zu dürfen, lehnte sie ab: sie wolle künftige Säureattentäter abschrecken und so das Leid anderer Frauen verhindern.

Gleiches mit Gleichem: Das Rechtsprinzip der Qisas

Qisas bezeichnet in der Grundlage des islamischen Rechts, der Scharia, das Prinzip der Wiedervergeltung. Sie wird angewandt, wenn ein Mensch getötet oder schwer verletzt wird. Die Herkunft der Qisas ist eigentlich eine friedensstiftende: so war im arabischen Raum zur Zeit Mohammeds die Blutrache verbreitet. Die Qisas soll diese Blutrache in geordnete Bahnen lenken. Am ehesten ist das Prinzip mit dem biblischen "Auge für Auge - Zahn um Zahn" vergleichbar.

Wie stark ist die "Qisas", die Vergeltung, im islamischen Recht noch verwurzelt? Wieso wird das islamische Recht vor Gericht noch so hart ausgelegt, während in weiten Teilen des Landes ein moderater Islam propagiert und gelebt wird?

Oder ist der Aufschrei der Empörung vielleicht unserem westlichen Rechtsverständnis geschuldet, welches wir reflexhaft über andere Rechtssysteme stellen?

Das haben wir Islamwissenschaftler Prof. Dr. Reinhard Schulze gefragt. Er ist Direktor des Instituts für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie an der Universität Bern - und fordert im Interview bei Menschenrechtsverletzungen auch auch ein Eingreifen des Westens.

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Es wurden bereits 3 Kommentare zu diesem Artikel geschrieben. Diskutieren Sie mit.
  1. gast

    gast am

    Ich finde es schrecklich, dass sich manche Leute über die “Brutalität des Urteils aufregen”.
    Denn ich bin kein Mensch, dem der Täterschutz wichtiger ist als der Opferschutz.

    Und wie kann Amnesty International fordern, die „inhumane und grausame“ Bestrafung des Mannes zu unterbinden?
    Ist für Amnesty International eine Frau etwa auch nur halb so viel wert wie ein Mann?
    Warum setzt sich Amnesty International für die Rechte von radikalen Islamisten ein?
    Frau Bahram will durch diese Aktion andere Frauen vor jenem grausamen Schicksal bewahren.

    Im Iran herrscht wirklich keine Gerechtigkeit. Ob dieser Racheakt gerecht oder ungerecht ist, darüber lässt sich streiten.
    Man sollte es trotzdem zulassen, damit einer Frau im Iran auch einmal eine Stimme verliehen wird.

  2. Licht

    Licht am

    Blendung? Ich glaube, dass Ihr alle schon ganz verblendet seid. Ihr, die Ihr das Gotteswort:“Liebet Eure Feinde, bittet/u.betet, die Euch verfolgen (Matthäus 5:43-44) nicht kennt, vielleicht nicht kennenwollt, dass der Herr unser Gott uns in seinem Wort kundtut. Ich weiß gar nicht warum Ihr alle noch Weihnachten und Ostern feiert, von dessen Bedeutung aber nichts wissenn wollt. Das was dieser “Maschid” getan hat ist schlimm. Aber wissen wir, wie sehr diese junge Frau ihn schon mit Worten verletzt hat? Er, der sie geliebt hat, sie heiraten wollte? Sie war schön. Aber sicher auch hochmütig und arrogant (Hochmut kommt vor dem Fall!) Komisch, das liest man in keiner Zeitung. Gott, allein, kennt die gerechte Strafe für beide!
    Hier gilt: Das Böse nicht mit Bösem zu überwinden. Hass erzeugt mehr Hass

  3. j_

    j_ am

    @ gast Keineswegs ist amnesty eine Frau weniger wert als ein Mann. Das Geschlecht des Täters bzw. des Opfers spielt hier keine Rolle. Der Grundedanke dabei ist, Gewalt nicht mit Gegengewalt zu beantworten. “Licht” sagt richtig: Hass erzeugt mehr Hass, und ob man es vor dem religiösen Hintergrund betrachten möchte oder nicht: Gleiches mit Gleichem zu vergelten ist aus der ethischen Perspektive falsch und führt zu keiner Lösung. Wenn jedes Vergehen mit dem selbigen bestraft wird, drehen wir uns im Kreis. Denn wenn der Hass nicht der Vergebung weicht, ist möglicherweise der Bruder des Täters der nächste, der dem Bruder des Opfers etwas antut usw.


    Verzeihen können ist die großmütigste Eigenschaft, die ein Mensch besitzen kann. Sie ist die schwierigste. Aber der Lohn dafür ist das loslösen des Hasses vom Herzen und eine Befreiung des Verstandes von Groll.
    Ganz gewiss ist da nicht leicht - aber wenn es geschafft ist ist es das größte Geschenk.

 

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