26. März 2015

Warum wir vorerst nicht über „Germanwings“ sprechen

Als die Meldung vom Absturz der Germanwings-Maschine kam, haben wir darüber nachgedacht, ob wir dazu berichten sollten. Wir haben uns dagegen entschieden, weil es einfach zu viele Fragezeichen waren.

Gestern dann haben wir uns entschieden, einen wichtigen Aspekt nicht zu ignorieren: die Frage, wer den Angehörigen und Betroffenen eigentlich hilft – und wie man das macht.

Schon gestern abend gingen wir mit der Frage nach Hause, was wir wohl am kommenden Tag dazu bringen könnten. Heute morgen in unserer Themenkonferenz nahm das Thema mit Abstand den größten Raum ein. Doch weil wir bis jetzt mehr Fragezeichen als Antworten haben, weil wir nichts Neues erzählen können, und weil wir „anscheinend“ für keine gute Grundlage zur Berichterstattung halten, haben wir uns entschieden:

Wir werden bis auf Weiteres nicht über den Absturz sprechen.

Natürlich haben wir unendlich viele Fragen. Natürlich interessiert uns brennend, was passiert ist. Und natürlich wissen auch wir, dass eine gewisse, vielleicht auch boulevardeske Neugier in jedem von uns steckt.

Wir glauben aber, dass es zwei Sorten von Fragen gibt – und zumindest wir momentan niemandem helfen, wenn wir sie stellen.

  • Die eine Sorte sind Fragen der Sorte „Was ist da eigentlich passiert?“. Die Antworten hierauf kommen keine Minute schneller, wenn wir darüber spekulieren. Das müssen die Ermittlungen zeigen, und wenn das so weit ist, werden wir das zusammenfassen und berichten.
  • Die andere Sorte sind die Fragen nach den Folgen und Lehren, den Fehlern und Verantwortungen. Wo muss man was in Frage stellen – in Technik, Ausbildung oder dem Verhalten von Medien und Behörden? Diese Fragen jetzt schon zu stellen, angesichts so viel Unwissen und so vieler Trauernder, entspricht nicht unserem Selbstverständnis.

Wir möchten uns mit dieser kleinen Erklärung weder hervortun noch andere Redaktionen in ihrer Arbeit kritisieren. Wir wollten nur kurz erklären, warum wir bis auf Weiteres schweigen – und einfach mal Nix sagen.

Kommentare:

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  • Phillip says:
    Danke, das ist genau das Richtige. Journalismus mit Werten, Respekt.
  • Malhado says:
    Das ist mal ne Ansage, die sich die Leitpresse auch zu Gemüte führen sollte.
    Es ist einfach zum ko****. Wie die Aasgaier wird sich auf die erstbeste Theorie gestürzt ohne zu hinterfragen ob das überhaupt sein kann oder was für andere Möglichkeiten in Betracht kommen.
  • Susanne Klabunde says:
    Finde ich unheimlich gut! Mir stoßen zwar nicht die neutral gehaltenen Tickernachrichten auf, wenn wieder ein neues Fitzelchen Erkenntnis gefunden wurde. Wohl aber die dummen Spekulationen, die herumgeistern.
  • Dorothea says:
    Großes Lob! Es gibt ja Nachrichten, etwa über neue Ereignisse und Erkenntnisse, und "Nachrichten", etwa in Form von pietätlos zusammengestellten Berichten und "Hintergrundanalysen", die oftmals genauso uninformiert, emotional und subjektiv verlaufen wie Privatgespräche. Wenn man zu den Nachrichten keine sinnvolle Analyse liefern kann, ist es besser zu schweigen. Alles andere macht mich (ich kann nur von mit sprechen) nur noch wütender und trauriger.

    Ich unterstütze voll eure Entscheidung.
  • Bernd says:
    "Der Hatz um die schnellste Schlagzeile entziehen". Ehrlich. Mutig. Gut. Ich wünsche mir, dass Programmverantwortliche in anderen Radios/Medien mal eine Sekunde darüber nachdenken und anschließend handeln.
  • Manuela says:
    Danke für diese klare Entscheidung. Ich bin sehr erfreut, dass es noch den journalistischen Raum gibt, der auch Zurückhaltung und Selbstbegrenzung zulässt.
  • Gunnar says:
    Finde ich gut. Endlich mal jemand der auf Fakten wartet und nicht was auf dem Rücken der Betroffenen zusammen braut.
  • Ernie says:
    Und was ist mit dem Nachrichten und den Fakten, die könnte man doch nüchtern berichten. Niemand zwingt euch zu spekulieren und wilde Fragen zu stellen. Bedeutet moderner Journalismus, dass man immer nur zwischen Extremen unterscheiden muss??
    • Marcus Engert says:
      Um das nochmal deutlicher zu sagen: wir sind ja überhaupt nicht der Meinung, dass es hierzu *keiner* Berichterstattung bedarf.

      Wir sind nur nach Abwägung unserer Möglichkeiten und mit Blick auf unseren Redaktionskodex zu dem Schluss gekommen, dass wir hier, an dieser Stelle, zumindest bis auf Weiteres nichts Hilfreiches, Aufklärendes oder Tröstliches beitragen können.

      Wir wollen damit ganz bewusst keinerlei Bewertung anderer Berichterstattung verbunden wissen. Unser Statement sagt etwas über unsere Entscheidung - mehr nicht.

      detektor.fm macht bewusst keine Nachrichten. Das können andere besser. Wir wollen uns damit auch ein wenig der Hatz um die schnellste Schlagzeile entziehen. Was wir tun wollen, ist: Hintergründe ausleuchten, Zusammenhänge zeigen, zeitlose Themen aufgreifen. Dafür, so glauben wir, ist es jedoch im Fall des Germanwings-Absturzes einfach zu früh.