Gesund Leben | Transidentität – Wenn Kinder sich im falschen Körper fühlen

04.03.2013

Manche Menschen fühlen sich im falschen Körper geboren - einige merken das schon als Kind. Transidentität im Kindesalter birgt viele Schwierigkeiten: Eltern fühlen sich häufig überfordert und in der Schulmedizin gibt es oftmals keine ausreichende Hilfe.

Bislang gibt es noch keine wissenschaftliche Erklärung für die Ursache von Transidentität. Foto: © Henning Kaiser/dapd

ist Diplom-Psychologe in Berlin.Peter Keinsist Diplom-Psychologe in Berlin. 

Die zwölfjährige Alex aus Berlin hat sich schon immer als Mädchen gefühlt, obwohl sie anatomisch als Junge zur Welt gekommen ist. Doch nicht alle konnten die Transidentität von Alex akzeptieren. Hinter dem Mädchen liegen Rechtsstreits, Demonstrationen und Therapieversuche.

ist die Mutter eines 12-jährigen Mädchens, das anatomisch als Junge zur Welt kam.Sandra Biernat-Rynioist die Mutter eines 12-jährigen Mädchens, das anatomisch als Junge zur Welt kam. 

Das Problem: Transsexualität bei Kindern ist selten. In der Schulmedizin gibt es dazu kein Standardverfahren. Heute sind rund einhundert Jugendliche wegen ihrer Transidentität in Behandlung.

Peter Keins ist Psychologe und hat sich auf das Thema Transidentät spezialisiert. Er engagiert sich auch für das Trans-Kinder-Netz, eine Selbsthilfegruppe betroffener Eltern mit minderjährigen transsexuellen Kindern.

Beim Trans-Kinder-Netz hat auch Sandra Biernat-Rynio Hilfe gefunden. Ihre Tochter Ina ist ebenfalls zwölf Jahre alt und bekommt Hormone, um die Pubertät zunächst zu verhindern.

detektor.fm-Redakteurinnen Stefanie Gerressen und Nora Hoffbauer über Kinder, die sich im falschen Körper fühlen.


Hier der Beitrag zum Mitlesen:

Transgender – das bezeichnet jemanden, der die ihm aufgrund seines biologischen Geschlechts zugewiesene Geschlechtsrolle nicht akzeptiert. So ist das Wort jedenfalls im Duden definiert. Circa hundert Jugendliche in Deutschland sind in Therapie, weil sie wissen: Ich bin zwar als Mädchen oder Junge geboren, fühle mich so aber nicht. Peter Keins ist Psychologe und betreut transidentitäre Kinder. Er weiß, dass dies schwer zu diagnostizieren ist.

„Die Schwierigkeit ist die: Das festzustellen ist im Endeffekt nur möglich, in dem man den Menschen zuhört. Es gibt keine externen Kriterien, nach denen man das überprüfen kann.“

Es bleibt also alleinig die Aussage des Kindes. Und die muss ernst genommen werden. Dass dabei sehr gut unterschieden werden kann, ob es nur eine Phase ist oder mehr, das weiß Sandra Biernat-Rynio. Ihre Tochter Ina kam anatomisch als Junge zur Welt:

„Das fing damit an, dass sie sehr gerne mit Puppen gespielt hat, viele Kleider tragen wollte, sich sehr viel verkleidet hat: zum Beispiel als Prinzessin. Am Anfang denkt man häufig: „Das ist nur eine Phase“ oder „das ist ein Junge, der sich viel an seiner Schwester orientiert“. Aber es wurde immer deutlicher und häufig ist es ja auch so, dass die transidenten Kinder irgendwann anfangen, ihr Geschlechtsteil abzulehnen. Das war dann irgendwann bei Ina auch der Fall. Und da wurde es dann für uns sehr deutlich, dass das sehr wahrscheinlich in diese Richtung geht. Kurz vor der Pubertät kam es dann zu einem Leidensdruck und da hat sie auch ganz deutlich gesagt: Sie möchte so nicht mehr leben.“

Wenn ein Kind sich so klar ausdrückt, muss entschieden werden, wie weiter vorgegangen wird. Ina zum Beispiel bekommt im Moment Hormone, die ihre männliche Pubertät verhindern. Gleichzeitig macht sie eine Therapie. In zwei Jahren kann sie dann entscheiden, ob sie weibliche Hormone nehmen und damit die weibliche Pubertät einleiten möchte. Besonders die Therapie ist wichtig, erklärt ihre Mutter Sandra Biernat-Rynio:

„Das ist auch vorgeschrieben, dass die Kinder in Therapie sind, um sich einfach nach allen Seiten absichern zu können. Damit das von Experten begleitet ist und man die Sicherheit hat: Es ist keine Phase, sondern es ist deutlich eine Transidentität.“

Warum ein Kind wie Ina als anatomischer Junge geboren wird und sich doch ganz deutlich als Mädchen fühlt, ist wissenschaftlich schwer zu erklären. Ursachen können kaum benannt werden, weiß Psychologe Peter Keins:

„Weder die medizinische, noch die biologische oder psychologische Forschung hat bis heute irgendeine nur halbwegs befriedigende Antwort. Es gibt Forschungshypothesen, die von Prozessen in der fötalen Entwicklung sprechen, wo körperliche und Gehirnentwicklung in der Schwangerschaft auseinander fallen. Dass sich äußerlich ein Junge entwickelt, das Gehirn aber weiblich strukturiert ist. Es gibt aber auch Hypothesen, die das komplett in Abrede stellen. Das ist ein ganz offenes Forschungsfeld.“

Dass ein Kind sich nur aufgrund der Erziehung anders fühlt – diesen Fall sieht er nicht. Schließlich kann Transidentität auch mit negativen sozialen Reaktionen des Umfelds verbunden sein. Das würde kein Kind freiwillig in Kauf nehmen. Sandra Biernat-Rynio berichtet, dass ihre Tochter zum Glück in der Schule nicht ausgeschlossen wurde:

„Und als Ina dann geäußert hat, sie kommt jetzt als Mädchen in die Schule, kam es natürlich zu Gesprächen mit Lehrern und auch mit anderen Eltern, um das ein bisschen vorzubereiten. Auch um die Mitschüler vorzubereiten und eigentlich war festzustellen, dass die Mitschüler fast ein bisschen erleichtert waren, weil sie einfach etwas hatten, dem sie das jetzt zuordnen konnten: Warum ist Ina so, wie sie ist. Da gab es eigentlich gar keine Probleme, wir sind auf sehr viel Toleranz und Akzeptanz gestoßen.“

Trotzdem waren sie und ihr Mann gerade am Anfang auch oft verunsichert. Das, was wirklich helfe, seien Gespräche und Austausch mit anderen Betroffenen.

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