Other Lives: “Wir sind keine coole Band!”

23.08.2012

Other Lives sind eine jener hochgelobten Bands, die es ohne viel Promotion und ganz ohne Titel-Stories auf die Bühnen dieser Welt geschafft haben. Mit ihrem nachdenklichen Americana-Folk bilden Sie eine willkommene Abwechslung zu Genre-Kollegen wie Mumford & Sons, Edward Sharpe und Co. Wir haben uns mit Sänger Jesse Tabish über das Leben auf Tour, kostenlose Musik im Netz und ihre neue EP unterhalten.

Americana-Folk aus Oklahoma - Other Lives (Foto: PR)

Other Lives - Tamer Animals

Tamer Animals

Other Lives

(Pias, bereits erschienen)


Vor zwei Wochen noch in Jena, gestern in Tokyo und nächsten Monat schon wieder in Amerika. Das Leben von Other Lives spielt sich im Moment mehr im Flugzeug und auf der Straße ab, als zu Hause in Stillwater, Oklahoma. 2009 veröffentlichten sie ihr selbstbetiteltes Debütalbum, seitdem ging es stetig bergauf: Erst der Ritterschlag durch die Erfolgsserie Grey’s Anatomy, die einen Song von Other Lives verwendete, dann das Engagement als Vorband für Radiohead. Gerade durch ihre soliden Live-Shows erspielte sich die Band um Sänger Jesse Tabish ein ständig wachsendes Publikum, bleibt aber trotzdem bescheiden:

Wir sind keine coole Band, ich bin nicht cool! Und ich fühle mich da wohl, wo wir nicht cool sein müssen. Denn es geht eigentlich nur um einen einfachen Abend mit Musik. Ich mag es, direkt mit den Leuten zu kommunizieren. Wenn die Leute direkt vor deinem Gesicht stehen, fühlst du dich automatisch mit ihnen verbunden.

Wenn man, so wie Other Lives, den ganzen Tag im Tourbus sitzt, hat man genug Zeit, aus dem Fenster zu schauen und die Umgebung zu bestaunen. So beziehen sich nicht nur der Bandname, sondern auch viele ihrer Songs auf Bilder und Erscheinungen in der Natur. In dem Stück Weather singt Tabish über die Vergänglichkeit der Erde und auch dem Song Desert kann man eine gewisse Endzeitstimmung nicht abringen. Und genau wie unsere Welt, so ist auch das Leben auf Tour: vergänglich:

Auf Tour wird das Leben sehr einfach, was ich sehr mag. Du bist in dieser Mühle, die immer aus denselben Dingen besteht: Essen, Schlafen, Konzerte geben und Songs schreiben. Ich mag das total. Genauso vermisse ich es aber, neben einem Piano aufzuwachen und den Kaffee zu trinken, so wie ich ihn mag. Trotzdem fühle ich mich gerade wohl auf Tour. Und so wie ich an keinem Ort wirklich zu Hause bin, so fühle ich mich auch im Geiste: Ich bin irgendwie freier und weniger engstirnig geworden.

Das zweite und letzte Album von Other Lives, Tamer Animals, erschien schon vor einem Jahr. Seitdem blieb einfach keine Zeit für neue Aufnahmen. Gelangweilt von den alten Sachen sind sie trotzdem nicht:

Wir sind definitiv bereit für eine neue Platte bzw. zurück ins Studio zu gehen. Wir bringen bald eine EP raus und hatten auch schon die Möglichkeit, ein paar ganz neue Stücke aufzunehmen. Aber ich fühle mich nicht gelangweilt von den alten Sachen, ich spüre immer noch Leben darin. Ich mag „Tamer Animals“ noch immer. Ich liebe es nicht, aber ich mag es.

Other Lives spielten nicht nur im Vorprogramm von Radiohead, sondern auch in dem von Grammy-Gewinner Bon Iver. Der wiederum stellte vor kurzem die gesamten Spuren seines zweiten Albums ins Netz und rief zum Remix-Contest auf. Ein durchaus kontroverses Thema, lehnen doch viele Künstler die Veränderung ihrer Musik ab, denn der Song soll als Statement und Kunstwerk für sich alleine stehen. Other Lives sehen es ähnlich wie ihr Freund Bon Iver:

Sobald ich einen Song geschrieben und aufgenommen habe, ist mir egal was damit passiert. Er gehört mir nicht mehr. Wenn Leute Gefallen daran finden ihn zu verändern, dann ist das super! Ich mag auch die Idee mit der kostenlosen Musik heute. Musik ist ja sowieso immer präsent.

Tabish vertritt eine Einstellung, die ihn von vielen anderen Künstlern unterscheidet, die sich über schlechte Verkaufszahlen beklagen.

Meinetwegen, aber die müssen umdenken. Heutzutage kann jeder eine Platte in seinem Keller aufnehmen. Dadurch haben wir so viele Bands da draußen, so viel gute Musik. Da ist es sehr einfach zu sagen, wir verkaufen zu wenig Platten. Natürlich kann man heute weniger Geld mit Musik verdienen. Wir brauchen doch keine 10-Millionen-Dollar-Verträge mehr, wie in den 70ern, 80ern oder 90ern. Die Leute sind nicht blöd. Die kennen die Musikszene und die Blogs genau und wissen nicht nur, was ihnen gefällt, sondern auch was ihnen nicht gefällt. Sie lassen sich nicht ködern von Bands, in die viel Geld gesteckt wurde.

Damit macht sich Jesse Tabish noch sympathischer. Denn sieht nicht genau so unser Idealbild von der Band unserer Zeit aus: Das Geld egal, die Kunst und die Botschaft stets im Vordergrund!?