Reingehört: Animal Collective – Centipede Hz

04.09.2012

Vor drei Jahren räumten Animal Collective alles ab was ging. Jetzt sind wieder da, mit einem neuen Album: "Centipede Hz"

Animal Collective geben sich auch im Video zu ihrer neuen Single “Today’s Supernatural” gewohnt psychedelisch. Foto: Screenshot

Animal Collective - Centipede Hz

Centipede Hz

Animal Collective

(Domino, bereits erschienen)

Back to the roots. Dahin gehen Animal Collective auf ihrem neuen Album Centipede Hz. Nicht nur der Sound klingt ziemlich nach Animal Collective 2005. Auch die Instrumentierung ist wieder die einer klassischen Rockband, komplett mit Schlagzeug und Gitarre. Es ist also alles ganz anders, als auf dem weitaus elektronischeren Vorgänger „Merriweather Post Pavillion“. Josh Dibb, der Gitarrist der Band sieht das neue Album als ein raueres, physischeres Unterfangen.

„Ich denke die Merriweather-Ära Sachen waren wirklich gut, aber sie haben sich so sehr auf Loops und Samples verlassen. Daraus ist so eine Üppigkeit enstanden, aber irgendwie… Ich will nicht sagen, dass was gefehlt hat. Die Platte war wirklich großartig, aber es hat eben kaum Schweiß gekostet, diese Musik zu machen.“

Verschwitzt ist das Album zwar nicht wirklich, aber dafür klingen die vier wieder wie eine Horde hyperaktiver Kinder, die ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Besonders deutlich ist das auf der erste Single „Today’s Supernatural“ zu hören.

Die kühlen, psychedelischen Klanglandschaften des Vorgängers sind komplett verschwunden. Stattdessen ist wieder wildes Herumtollen angesagt. So manch einer wird den neuen alten Sound der Band auf die Rückkehr von Josh Dibb – alias Deakin – zurückführen. Der hatte sich auf dem Vorgänger eine Auszeit genommen. Dibb selber ist sich nicht ganz sicher, ob seine Rückkehr den Sound von Centipede Hz beeinflusst hat.

Ich bin nicht sicher. Ich will nichts Extremes sagen, weil ich niemand bin, der gerne viel Lob für irgendwas einsteckt. Es wäre komisch für mich zu sagen: „Wenn ich nicht dabei gewesen wäre, würde das nicht so klingen“. Ich denke, das offensichtlichste ist, dass ich meinen eigenen Song bekommen habe. Das ist die erste Platte, auf der ich einen eigenen Song bekommen habe. Also ich denke, das war einfach was neues für die Band –  an einem meiner Songs zu arbeiten. Aber ich weiß nicht wirklich, was ich darüber hinaus noch sagen soll.

Verstecken muss er sich trotzdem nicht. Denn sein erster ganz eigener Song, auf dem er auch den Gesang übernimmt, ist das Highlight der Platte. Und klar ist auch, dass die Band in ihrer Viererkonstellation ganz anders klingt, als in der Dreierbesetzung vor drei Jahren. Oder zu zweit, ganz am Anfang ihrer Karriere, als Animal Collective noch Avey Tare und Panda Bear hießen.

Animal Collective – Today’s Supernatural from Arts & Crafts México on Vimeo.

Ganz verschwunden ist der Sound der Solo-Projekte auch auf dem neuen Album nicht. „New Town Burnout“ beispielsweise ist ein Stück, dass Noah Lennox alias Panda Bear für sein letztes Solo-Album „Tomboy“ geschrieben hat. Und das hört man dem Song definitiv an. „Monkey Riches“ wiederum ist ganz und gar ein Avey Tare Stück. Die Band ist eben nicht zu greifen, ist offen für ständigen Wechsel in der Besetzung und der Instrumentierung. Josh Dibb sieht den Grund für diese eher lose Bandkonstellation in den Anfangstagen der Band.

Es ist fast genauso, wie als wir in der Schule waren, oder in den Anfangstagen der Uni an Sachen gearbeitet haben. Wir haben alle komplett unterschiedliche Sachen gemacht. Wenn Dave eine Soloaufnahme gemacht hatte, kam er zu uns, sagte Sachen wie: „Hey, hör dir mal diesen Song an, den ich gemacht habe.“ Ich war dann oft ziemlich begeistert. Wir haben alle ziemlich unterschiedliche Sachen gemacht zu der Zeit. Und ich denke, diese Art von Energie haben wir einfach mitgenommen, also das ist es, was uns zu Animal Collective macht.

Trotz der losen Konstellation ist Centipede Hz eine runde Sache geworden. Einzelne Song funktionieren für sich genommen, aber auch im Gesamt-Zusammenhang. Das liegt auch daran, dass sich ein Thema wie ein roter Faden durch das gesamte Album zieht. Eine Frage, von der die Bandmitglieder schon lange fasziniert waren:

Wir haben uns lange mit der Frage beschäftigt, was eigentlich mit Radiowellen passiert, wenn sie die Erde verlassen. Sie verbreiten sich einfach im Weltraum, überlagern sich, stören sich gegenseitig. Was würde man also hören, wenn man das empfangen könnte? Und das hat sich dann zu der Idee einer außerirdischen Radiostation oder einer Sendung von Aliens weiterentwickelt. Das ist das „Centipede“ im Titel. Hertz ist dieses Frequenz Ding. Wir haben uns einfach vorgestellt, dass es der Name eines Senders ist: Centipede FM oder sowas. Es geht einfach nur um diese Alienness des Tausendfüßlers, wie sie sich bewegen und wie ihre Körper eigenteilt sind. Ich denke, das ist ein gutes Sinnbild dafür, wie sich die Songs anfühlen sollten, mit ihren ganzen kleinen Teilen und Wechseln und Veränderungen. Also wie ein Tausendfüssler: etwas ziemlich außerirdisches, aber auch sehr irdisches.

Ein Konzeptalbum über das Radio ist Centipede Hz ganz und gar nicht geworden. Genau so wenig wie ein Pop-Album, vor dem sich die Fans so gefürchtet hatten. Obwohl Radio eines der Grundthemen im Album ist, ist die Platte alles andere als radiotauglich geworden.

Stattdessen zeigt Centipede Hz eine Band, die sich selbst treu ist. Die weiß was sie kann und vor allem, die macht, was ihr Spaß macht. Und es ist dieser Spaß und die wilde, kreative Energie, die sich auch beim neunten Studioalbum von Animal Collective wieder überträgt.