Reingehört: St. Vincent – St. Vincent

26.02.2014

Nach ihrem beachtlichen Erfolg mit "Strange Mercy" hat St. Vincent jetzt ein neues Album rausgebracht. Nicht nur ihr Aussehen hat sich verändert, auch ihre Musik ist jetzt extrovertiert und herausfordernd.

Aus der Frau mit süßen Locken und großen Augen wird ein seltsames Wesen: graziös, androgyn und fast ein bisschen unheimlich. (Foto: Renata Raksha)

Dieses Bild von einer mächtigen Herrscherin auf dem Cover spiegelt sich in allen Songs auf St. Vincents neuem Album wider. I want all of your mind, give me all of it, singt sie. Im Laufe des Albums hat man fast Angst, dass sie das ernst meint.

„Wir wissen nun, dass wir beobachtet werden“

Mit ihrer eigentlich lieblichen Stimme, die jetzt verzerrt und metallisch klingt, singt Annie Clark: Oh what an ordinary day – take out the garbage, masturbate. Selbstbewusst ist sie geworden und nimmt kein Blatt vor den Mund. Es geht um Liebe, Wut, Verlassenwerden, aber auch um kritische Themen, wie Rassismus oder die digitale Generation, die ganz nach dem Motto lebt: Was nicht fotografiert wurde, hat auch nicht existiert!

Ich finde es interessant, dass wir in einer Welt leben, die uns alle gleichzeitig zu Voyeuren und zu Exhibitionisten macht. Jetzt wo gerade das NSA Überwachungsprogramm aufgeflogen ist, wissen wir zumindest alle, dass wir beobachtet werden – obwohl das wahrscheinlich jeder von uns bereits mehr oder weniger schon gewusst hat. Aber jetzt, wo wir die Gewissheit haben, ist es beinahe so, als wollten wir uns alle ganz schnell unsichtbar machen

Verzerrte Gitarren, wummernde Bässe

St. Vincents neues selbstbetiteltes Album ist sehr rotzig und expressiv. Punkige verzerrte Gitarren und ein Minimoog mit einem dauernd wummernden Bass unterstützen ihre neue derbe Aura.

Ich habe mich einfach in das Gerät verliebt und hatte es bereits sporadisch auf meinem Album Strange Mercy verwendet. Der Typ, der den Moog auf meiner neuen Platte spielt, ist Bobby Sparks aus Dallas. Er ist ein großartiger Musiker, der bereits mit Prince gespielt hat. Er ist unglaublich funky. Bobby schüttelt ganz spontan die wildesten Sachen aus dem Ärmel.

Man glaubt auf der Platte auch noch eine Menge anderer Instrumente zu entdecken, kann sie aber nicht wirklich einordnen. Tatsächlich sind auch diese Sounds mit einer Gitarre entstanden.

Viele Sounds auf der Platte klingen nicht so, als wären sie mit einer Gitarre erzeugt worden, sind es aber doch. Es hat mich schon immer interessiert, die Grenzen und Möglichkeiten dieses Instruments zu erweitern, anstatt mich nur auf den in der Rockmusik etablierten Umgang mit der Gitarre zu reduzieren

Irgendwann schreit das Ohr nach Abwechslung

Am Anfang holt einen die fordernde Musik auch wirklich ab. Mit der Zeit aber wird das dauernde Wummern und Piepsen des Minimoogs immer stressiger. Auch an den ständig bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Gitarren hat man sich irgendwann sattgehört. An ruhigen Stellen kriegt man fast schon Angst, dass sofort wieder eine Gitarre reinprescht. Running down the highway like a psychopath, singt Annie Clark und das versinnbildlicht eigentlich ganz gut die Klangwand, die da auf einen zukommt. Manchmal zu sehr mitten ins Gesicht. Vielleicht hat sie das auch so empfunden und deswegen in ihrer Trickkiste nach Abweschlung gesucht. Leider war da nicht jeder Griff ein glücklicher. Der größte Ausrutscher: I Prefer Your Love, der so klingt als wäre Cindy Lauper vorbeigekommen.

Durch die sonst eher harte Musik stechen Clarks schöne Melodien umso mehr heraus. In Huey Newton zeigt sie ihr volles Gesangsspektrum mit einer Leichtigkeit, dass es einen begeistert. Auch wenn direkt danach mal wieder die böse Gitarre ohne anklopfen reinstürmt, kann man es ihr gerade noch verzeihen. St. Vincent ist nunmal ein Freigeist, dem die Musik wichtiger ist als der totale Ruhm.

Wenn ich morgen aufwachen würde und ein Popstar mit allem, was dazu gehört, wäre, aber zugleich Musik machen würde, die einfach nur abstoßend oder banal und wertlos wäre, dann würde ich das sofort wieder gegen mein heutiges Leben tauschen. So etwas reizt mich überhaupt nicht. Es erscheint mir sogar eher eine Belastung zu sein. Vielleicht könnte ich mir eine kleine Privatinsel kaufen, aber das fände ich nicht besonders aufregend. Ich meine, was hat man davon?

St. Vincent experimentiert und zieht alle Register: Bläser im Punkumfeld, planlose Synthesizer, hippe Breakbeats und etwas alberne HipHop-Claps – als Multiinstrumentalistin eröffnen sich ihr einige Optionen. Vielleicht sollte sie in Zukunft nicht all ihre musikalischen Möglichkeiten ausschöpfen. Dann wird das trotzdem eine runde Sache, die an den richtigen Stellen ihre Ecken und Kanten hat.