Saitenwechsel: Happy Birthday, Richard!

01.11.2012

2013 ist Wagnerjahr. Die Vorbereitungen für den 200. Geburtstag des berühmten Komponisten laufen schon jetzt auf Hochtouren. Doch Richard Wagner zu feiern, stößt auch auf Unmut. Die musikalische Genialität Wagners wird von seinen weltanschaulichen Schattenseiten getrübt. Wer warst du, Richard?

49584Saitenwechsel | detektor.fm entdeckt Klassik wird präsentiert vom Gewandhaus zu Leipzig 

Mensch Richard, altes Haus. Nicht mehr lang, dann hast du runden Geburtstag. 200 Jahre. Und was du nicht alles erlebt hast. Zugejubelt haben sie dir, zerrissen haben sie dich. Und jetzt? Können sich die Leute überhaupt noch an dich erinnern?

Also der Name kommt mir bekannt vor. Hatten wir im Musikunterricht, hab ich aber vergessen. Ich meine, es war ein Komponist, es gibt Festspiele von ihm. Es hat irgendwas mit klassischer Musik zu tun. Einer der berühmtesten Komponisten Deutschlands. Wer ist Richard Wagner? Den kennt jeder. Ein Komponist im vorigen Jahrhundert, also vor knapp 200 Jahren oder so.

Man kennt dich, Richard. Hier in deiner Heimatstadt, in Leipzig, haben sie einen Platz nach dir benannt. Gleich da drüben am Brühl stand dein Geburtshaus. Das wissen längst nicht mehr alle.

Ist der nicht hier geboren? Hier in Leipzig, stimmt das? Was heißt hier – wurde er genau an dem Platz hier geboren oder was? Hier stand doch das Geburtshaus. Gleich hier an der Ecke steht sein Geburtshaus, es ist aber weggerissen.

2013 steigt die große Sause zum runden Geburtstag. Leute wie David Timm von der Richard-Wagner-Gesellschaft kümmern sich darum, dass es ein gediegenes Fest wird. Die ersten Plakate hängen schon in der Stadt. Darauf steht in großen Lettern: „Wer wurde am 22. Mai in Leipzig geboren?“

Die wenigsten kamen drauf. Bei den meisten sind die Synapsen fingerdick auf Bayreuth geschaltet, als gebe es nur dort eine respektable Wagner-Pflege. Die hat es aber gleichwohl in Leipzig über Jahrzehnte gegeben. Sein größtes Werk, der Ring des Nibelungen, hat vom Leipziger Opernhaus aus den Siegeszug durch die Welt angetreten, im wahrsten Sinne des Wortes: Das ganze Personal wurde auf einen Zug der Deutschen Bahn verfrachtet und ist dann getourt, mit Kulisse, Bühne, Sängern und Orchester und hat die großen europäischen Städte bespielt.

Das Orchester auf diesem Zug war das Gewandhausorchester. Und es war 1878 das erste Orchester, das den Ring außerhalb Bayreuths in der Leipziger Oper komplett aufführte.

Der Ring – dein Opus magnum. Und eins der umfangreichsten musikalischen Bühnenwerke überhaupt. 16 Stunden Aufführungsdauer – daneben wirkt selbst Tolkien wie ein Kurzgeschichten-Erzähler. Richard, du Teufelskerl, willst du mir allen Ernstes weismachen, dass du das alles alleine auf die Beine gestellt hast? Do It Yourself sagen die Musiker heute. Musik, Label, Promotion – alles aus einer Hand. Das hast du schon damals durchgezogen. Und der Intendant der Leipziger Oper Ulf Schirmer ist mein Zeuge.

Wagner hat selbst komponiert, selbst gedichtet und in Bayreuth sogar selbst ein Theater gebaut. Mit diesem Konzept des Gesamtkunstwerkes hat er die ganze Kunstgeschichte beeinflusst. Er ist also nicht nur ein musikhistorisches Phänomen.

…sondern du hast mit deiner Kunst auch viele Dichter und Maler beeinflusst. Der Symbolismus sei ohne dich nicht denkbar, sagt Schirmer. Ja ja Richard, natürlich hast du auch als Musiker viel geleistet. Die Ausweitung der Harmonik, das Rauschhafte in der Musik. Und in deiner Oper Tristan und Isolde hast du fast deinen eigenen Akkord erfunden, den Tristan-Akkord.

Er hat versucht, eine Akkord-Form, die es lange schon gab – nicht dass er jetzt diese Tonkombination erfunden hätte – zu benutzen, um das größte Spannungsmittel, das die tonale Musik bis dato zu bieten hatte, nämlich den Dominant-Sept-Akkord, noch einmal zu toppen.

Schon verrückt, wie man mit F, H, Dis und Gis die Musikgeschichte aus den Angeln heben kann, Richard. „Langsam und schmachtend“ lautet die Vortragsanweisung für den Tristan-Akkord. Du hattest eine unbändige Lust, mit Alteingesessenem zu brechen. Denn die Kunst um dich herum war einfach nicht deine Sache.

Natürlich hat ihn die Oberflächlichkeit der Stoffe gestört, etwa in der italienischen Oper. Wir können uns ja gar nicht vorstellen, was damals in der Zeit gespielt wurde. Das ist Müll! Ein Mann wie Wagner hat das gespürt und wollte dann was sagen. Er hatte ja unentwegt der Menschheit etwas mitzuteilen.

Mit deinen musikalischen Neuerungen hast du die Musik bis in die Moderne beeinflusst. Doch wer mit alten Traditionen bricht, der macht sich auch Feinde.

Wagner hat Forderungen der Hochklassik, also wie ein Orchester-Satz aussehen muss, zerstört. Regelrecht plattgemacht. Seine Werke zeichnen sich durch die Verrätselung aus, das Anti-Aufklärerische, das den Hörer beinah Vergewaltigende. Es gibt ganz tolle Karikaturen aus der Zeit – die berühmteste ist die, wie er mit Hammer und Meißel im Ohr eines Hörers wütet.

Ach Richard, nicht nur in der Musik hast du dir Feinde gemacht. Du hättest es ja bei deiner musikalischen Genialität belassen können. Aber nein, du musstest den Leuten deine Weltanschauung unter die Nase reiben. „Das Judenthum in der Musik“ heißt eine deiner Schriften. Darin schreibst du:

Der Jude ist unfähig, weder durch seine äußere Erscheinung, seine Sprache, am allerwenigsten aber durch seinen Gesang, uns künstlerisch kundzutun.

Du warst Antisemit, Richard. Der Journalist Dieter David Scholz hat ein Buch darüber geschrieben.

Dieser Antisemitismus kein Einzel-Phänomen bei Richard Wagner, sondern eines des 19. Jahrhunderts. Er lebte in einer Zeit, die durch und durch antisemitisch war. Die Frage, die sich stellt, ist: Welche Rolle spielt er in der Geschichte des deutschen Antisemitismus?

Vermutlich wäre es eine unbedeutende Rolle geblieben, hätte dich das nationalsozialistische Regime 50 Jahre nach deinem Tod nicht vereinnahmt. Scholz aber sagt: Wenn man sich das ganz sachlich anschaut, führt da kein direkter Weg von dir zu Hitler.

Die haben sich natürlich mit Wagner gebrüstet. Wagner wurde von Seiten Hitlers usurpiert, missbraucht und eingespannt in die nationalsozialistische Propaganda und Musikpolitik. Alles andere von Wagner wurde ja durch die Nationalsozialisten geflissentlich außen vor gelassen. Sein antibürgerliches Verhalten und dieser utopisch-sozialistische, revolutionäre Impetus der Pariser Zeit – das hat man alles weggelassen, weil das nicht in das Konzept der Nationalsozialisten gepasst hat.

Tja Richard, mit deiner Weltanschauung hast du ihnen eine Vorlage gegeben. Und ob sie sich auch irgendwo in den Tiefen deiner komplexen Werke versteckt, darüber streiten sich die Geister. Wenigstens die Forschung ist sich ziemlich sicher, dass da nichts ist.

Man muss unterscheiden zwischen Weltanschauung und Werk. Das musikdramatische Werk Wagners ist frei von Antisemitismus. Wenn man seine Opern nicht mehr aufführen dürfte, weil er als Weltanschauungsträger Antisemit war, müsste man ganz viel aus der Opern- und Literaturgeschichte streichen. Wer sich heute Tannhäuser, Tristan oder die Meistersänger anschaut, der denkt mitnichten an antisemitisches und der wird auch nicht infiltriert, weil in diesen Werken nichts drinsteckt.

Aber kann man das einfach so trennen? Kann man damit leben, dass es neben großen Fehlern und Missgriffen geniale Leistung geben darf? David Timm von der Wagner-Gesellschaft zieht zum Vergleich einen Film über Mozart heran, in dem Mozarts Konkurrent Salieri meint:

Warum hat ausgerechnet der dieses große Talent abbekommen? Dieser alberne, kindische Mensch, der nicht wirtschaften konnte. Wir müssen damit leben, dass es beim Talent ungerecht zugeht. In Wagners Werk steckt auch eine Menge Wahrheit. Das macht es schwer, klar zu unterscheiden. Man muss es immer wieder lange erklären, warum man sich damit beschäftigt. Aber ihn gar nicht zu spielen ist für mich keine Lösung.

Und darum laufen die Vorbereitungen für deine Party auf Hochtouren. Mensch Richard, 200 Jahre. Warst du ein Genie? Warst du irre? Oder vielleicht beides? Gib mir noch ein bisschen Zeit, mich deinem Oeuvre zu nähern. Ein paar Jahre werde ich wohl brauchen. Bis dahin vorerst: Happy Birthday, Richard!