Wie Streaming die Popmusik verändert

Die Zukunft des Popsongs - 31 Sekunden?

29.09.2016

Nach nur 31 Sekunden ist es vorbei. Und das 31 mal hintereinander. Das Album-Projekt #31s des Leipziger Labels analogsoul pfeift auf die etablierte Form eines „gängigen“ Popsongs, weil das Gängige bald Vergangenheit sein könnte. Ein Blick in die Zukunft der Popmusik.

Spotify ist für Musikliebhaber der Himmel. 10 Euro im Monat für gefühlt alle Musik der Welt. Für Künstler, die mit ihrer Musik Geld verdienen müssen, ist Spotify hingegen die Hölle. Nur minimale Beträge werden ausgeschüttet und das auch erst ab einer Spieldauer von 31 Sekunden. Das Leipziger Label analogsoul hat aus der Not eine Tugend gemacht: Auf ihrem Album #31s befinden sich 31 Kompositionen mit jeweils nur 31 Sekunden Spieldauer. Analogsoul stellt die Frage: Kann die Preisbarriere bei Spotify die Strukturen des Pop-Songs langfristig verändern? Wir haben mit Fabian Schütze von analogsoul und dem Pop-Theoretiker Marcus S. Kleiner über die Zukunft der Popmusik diskutiert.

Fabian Schütze hat das 31-Sekunden-Projekt angestoßen. Als Reaktion darauf, wie sich die Medien verändern, mit denen wir Musik hören. Seine These: Technologien haben schon immer den Inhalt bestimmt, insofern beeinflusst auch das Streamen –  als alles andere überstrahlende  Vertriebsmöglichkeit überhaupt – die Popmusik.

„So radikal und aggressiv“

„Es ist schonmal so fünf Schritte vorausgedacht, wo man am Ende landen könnte“, sagt Schütze. Er spricht über ein Musikbusiness, das einmal mehr den Entwicklungen hinterherhängt. Und den großen Player Spotify, das „so radikal und so aggresiv ist, auch in der Art wie es andere Formate verdrängt, dass es zwangsläufig auch zu einer Beeinflussung des Mediums führen wird.“ Davon sind sie bei analogsoul überzeugt.

Wirtschaftlich scheint es tatsächlich am sinnvollsten, nur noch 31-Sekunden-Songs zu produzieren. Eine düsteres Zukunftsszenario für die Kunst?

Foto: Hagen WolfWenn nicht 31-Sekünder, dann aber doch auf 90 Sekunden eingedampft. Bei großen amerikanischen Produktionen kann man diese Tendenz beobachten, dass die Singles tatsächlich kürzer werden. Und auch immer kürzer gezeigt werden. Das Radio schneidet vorne ab, schneidet hinten ab. Und ein Album hat auch mal 25 kurze Songs, weil das besser für die Streamingabrechnung ist.Fabian Schütze, analogsoulFoto: Hagen Wolf 

Akustische Jäger und Sammler

Marcus S. Kleiner ist Pop-Wissenschaftler, Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Hochschule der populären Künste in Berlin und Dozent an der Popakademie Mannheim. Er kennt also die Theorie, er kennt junge Künstler*innen und er beobachtet den Einfluss von Streamingdiensten auf den Wert von Popmusik. Wenn er über uns und unser Konsumverhalten nachdenkt, redet er von „akustischen Jägern und Sammlern“: Sammeln, in Listen anhäufen und vielleicht später mal ganz hören. Musik soll funktionieren, nützlich sein wenn man sie braucht, als „Sountrack zu meinem Alltag, als Unterhaltungsmedium, aber nicht mehr in seiner eigentlich kulturellen Wichtigkeit oder Wertigkeit.“

Marcus S. Kleiner glaubt allerdings nicht daran, dass der Pop-Song der Zukunft ein 31-Sekünder wird. Musik brauche Zeit. Luft zum atmen. Und auch so ein Live-Erlebnis sei mit 31 Sekunden-Songs nicht machbar.

Foto: Marvin BöhmStreaming wird den Popsong nicht durch technologische oder ökonomische Modelle radikal verändern. Es erzeugt aber immer mehr Instant-Stars. Plattenfirmen signen Bands nicht mehr für drei Platten sondern nur noch für eine. Und die Musiker, die jetzt in den Charts sind, werden in fünf oder zehn Jahren keine Rolle mehr spielen.Marcus S. KleinerFoto: Marvin Böhme 

Mehr Zukunftsvisionen zur Popmusik und was Virtual Reality mit dem Summer’s Tale Festival zu tun hat, hört ihr im kompletten Beitrag.

Redaktion: Jakob Bauer