Forschungsquartett | Gedankenlesen bei Locked-in-Patienten

Letzte Chance oder falsche Hoffnung?

Die Medien haben ihn „Gedankenleser“ genannt. Für viele ist er die letzte Hoffnung und ein Genie: Prof. Dr. Birbaumer. Seit über 30 Jahren forscht er an einer Möglichkeit, mit vollständig gelähmten Menschen zu kommunizieren. Jetzt übt ein alter Mitarbeiter massive Kritik an seiner Forschung.

Gedankenlesen: ein großes Ziel

Prof. Dr. Birbaumer forscht zwar schon seit über 30 Jahren am Gedankenlesen. Doch er wirkt kein bisschen müde, wenn er von seiner Arbeit erzählt. Seine Patienten haben das „completely-locked-in-syndrome“, kurz CLIS, eine besonders schwere Folge der amyotrophe Lateralsklerose (ALS).

Betroffene verlieren dadurch zunehmend die Kontrolle über ihre Muskeln. Sie können nicht einmal mit dem Augenlid zucken. Ihre kognitiven Fähigkeiten und ihr Geist bleiben jedoch unbeschadet. Die größte Belastung für Angehörige und Patienten ist deswegen oft Unmöglichkeit, miteinander zu kommunizieren.

Die Patienten haben immer Hoffnung! Immer Hoffnung, dass eine Methode dazu führt, dass sie kommunizieren können.Prof. Dr. Martin Birbaum 

Das Ende scheint in Sicht

Im amerikanischen Forschungsmagazin PLOS-Biology veröffentlicht Birbaumer im Jahr 2017 das Ergebnis seiner Forschung an den CLIS-Patienten. Das Resultat: Er kann nun ihre Gedanken lesen. Mithilfe einer Kappe voller Sensoren misst er die Durchblutung gewisser Hirnareale, während er einfache Entscheidungsfragen stellt.

Nach unzähligen Durchläufen erkennt der Computer endlich Regelmäßigkeiten. So sieht ein „Ja“ aus, so ein „Nein“. Laut Birbaumer liegt die Übereinstimmung zwischen Messung und Antwort bei über 70 Prozent.

Ein böser Verdacht

Aber nicht jeder traut der Euphorie. Dr. Martin Spüler arbeitet als Informatiker ebenfalls an der Universität Tübingen und er hat Birbaumer ein paar Mal bei seinen Forschungen unterstützt.

Genau das ist Wissenschaft. Jemand kommt mit einer Theorie oder Hypothese und wird dann widerlegt. Warum das jetzt in diesem Forschungsfeld nicht normal ist und sogar unterdrückt wird, kann ich Ihnen nicht sagen. – Dr. Martin Spüler, Informatiker

Spüler traut den Rechnungen des Professors nicht. Deshalb prüft er die Forschungsarbeit Birbaumers noch einmal. Ihm fällt auf: Keine der Zahlen weist darauf hin, dass es zwischen Messwerten und Ja-Nein-Antworten tatsächliche Übereinstimmungen gibt. Er veröffentlicht seine Kritik. Anschließend entbrennt ein wissenschaftlicher Streit.

In der aktuellen Ausgabe des Forschungsquartetts spricht detektor.fm-Moderator Christian Erll mit Redakteur Jonas Junack. Er hat Prof. Dr. Birbaumer und Dr. Spüler interviewt und sich mit dem Wissenschaftskonflikt beschäftigt.

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