Forschungsquartett | Schneckenschleim

Das geniale Baukastenprinzip der Schnecke

Mit denselben Grundbausteinen kann die Schnecke fünf völlig unterschiedliche Schleimarten herstellen — vom Gleitmittel bis zum harten Kalkdeckel. Dieses einzigartige Prinzip könnte zur Entwicklung neuer Stoffe beitragen.

Das Forschungsquartett — dieses Mal in Kooperation mit der Max-Planck-Gesellschaft

Der Schleim für alle Fälle

Der Schleim der heimischen Schnirkelschnecken ist sehr vielseitig. Das Tier produziert nicht nur einen, sondern mindestens fünf völlig unterschiedliche Schleimtypen. Je nach Bedarf kann er sehr klebrig oder auch sehr rutschig sein.

Der wohl bekannteste Schleim hilft der Schnecke beim Kriechen. Er wird an der Fußsohle sowie unterhalb des Mundes abgesondert und sorgt dafür, dass die Schnecke über Oberflächen flutschen kann. Wird es im Sommer zu trocken, wechselt das Tier den Modus: Mit einem klebrigen Schleim kann sich die Schnecke an Oberflächen fixieren, um sich vor dem Austrocknen zu schützen. Im Winter wird der Schleim zu einem festen Schutzdeckel, mit dem die Schnecke eingegraben unter der Erde überwintern kann. Zudem kann der Schleim zur Abwehr dienen. Ein Schleim voller Blasen wäscht eingedrungene Insekten einfach aus dem Haus, während ein richtig klebriger Schleim kleine Tiere festkleben kann.

Ein molekularer Baukasten

Das Besondere an der Zusammensetzung des Schneckenschleims: Die Bestandteile sind jeweils die gleichen. Nur das Mengenverhältnis passt die Schnecke an und erhält dadurch ganz unterschiedliche Produkte.

Das kann uns dabei helfen zu verstehen, wie man mit den gleichen Bausteinen ganz andere Materialien erzeugen kann.

Franziska Jehle-Siegert, Gruppenleiterin in der Abteilung Biomaterialien am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung

Foto: privat

Für den Schleim nutzen Schnecken ein Protein, das sehr ähnlich zu menschlichem Kollagen ist, das zum Beispiel in unserer Haut vorkommt. Durch diesen Stoff werden im Schleim elastische Netzwerke gebildet, die je nach Menge unterschiedliche Eigenschaften haben. Eine wichtige Rolle spielt außerdem Kalzium. Die Schnecke kann je nach Schleimtyp unterschiedlich viel davon über spezielle Drüsen dazumischen. Je mehr Kalzium sich im Schleim auflöst, desto engmaschiger wird er durch die Ionen vernetzt — bis hin zum festen Kalkdeckel für den Winter.

Vom Schneckenschleim lernen

Für die Materialwissenschaft liefern Schnirkelschnecken ein sehr interessantes Prinzip: aus denselben Grundbausteinen durch bloße Mengenanpassung völlig unterschiedliche Materialien erzeugen. Das könnte etwa für die Entwicklung von Klebstoffen oder auch medizinischen Anwendungen interessant werden. Noch steckt der Schneckenschleim aber voller Geheimnisse, die erforscht werden müssen. 

Franziska Jehle-Siegert vom Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung hat darüber mit detektor.fm-Redakteur Eduard Bär gesprochen. Jehle-Siegert ist Gruppenleiterin in der Abteilung Biomaterialien und untersucht zusammen mit ihrem Team die Zusammensetzung und Wirkweise von Schneckenschleim.