Begleitet von Protesten und Boykotts eröffnete am Wochenende die 61. Venedig-Biennale. Aber was gibt es eigentlich über die Kunst zu sagen?
Sie gehört zu den wichtigsten Ereignissen für die zeitgenössische Kunst: die Venedig-Biennale. Alle zwei Jahre strömen Menschen aus aller Welt nach Venedig, um die Kunst zu feiern. Doch nun das: keine Jury, keine Eröffnungsfeier und keine Goldenen Löwen. Schon im Vorfeld der Eröffnung hat es Streit um die Teilnahme Russlands und Israels gegeben. Der veranlasste die internationale Jury dann, geschlossen zurückzutreten — ein Novum. Stattdessen soll es nun einen Publikumspreis geben. Aber auch der sei im Grunde wieder etwas hinfällig, sagt Elke Buhr, denn viele der teilnehmenden Pavillons hatten kurz nach Bekanntwerden dieser Alternative ihrerseits bekundet, sich nicht zur Wahl zu stellen.
Die Eröffnung am Wochenende fand inmitten von Protesten statt. Manche Pavillons blieben gleich ganz geschlossen, denn einige Mitarbeitende haben aus Solidarität gestreikt. Und manche Künstlerinnen und Künstler klebten ihre pro-palästinensischen Demoplakate auf die eigenen Werke.
Es ist nicht der erste Protest, der im Rahmen der Biennale stattfindet. Im Zuge der Studierendenbewegung etwa hingen einige Künstlerinnen und Künstler bei der Biennale von 1968 ihre Werke mit der Bildseite zur Wand auf. Und während der Biennale-Präsidentschaft des Sozialisten Carlo Ripa di Meana gab es zwischen 1974 und 1976 eine zweijährige Pause. Ripa di Meana wollte die Biennale reformieren. 1977 gab es dann anlässlich des 60. Jubiläums der russischen Oktoberrevolution eine „Dissensbiennale“, die unter dem Titel „Die neue sowjetische Kunst: Eine inoffizielle Perspektive“ Werke aus westeuropäischen Sammlungsbeständen zeigte.
Die politischen Ereignisse der vergangenen Jahre und auch die kriegerischen Auseinandersetzungen dringen tief hinein in die Kunstausstellungen, für die sich Elke Buhr vor allem eins wünscht:
Es wäre so schön, wenn man die Dinge in der Kunst verhandeln könnte, anstatt sich mit Demos zu beschäftigen.
Elke Buhr, Monopol-Magazin
Denn die Kunst bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung erstmal zurück. Und das, obwohl auch die politisch ist, wie man am deutschen Pavillon sieht. Den haben die Künstlerinnen Sung Tieu und die im Februar plötzlich verstorbene Henrike Naumann in einen Plattenbau verwandelt, dessen Innenwände das durchdringende Mintgrün ehemaliger sowjetischer Kasernen tragen. Beide Künstlerinnen verhandeln in ihren Werken ihre ostdeutsche und — im Fall von Sung Tieu — auch migrantische Perspektive.
Das Ganze ist kein ästhetisches Vergnügen, aber eine sehr gelungene und eindringliche Präsentation.
Silke Hohmann, Monopol-Magazin
Ein weiteres Highlight ist der österreichische Pavillon. Die Choreografin und Performance-Künstlerin Florentina Holzinger verwandelt unter dem Titel „Seaworld Venice“ das Gebäude in eine Kläranlage und flutete einen Raum mit Wasser, in dem eine Performerin Jetski fährt. In einem Wassercontainer, der mit Dixiklos verbunden ist, tauchen zwei Darstellerinnen. Hier werden die Gäste gebeten, eine Spende dazulassen. Und eine kopfüber in einer Glocke hängende Performerin schlägt mit ihrem Körper den Gong. Alle sind, wie in Holzingers Performances üblich, komplett nackt und schonungslos direkt.
Sie sagen, das ist wie ein Trainingsprogramm: In einer Welt, die komplett zusammenbricht, müssen wir üben, in der Scheiße zu überleben.
Elke Buhr
Vielleicht etwas eskapistisch, dennoch aber sehr gelungen, kommt die Ausstellung des belgischen Modedesigners Dries Van Noten daher, findet Silke Hohmann. Unter dem Titel „The Only True Protest is Beauty“ werden hier unter anderem ausgefallene Kostüme aus Federn und Perlen gezeigt. Und in der Fondazione Prada stehen sich Werke der US-Amerikaner Arthur Jafa und Richard Price gegenüber. Aus sehr unterschiedlichen Perspektiven versuchen sie, den „American Spirit“ zu ergründen, und gehen tief hinein in die gewaltvolle und von Rassismus geprägte US-amerikanische Geschichte und Gegenwart. Dahingegen wirke der US-amerikanische Pavillon mit Werken des bisher ungekannten Künstlers Alma Allen geradezu nichtssagend, findet Elke Buhr.
In dieser Folge von „Kunst und Leben“, dem Podcast in Kooperation mit dem Monopol-Magazin, erzählen Elke Buhr und Silke Hohmann vom Monopol-Magazin von ihren Eindrücken von der 61. Venedig-Biennale, die am Wochenende eröffnet hat. Bis zum 22. November 2026 könnt ihr dort zeitgenössische Kunst aus aller Welt erleben.