Endlich ist sie da, die 61. Venedig Biennale. Jetzt am Wochenende wurde sie für das Publikum eröffnet. Den ganzen Sommer über und bis in den Herbst hinein kann man in der Lagunenstadt Venedig Kunst erleben. Traditionell in den Giardini, aber natürlich auch an vielen anderen Orten in der Stadt. Die Biennale wird alle zwei Jahre ausgetragen und gehört neben der Documenta in Kassel zu den wichtigsten Ereignissen für die zeitgenössische Kunst.
Elke Buhr und Silke Hohmann vom Monopol Magazin waren schon da. Mit welchen Eindrücken sie zurückgekommen sind, darüber sprechen wir in dieser Folge. Mein Name ist Sarah Mariplikat. Hallo Kunst und Leben, der Monopol Podcast von detektor.fm. Sie gehört ungebrochen zu den Höhepunkten eines Kunstjahres, die Biennale in Venedig. Alle zwei Jahre zieht sie BesucherInnen aus aller Welt an. Pensionen und Hotels, soll ich mir sagen lassen, sind vielerorts schon über Monate im Vorfeld ausgebucht. Ja, das Fachpublikum konnte sich schon vor der offiziellen Eröffnung am vergangenen Wochenende die Ausstellungen angucken. Zu den Glücklichen gehören auch meine beiden Kolleginnen Elke Buhr und Silke Hohmann vom Monopol Magazin. Erstmal, hallo ihr beiden! Hallo!
Wir nehmen heute ausnahmsweise am Samstag auf. Heute ist der 9. Mai. Heute ist also die Eröffnung für das Publikum der 61. Biennale in Venedig. Es kann sein, dass sich noch ein paar Dinge ergeben. Es ist eine recht dynamische Situation bis Dienstag zur Veröffentlichung. Deswegen seht es uns ein bisschen nach. Ich weiß, ihr beide, Elke und Silke, ihr habt euch auf dem Weg zurück nach Deutschland jetzt die Nacht um die Ohren geschlagen und habt sicher auch wenig geschlafen. Deswegen zuerst mal eine Frage: Wie platt seid ihr? Venedig ist ja eh immer Ausnahmezustand und zur Eröffnung der Biennale nochmal mehr. Man muss, auch wenn man ein paar Tage Zeit hat, die Vorbesichtigung machen, so viel Kunst anschauen, an so viele Orte rennen, 100 Länderpavillons, mehr als 100 Positionen in der großen Ausstellung und unzählige Collateral Events. Das ist eigentlich nie komplett zu schaffen. Und ja, entsprechend geschafft ist man dann auch. Aber es nimmt einem viel Energie. Aber es gibt einem auch viel Energie, weil es natürlich immer ein totaler Turbo an Eindrücken auch ist.
Aber bevor es überhaupt losging und vor allem um die Kunst ging, da ging es erst mal ganz viel um Politik. Denn eigentlich sollten heute ja die begehrten goldenen Löwen verliehen werden. Das fällt nun aus, denn es gibt keine Jury. Was genau ist da eigentlich passiert? Die Jury ist zurückgetreten, und zwar im Vorfeld der Eröffnung. Also drei Tage, glaube ich, bevor die Preview losging und bevor die Jury auch ihr Amt hätte ausführen sollen, nämlich den besten Pavillon zu ermitteln und die beste künstlerische Arbeit zu ermitteln. Der Grund für den Rücktritt ist ein bisschen kompliziert. Die Jury wollte vorher klarstellen, dass sie die Länder Israel und Russland nicht in ihre Juryüberlegungen mit einbeziehen will. Das war ihnen auch so wichtig, dass sie das ausdrücklich klarstellen mussten, statt das einfach nicht zu tun, was man als Jury ja auch dürfte. Woraufhin aber die Biennale-Leitung gesagt hat, das geht nicht. Eure Verträge sind anders. Und dann gab es die Androhung von juristischen Schritten oder vielleicht auch schon erste tatsächliche, das weiß ich nicht genau, was dazu geführt hat, dass die Jury gesagt hat, dann tritt sie komplett zurück. Was zur Folge hat, dass es den Jurypreis nicht gibt und dass diese ganze Idee der Biennale, dass alle Länder in einer friedlichen freundschaftlichen Form auch gegeneinander antreten, ein bisschen antiquiert. Klar, die Biennale ist ja keine Olympiade, wo man die Zeit nehmen kann oder Gewichte hebt oder sowas. Aber so sind eben die Spielregeln. Diese Spielregeln wollte die Jury ändern und ist letzten Endes daran gescheitert. Und der Schaden für die Biennale ist, finde ich, relativ groß. Weil so ein Publikumspreis ist auch eigentlich eine schöne Idee, aber einfach überhaupt kein Ersatz für die Meinung und die Evaluierung und die Kritik eines Fachpublikums, das sich in der Kunst so gut auskennt wie niemand sonst oder wie nur ganz wenige. Und auf den Job haben sie einfach verzichtet, obwohl sie ausgestattet waren mit der sozusagen geballten Macht der ganzen Kunstwelt. Schade.
Ja, es ist wirklich ärgerlich. Und das mit dem Publikumspreis funktioniert ja jetzt auch nicht. Also die Biennale hat heute erst mal die E-Mail verschickt, in der erklärt wurde, wie das funktioniert mit dem Publikumspreis und so, wie man wählen kann und so weiter. Alles ganz nett. Und kurz danach haben einige Künstler der Hauptdarstellung und auch einige Pavillons die nächste Mail geschickt, in der dann stand, dass sie nicht mitmachen, also dass sie sich nicht wählen lassen wollen. Und damit ist natürlich das wieder so ein bisschen hinfällig. Wenn es wirklich viele Künstler der Hauptdarstellung gibt, die gesagt haben, aus Solidarität mit der Jury machen sie bei dem neuen Prozedere auch nicht mit. Und damit ist es dann irgendwann auch egal. Also dann ist auch dieser Preis ein bisschen egal. Also ich meine, das Schlimme ist, glaube ich, nicht unbedingt, dass es jetzt den Preis nicht gibt. Also das ändert den Lauf der Dinge nicht. Aber was ich halt wirklich schlimm finde, war auch jetzt die Atmosphäre bei dieser Biennale. Das ist halt alles wirklich, also es ist so eine Phrase, es ist alles überschattet von den politischen Debatten. Aber ja, es ist so. Also am Freitag haben viele Pavillons gar nicht aufgemacht wegen eines Streits der Kulturarbeitenden. Und es gab stattdessen Demonstrationen, pro-palästinensische Demonstrationen in dem Fall. Und es haben sogar, also diese Bilder fand ich wirklich hart, es haben sogar einzelne Künstlerinnen, habe ich gesehen, so diese Plakate, diese Pro-Palästina-Plakate auf ihre eigenen Werke drauf gepappt. Wo ich so denke, das ist wirklich so ein brachialer Akt. Gut, sie haben es auf ihre eigenen Werke gemacht. Insofern kann man sagen, kann ja jeder mit seiner eigenen Kunst machen, was er will. Aber dieses Bild, dass man so ein Demoplakat auf ein Kunstwerk klebt, das hat mir richtig weh getan. Also da dachte ich auch so, das ist hart. Also es wäre so schön, wenn man wirklich auch Dinge in der Kunst verhandeln könnte, anstatt sich die ganze Zeit mit Demos zu beschäftigen und die dann praktisch den Blick auf die Kunst verstellen. Habt ihr das Gefühl, dass die Situation mittlerweile so verfahren ist, dass das gar nicht mehr möglich ist? Beziehungsweise andersrum gefragt: Welchen Umgang würdet ihr euch wünschen, der vielleicht auch eher so einen konstruktiveren Ansatz hat? Ihr habt ja auch gerade gesagt, eigentlich wäre es schön, diese Dinge alle in der Kunst zu verhandeln. Ist das gerade einfach nicht mehr möglich oder wie denkt ihr darüber?
Also ich finde es interessant, dass es Elke auch so wirklich nahe ging, dass diese… Wir hatten uns noch nicht darüber verständigt, dass sozusagen die Künstlerinnen und Künstler ihre Plakate sozusagen vor die Beziehung zwischen Werk und Betrachtenden stellen. Und das ist so etwas, das gab es bisher eigentlich noch nicht. Das ist auch so eine Art von Aufkündigung von so einer Unantastbarkeit der Werke. Unantastbarkeit ist jetzt so ein großes Wort, aber ich empfinde das wirklich so. Das geht einfach nicht. Das ist auch respektlos sich selbst gegenüber, allen Betrachtenden gegenüber, auch allen Menschen, die extra nach Venedig kommen, um in irgendwie einer gemeinschaftlichen Absicht die Kunst zu feiern und die dann in die Pavillons nicht reinkommen und so weiter. Aber okay, das ist die Natur von Streiks. Aber diese neue Härte, mit der sich entzogen wird und auch anderen entzogen wird, was sie irgendwie gerne sehen wollen oder erleben wollen, das ist schon brutal.
Ja, also ich wurde darauf hingewiesen, dass es 1968 die Künstler ihre Bilder mit dem Rücken nach hinten umgedreht haben, dass man sie nicht sehen kann. Und danach war die Biennale auch mal zu und so weiter. Also es ist schon passiert. Wir waren auch schon mal an dem Punkt, so 1968, und danach ist das Pendel zurückgeschwungen und danach konnte man sich auch wieder mit der Kunst beschäftigen. Also ich hoffe, dass das jetzt wirklich auch so ein Höhepunkt ist und dass es auch wieder abebbt. Aber das Problem ist, halt auch so inhaltlich sieht man ja auch an vielen Stellen der Biennale. Das Schöne ist, dass ja auch viele Werke sich inhaltlich damit beschäftigen. Wir sind halt in einer Welt der Polykrisen. Wir sind in einer Welt, die irgendwie an allen Ecken bröckelt. Und da ist es natürlich auch logisch, dass die Kunst sowohl inhaltlich als auch systemisch, also vom Kontext her, da auch irgendwie bröckelt. Aber es hilft ja nichts. Also sozusagen die Institutionen zu beschädigen, glaube ich, bringt ja niemand weiter. Aber da sind wir uns ja einig. Und wir hoffen, also ich hoffe jedenfalls, dass das so eine Art Höhepunkt war und dass es in zwei Jahren vielleicht wieder ein bisschen mehr Konzentration auf die Inhalte geben kann. Weil die Inhalte sind ja, also man muss ja auch nicht denken, das ist jetzt alles voller Demos und so weiter, sondern eigentlich ist ja die Biennale riesig. Wir haben total viel gesehen. Es gibt ganz viele tolle Kunst, und darüber wollen wir eigentlich sprechen.
Perfektes Stichwort. Vielen Dank, Elke. Jetzt wirklich zur Kunst. Die Hauptausstellung „The Minor Keys“ steht zumindest dem Namen nach eher für die leisen, melancholischen Töne im Gegensatz zu der lauten und schnellen Welt da draußen. So zumindest das Konzept der Kuratorin und Künstlerin Koyo Koo, die im vergangenen Jahr mit nur 57 Jahren verstorben ist. Ist es jetzt eine Ausstellung zum Abschalten? Also es ist auf jeden Fall eine Ausstellung, durch die man einfach erstmal mit viel Lust am Schauen auch durchgehen kann und sich erstmal wirklich daran freuen kann oder auch daran reiben kann oder wie auch immer. Aber es reicht auch einfach erstmal zu gucken, was sind das für Materialien, was sind das für Nationen, wo kommen die Leute her, was sind das für Symbolwelten, die man vielleicht gar nicht kennt. Oder gibt es wiederkehrende Motive? Ja, gibt es. Es geht sehr viel um Natur, aber auf so einer sehr vitalen Art und Weise. Es gibt viele Bezüge zur Tierwelt, zur Pflanzenwelt, auch Erde selbst als so eine wichtige, nährende Materie, auch etwas Widerständiges. Und man muss also keineswegs alle Künstlerinnen und Künstler kennen, die dort ausgestellt sind. Viele sind auch zum ersten Mal dort. Die meisten haben, glaube ich, zum ersten Mal vor einem so großen Publikum auch gezeigt, oder die größere Zahl zumindest. Und diese Freude am Gucken und sich erstmal auch wieder auf Sachen einlassen, war, glaube ich, auch das Ziel von Koyo Koo. Und das funktioniert eigentlich super, oder? Helga?
Ja, also ich muss sagen, ich war ja, nachdem ich… Also die Hauptausstellung ist ja immer in zwei Teile geteilt. Es gibt den Pavillon der Hauptausstellung in den Giardini und dann gibt es das größere Arsenale, wo auch nochmal ganz viel Hauptausstellung ist. Und nachdem ich im Pavillon in den Giardini war, war ich fertig. Also, weil das ist einfach so viele Künstlerinnen und Künstler, die ich nicht kannte. Und aber auch diese ganzen Formen, das ist ja so eine überschäumende Formvielfalt. So viele Farben, so viele Sachen, einfach die ich gar nicht in meinen Kopf gekriegt habe. Also das habe ich selten, dass ich wirklich so denke, oh Gott, jetzt brummt mir wirklich der Kopf. Und das liegt aber natürlich auch daran, dass wir als Profis versuchen, das jetzt alles so möglichst schnell zu erfassen und dann auch zu verstehen, wer das alles ist und so weiter. Also das fand ich… Ich finde das interessant, dass es so in meiner Keys und alles ganz ruhig ist. Es ist gar nicht ruhig. Also es ist wahnsinnig viel zu sehen. Und ich fand es aber dann gerade im Arsenale fand ich, hatte es einen sehr schönen Flow, war sehr entspannt. Und was ja so ein roter Faden der Ausstellung ist, ist die Poesie. Das finde ich ganz schön. Also es gibt so überall sind so immer mal wieder so neue Kapitel, die mit so Gedichten eingeführt werden. Und es gibt viele Arbeiten, die sich mit Musik und aber auch mit Lyrik beschäftigen. Und das gibt halt dem Ganzen so einen ganz schönen Flow. Also das Interessante finde ich bei der Hauptausstellung ist, dass so etwas wie so eine… Also die ganze Digitalisierung, die technologische Welt und so. Also selbst eine industrialisierte Welt sind eigentlich eher selten zu sehen. Also das Ganze ist wie so ein Abwehrzauber gegen auch dieses Abgleiten in die digitale Welt. Und stattdessen ist es wirklich so eine Besinnung darauf, was eigentlich so ein physischer Kontakt des Menschen mit der Welt, also dass man wirklich so… Ja, wie Silke sagte, Erde, Pflanzen, auch so etwas wie ja so eine Fruchtbarkeit, weibliche Kraft, Spiritualität, diese ganzen Sachen sind da sehr intensiv im Vordergrund. Also man ist wirklich in einer anderen Welt. Das ist schon spannend. Aber in Bezug auf das Betrachten von Kunst ist es doch relativ konventionell, auch tatsächlich. Also es gibt jetzt wenige Momente, wo man das Gefühl hat, oh wow, hier wird jetzt gerade so das Zeigen, Ausstellen und Anschauen von Kunst an sich irgendwie neu gedacht. Also es ist sehr viel Malerei, Skulptur, letzten Endes ja so in den traditionellen Parametern. Ja, und es ist interessant, das ist auch, weil dieser konzeptionelle Dreh ist halt eigentlich weg. Und das ist auch so eine… Was wir so in den letzten Jahrzehnten in der westlichen Kunst so gesehen haben, auch so ein cooler Minimalismus und irgendwie, dass man Sachen nur andeutet und dass es auch von der Ästhetik her immer so reduziert sein muss. Das halt kommt weg. Das können wir jetzt mal vergessen. Und auch deswegen gibt es glaube ich auch nicht so diese Institutionskritik und diese ganzen Sachen. Aber das haben wir ja auch durchgespielt. Das ist jetzt mal nicht da, sondern es gibt halt wirklich jetzt diese neuen Themen wieder mit vielen Künstlerinnen und Künstlern aus dem globalen Süden und so. Und das ist ja, es ist eine interessante Erfahrung.
Ja, an der Geschichte und der nationalsozialistischen Architektur des deutschen Pavillons, da haben sich zuvor schon viele KünstlerInnen auf ganz unterschiedliche Art und Weise abgearbeitet. Hans Hacke zum Beispiel, der riss den Boden auf. Anne Imhof, die machte einen Hundezwinger aus dem Gebäude. Und Maria Eichhorn, die verfasste gleich eine ganze Forschungsarbeit. Elke, ich kann mich erinnern, damals sagtest du in etwa: Ja, ich hoffe, wir wissen jetzt wirklich alles, was es zu wissen gibt über dieses Gebäude und vor allem die Geschichte dazu. Mit der Ausstellung „Ruin“ von Sainte Cue und der im Februar plötzlich verstorbenen Henrike Naumann wird das Gebäude jetzt zum Plattenbau. Welche Kapitel der Geschichte erzählen die beiden? Genau, die beiden KünstlerInnen sind ungefähr gleich alt. Sie haben beide eine ostdeutsche Vita und befassen sich intensiv mit einer ostdeutschen Ästhetik, die sie auch selbst erlebt haben. Oder sie arbeiten mit dem, was sie kennen. So hat das Henrike Naumann auch mal über ihre Kunst gesagt. Sie ist jemand, der sich ganz stark mit so einer ostdeutschen Alltagsästhetik auseinandersetzt. Und nur durch das Arrangieren von Dingen oder Installieren von bestimmten Objekten, Möbeln, Formen, Farben schafft sie es, ganz bestimmte Atmosphären herzustellen, die dann auch eine geschichtliche Relevanz kriegen. Die Fragen, wo kommt das zum Beispiel her, dass man sich politisch radikalisiert? Also so eine eigentlich ganz spannende, auch sehr komplizierte Frage, nämlich die Frage, welche Formen bringen eigentlich was in uns möglicherweise hervor? Das hat sie immer mit so einer ganz tollen Leichtigkeit in ihren Installationen gemacht. Und so hat sie auch den Hauptraum des deutschen Pavillons gestaltet mit Objekten aus dem DDR-Alltag, die sie aber so lesen lässt oder deuten lässt, eigentlich fast wie Hieroglyphen. Also nach der Wende wurde der Osten ja quasi überspült mit so einer westlichen Wohnästhetik oder vermeintlich westlichen Wohnästhetik. Ich will es jetzt nicht total negativ beschreiben, aber es ist eine relativ namenlose Stilrichtung mit gezackten Kerzenständern und irgendwie so komischen kalten Lilatönen, merkwürdigen Oberflächen. Wenn man es sieht, dann hat man sofort so eine bestimmte Zeit und auch eine gewisse Design ohne Design sozusagen vor sich. Die äußere Hülle des schon so mal rietierten und ja auch wirklich ohnehin brutalen, protzigen Nazi-Baus des deutschen Pavillons jetzt als Plattenbau zu machen, ist von Sung Kyu ein riesengroßer Wurf, finde ich. Sie ist in so einem Plattenbau eben als Kind teilweise aufgewachsen oder hatte einige Jahre ihrer Kindheit verbracht als Kind vietnamesischer Vertragsarbeiter in Ost-Berlin. Und das war ihr Leben oder ihre Kindheit, auch durchaus eine glückliche Kindheit, wie sie sagt oder wie man auch im Katalog dann nachlesen kann. Aber dieser krasse Realismus, den sie da auch in der Erfassung und Unterbringung von Menschen, wie das damals gehandhabt wurde und auch immer noch wird, hat eine krasse Stärke, eine Härte, eine Kälte und ist sehr eindringlich. Also das Ganze ist jetzt kein ästhetisches Vergnügen im engeren Sinne. Es ist aber eine wahnsinnig eindrückliche und sehr gelungene Präsentation im deutschen Pavillon und der eine Lücke schließt, weil es um Ostdeutschland von ostdeutschen Künstlerinnen oder Künstlern eigentlich da noch nie ging. Was kurios und eigentlich auch fast ein bisschen beschämend ist.
Ja, diese Fassade ist spektakulär. Das ist halt, sie hat das mit Mosaik, also mit Marmor-Mosaik hat sie das Bild dieses Wohnheims da auf die Fassade gebracht, mitsamt der Graffiti, wo irgendwas mit Refugees steht und weiß ich nicht. Und das ist halt, fand ich wirklich eine tolle Idee. Und sie selber stand dann da bei der Eröffnung und trug eine Bluse und eine Hose, auf der Zeitungsartikel gedruckt waren, die von rechtsradikalen Übergriffen in genau der Zeit redeten, als sie da gewohnt hat. Also es geht auch wirklich um so eine Aufarbeitung. Und dann hat sie innen im Pavillon eigentlich ihre Mutter ins Zentrum gestellt, ihre Mutter, die halt immer Angst hatte vor den deutschen Behörden. Und sie hat von ihrer Mutter so bläserne Abgüsse der Hände und der Füße gemacht. Also und wo man dann halt so ein bisschen die Spuren sieht der Arbeit auch. Und das ist eine ganz liebevolle Hommage. Und gleichzeitig ist es so ganz reduziert. Und sie nimmt ja auch immer so eine Ästhetik der Behörden und der Verwaltung. Also das ist so diese Brutalität des Staates, die so auf sie einprasselte, auf diese Familien damals, die setzt sie auch ästhetisch um. Und gleichzeitig gibt es auch noch so muffige Gerüche. Also sie hat auch dieses Wohnheim als Geruch wieder erstehen lassen. Und man ist erst ganz irritiert in dem Pavillon und denkt so, hey, warum riecht das hier so? Also ich finde es wirklich insgesamt sehr gelungen. Und es ist ein tolles Thema, das jetzt für Deutschland mal an der Stelle zu besprechen. Weil natürlich ist es total aktuell. Es geht ja wieder um die Frage, wie fremdenfeindlich ist eigentlich Deutschland? Wie gehen wir mit Differenz um? Wie gehen wir mit dem Rechtsradikalismus um? Und in einer Zeit, wo wirklich alle wieder schreien, das Boot ist voll und die Grenzen müssen zu, ist es toll, dass Song Thieu dann da ihre Geschichte erzählt in diesem Pavillon. Und Henrike Naumann gleichzeitig eigentlich sich ganz daran im Grunde auch anschließt, indem sie darauf plädiert, diese ganze DDR-Geschichte, Formengeschichte auch wirklich noch mal ernst zu nehmen und zu gucken, was hat zum Beispiel so eine Gasmaske in einem Jugendzimmer? Was ist das für eine Idee von Wohnen? Ist das jetzt einfach nur Deko oder wie weit reicht das eigentlich zurück? Und das sind Kontinuitäten. Darauf kam es ihr, glaube ich, sehr stark an zu sagen, das lässt sich nicht auf den Sperrmüll stellen. Das ist immer noch da und wir müssen das endlich entziffern und besser verstehen und uns auch besser verstehen lernen, damit wir für das, was kommt. Und das ist eine Zukunft, die hat sie sich nicht sehr optimistisch ausgemalt für Deutschland und für uns alle, um dafür gewappnet zu sein.
Was kann man sich denn noch so anschauen? Was könnt ihr noch empfehlen? Also der größte Publikumshit der Biennale und auch sonst irgendwie, was eigentlich alles überstrahlt hat, ist der österreichische Pavillon von Florentina Holzinger. Also ich bin ja eh, muss ich sagen, ein Fan und mir hat das so Spaß gemacht, wie sehr die da wirklich losgelegt haben auf dieser Biennale. Und der Pavillon „Sea World Venice“ heißt der und es geht um das Wasser und die Abwässer von Venedig. Und die Grundthese ist eigentlich, wir sitzen mehr oder weniger in der Scheiße und wir machen was draus. Um das hier so, sagt sie. Es tut mir leid für die Wortwahl. Und man kommt da hin und da ist davor so eine große Glocke. Also es gibt eine Glocke an einem Kran und jede Stunde hängt eine Performerin, oft auch Florentina Holzinger selbst, in dieser Glocke. Also der nackte Körper hängt einfach kopfüber in der Glocke und dann schlägt sie diese Glocke, indem sie mit ihrem Körper nach rechts und links schwingt. Das gibt wirklich einen Ton. Das ist ganz schön effektvoll und brutal. Und dann geht man rein und links fährt eine weitere Performerin Jetski im Wasser. Also der österreichische Pavillon ist mit Wasser geflutet. Also da wird Jetski gefahren. Dann gibt es so eine Art, wie so ein Windspiel, was früher auf Kirchtürmen war. Das sind so auch nackte Frauen übereinander gestapelt, die dann sich nach dem Wind ausrichten. Und hinten ist das, was Holzinger das Herzstück und den Altar dieser Inszenierung nennt. Das ist ein Wasserbasin, in dem auch eine nackte Frau sich befindet, tauchend mit einem Tauchgerät. Und der ist angeschlossen an zwei Dixi-Klos und eine Kehranlage. Also man soll dann eine Donation machen. Also man soll was spenden, dann kann man in diese Klos pinkeln und dann, so ist die Erzählung. Und ich weiß immer noch nicht, ob ich das jetzt glauben soll oder nicht. Wird das wieder eingespeist in diesen ganzen Wasserkreislauf? Und es gibt aber auch noch so ein theatrales Element. Also nebenan in der Kehranlage. Da arbeiten sie dann schon ganz schön mit so Bühnenexkrementen. Also da sind plötzlich braune Flüssigkeiten, die dann bekämpft werden müssen. Und das ist dann, glaube ich, nicht mehr real. Aber diese ganze Inszenierung, halt es ist bei Florentina Holzinger ja immer so, das sind ja immer diese nackten Performerin, die so wahnsinnig so eine Stärke ausstrahlen. Und so ein, ihr könnt uns alle malen und wir machen das jetzt. Und das macht wahnsinnig Spaß. Also es hat wirklich für mich so eine totale Selbstbehauptung zu sagen, okay, also das ist… Sie haben halt gesagt, das ist wie so ein Trainingsprogramm. Also in einer Welt, die halt komplett zusammenbricht, müssen wir halt üben, in der Scheiße zu überleben. Und das finde ich irgendwie eine ganz gute Ansage.
Kennt ihr Urinetown? Nein. Ne, ich auch nicht. Das ist ein Musical über Wasserknappheit von 2001. Und ein Song, der heißt „It’s a Privilege to Pee“, also ein Privileg zu pinkeln. In der Welt, die da erzählt wird, da hat jeder Strahl wortwörtlich seinen Preis. Uriniert wird nur an öffentlichen Sammelstellen, und wer da seinen Beitrag eben nicht leistet, wird in irgendeiner Form auch dafür bestraft. Auf jeden Fall sehr spannend, musste ich gerade dran denken, als ihr davon gesprochen habt. Silke, wo hat es dich noch hingezogen?
Ich kann vielleicht noch mal ein bisschen was über die Ausstellungen erzählen, die vielen und sehr vielen auch sehr guten Ausstellungen, die nicht auf den Giardini und nicht im Arsenal stattfinden, sondern in der Stadt. Da gibt es inzwischen fast jede große Kunstmäzen, jede große Kunstsammlerin hat eine eigene Institution in Venedig. Hat sich irgendwann mal ein Palazzo gekauft, zuletzt jetzt der große belgische Modedesigner Dries van Noten mit seiner über mehrere Etagen gehenden Ausstellung in diesem Palazzo unter Tiepolo und Titian Deckengemälden. Wirklich total beeindruckend hat er einen Parcours aus Kostümen, aus feinstem Kunsthandwerk, aus Gebilden, aus Federn, aus Perlen. Also letzten Endes wirklich so total entrücktes Spezialistentum ausgestellt. Und er nennt das Ganze „The only true protest is beauty“. Also der einzige wirkliche Protest ist radikale Schönheit. Man kann das eskapistisch finden. Man kann aber auch einfach mal da ganz kurz abschalten und sagen, ja, auch so, dass die Menschheit auch so weit gekommen ist in solchen extrem nerdigen, kleinteiligen irgendwie versuchen, Schönheit zu bannen und für die Nachwelt zu erhalten. Auch das ist irgendwie in diesem gesamten Kaleidoskop der Ereignisse da so voll okay. Und nicht nur okay, sondern eigentlich auch richtig gelungen und richtig schön.
Dann würde ich noch die Fondazione Prada, die immer ein super, super zeitgenössisches Kunstprogramm macht, hervorheben. Die zeigen den sehr bekannten, auch mittlerweile wahnsinnig erfolgreichen Künstler Richard Prince, der jetzt so in seinen späten 60ern, vielleicht grünen 70ern ist und von dem man lange nicht so richtig gehört hat. Aber man kannte ihn oder man kennt ihn für zum Beispiel seine Marlboro Cowboys, die er als Kunstwerke appropriiert hat, nennt man das. Und kombiniert wird das mit dem afroamerikanischen Künstler Arthur Jafa, der ein ganz wichtiger zeitgenössischer Künstler gerade ist, der auch aus dem Alltag sich bedient, aus den unendlichen Bilderfluten, aber versucht mit Filmen und mit Skulpturen und mit Wandbildern einer spezifisch afroamerikanischen Ästhetik auf den Grund zu gehen, gemischt durch Popkultur, aber auch durch krasse direkte Auseinandersetzungen mit Rassenunruhen, mit Diskriminierung, mit der ganzen US-amerikanischen Geschichte. Und diese beiden Perspektiven, die eigentlich auch so ein bisschen verschieden in Richtung mit sehr ähnlichen Methoden auf dieselbe Sache gucken, nämlich diesen American Spirit letzten Endes, das ist ziemlich toll und sehenswert. Einerseits einfach aus so rein kunsthistorischer Betrachtung und andererseits einfach auch, weil die Themen immer noch und immer wieder und gerade besonders so virulent sind. Ich habe gehört, dass viele Amerikaner sagen, das ist der eigentliche amerikanische Pavillon. Das finde ich irgendwie ganz guten Twist, weil das wirklich sehr tief in die amerikanische Geschichte und in die Gewalt, die auch im Herzen der amerikanischen Gesellschaft ist, reingeht, während der amerikanische Pavillon in der Biennale ja so eine totale Nullnummer ist, was ja fast schon lustig ist. Da geht keiner rein. Das macht ja dieser Bildhauer Alma Allen. Und das ist einfach so random Bronze, also abstrakte Bronze und Marmor-Zeugs, wo es wirklich aussieht wie so, okay, wo kann man hier noch eine Beule reinmachen? Es existiert eigentlich gar nicht. Und das ist dann so schön, wenn das dann außerhalb der Giardini dann nochmal so gekontert wird von Prada.
Also ihr hört es schon, eine Biennale, die wirklich ganz viele Themen bedient, in ganz viele Extreme und Mittelwerte geht. Vielen, vielen lieben Dank euch beiden, Elke Buhr und Silke Hohmann vom Monopol Magazin für diese wirklich tollen Eindrücke, das tolle Gespräch und ja, nun erst mal gute Erholung für Kopf und Füße. Vielen Dank. Dankeschön. Tschüss!
Die 61. Venedig Biennale hat jetzt am Wochenende fürs Publikum geöffnet. Bis Ende November können BesucherInnen sich die Ausstellungen anschauen. Alle Infos dazu findet ihr auch auf der Website der Biennale. Die packe ich euch natürlich nochmal in die Show Notes zu dieser Folge. Kunst und Leben, den Podcast in Kooperation mit dem Monopol Magazin, gibt es immer zweimal im Monat und zwar am Dienstag. Produziert hat diese Folge Benjamin Serdani. Und mein Name ist Sarah Marie Plekart. Ich danke euch fürs Zuhören, sage Tschüss und bis zum nächsten Mal. Kunst und Leben, der Monopol Podcast von detektor.fm.