Entweiht, umgewidmet oder abrissbereit — bei der diesjährigen Manifesta 16 im Ruhrgebiet dreht sich alles um Kirchen, deren Schicksal ungewiss ist. Die Kunst könnte ihnen zu neuem Leben verhelfen.
Ohne das Ruhrgebiet und seine Arbeiterinnen und Arbeiter wäre das westdeutsche Wirtschaftswunder nicht möglich gewesen. Es wurden ab den 1950er-Jahren auch Menschen aus dem Ausland angeworben, unter anderem aus der Türkei und Italien. Schon im 19. Jahrhundert zogen außerdem tausende Menschen aus Polen ins Ruhrgebiet.
Mitten hinein in die Arbeiterviertel wurden nach dem Zweiten Weltkrieg außerdem zahlreiche Kirchen gebaut. So nah an ihre Bewohnerinnen und Bewohner, dass sie mit Pantoffeln den Gottesdienst besuchen konnten — daher auch der Name „Pantoffelkirchen“. Heute ist ihr Schicksal ungewiss. In den kommenden Jahren, so die Recherchen der Manifesta, werden rund 20.000 Kirchen in Deutschland entweiht, umgewidmet oder abgerissen. Was können diese einstigen Orte der religiösen Einkehr und Begegnung darüber hinaus alles sein? Und welche Rolle spielt dabei die Kunst? Mit diesen Fragen setzt sich die Manifesta 16 im Ruhrgebiet auseinander. Denn — das haben die Recherchen der Manifesta auch ergeben — hier fehlt es oft an nichtkommerziellen Begegnungsorten.
Und so wird das Zusammenkommen in Kirchen zum Moment für die Kunst. „In einer Kirche in Bochum habe ich in einem Hinterzimmer acht türkische Frauen getroffen, die ein super Essen gekocht haben“, erzählt Elke Buhr im Podcast, „das war auch eine Kunstperformance.“
Die Künstlerin Havîn Al-Sîndy hat mit Schülerinnen und Schülern Heuschrecken gebastelt.
Elke Buhr, Monopol-Magazin
Schon Monate vor Beginn der Manifesta hat die Künstlerin Havîn Al-Sîndy in mehreren Schulen in Duisburg mit den Jugendlichen und Kindern zum Mythos der Plage gearbeitet. Ausgangspunkt hierbei war unter anderem das Schicksal der Kurden. In einem festlichen Umzug, bei dem kurdische Lieder gesungen wurden, haben sie die gebastelten Heuschrecken dann zum Ausstellungsort getragen.
In Gelsenkirchen lädt das Bureau Baubotanik in der Kirche St. Bonifatius hingegen zum Teetrinken ein und in der entweihten St. Josef bekommen die Kirchenglocken eine neue Aufgabe. Eigentlich wollte der Kurator Gürsoy Doğtaş die vier Kirchen, die er in Gelsenkirchen bespielt, umbenennen — auch um diese einst religiösen Orte zugänglicher zu machen und ihre Wahrnehmung als christliche Orte für die Stadtbevölkerung umzudeuten. Denn in Gelsenkirchen leben viele Menschen muslimischer Prägung, türkisch ist hier die zweitgrößte Sprachgruppe. Namen wie etwa „St. Anna — Hatay Engin Musikhalle“ oder „St. Bonifatius — Ferdane Satır Teegarten“ sind auch ein politisches Statement. Ferdane Satır und sechs ihrer Familienmitglieder etwa wurden 1984 bei einem rassistischen Brandanschlag in Duisburg getötet.
Ein Wohnzimmer ist nach Hava Güleç benannt, einer Arbeitsmigrantin aus Gelsenkirchen.
Gürsoy Doğtaş, Kurator
Als Hava Güleç nach Deutschland kam, brachte sie einen handgeschmiedeten Teigschaber und einen Pinsel mit, ebenfalls von Hand gefertigt. Diese unscheinbar wirkenden Werkzeuge erzählen von ihrem doppelten Leben — als Arbeiterin am Fließband und als Versorgerin ihrer Familie. Im Pfarrhaus der Thomaskirche wurde außerdem eine Weberei eingerichtet, die auf die Fertigkeiten der Menschen aufmerksam machen sollen, die sie aus ihrer Heimat nach Deutschland mitnahmen.
In dieser Folge von „Kunst und Leben“, dem Podcast in Kooperation mit dem Monopol-Magazin, spricht detektor.fm-Moderatorin Sara-Marie Plekat mit Elke Buhr über die Manifesta 16 Ruhr. Außerdem ist der Kurator Gürsoy Doğtaş zu Gast. In seiner kuratorischen Arbeit beschäftigt er sich vor allem mit migrantischer Kunst und ehemaligen Gastarbeitern und Gastarbeiterinnen. In Gelsenkirchen zeigt er in vier Kirchen ihre Werke. Die Manifesta 16 Ruhr läuft noch bis zum 4. Oktober, Informationen zum Programm findet ihr auf ihrer Website.