Wer ein Kind erwartet, beschäftigt sich mit vielen Fragen: Ist alles in Ordnung? Wie wird die Geburt verlaufen? Und ganz praktisch: Wie komme ich eigentlich rechtzeitig ins Krankenhaus? Für viele Familien in Deutschland wird genau diese letzte Frage immer relevanter.
Seit der Wiedervereinigung hat sich die Zahl der Krankenhäuser mit Entbindungsstationen in Deutschland halbiert. Allein zwischen 2014 und 2024 ist der Anteil der Geburtsstationen in Deutschland um etwa 25 Prozent zurückgegangen. Besonders kleinere Kliniken auf dem Land stehen vor Herausforderungen: Geburtshilfe braucht rund um die Uhr ausreichend Hebammen, Ärztinnen und weiteres Personal. Gleichzeitig lohnt sich der Betrieb bei wenigen Geburten finanziell oft nicht. Hinzu kommen die neuen Zentralisierungsbestrebungen der Krankenhausreform: Krankenhäuser dürfen Leistungen dann nur noch anbieten, wenn sie dafür festgelegte Qualitäts- und Mindestanforderungen erfüllen.
Kliniken schließen sowohl in Städten als auch auf dem Land. Die Auswirkungen unterscheiden sich jedoch deutlich: Während in Ballungsgebieten oft mehrere Alternativen erreichbar sind, können auf dem Land sehr viel längere Wege entstehen. Maxi Kniffka forscht am Max-Planck-Institut für demografische Forschung zu den Konsequenzen, die eine längere Fahrt in die Klinik für Mutter und Kind haben kann. Bei einem über 40-minütigen Anfahrtsweg steigt das Risiko für eine ungeplante außerklinische Geburt ohne medizinische Versorgung — ein echtes Risiko für Mutter und Kind.
Im schlimmsten Fall kommt es zu einer höheren Sterblichkeit bei den Babys oder mehr Verletzungen. Aber auch zu einer höheren Sterblichkeit bei den Müttern.
Maxi Kniffka, MPI für demografische Forschung
Andere Länder zeigen, dass es Lösungen geben kann: In Norwegen oder Kanada werden Familien mit besonders langen Wegen teilweise kurz vor der Geburt in Kliniknähe untergebracht. Auch in Deutschland gibt es bereits ein ähnliches Modell für Menschen, die auf der Insel Sylt in Schleswig-Holstein leben. Dort gibt es schon seit 2014 keine Geburtshilfe mehr. Empfohlen wird dort, sich schon zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin in eine Unterkunft in Kliniknähe zu begeben. Die Kosten hierfür übernimmt die Krankenkasse.
Wir müssen jetzt einfach schauen, dass wir Möglichkeiten finden, die Familien in die Kliniknähe zu bekommen, wenn die Versorgung vor Ort nicht mehr da ist.
Maxi Kniffka, MPI für demografische Forschung
In dieser Folge „Ach, Mensch!“ spricht detektor.fm-Moderatorin Jessica Hughes mit Maxi Kniffka vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung darüber, wie sich Klinikschließungen, Fachkräftemangel und die Krankenhausreform auf die Geburtshilfe auswirken können.