Menschen bauen Flugzeuge, schreiben Bücher, entwickeln Technologien wie das Internet. Wir sind das einzige Lebewesen, das alle sieben Kontinente dieses Planeten bewohnt. Eine fast unglaubliche Erfolgsgeschichte. Aber wie kam es dazu? Wie hat all das angefangen?
Wer die Evolution des Menschen vor Augen hat, denkt vielleicht noch immer an das berühmte Bild: Ein affenähnliches Wesen geht gebeugt, richtet sich langsam auf und wird Schritt für Schritt zum modernen Menschen. Doch mit dem tatsächlichen Verlauf unserer Evolution hat diese Darstellung wenig zu tun. Die Geschichte des Menschen ähnelt vielmehr einem weit verzweigten Busch. Über Millionen Jahre existierten zahlreiche menschliche Linien nebeneinander. Einige verschwanden wieder, andere entwickelten sich weiter – und manche trafen irgendwann aufeinander. Genau hier beginnt das große Rätsel: Wenn es einst mehrere Menschenformen gab, warum ist am Ende nur der Homo sapiens übrig geblieben?
Das hat es, soweit wir wissen, auch in der gesamten Erdgeschichte nicht gegeben, dass sich eine Art so schnell explosionsartig dominant ausgebreitet hat und 70 Prozent des Lebensraums, den dieser Planet zur Verfügung stellt, für sich beansprucht.
Prof. Dr. Johannes Krause forscht am MPI für evolutionäre Anthropologie
Am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie versucht Johannes Krause eben jener Frage auf den Grund zu gehen und entschlüsselt wie ein Detektiv der Menschheitsgeschichte uraltes Erbgut, das er mit Hightech-Methoden aus Knochen und Zähnen gewinnt. 2010 hat er gemeinsam mit dem späteren Nobelpreisträger Svante Pääbo aus einem Fingerknochen eine bis dahin unbekannte genetische Signatur rekonstruiert: Der Denisova-Mensch ist eine der spektakulärsten Entdeckungen der neueren Anthropologie.
Ich habe die Hypothese aufgestellt: Das ist eine neue Menschenform! Dann habe ich
tatsächlich das gesamte Team, das auch an der Entschlüsselung des Neandertaler-Genoms gearbeitet hat, zusammengetrommelt und habe gesagt: Zeigt mir bitte, dass das nicht stimmt!
Prof. Dr. Johannes Krause
Lange waren von ihnen nur wenige Knochenfragmente bekannt: ein Fingerknochen, Zähne und weitere kleine Knochen aus der Denisova-Höhle. Inzwischen konnte aus dem sogenannten Harbin-Schädel, der bereits in den 1930er-Jahren gefunden und später jahrzehntelang versteckt worden war, Denisovaner-DNA gewonnen werden. Damit wissen Forschende erstmals besser, wie diese Menschenform aussah, die sich vor 500 000 Jahren in Süd-Ost- und Ost-Asien entwickelt hat.
Doch vieles bleibt offen. Wie groß waren Denisovaner? Wie sah ihr Körper aus? Konnten sie sprechen? Ihr Erbgut enthält dieselbe Variante des Gens FOXP2, die auch moderne Menschen und Neandertaler besitzen. Ein Hinweis auf mögliche Sprachfähigkeit, aber noch kein Beweis dafür, dass Denisovaner tatsächlich eine Sprache hatten. Vielleicht ist aber gerade dieses Nichtwissen das Spannende an der Paläogenetik: Jede neue Probe kann eine Geschichte verändern, von der man dachte, man kenne sie längst.
In dieser Folge von „Die großen Fragen der Wissenschaft“ sprechen Katharina Menne und Carsten Könneker von Spektrum der Wissenschaft mit Johannes Krause wie die Suche nach DNA aus längst vergangenen Zeiten funktioniert, wo selbst die moderne Paläogenetik an ihre Grenzen stößt und wieviel vom Neandertaler und Denisovaner bis heute noch in uns steckt.
Redaktion und Moderation: Katharina Menne und Carsten Könneker
Redaktion detektor.fm: Stephan Ziegert und Jessica Hughes
Audioproduktion: Stanley Baldauf