Forschungsquartett | Bürgergeld

Mehr fordern oder mehr fördern?

Über Arbeitslose kursieren viele Klischees und gefühlte Wahrheiten. Stimmt es, dass viele gar nicht nach einem Job suchen? Wenn ja, warum ist das so? Eine neue Studie bringt Fakten in die Bürgergeld-Debatte.

Aus Bürgergeld wird Grundsicherung

Die Diskussion um Arbeitslose und ihren Eifer bei der Jobsuche ist in Deutschland ein Dauerbrenner. Eine Neuauflage der Debatte gab es im vergangenen Jahr, als die Union eine grundlegende Reform des Bürgergelds zu einem zentralen Wahlkampfthema machte. CDU und CSU warben mit dem Plan, Regeln und Sanktionen zu verschärfen, um für die rund 5,5 Millionen Empfängerinnen und Empfängern mehr Arbeitsanreize zu schaffen.

Mittlerweile hat sich die Koalition auf eine Reform geeinigt, im Dezember wurde sie bereits vom Kabinett abgesegnet. Das Bürgergeld wird in Zukunft Grundsicherung heißen und den Empfängerinnen und Empfängern mehr abverlangen als bisher. Wenn sie etwa Termine beim Jobcenter nicht wahrnehmen, können ihnen Leistungen gekürzt werden — bei drei versäumten Termine um bis zu 100 Prozent.

Wir haben in der Debatte viel über die wenigen Verweigerer gesprochen. Wir haben nicht darüber gesprochen, was es braucht, um Personen langfristig in Arbeit zu kriegen.

Tobias Ortmann, Sozialwissenschaftler und Psychologe bei der Bertelsmann-Stiftung

Foto: Besim Mazhiqi

Die Mär von der „sozialen Hängematte“

Die neue Grundsicherung zielt darauf ab, möglichst viele Menschen möglichst schnell in Arbeit zu bringen. Für alle, die aus Krankheitsgründen nicht arbeiten können, soll das Gesetz andere Regelungen vorsehen. In der politischen Debatte um Sozialleistungen tauchen immer wieder Klischees und Vorurteile auf: Während die einen morgens aufstehen und arbeiten gehen, bleiben die anderen gemütlich im Bett und genießen ein Leben auf Staatskosten. Das Bürgergeld mit seinen vermeintlich laxen Vorgaben nehme ihnen den nötigen Druck, nach einer Stelle zu suchen.

Ergebnisse der Sozialforschung weisen allerdings darauf hin, dass viele Annahmen über Menschen im Leistungsbezug so nicht zutreffen. Wie viele Bürgergeldempfängerinnen und -empfänger gibt es tatsächlich, die keine Arbeit suchen? Welche Gründe nennen sie dafür? Und wären wirklich alle arbeitsfähig, wenn sie es nur wollten? Das hat nun eine Studie der Bertelsmann-Stiftung unter die Lupe genommen. Im „Forschungsquartett„-Interview mit detektor.fm-Redakteur Johannes Schmidt berichtet der Sozialwissenschaftler und Psychologe Tobias Ortmann von den Ergebnissen der Befragung. Er hat an der Untersuchung mitgearbeitet.

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