Es war ein langes und zähes Ringen. Mitte Dezember hat sich die Bundesregierung aus Union und SPD dann geeinigt. Aus Bürgergeld wird Grundsicherung. Die Koalition will damit im neuen Jahr eines ihrer zentralen Versprechen einlösen, nämlich die Reform des Lebensunterhalts für Menschen, die keine Arbeit haben. Aus dem Mund der zuständigen Arbeitsministerin Bärbel Baas von der SPD klingt das so: „Weil wir einfach auch berücksichtigen müssen, dass es Menschen gibt, die vielleicht in diesem System in der Tat nicht richtig aufgehoben sind, die krank sind, die dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. Und deshalb ist es wichtig, da genau hinzuschauen, dass wir nicht die Falschen treffen. Auf der anderen Seite war aber auch wichtig zu sagen, wir haben Mitwirkungspflichten. Es ist eine Leistung, die der Staat zur Verfügung stellt, wenn Hilfe benötigt wird. Und wenn die Angebote nicht angenommen werden, bei denen die können, dann braucht es eben auch Sanktionen. Die Formel lautet also: fördern, aber auch mehr fordern.“ Vor allem für die Koalitionspartner CDU und CSU war die Reform des Bürgergelds eines der Hauptwahlkampfthemen. Das Versprechen, durch härtere Sanktionen für Arbeitsunwillige mehr Menschen in Arbeit zu bringen und so nicht nur Sozialleistungen einzusparen, sondern auch mehr Steuergelder zu generieren. Das soll der Wirtschaft helfen und dem Staat unterm Strich Milliarden von Euro zusätzlich einbringen. Aber wie realistisch ist das eigentlich? In der Debatte um Bürgergeld und BürgergeldempfängerInnen kursieren viele Klischees und gefühlte Wahrheiten. Was ist Fakt und was Polemik? Das wollen wir heute im Forschungsquartett mal genauer unter die Lupe nehmen. Ich bin Ina Lebedjew. Hi! Das Forschungsquartett – Wissenschaft bei detektor.fm. Wer arbeiten kann, soll einen Job annehmen. Und zwar möglichst schnell. So könnte man die Grundidee hinter der neuen Grundsicherung zusammenfassen. Wenn der Bundestag der Reform zustimmt, ist das Bürgergeld Geschichte. Und damit auch die viel zu laschen Regeln, wie KritikerInnen finden. Wer etwa Termine beim Jobcenter sausen lässt, muss künftig damit rechnen, dass das Geld gekürzt wird. Bei drei versäumten Terminen sogar um 100 Prozent. Wird das denn tatsächlich mehr Menschen in Arbeit bringen? Derzeit gibt es rund 5,5 Millionen BürgergeldempfängerInnen in Deutschland. Stimmt es, dass viele von ihnen gar nicht nach einem Job suchen und mehr Druck brauchen? Und wenn sie nicht nach Arbeit suchen, woran liegt das eigentlich? Das haben nun ForscherInnen der Bertelsmann Stiftung in einer Studie untersucht. Das Ziel ist es, mehr Fakten in eine ziemlich emotionale Debatte zu bringen. Der Sozialwissenschaftler und Psychologe Tobias Ortmann hat an der Studie mitgearbeitet. Mein Kollege Johannes Schmidt hat mit ihm über die Ergebnisse gesprochen. „Was wir wissen wollten, ist, was die Bürgergeldempfänger eigentlich so tun. Das heißt: Suchen sie einen Job? Mit welcher Intensität suchen sie einen Job? Und was machen auf der anderen Seite die Jobcenter? Bieten sie einen Job an? Bieten sie eine Maßnahme an, also eine Qualifizierung? Oder vielleicht auch gar nichts? Was wir gemacht haben, ist, wir haben 1.006 arbeitslose Bürgergeldempfänger befragt, die seit mindestens einem Jahr im Bürgergeldbezug sind, im Alter von 25 bis 50. Das heißt, so haben wir einerseits Personen befragt, die schon Erfahrungen mit dem System gemacht haben, eben wegen des einjährigen Bürgergeldbezugs mindestens. Und auf der anderen Seite haben wir mit 25 bis 50 eine Personengruppe befragt, die noch nicht den Blick Richtung Rente hat oder den Übergang sozusagen in eine andere Lebensphase, sondern erwerbsfähig sind und auf der Suche nach einem Job sein sollen. Dann schauen wir uns die Befunde vielleicht mal an, zumindest ein paar von ihren Befunden. Wie steht es denn um die viel diskutierte Jobsuche, um den Eifer bei der Jobsuche? Da kursieren ja viele Klischees und Vorurteile, auch durchaus über BürgergeldempfängerInnen. Wie regelmäßig schauen denn die meisten von denen nach einer neuen Stelle? Also was wir gefragt haben, ist: Haben sie in den letzten vier Wochen nach einem Job gesucht? Relativ einfache Frage. Also Wir haben nicht nach der gesamten Dauer des Leistungsbezugs gefragt, sondern haben gefragt, ob aktuell die Personen, die aktuell im Leistungsbezug sind, ob eben da ein Job gesucht wird. Was wir herausgefunden haben, ist: 57 Prozent, also mehr als die Hälfte der Leistungsbeziehenden, hat in den letzten vier Wochen nicht nach einem Job gesucht. Und das, obwohl sie erwerbsfähig sind, laut Definition, sonst wären sie eben nicht im Bürgergeldsystem. Können also mindestens drei Stunden am Tag arbeiten, laut Definition. Und ja, das ist sozusagen der zentrale Befund. Wir haben dann auch nochmal genau hingeschaut: diejenigen, die suchen, wie viele Stunden suchen die eigentlich? Und da hat es uns aufgefallen: Okay, die allermeisten suchen gar nicht. Und diejenigen, die suchen, die suchen nur ganz wenige Stunden. Also wenn man überlegt, okay, eigentlich haben diese Personen ja Zeit, Vollzeitequivalenz würden wir sagen, also äquivalent zu einem Vollzeitjob, 40 Stunden die Woche. Diese 40 Stunden die Woche werden aber eben nicht genutzt, in den allermeisten Fällen, um einen Job zu suchen. Ja, das ist ja schon mal eine interessante erste Zahl, dass nämlich gut die Hälfte in den letzten vier Wochen nicht nach einer Stelle gesucht hat. Sie haben sich ja nicht nur für diesen Befund interessiert, sondern haben auch nach den Gründen dafür gefragt. Was haben Sie denn da zu hören bekommen? Woran liegt das? Ja, also es war keineswegs so, dass die Personen gesagt haben, ich suche keinen Job und sich dann in Ausreden wiedergefunden haben, sondern sie konnten sehr konkret auch benennen, warum sie keinen Job suchen. Das haben zu Dreivierteln, also Dreiviertel der Nichtsucher, haben gesagt, ich suche keinen Job, weil ich es aus gesundheitlichen Gründen nicht kann. Dreiviertel in einem System, in dem eigentlich die Personen erwerbsfähig sind. Wir sehen unter den Nichtsuchenden eben Dreiviertel wegen gesundheitlicher Probleme. Wir sehen aber auch, dass knapp die Hälfte sagt, dass sie eben wenige passende Stellen finden. Also nicht auf Stellensuche, nicht auf Jobsuche sind, weil sie keine passenden Stellen finden. Was wir auch herausgefunden haben, ist, dass viele etwa ein Viertel sagen, dass sich ihre finanzielle Lage nicht verbessern würde durch einen Job. Was natürlich bemerkenswert ist. Personen sind im Leistungssystem und haben dann das entweder tatsächliche oder gefühlte, den gefühlten Grund, nicht suchen zu wollen, weil eben die Erwerbstätigkeit sich für sie finanziell nicht lohnt oder angeblich nicht lohnt. Wir haben auch noch natürlich Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen als Gründe, die Angst, mit der Bewerbung zu scheitern. Und 11 Prozent sagen auch, sich mit Gelegenheitsarbeit über Wasser zu halten. Das kann alles Mögliche sein. Das können Minijobs sein, das kann eine Aushilfstätigkeit sein. Das kann aber im Zweifel auch mal eine nicht angemeldete Tätigkeit sein. Das heißt, die Gründe sind vielfältig und gerade bei den gesundheitlichen Problemen, weil das natürlich eine sehr sensible Frage ist, ein sehr sensibler Befund auch, haben wir an mehreren Stellen des Fragebogens gefragt: Wie geht es Ihnen? Ihr alltägliches Leben, wie bewerkstelligen Sie das? Und da sagen eben auch ganz, ganz viele, auch unabhängig jetzt dieser Jobsuche, gar nicht im Kontext der Jobsuche gefragt, sondern eben im Alltag berichten viele von körperlichen Einschränkungen, viele davon auch depressiv zu sein, niedergestimmt zu sein, trübsinnig zu sein. Das heißt, dieser Befund von drei Vierteln ist nicht konstruiert, ist nicht, dass wir an jeder Stelle gefragt haben: Warum suchen Sie nicht? Und jetzt nennen Sie uns mal einen Grund, sondern an mehreren Stellen und auch sehr nachvollziehbar wurde gesagt, dass man eben nicht erwerbsfähig im klassischen Sinne, im definitorischen Sinne ist und das eben in einem System, was in Arbeit integrieren soll und eben kein Abstellgleis sein soll. Das heißt, diese Menschen, auch über die Sie gerade gesprochen haben, werden vom Jobcenter trotzdem als voll erwerbsfähig geführt. Genau, also die Personen stehen laut Definition den Vermittlungsbemühungen der Jobcenter bereit, so heißt es im Gesetz, sollen eigenbemüht auf Jobsuche sein. Das sind alles die Definitionen, um überhaupt im Bürgergeldsystem zu landen. Wenn man das nicht kann, dann ist das nicht das richtige System. Wir haben jetzt herausgefunden, wir haben genau diese Leute befragt, die erwerbsfähig sind, die Bürgergeld beziehen, aber eben dieser Erwerbsfähigkeitsbegriff scheinbar in der Akte hinterlegt ist im Jobcenter, aber in der Praxis gar nicht so vorzufinden ist. Ja, das ist ja schon mal ein spannender Umstand. Was ich mir auch vorstellen könnte als Frage an Sie: Gibt es da Unterschiede zwischen den Geschlechtern? Weil gerade beim Thema Care-Arbeit könnte ich mir vorstellen, dass das bei Frauen nochmal eine größere Rolle spielt als bei Männern. Liege ich da richtig? Ja, also das sehen wir an der Studie an ganz, ganz vielen Punkten. Wir sehen, dass Frauen seltener eine Stelle suchen. Wir sehen, dass Frauen besonders dann selten auf Stellensuche sind, wenn sie ein Kind haben, ein kleines Kind im Haushalt. Also lebt. Wir sehen aber auch, dass Frauen mit Migrationshintergrund seltener suchen, womöglich auch wegen stereotyper Geschlechterrollen. Also eben da dieses Verdienermodell, die Verdienerrolle bei Frauen nicht so verbreitet ist wie vielleicht in der allgemeinen Bevölkerung. Und genau, wir sehen das sowohl bei der Stellensuche, also bei den Suchambitionen, aber sehen das auch bei dem, was die Personen von den Jobcentern angeboten bekommen. Das heißt, Frauen sind nicht nur weniger eigen bemüht, sondern bekommen auch weniger Angeboten, sowohl was Stellen, aber auch was Maßnahmen angeht. Heißt die Gleichstellung von Mann und Frau, wie sie auch im Sozialgesetzbuch steht, wie sie also qua Definition vorherrschen sollte in der Praxis, die sehen wir da auch eben nicht realisiert. Wir sehen eben, dass die Jobcenter hier auch nicht abwägen, aber zumindest ihre Angebote selektieren und eben auch selektieren nach Geschlecht. Die Rolle der Jobcenter, die wollen wir uns später auf jeden Fall auch noch genauer anschauen. Vielleicht an der Stelle nochmal der Blick auf einen weiteren Faktor, den Sie untersucht haben, der mich noch interessieren würde. Und zwar Stichwort Langzeitarbeitslosigkeit, also die Dauer des Leistungsbezugs, wie lange jemand bereits im Bürgergeld war oder ist. Welchen Einfluss hat das denn auf die Jobsuche? Ein Rieseneinfluss. Wir sehen, dass das mit der stärkste Faktor ist bei der Stellensuche, weil wir eben sehen, dass hier länger die Personen im Leistungsbezug sind. Wir haben uns verschiedene Kategorien angeguckt, haben zum Beispiel auch angeschaut, diejenigen, die schon mindestens fünf Jahre im Leistungsbezug sind. Die haben eine extrem geringere Wahrscheinlichkeit, auf Jobsuche zu sein. Wir erklären uns das eben mit einer Resignation, mit einem Teufelskreis. Wenn man also selber nicht auf Jobsuche ist, seltener am Erwerbsleben teilnimmt, auch teilgenommen hat in seiner gesamten Erwerbsbiografie und dann lange Phasen der Arbeitslosigkeit hat, desto weniger gelingt es einem, Arbeitsmarkten hier zu behalten. Heißt, Qualifikationen werden älter, Erfahrungen werden alt. Der Arbeitsalltag wird anders. Es ist kein geregelter Arbeitsalltag mehr, der mit einer Erwerbstätigkeit gut zu kombinieren ist. Das heißt, die Personen verlieren ihre Struktur, widmen vielen Dingen im Alltag anderen Dingen. Haben wir eben gesehen als die Stellensuche und das verstärkt sich. Das ist ein Teufelskreis und je länger der andauert, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, selber noch auf Jobsuche zu sein. Ja, das ist vielleicht ein guter Moment für eine kleine Zwischenbilanz der Ergebnisse, Herr Ortmann. Und zwar, ich habe es am Anfang schon mal gesagt, wird ja über BürgergeldempfängerInnen oder jetzt dann Empfänger der neuen Grundsicherung eine ganze Reihe von Klischees, Scheinwahrheiten, gefühlten Wahrheiten diskutiert. Insbesondere jetzt nochmal in den letzten Monaten, als es viel um diese Reform ging. Wie ist es Ihnen denn da ergangen? Welche Annahmen, die so kursieren, haben Sie vielleicht durch die Ergebnisse der Untersuchung bestätigt gesehen? Wo waren Sie vielleicht auch überrascht über die Ergebnisse? Also der wirklich krasseste Befund ist natürlich der der Erwerbsfähigkeit. Wenn wir sagen, wir haben ein System, in dem erwerbsfähige Personen auf Jobsuche sind und auch in Arbeit integriert werden sollen, dann sehen wir aber gleichzeitig, etwa die Hälfte der Befragten hat jeweils chronische oder psychische Erkrankungen. Dann sehen wir in der Gruppe der Nichtsuchenden haben wir sogar drei Viertel, die von gesundheitlichen Problemen sprechen. Das heißt, wir haben hier kein System, in dem allein faule Personen sich Gründe überlegen, warum sie nicht auf Jobsuche sind. Wir haben ein System, in dem ganz viele Personen nicht erwerbsfähig sind, so erwerbsfähig wie es im Gesetz steht. Das heißt, wir haben ein System, in dem Personen drinstecken, die in das System hineingekommen sind, in dem das System diese Personen in einer Art Teufelskreis festhält, eben nicht die passende Förderung. Darüber werden wir gleich sicherlich sprechen. Bietet und wir somit auf beiden Seiten, also sicherlich auch auf Seiten der Leistungsbeziehenden, aber auch auf Seiten der Jobcenter eben extrem Nachholbedarf haben mit Blick auf die Problemlagen, die das System eben beschäftigt. Und wie steht es um die berühmten Totalverweigerer? Weil da wurde ja in den letzten Monaten in der politischen Debatte teilweise der Eindruck erzeugt, zumindest bei mir, dass wenn man die Nummer richtig flott macht und macht denen mal Beine, dass dann hunderttausende Menschen in den Arbeitsmarkt strömen und die schwächelnde deutsche Wirtschaft unterstützen. Was haben Sie rausgefunden über die sogenannten Totalverweigerer? Gut, ich sagte es ja eingangs, wir haben viele Personen mit körperlichen Einschränkungen und das auch sehr nachvollziehbarerweise. Die also im Alltag berichten, dass sie diesen eben nur mit körperlichen Einschränkungen und psychischen Problemen bewältigen. Wenn man diese Personen nun sanktioniert, dann wird dieser Teufelskreis natürlich nur noch gefördert. Die allerwenigsten in der Befragung, so ist unser Eindruck, waren auf der Suche, sich irgendwelche Gründe zu überlegen, warum sie keinen Job suchen, sondern sie konnten sehr konkret benennen, warum sie nicht auf Jobsuche sind und haben eben auch gute Gründe benennen können, warum das nicht der Fall ist. Einerseits natürlich auch Gründe, die bei ihnen selbst liegen, aber auch Gründe, die auf Seiten der Jobcenter liegen. Das heißt, wenn hier jetzt sanktioniert wird, wenn Leistungen also im Sinne einer Totalverweigerung komplett eingestellt werden, dann, so die Vermutung, fördert das nicht die Reduzierung dieser Vermittlungshemmnisse, also geringe Qualifikationen, auch Abkehr vom Arbeitsmarkt und gesundheitliche Probleme, sondern es fördert diese. Denn was das zeigt in unserer Studie: Viele Befragte brauchen eine intensivere Förderung und keine Forderung in dem Sinne, dass ihnen nicht geholfen wird, sondern alles sanktioniert wird, weil sie scheinbar total verweigern. Das sehen wir in den Daten eben nicht. Ja, ich wollte die Frage eigentlich ganz zum Schluss stellen, aber dann stelle ich sie jetzt an der Stelle schon, weil dann sind wir ja schon mit einem Bein in der Reform des Bürgergeldes, der neuen Grundsicherung, wie sie jetzt heißen soll. Die wurde jetzt im Dezember vom Kabinett beschlossen, soll im neuen Jahr kommen. Und es würde mich interessieren, wie Sie auf diese Veränderungen blicken. Da ist ja vor allem von Verschärfungen die Rede. Wer zum Beispiel Termine beim Jobcenter einfach sausen lässt, kriegt Leistungen gekürzt oder irgendwann sogar dann komplett gestrichen. Wie bewerten Sie die neue Grundsicherung? Gibt es da positive Aspekte oder sehen Sie da vor allem solche Probleme, wie Sie sie gerade schon angesprochen haben? Natürlich muss man das Thema Sanktionen differenziert betrachten. Also das ist kein Denken im Sinne von Sanktionen unbedingt, aber auch nicht im Sinne von Sanktionen auf gar keinen Fall. Heißt, wir sehen in der Forschung, dass Sanktionen die Jobaufnahmen schon erhöhen. Das heißt, wenn ein gewisser Druck ausgeübt wird, der nicht zu hoch ist, dann fördert das die Jobaufnahmen und dann kann das die Jobaufnahmen auch nachhaltig fördern. Das heißt, die Personen landen nicht sofort wieder in Arbeitslosigkeit, weil sie vielleicht den erstbesten Job gemacht haben oder aufgenommen haben, besser gesagt. Problem ist aber jetzt, wird eben in der neuen Grundsicherung darüber gesprochen, dass bei Meldeversäumnissen zu 100 Prozent sanktioniert werden kann, wenn diese eben dreimal in Folge auftreten. Also dreimal in Folge wird man nicht vorstellig beim Jobcenter, dann soll sanktioniert werden können bis hin zu 100 Prozent. Das ist schwierig aus vielen Gründen. Einerseits verfassungsrechtlich. Das Bundesverfassungsgericht hat schon bei den Pflichtverletzungen, also wenn man eine Arbeit nicht annimmt, zu einer Maßnahme nicht hingeht, eine Qualifizierung nicht antritt, da hat das Bundesverfassungsgericht schon gesagt, mit Blick auf die Menschenwürde, mit Blick auf das Existenzminimum, mehr als 30 Prozent Kürzung ist deswegen da nicht drin. Wenn jetzt bei den Meldeversäumnissen, die ja vermeintlich weniger schwerwiegend sind, weil ein Termin nicht wahrgenommen wird, wenn da die 100 Prozent Sanktionierung droht, dann ist das verfassungsrechtlich mehr als schwierig. Die Argumentation ist hier: Sozialleistung kann nur der bekommen, der erreichbar ist, so steht es auch im Sozialgesetzbuch. Allerdings wäre hier die Vermutung, dass die Menschenwürde, das Existenzminimum hier dennoch schwerer wiegt. Und das ist natürlich das viel größere Problem. Wir haben jetzt in der Debatte sehr lange über Sanktionen, also über die wenigen gesprochen, die sich weigern. Wir haben aber nicht darüber gesprochen, wie man die Personen fördern kann, wie man also gut qualifizieren kann, also nachhaltig in Arbeit integrieren kann. Und genau das wäre jetzt auch meine letzte Frage, weil Sie haben zusammen mit den Kollegen und Kolleginnen ja nicht nur die Zahlen und Befunde zusammengetragen, sondern auch ein paar Empfehlungen an die Politik formuliert, damit mehr Menschen schneller in Arbeit kommen. Ja, dann schießen Sie mal los. Was würden Sie denn sagen, was es in Richtung eben nicht nur der Sanktionierung, sondern der Förderung dringend bräuchte? Genau, ich sagte es ja schon, wir haben ganz viel über Sanktionierung, wir haben ganz viel über die wenigen Verweigerer gesprochen in der Debatte. Wir haben nicht darüber gesprochen, was es braucht, um Personen langfristig in Arbeit zu kriegen. Ich sprach davon, viele sind weit weg vom Arbeitsmarkt, haben einen anderen Alltag, haben Probleme, die erst bewältigt werden müssen. Heißt, es braucht eine Qualifizierung, einen gezielten Abbau von Vermittlungshemmnissen. Maßnahmen, die angeboten werden, die eben Arbeitsmarktnähe schaffen. Das kann ein Gesundheitsangebot sein, das kann eine Qualifizierung sein und bestenfalls ist es eine Qualifizierung mit Abschluss, also keine Qualifizierung, wo man wenige Wochen bei einem Bildungsträger sitzt, vielleicht ein Bewerbungstraining bekommen hat und diese Qualifizierung nicht nachhaltig ist. Nachhaltig meinen wir hier mit einem Abschluss, bestenfalls die Anerkennung von Kompetenzen und dann eben die Möglichkeit, nachhaltig in eine qualifizierte Beschäftigung zu kommen. Das kann aber auch bedeuten, zu fördern, wenn es darum geht, Langzeitarbeitslose in eine Beschäftigung zu bekommen und da Lohnkostenzuschüsse zu geben. Das heißt, mithilfe des sogenannten Passiv-Aktiv-Transfers, sehr technischer Begriff, können Leistungen, die sonst gezahlt werden, also die Geldmittel des Bürgergeldes oder der neuen Grundsicherung, genutzt werden, um Beschäftigung zu fördern. Das heißt, es wird die Beschäftigung, die Stelle finanziert, der Lohn also bezuschusst, wenn diese Personen der Beschäftigung nachgehen. Das heißt, Stück für Stück kann man 100 Prozent fördern, man kann dann in den darauffolgenden Jahren 50 Prozent fördern und so sukzessive runtergehen, sodass Arbeitgeber auch einen Anreiz haben, Langzeitarbeitslose zu beschäftigen, weil die Lohnkosten geringer sind. Andererseits aber die Langzeitarbeitslosen selbst Stück für Stück herangeführt werden an Arbeit und auch nicht ab Tag 1 dieselben Erwartungen an Langzeitarbeitslose gestellt werden, wie sie vielleicht an andere Beschäftigte gestellt werden. Und das Ziel muss sein, Arbeit statt Arbeitslosigkeit zu finanzieren. Also nicht diese Passivleistung, nicht das Verwalten der Arbeitslosigkeit in den Vordergrund zu rücken, sondern eben die Aktivierung der Personen durch Arbeit. Heißt allerdings auch, dass Gelder geschaffen oder Gelder freigegeben werden müssen für diese Eingliederung. In den letzten Jahren haben wir gesehen, haben wir in einer vorherigen Studie beleuchtet, dass ein großer Teil der Eingliederungsmittel der Jobcenter genutzt wird, um die Verwaltungskosten zu tragen. Das heißt, das, was eigentlich für die Qualifizierung, für die Maßnahmen der Arbeitslosen genutzt werden sollte, wird genutzt, um Kosten der Verwaltung der Jobcenter zu bezahlen. Es ist auch nachvollziehbar, dass die Kosten gestiegen sind. Höhere Tarifabschlüsse, Mietkosten, Ausstattung der Jobcenter, alles ist teurer geworden. Das heißt, natürlich braucht es da eine gute finanzielle Ausstattung. Was aber nicht sein kann, ist, dass infolge dieser höheren Gehälter der Jobcenterbeschäftigten dieses Geld nur damit aufgebracht werden kann, dass aus der Eingliederung, also aus dem Qualifizierungsbudget der Arbeitslosen, etwas genommen wird. Also ja, auf dem Papier sind auch die neuen Ideen der sogenannten neuen Grundsicherung gut. Aber hier muss man eben auch sagen, auch auf dem Papier las sich das Bürgergeld, die Bürgergeldreform, sehr gut. Das Problem ist immer die konkrete Ausgestaltung und vor allem die konkrete Ausgestaltung im Hinblick auf finanzielle Mittel. Wenn die gegeben sind, kann man gut und nachhaltig qualifizieren und muss nicht darüber sprechen, wer wann unter welchen Umständen sanktioniert wird. Das gehört dazu. Aber, und das sagt die neue Bundesregierung jetzt selbst im Gesetzentwurf, das spart eigentlich nicht. Das erhöht sogar vielleicht noch die Kosten, weil jede Sanktion mit mehr Bürokratie, mit einem höheren Verwaltungsaufwand verbunden ist. Das bindet Ressourcen. Was viel besser Kosten spart und auch den Menschen viel gerechter wird, ist eben nachhaltig in Arbeit zu integrieren. Wir sehen bei hunderttausend Arbeitslosen, die den Weg in den Arbeitsmarkt schaffen, Einsparpotenzial von etwa einer Milliarde. Das heißt, was Geld spart, ist der Eintritt in Arbeit und eben nicht die Sanktionierung. Es stimmt also tatsächlich, ein großer Teil der BürgergeldempfängerInnen hat in letzter Zeit nicht nach einem neuen Job gesucht. Aber das hat nur in den wenigsten Fällen mit Faulheit zu tun, wie wir gerade von Tobias Ortmann gehört haben. Er ist Sozialwissenschaftler und Psychologe und hat an der Studie von der Bertelsmann Stiftung mitgearbeitet. Mein Kollege Johannes Schmidt hat mit ihm gesprochen. Das Fazit dieser Folge: Härtere Sanktionen für Verweigerer allein werden also nicht mehr Menschen in Arbeit bringen, wenn viele von ihnen eigentlich mehr Hilfe und Förderung bräuchten. Und damit war es das für heute von uns. Vielen Dank fürs Zuhören. Wenn ihr mögt, was wir hier machen, dann folgt uns gern. Lasst uns ein Like in eurer Lieblings-Podcast-App da und empfehlt das Forschungsquartett gerne weiter. Dankeschön! Bis zum nächsten Mal. Macht’s gut! Ich bin Ina Lebedjew. Tschüss! Das Forschungsquartett – Wissenschaft bei detektor.fm. Untertitel im