In „Rumänien. Geschichte, Literaturkritik, Erinnerungen“ zeichnet Schlojme Bickel das lebendige Bild einer jiddischen Lebenswelt im Rumänien der Zwischenkriegszeit. Zum ersten Mal wurde sein Buch nun ins Deutsche übersetzt.
Schlojme Bickel (1896-1969) war ein jüdischer Intellektueller — Jurist, Schriftsteller, Literaturkritiker und Herausgeber verschiedener jiddischer Zeitungen. Heute könnte man ihn als Kulturaktivisten bezeichnen, der sich für die jüdische Minderheit im damaligen Großrumänien einsetzte. Nach dem ersten Weltkrieg 1918 hatte sich das Königreich in Fläche und Bevölkerung um ein Vielfaches vergrößert und wurde zu einem Vielvölkerstaat – geprägt von politischen Spannungen.
Eine zentrale Rolle spielte für Bickel das Jiddische. Die Sprache war nicht nur Kommunikationsmittel, sondern Ausdruck kultureller und politischer Selbstverortung. In einem vielsprachigen Umfeld entschieden sich viele bewusst für das Jiddische — als Zeichen von Zugehörigkeit und Widerstand gegen Assimilation und antisemitische politische Bestrebungen. Bickel wurde zu einer einflussreichen Figur dieser jiddischen, kulturellen und auch politischen Bewegung, die zum Ziel hatte das Jiddische zu modernisieren.
Diejenigen, die sich damals bewusst für das Jiddische entscheiden, die machen ganz viel selbst: Sie organisieren die Kulturabende, sie gründen Organisationen, sie gründen Zeitungen, sie bilden die Kinder und die Jugend aus, werden Lehrer und Lehrerinnen und tun meistens mehr als eine Sache.
Carolin Piorun, Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur - Simon Dubnow
Einen Einblick in die lebendige jiddische Kulturszene liefert Bickels Monografie “Rumänien. Geschichte, Literaturkritik, Erinnerungen”, die er 1961 zuerst auf Jiddisch veröffentlichte und die nun zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt wurde. Über zwei Jahrzehnte hinweg schrieb er Essays, die ein facettenreiches Bild des jüdischen Lebens im Rumänien der Zwischenkriegszeit zeichnen. Dabei handelt es sich um Portraits wichtiger jüdischer Persönlichkeiten seiner Zeit, aber auch um die Beschreibung von Orten und Schlüsselmomenten der jüdisch-rumänischen Geschichte.
Man denkt an Rumänien und vor allem an Großrumänien als ein Land, in dem Antisemitismus eine große Rolle spielte und man viel über jüdische Verfolgung weiß. Aber hier fällt wieder auf, wie wenig wir eigentlich über die Verfolgten wissen, was sie eigentlich motiviert hat, was sie gemacht haben.
Dr. Gaëlle Fisher, Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa
In dieser Live-Ausgabe des Forschungsquartett spricht detektor.fm-Moderatorin Jessica Hughes im Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa, GWZO, mit der Mitherausgeberin von Bickels Neuedition Dr. Gaëlle Fisher und mit Carolin Piorun vom Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur — Simon Dubnow über die Bedeutung von Bickels Werk und über die Frage, welche Chancen die erstmalige deutschsprachige Übersetzung für die Wissenschaft mit sich bringt.