Das Forschungsquartett in Kooperation mit dem Leibniz Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europas und dem Leibniz Institut für jüdische Geschichte und Kultur. Simon Dubnoff. Schön, dass Sie alle hier sind und auch schön, dass Sie diesen Podcast gerade lauschen. Falls Sie den Podcast hören, befinden wir uns hier mitten in der Leipziger Innenstadt in einem ziemlich schönen Altbau, einer der ältesten Ladenpassagen in Leipzig, dem Speckshof.
Und in Leipzig herrscht gerade der jährliche Ausnahmezustand. Gerade ist nämlich die Leipziger Buchmesse und die Stadt ist voll mit Menschen, die Lust auf Bücher haben. Parallel zur Leipziger Buchmesse findet Europas größtes Lesefestival statt: Leipzig liest. Und das trifft sich ganz gut, denn ein neues Buch haben wir hier heute auch dabei.
Ja, zuerst aber nochmal für alle, die das Forschungsquartett noch nicht kennen: Das ist unser Podcast, in dem wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern direkt über die Schulter schauen dürfen. Ja, neue Entwicklungen und Ergebnisse aus der deutschen Forschungslandschaft also direkt mitbekommen. Wir, das sind übrigens, das ist detektor FM, das Podcastradio, und mein Name ist Jessi Hughes. Also nochmal Hallo und natürlich sitzen neben mir auch zwei Gästinnen, zwei Wissenschaftlerinnen, die heute dabei sind. Vielleicht könnt ihr euch einfach kurz selbst vorstellen.
Ja, gerne. Mein Name ist Gail Fischer. Ich bin Historikerin und arbeite hier am Leibniz Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europas. Ich forsche neben anderen Tätigkeiten zur Geschichte des Holocaust in Rumänien. Auch Hallo von mir. Ich heiße Caroline Piorun und ich bin Doktorandin am Leibniz Institut für jüdische Geschichte und Kultur Simon Dubnoff. Und dort forsche ich zum jüdischen Pen Club, bei seiner jüdischen Schriftstellerorganisation.
Ja, der Star dieser Podcast-Folge heute, ich hoffe, damit trete ich euch jetzt nicht zu nahe, das seid nicht ihr, Caroline und Gail, das ist jemand anderes. Das ist Schleume Bickel. Und der hat zu unserer Veranstaltung heute hier auch was zu sagen. Ich habe allein gestellt zu meiner Disposition eine Ehre an Schuhe. Und eine Ehre an Schuhe war ein Rahmen für ein Rednerskolleg und es ist auch ein Rahmen für ein Ziehhörergeduld. Und so gut, ich versuche hinzuhören. Ich verstehe leider nicht alles. Deswegen freue ich mich, dass wir hier heute Caroline mit dir eine jüdische Expertin da haben.
Was hat Schleume Bickel denn hier gerade erzählt? Also, er hat zum Vortrag begrüßt, den er 1960, wie du sagst, es galten hat und hat Folgendes gesagt: Ich habe mir selbst ungefähr eine Stunde zur Verfügung gestellt. Ungefähr eine Stunde, denn der Umfang der Kräfte eines Redners entspricht gleichzeitig dem Umfang der Geduld eines Zuhörers. Wir halten es also heute hier mit Schleume Bickel. An seiner Empfehlung halten wir uns mit einem Gespräch, das ungefähr eine Stunde dauern wird.
Ja, ihr fragt euch jetzt wahrscheinlich auch: Wer ist Schleume Bickel überhaupt? Die kurze Antwort ist: Er war ein jüdischer Intellektueller, Jurist, Schriftsteller, Herausgeber verschiedener Zeitungen, geboren im späten 19. Jahrhundert, und er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der jüdischen Sprache und Literatur Rumäniens. Aber vor allem war Schleume Bickel ein Archivar. Und aus diesem Grund sitzen wir hier heute auch eigentlich zusammen.
Er hat nämlich ein Buch verfasst, das jetzt zum ersten Mal aus dem jüdischen ins Deutsche übersetzt wurde. Dieses Buch liefert uns einen ganz einzigartigen Einblick in jüdisches Leben und Kultur im Rumänien der Zwischenkriegszeit, also zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Es heißt: Rumänien, Geschichte, Literaturkritik, Erinnerung. Zuerst veröffentlicht 1961. Da lebte Bickel schon eine Weile im Exil.
Und Gail, vielleicht hast du dieses Buch herausgegeben mit Franziska Sonomon. Was macht dieses Buch denn so besonders und warum hat es eigentlich so eine Art Archivcharakter? Ja, dieses Buch ist, ich glaube, schwer zu definieren was die Gattung angeht, was das Genre angeht. Es kann auf der einen Seite als ein Geschichtsbuch gelesen werden. Es hat viele historische Inhalte, die auch erzählen, was in der Vergangenheit in Rumänien im 20. Jahrhundert passiert ist.
Es hat aber auch den Charakter von einem Memoir, weil es so persönliche Eindrücke vermittelt, persönliche Begegnungen, die der Autor gemacht hat. Und es hat auch, ich finde, auch den Charakter so ein bisschen einer Anthologie, weil es so viel Literatur zitiert, versammelt, kommentiert. Und diese Literaturausschnitte werden teilweise zum ersten Mal hier ins Deutsche präsentiert, aber auch von Bickel kommentiert und eingebettet in diesem kulturellen Umfeld, in dem sie entstanden sind.
Sind die Texte eigentlich, ich habe es gerade schon gesagt, die sind also, das Buch ist 1961 zum ersten Mal veröffentlicht worden. Wann sind denn die Texte entstanden aus dem Buch? Die Texte, also Bickels Essays, also genau, das sind so 37 Kapitel und vor allem Essays, würde man sagen. Und die sind, er schreibt im Vorwort, dass er sie über 20 Jahre geschrieben hat. Vor allem als er ausgewandert ist aus Rumänien 1939, kurz vor dem Ausbruch des Krieges, ist er in die USA gekommen, nach New York.
Und dort hat er viel reflektiert über seine Erlebnisse, seine Erfahrungen und sein Leben in Rumänien in der Zwischenkriegszeit und hat angefangen, Essays zu schreiben, die er in unterschiedlichen Zeitschriften veröffentlicht hat. Und diese Essays hier sind, es ist so wie eine Auswahl seiner Schriften, die er über 20 Jahre geschrieben hat, die er dann zusammengestellt hat. Und er erklärt auch, warum er diese Essays ausgerechnet diese sozusagen zusammen veröffentlicht hat. Und das so entsteht so ein sehr zusammenhängendes Bild.
Ja, die Essays sind dann über längere Zeit geschrieben worden und erst in den 60ern veröffentlicht worden. Also wir werden auf jeden Fall später auch nochmal ein bisschen konkreter darüber sprechen, warum dieses Buch jetzt erst auf Deutsch übersetzt wurde, zum ersten Mal. Und ich habe mir gedacht, damit wir jetzt hier wirklich alle abholen, weil zum Verständnis des Forschungsquartetts: Die Themen sind wirklich sehr weitreichend.
Also ich glaube, die letzte Forschungsquartett-Folge, da ging es um wissenschaftliches Bohren. Das heißt, um jetzt hier alle mitzunehmen, die gerade zuhören, dachte ich, wir begeben uns jetzt erst mal in die Zeit Bickels, damit wir irgendwie ein Gefühl dafür bekommen. Wir haben hier gerade schon über Rumänien gesprochen, aber Rumänien damals ist nicht das Rumänien von heute. Wir springen mit Bickel jetzt vor allem in die Zeit von Großrumänien.
So, da habe ich mal eine Karte mitgebracht für alle, die gerade nicht so viel geografischen Background haben hier vor Ort. Und für mich ist das auch nicht so schlecht, einen Blick darauf zu werfen. Ich hatte nämlich ehrlich gesagt keine Ahnung, was Großrumänien eigentlich sein sollte. Also tatsächlich finde ich, sieht es erst mal gar nicht so viel anders aus als Rumänien heute. Richtung Nordosten in Rumänien ist es auf jeden Fall deutlich größer. Also das Gebiet, auch unten ein bisschen Ukraine von heute, ist quasi auch mit dabei.
In welchem Rumänien lebt Bickel denn damals? Genau, also Schleume Bickel ist in Galicien geboren, also noch in der Habsburger Monarchie, im Jahr 1896. Und danach, nach dem Ersten Weltkrieg, als er zurückkam, er war eingezogen worden, hat in der Habsburger Armee gekämpft, kam zurück und hat sich entschieden, nach Tschernowitz zu gehen, also Tschernauz in der Zeit. Eine Stadt, die zu Rumänien gekommen war nach dem Zerfall der Habsburger Monarchie.
Und das ist dann im Norden Großrumäniens, ganz oben. Und dieses Land ist ein Land, das 1918, man könnte sagen, neu entstanden ist mit drei größeren territorialen Gewinnern, sozusagen Siebenbürgen, die Bukowina und Bessarabien, das heutige Republik Moldau. Das ist ein neues Land und das ist fast doppelt so groß wie das Rumänien von vor 1918 und doppelt so groß auch im Sinne der Bevölkerung.
Und diese Bevölkerung ist dann auch sehr vielfältig, dadurch, dass die Grenzgebiete eine sehr ethnisch differenzierte Bevölkerung hatten. Genau, das ist dann größer als das Rumänien von heute, weil nur also Siebenbürgen ist jetzt immer noch Teil von Rumänien, aber Bessarabien nicht mehr. Okay, das heißt, Rumänien wird einfach um ein Vielfaches größer und wir haben jetzt plötzlich hier einen Vielvölkerstaat.
Da frage ich mich natürlich jetzt im Hinblick auf Bickels Biografie: Welche Rolle spielen Jüdinnen und Juden in Großrumänien? Also Jüdinnen und Juden in Großrumänien sind eine Minderheit, aber eine beträchtliche sozusagen. Also es sind 750.000 Menschen und viele davon leben in den Grenzgebieten. Rumänien hatte vor 1918 auch eine jüdische Bevölkerung. Sie wird nur durch diese territoriale Erweiterung, diese Bevölkerung wird viel vielfältiger.
Also es sind so jüdisch sprechende Menschen, es sind deutsch sprechende Menschen, es sind ungarisch sprechende Menschen. Und dadurch wird diese jüdische Gemeinschaft eine sehr vielfältige. Man sagt sogar, es gibt so fast sieben Judenheiten, sozusagen in Rumänien der Zwischenkriegszeit. Ja, ich habe mich natürlich gefragt: Sprechen alle Jüdinnen und Juden damals jüdisch in diesem Gebiet?
Das ist eine interessante Frage und komplizierte Frage, die du auch ergänzen kannst, Caroline. Es sind eine halbe Million Menschen in Rumänien, die jüdisch sprechen. Aber man muss sich das vorstellen, dass alle Jüdinnen und Juden mehrsprachig waren. Das ist eine Situation, wo Menschen mehrere Sprachen können und unter anderem können sie auch jüdisch. Und es gibt in der Statistik, fragt man häufig nach der Muttersprache, und das ist etwas irreführend, weil das Leben sich so gestaltet, dass man in unterschiedliche Räume unterschiedliche Sprachen benutzt.
Und ein Historiker David Shaari sagt zum Beispiel, dass wenn man jüdisch auch als Zweitsprache oder Drittsprache betrachtet, dann sprechen 80 Prozent der Jüdinnen und Juden in Rumänien jüdisch oder haben Kenntnisse der Sprache. Vielleicht mal am Beispiel Schleume Bickel einmal durchexerziert. Er geht auf ein polnisches Gymnasium, lernt Hebräisch privat, ist dann natürlich in der österreichisch-ungarischen Armee, spricht Deutsch und beginnt dann 1919, hat er sein erstes publizistisches Debüt auf jüdisch.
Und da ist er dann knapp 20 Jahre alt oder etwas älter und hat schon ein beträchtliches Sprachportfolio, das zusammenkommt und den Alltag auch prägt. Ehrlicherweise weiß ich auch nicht so besonders viel über das Jüdische. Also so aus dem Stehgreif, es ähnelt irgendwie dem Deutschen, der deutschen Sprache. Ich habe immer das Gefühl, so ein bisschen was verstehe ich. Und ich hätte eher vermutet, das ist eine Sprache, die man gar nicht unbedingt schreibt, sondern das ist eher eine gesprochene Sprache, ähnlich so wie das Schweizerdeutsche.
So, das ist so mein Stand. Ich bin mir sicher, das ist nicht ganz richtig. Deswegen, Caroline, was ist denn der Unterschied zwischen Jüdisch und einer anderen Sprache? Ich würde sagen, der vielleicht prägnanteste Unterschied, gemessen an dem, was wir unter Sprachen verstehen, ist, dass Jüdisch sprachwissenschaftlich als sogenannte Komponentensprache bezeichnet wird. Das bedeutet, dass sie aus verschiedenen Quellsprachen schöpft und daraus eine eigenständige und neuartige Sprache bildet.
Und das Mittelhochdeutsche und andere deutsche Dialekte sind eine der Quellsprachen des Jüdischen. Daher kommt es, dass einem als deutsch sprechende Person vieles irgendwo bekannt vorkommt oder man es sich herleiten kann. Aber gleichzeitig gibt es auch noch andere Quellsprachen, nämlich das Hebräische und das Aramäische als sehr wichtige Sprachen, natürlich für das Judentum, und auch romanische Sprachen. Und ein sehr großer Anteil sind dann auch die slavischen Sprachen in dem modernen Jiddisch, in dem auch Bickel geschaffen hat.
Wie ist das eigentlich heute? Ich war ganz erstaunt, du hast mir im Vorfeld erzählt, dass es tatsächlich auch Harry Potter auf Jiddisch gibt. Also mal ganz kurz ein Einblick quasi in die Zukunft von Bickel aus. Das Jiddische heute ist das immer noch eine lebendige Sprache im Judentum? Lebendig würde ich sie auf jeden Fall bezeichnen. Man muss vielleicht unterscheiden, dass wirklich Muttersprachler schöpfen sich eher aus dem ultraorthodoxen, also sehr religiösen jüdischen Milieu.
Da ist Jiddisch Alltagssprache und es gibt dann so gewisse Orte auf der Welt, in New York in Jerusalem, wo Viertel wirklich auch jiddischsprachig geprägt sind. Und wenn wir von Harry Potter sprechen, dann ist das natürlich säkulare Kultur und das ist ein anderes Milieu als jetzt dieses ultraorthodoxe. Aber beispielsweise jetzt der Übersetzer kommt auch aus einer New Yorker Familie, die das Jiddische weiter gepflegt und tradiert hat.
Und solche Übersetzungsprojekte sind natürlich einerseits für alle interessant, die sich irgendwie mit Jiddisch beschäftigen, aber vielleicht auch für Menschen, die mit dem Gedanken spielen, ihre Kinder auf Jiddisch zu erziehen. Und das heißt, wenn oder sagen wir es mal so, ein sehr großer Teil der jiddischen Literaturproduktion ist eher für Kinder, eben vor diesem Hintergrund. Genau, also es passiert sehr viel. Es gibt sehr viele kulturelle Initiativen oder auch junge literarische jiddische Stimmen im Buch.
Und ich glaube, das ist auch direkt im Vorwort fällt der Begriff des Jiddischlands, der, glaube ich, darauf referiert oder sich darauf bezieht, dass es eben kein eingegrenztes territoriales Gebiet gibt, wo jiddisch gesprochen wird, richtig? Also genau, und zum einen ist das eine Bezeichnung für diesen Sprachraum, der durch die gemeinsame jiddische Sprache entsteht. Und der Begriff zeugt natürlich auch von der Verbindung, die dadurch erzeugt wird.
Also man muss sich vorstellen, dass die jiddische Presse auch irgendwo eine Vernetzungsfunktion hatte. Das heißt, in Warschau wurden New Yorker jiddische Zeitungen gelesen und andersherum. Und so konnte man quasi Nachrichten aus der gesamten jiddischen Welt an verschiedenen Orten irgendwie zusammenbringen und lesen. Und natürlich ist das Jiddischland auch irgendwo ein Ersatz, ein ideeller Ersatz für einen Staat, den es nicht gibt zu dem Zeitpunkt.
Also es gibt zu dem Zeitpunkt keinen jüdischen Staat und auch später gibt es keinen Staat, der das Jiddische zu seiner Amtssprache erhoben hätte und sich mit der Pflege und Förderung dafür verantwortlich geführt hätte. Also diese Verbundenheit, die du gerade angesprochen hast, ist vielleicht ein ganz gutes Stichwort, um wieder zurückzuführen nach Großrumänien in der Zeit.
Im Vorwort geht es auch um verschiedene Spannungsfelder, die das Jiddische damals so mit sich bringt. Also dass Jiddisch zum Teil auch von verschiedenen Seiten instrumentalisiert wurde. Warum? Ja, also vor allem in Rumänien, ein Land mit diesen unterschiedlichen Regionen, die so unterschiedlich geprägt sind, gab es keine Einigkeit darüber, dass Jiddisch unbedingt die Sprache ist, die die Zukunft der jüdischen Bevölkerung darstellt.
Es gab in Altrumänien, also in diesen Gebieten Wallachie und Moldawien, ja, diese Kerngebiete. Altrumänien hier war die jüdische Bevölkerung stark assimiliert und hat viel rumänisch gesprochen. Und da hat die Elite vor allem gedacht, dass die Zukunft in der Assimilation ist und dass man sich an der Gesellschaft sozusagen in dieser Gesellschaft auch politisch beteiligen sollte auf Rumänisch.
Und diese Sichtweise dann ist aber nicht geteilt von allen Gemeinschaften in dem Land und dadurch wurde ja Spannung zwischen den Gruppen, die zum Beispiel kämpften für das Recht auf Bildung in der eigenen Sprache. Und dann die Frage war: Okay, aber für die jüdische Minderheit in Rumänien, die als nationale Minderheit gilt in der Zwischenkriegszeit, was ist dann die Sprache, die wir für Bildung brauchen? Ist das dann Hebräisch? Ist das Jiddisch? Und darüber gab es viele innerjüdische Konflikte.
Und es gibt auch Literatur, Kultur, Kunst von jüdischen Menschen in unterschiedlichen Sprachen. Und deswegen entwickelt sich dieses jüdische Rumänien oder jüdische kulturelle Produktion als eine Art der Ausdruck, unter anderem. Das heißt, wenn ich es richtig verstanden habe, wird Jiddisch schon fast so ein bisschen politisch. Es ist politisch innerhalb der Gemeinschaft.
Es ist eine Sprache, die ja eine Minderheit in Anführungszeichen für sich wählt, um Zusammengehörigkeit zu bekommen, aber vielleicht auch in Abgrenzung zu dem erstarkten Nationalismus. Es ist vielleicht deswegen auch eine Art Sprache einer Gegenbewegung, einer Grassroots-Bewegung. Und vielleicht ist jetzt die Frage, wo ordnen wir denn Bickel jetzt ein in diese Gemengelage? Also in welcher jüdischen oder jiddischen Bewegung war er denn damals unterwegs? Wofür hat er sich eingesetzt?
Ja, also er gehört, wie wir von Caroline gehört haben, er benutzt Jiddisch als eine moderne Sprache. Und es hängt damit zusammen mit der Politisierung der jüdischen Gemeinschaften. Und er steht, ist Sozialdemokrat in seinen politischen Ansichten und das ist dann vertreten durch Poalizion in der jüdischen Gemeinschaft. Und er steht für eine nationale Autonomie sozusagen der jüdischen Minderheit, die sich durch Jiddisch auch zum Ausdruck kommen kann.
Er ist so, was man beschreibt, als ein Kulturaktivist und ein Jiddischist, das heißt ein Befürworter der jüdischen Sprache in unterschiedlichen Situationen und kulturellen Errungenschaften. Und vielleicht nur zu diesem Begriff des Kulturaktivismus oder auch des Jiddischismus einfach so auch als historischer Hintergrund, um das besser greifen zu können.
Ich hatte es schon vorhin gesagt, dieser fehlende staatliche Rückhalt oder diese fehlende staatliche Zuständigkeit resultiert dann im Endeffekt darin, dass ein Kulturbetrieb oder auch ein Schulwesen mehr oder weniger selbstständig auf die Beine gestellt wird. Und das heißt, diejenigen, die sich bewusst für das Jiddische entscheiden, und hier haben wir auch wieder diese bewusste Entscheidung, die machen ganz viel selbst.
Also das heißt, sie organisieren die Kulturabende, sie gründen Organisationen, sie gründen Zeitungen, sie bilden die Kinder und die Jugend aus, werden Lehrer, Lehrerinnen und tun meistens mehr als eine Sache. Also das heißt, sie sind vielleicht nicht nur Literaten, sondern sie sind gleichzeitig auch Lehrer oder Herausgeber.
Also dadurch entsteht halt auch ein sehr dichtes Netzwerk und eine Kulturlandschaft, wo Literatur vielleicht auch gar nicht so leicht herausgelöst werden kann aus diesen ganzen Kontexten und auch zum Beispiel aus dem Kontext des Kampfs um jüdische Rechte, um Minderheitenrechte. Vielleicht werfen wir einfach mal einen Blick auf Bickel, damit wir wissen, um wen es hier eigentlich geht die ganze Zeit.
Also ich muss ehrlich zugeben, dass als ich dieses Bild gesehen habe von 1931, das ist auch auf dem Buchcover, dachte ich zuerst, dass der Herr in der Mitte mit diesem sehr herausfordernden Blick vielleicht Bickel sein könnte, weil er so zentral im Bild steht. Für alle, die das jetzt gerade nur hören, wir haben hier ein Bild mit ungefähr acht, neun, zehn Herren, die alle sehr adrett in Anzügen gekleidet sind und sich hier schön positioniert haben für ein Foto.
Es sind die Mitarbeiter der Bukarester Zeitung Kulturliege Vereinigung, pardon. Und ja, Bickel ist allerdings derjenige, der unten rechts von ihnen aus hier im Publikum sitzt und ich finde tatsächlich sein Lächeln schon sehr charismatisch und er lehnt auch irgendwie so ganz lässig über einem Stuhl. Ja, wie geht es euch wenn ihr das Bild anschaut, Caroline, Gail?
Ja, also ich teile den Eindruck. Ich finde, er hat irgendwie so ein Schalk in den Augen und so ein verschmitztes Lächeln, was man auch übrigens auf späteren Bildern auf denen er dann beträchtlich älter ist, auch irgendwo immer noch sieht. Also das Lächeln bleibt und dieser Ausdruck und ja, so ein bisschen spitzbübisch guckt er. Stimmt, ja, das ist ein gutes Wort dafür.
Ja. Gail, wie können wir uns Schleume Bickel denn so als Typ Mensch vorstellen? Du hast ja tatsächlich auch einen indirekten persönlichen Eindruck bekommen, weil du Kontakt hattest mit seinen Familienmitgliedern. Genau, ich habe seine Familienmitglieder in den USA kontaktiert, also seine zwei Enkelinnen, die ihn nur in den 60ern gekannt haben, also nicht so lange, ich glaube bis sie zehn oder zwölf waren, und aber auch sein Neffe, also der Sohn von seinem Bruder, der ihn dann auch in den USA gekannt hat.
Genau, er war also aus Sicht dieser Kinder sozusagen in der Zeit, war er ein Mann, der viele Stunden am Tag im Sessel saß und schrieb und jiddisch mit seinen Freunden sprach und einen Kreis hatte, um sich um über seine leidenschaftlichen Themen und sozusagen die Heimat zu sprechen. Er war aber in den USA, glaube ich, nach 20 Jahren dann in den 60ern gut etabliert und sprach dann auch natürlich Englisch mit den Enkelinnen.
Was ich noch vielleicht zu dem Bild ergänzen wollte und was ich hier spannend finde, weil das wird abgebildet, ohne dass man das unbedingt weiß, ist, dass diese Männer, die um ihn stehen, kommen aus den Grenzgebieten Rumäniens, unterschiedliche, und treffen sich dann alle in Bukarest. Und ich glaube, das ist auch interessant an diesem Phänomen in Großrumänien in der Zwischenkriegszeit. Kommt in Bukarest viel zusammen. Ein jiddisches Milieu entsteht in dieser Zeit und das ist ziemlich neu.
Und ich finde, Bickel ist so ein bisschen der Mittelpunkt. Und ich finde, das Bild dann zeigt diese Menschen aus Bessarabien, aus der Bukowina, aus Galicien, eingewandert nach Rumänien, aber treffen sich dann in Bukarest und irgendwas ganz Neues wird aufgebaut. Und über die Zeitschriften, die Publikationen werden Netzwerke gepflegt und wirklich irgendwas Neues aufgebaut, was dann auch die Begeisterung, einen Blick in diese Begeisterung gibt.
Ja, also ich habe mich natürlich auch gefragt, wie sah diese Lebenswelt von ihm, diese jiddische Lebenswelt überhaupt aus? Kann man sich das ein bisschen vorstellen, wenn ihr ihn als Kulturaktivisten beschreibt, als so eine Art Bohem? Also vielleicht, Caroline, weißt du mehr? Also mein Eindruck ist, dass er, also er war sozusagen, seine Politik hieß Politics, also politisch war er, wie gesagt, sozialdemokratisch, links.
Aber ich glaube, es ist trotzdem eine ziemlich konservative Welt, irgendwie aus unserem heutigen Blick. Es sind auch, es ist mir immer wieder aufgefallen, weil im Buch kommt, ich glaube, nur einmal den Namen von einer Frau vor. Das ist wirklich eine Männerwelt. Genau, aber ich glaube, die waren progressiv, künstlich gesehen. Es gab sehr viele Verbindungen zu Modernism, also zu dieser Kunstbewegungen.
Und oft sind die Publikationen auch sehr interessant illustriert mit Zeichnungen von künstlerischen Zeichnungen. Und was auch, glaube ich, wichtig zu wissen ist, dass seine jiddische Literatur und jiddische Texte, die sind aber sehr geprägt, natürlich, von Texten in anderen Sprachen, die zur gleichen Zeit produziert werden. Die Tendenzen, sozusagen, in dieser Literatur sind die gleichen wie in anderen Sprachen.
Und es kommen zum Beispiel in Rumänien zum jiddischen Theater, was eine sehr große Rolle spielt, kommen auch viele Nichtjuden und Nichtjüdinnen, die das Theater besuchen, weil es so progressiv ist. Also ich glaube, das ist alles wichtig. Ja, absolut. Und vielleicht noch, um hinzuzufügen, um sich sein Leben in Rumänien ein wenig besser vorzustellen.
Also er hat als Anwalt gearbeitet und praktiziert bis zu seiner Immigration. Das heißt, sein täglich Brot und seine tägliche Arbeit, ja, war jetzt vielleicht nicht so, also würde ich nicht als Bohem bezeichnen. Wäre nicht mein erstes Bild. Das passiert sozusagen nebenbei und rundherum. Das ändert sich ein wenig, als er emigriert.
Das hatte Gail mir auch erzählt, dass er dann nicht mehr als Anwalt praktizieren kann. Und das ist dann der Moment, wo er viel stärker, also wo er einerseits dann für die jiddischen Zeitungen mehr arbeitet, festangestellt arbeitet, mehr auf jiddisch publiziert, sich dort auch nochmal in anderen jiddischen Organisationen wieder sehr in den USA engagiert. Genau, aber für Rumänien muss man auch sagen, dass der jiddische Buchmarkt sehr prekär war.
Also das beschreibt er auch und das passt vielleicht ganz gut, denn dieser Mann in der Mitte, den wir auf dem Cover sehen, das ist Elieser Steinberg. Das ist ein, also er ist besonders bekannt für seine Fabeln und Bickel beschreibt oder erinnert sich an ihn und beschreibt, dass Steinberg sehr es ihm sehr wichtig war, dass Bücher auch fast wie ein sakrales Objekt sind, dass sie schön gestaltet sind.
Also er war ein Bibliophil und gleichzeitig war das wahnsinnig schwer umzusetzen. Aber Steinberg hat sozusagen darüber fast geweint, dass diese jiddische Literatur, die auf einem sehr hohen Niveau geschrieben wurde, dann auf sehr günstigem Papier, was eigentlich schon kurze Zeit später zerbröselte, gedruckt werden musste.
Also, das ist dann vielleicht auch nochmal die Realität dieser erstmal vielleicht sehr glamourös wirkenden Künstlerwelt, aber tatsächlich die wirtschaftliche Seite dessen. Ja, danke für die Einordnung, auf jeden Fall. Er hat ja in dem Buch, das wir hier gerade vorliegen haben, unheimlich viele Porträts veröffentlicht. Da frage ich mich natürlich: Was sind das für Leute? Und damit bekommen wir wahrscheinlich auch ein bisschen ein Gefühl für seine Lebenswelt. Um wen geht es denn da so in diesen Porträts?
Genau, ich glaube, es war ihm wichtig, ein Bild von Großrumänien zu zeichnen. Ein Bild, das sonst – also eine Perspektive, also eine jüdische Perspektive auf Großrumänien, die sonst oft zu kurz kommt oder gar nicht erwähnt wird. Und er hat das Buch – das hätte ich vielleicht vorher sagen können – aber er hat das Buch in drei Teilen aufgeteilt.
Der erste Teil heißt „Kampf für jüdische Rechte“ und hier geht es vor allem um diese Bemühungen, Gleichberechtigung für Jüdinnen und Juden in Rumänien zu bekommen im 19. Jahrhundert und weiter dann in der Zwischenkriegszeit, also politische Aktivitäten von Jüdinnen und Juden. Und da sind die Porträts dann vor allem von für mich bekannten Persönlichkeiten, die aktiv waren in dieser Zeit.
Im zweiten Teil, was heißt „Auf der jüdischen Gass“, beschreibt er wenige bekannte Leute und Ereignisse und auch so ein bisschen Skandalen oder Sachen, die unter Jüdinnen und Juden in dieser Zeit einfach bekannt wären. So eine Art Legenden oder so, die auch für uns dann einen Einblick in diese jüdischen Räume gibt. Und das zeichnet er dann auch in Porträts, aber auch in so Essays über genau zum Beispiel eine besondere Straße in Bukarest, die sehr bekannt ist für ihr jüdisch geprägtes Bild.
Und der dritte Teil, was der wichtigste ist, glaube ich, für ihn, heißt „Jüdisches Schaffen“. Und hier geht es wirklich nur um Literaten, die aus seiner Sicht so sehr bedeutsam waren, auch Publikationen. Und hier sind wieder Porträts, aber auch sehr viel Literaturkritik. Und hier zeichnet er ein Bild von dieser Vielfalt, also wie vielfältig dieses literarische Schaffen war.
Ja, wie geprägt von unterschiedlichen Sprachen: vom Russischen, vom Hebräischen, vom Rumänischen und auch, wie diese Menschen dann in Verbindung standen, welche Gemeinsamkeiten sie hatten und welche Austausche. Und hier ist immer die persönliche Note, weil viele hat er persönlich auch gekannt.
Ihr habt ja erzählt, dass er auch irgendwie eine ganz eigene Art hatte zu schreiben. Da haben wir im Vorgespräch drüber gesprochen. Definitiv nicht neutral und vielleicht auch mit einem ganz eigenen Humor. Und da wir ja heute hier bei Leipzig liest sitzen, bietet das sich natürlich an, dass wir vielleicht auch einfach mal kurz reinlesen in eine Passage, in ein Porträt. Vielleicht, Gael, du hast die Stelle rausgesucht. Vielleicht kannst du kurz sagen, um wen es geht und dann hören wir die Passage einfach zuerst mal auf Jiddisch.
Ja. Also, die Passage ist aus dem ersten Teil, also dieser Teil, wo er Porträts von bekannten politischen Gestalten zeichnet. Und die Persönlichkeit ist Wilhelm Vildemann. Der Grund ist, er ist sehr bekannt als der wichtigste Funktionsträger in der jüdischen Gemeinschaft im frühen 20. Jahrhundert in Rumänien. Aber auch ich forsche zu diesem Mann, deswegen hat es mich insbesondere interessiert.
Und genau, das ist eine sehr persönliche Einschätzung von diesem Mann. Sechs Ersäger in der Früh hat er sitzen, dick noch im Bett, schein diktiert einem von den Sekretären eine Appellationsschrift zum Gericht für seinen Klienten oder ein Memorandum zu der Regierung im jüdischen Ignionim. Dort ist er gestanden im Gericht und hat geteilt Pfarrer Monner in einem Prozess wegen Misscher.
Und dort ist er gesessen im Kabinett von einem Minister und hat verhandelt wegen beabigten jüdischen Rechten. Er ist nicht gewesen brillant, Vildemann, nicht wie ein Schreiber und euch nicht wie ein Redner. Aber gewesen ist er damit solid, damit actionistisch, eingebissen in jeden Brat, allemal dreist und klar und keinmal nicht gret zu absorbe, ob sein Gewissen ist nicht gewesen hundertprozentig beruhigt.
Und sein Teine und sein Actionis haben angehalten bis zu der letzteren Minute und haben herausgeschlagen, als was ist möglich. Früher hat er nicht abgelost. Dankeschön.
So, jetzt eine deutsche Übersetzung: Man musste Vildemann, den Anwalt, bei der Arbeit erleben. Ich habe niemanden gesehen, der dynamischer, energischer, fleißiger und mehr in allen Einzelheiten vertieft war als der Anwalt Wilhelm Vildemann. Schon um sechs Uhr morgens diktierte er noch im Bett einem der Sekretäre ein Appellationsschreiben ans Gericht für einen seiner Klienten oder ein Memorandum an die Regierung in jüdischen Angelegenheiten.
Bald plädierte er vor Gericht für einen Gläubiger in einem Wirtschaftsverfahren. Bald saß er im Kabinett eines Ministers und verhandelte über missachtete jüdische Rechte. Er war nicht brillant, Vildemann, weder als Autor noch als Redner. Aber er war immer solide, immer hartnäckig, in jede Einzelheit verbissen, immer mutig und klar und nie zu Kompromissen bereit, wenn sein Gewissen nicht hundertprozentig beruhigt war.
Seine Argumente und seine Hartnäckigkeit hielten an bis zur letzten Minute und schlugen alles heraus, was möglich war. Er gab nicht auf. Dankeschön. Ich mag besonders den Satz: „Er war nicht brillant“ und wie es dann auch weitergeht. Das finde ich auf jeden Fall sehr sympathisch, ehrlich.
So einen Text zu übersetzen, stelle ich mir auch ziemlich schwierig vor. Ich meine, das ist ein hundert Jahre alter Text, den muss man ja auch erst mal richtig verstehen auf Jiddisch. Was sind denn so Schwierigkeiten, die bei so einer Übersetzung mitschwingen?
Ja, einige. Beim Lesen merkt man auch, also in der deutschen Übersetzung, dass es viele Begriffe aus dem Hebräischen gibt, viele Hinweise auf Personen oder Phänomene, die man vielleicht nicht direkt einordnen kann, wenn man nicht sehr vertraut ist mit der jüdischen Kultur und Tradition. Das heißt, bei der Übersetzung war es eine Herausforderung, diese hebräischen Stellen zu übersetzen und auch viele rumänische Begriffe, die einfach ganz normal in diesem Text vorkommen, weil Jiddisch auch immer sehr geprägt ist von der Landessprache, also von der Umgebung.
Und es gibt unterschiedliche Dialekte, die auch von diesen Prägungen gekennzeichnet sind. Ich wollte dich das eigentlich auch fragen, weil du dich ja auch mit dem Jüdischen permanent beschäftigst. Also, was sind denn die Probleme, auf die du so stößt bei so einer Übersetzung?
Also vielleicht ganz grundlegend erst einmal auch Hilfsmittel zu haben. Also zum Beispiel ein gutes Wörterbuch, das direkt ins Deutsche vom Jiddischen übersetzen würde, das wäre sehr hilfreich, aber das haben wir nicht. Also sprich, wenn ich jetzt beispielsweise auch für meine Forschung übersetze und irgendwo an meine Grenzen stoße, dann nehme ich meistens Wörterbücher jüdisch-englisch, jüdisch-französisch, jüdisch-jüdisch.
Also, und dann muss ich nochmal den Weg zurück ins Deutsche finden, während an manchen Stellen man meint, es ist eigentlich so nahe, aber man muss dann doch nochmal einen Umweg einfach durch die Hilfsmittel, die zumindest nicht in der Breite da sind. Also natürlich gibt es so kleinere Wörterbücher, aber mit ein paar hundert oder paar tausend Einträgen kommt man natürlich bei einer Übersetzung eines ganzen Buches nicht zurecht.
Und die anderen Sachen hatte Gael schon genannt. Also, das sind dann eigentlich sozusagen die Referenzen in andere Sprachen, in andere Kontexte, wo man dann nochmal ein bisschen tiefer graben muss und eigentlich recherchieren muss, was man nicht unbedingt im Wörterbuch findet, sondern dann entweder im Talmud oder im Rumänischen oder ja, was dann vielleicht auch so ganz spezifische Begriffe sind, die auch nur lokal verwendet wurden in der einen Stadt und jeder wusste, worum es geht, aber wir wissen es nicht mehr.
Was ist denn der Grund, dass dieses Buch jetzt erst übersetzt wurde? Ja, es hängt mit einer sehr persönlichen Geschichte zusammen. Ein Kollege von mir, als ich noch in München gearbeitet habe, kam einmal zu mir, ein Kollege, der seine Dissertation zu jüdischen Themen schrieb und hat zu mir gesagt: „Kennst du dieses Buch? Da sind so interessante Kapitel für dich und für deine Arbeit.“
Und er hat dann vorgeschlagen, ein paar Kapitel für mich zu übersetzen, weil ich selber kein Jiddisch lesen kann. Und diese Übersetzungen waren so fließend und so interessant, dass ich sehr begeistert war und extrem dankbar auch für die Zeit natürlich, die er da investiert hatte. Martin Wiesche, sein Name, stand am Anfang auch auf dem Cover, natürlich.
Und in dieser Zeit, das war Ende 2020, mitten in der Pandemie, war Martin schon schwer krank und er musste wegen einer Immunkrankheit immer wieder ins Krankenhaus und war monatelang in der Isolation, konnte auch nicht weg. Und er hat dann irgendwann zu mir gesagt: „Ich würde gern das Buch weiter übersetzen.“ Und ich sagte: „Okay, aber dann machen wir das richtig. Also, dann machen wir ein Projekt daraus und machen eine Publikation.“
Und ich habe dann Kontakt zu einer guten Kollegin, Franziska Solomon, aufgenommen, einer Kollegin an der Universität Jasch in Rumänien. Sie ist Expertin für Jiddisch und kann natürlich Rumänisch, kann Jiddisch, kann Deutsch. Und ich dachte, sie ist die perfekte Kollegin für dieses Projekt.
Und zu dritt haben wir dann regelmäßige Treffen gehabt, um die Übersetzung zu diskutieren und die vielen Stellen, die so Probleme verursacht haben, weil sie kompliziert waren, diskutiert. Meine Rolle war dann vor allem zu sagen: „Hier ist ein Begriff, das keiner kennt und das muss erklärt werden.“ Genau, und das haben wir gemacht.
Bis im Juli 22, zu dieser Zeit hat sich Martins Zustand sehr verschlechtert und schließlich ist er verstorben. Und in diesem Moment haben wir, Franziska und ich, nicht wirklich gewusst, was wir machen wollen. Aber wir wussten, dass dieses Buch ihm so wichtig war.
Und wir haben uns gedacht: „Wir versuchen es und wir suchen nach einem Verlag, wir suchen nach Förderung, auch für den Druckkostenzuschuss, auch für Lektorat.“ Und ich bin einfach sehr froh, dass das jetzt geklappt hat nach ein paar Jahren. Wir haben Förderung vom BKM bekommen.
Und wir haben genau das Buch auch, also es ist für Martin gewidmet. Ich glaube, das wäre ihm einfach wichtig gewesen. Und ich, genau, ich bin einfach froh, dass es das Buch auch deswegen gibt. Man hört ja auch sofort, dass es jetzt auch wissenschaftlich eine große Errungenschaft ist, dass es auch auf Deutsch verfügbar ist.
Ich habe mich gefragt, wenn man sich mit der Geschichte Osteuropas beschäftigt, ist Bickel einem da ein Begriff? Also vielleicht erst einmal, wenn man sich nur mit Osteuropa beschäftigt, dann würde ich sagen: Nein. Wenn man sich mit jüdischer Kultur in Osteuropa beschäftigt, dann stößt man, denke ich, früher oder später auf ihn.
Wobei ich ihn auch nicht als literarischen Star – also definitiv nicht. Er wird nicht unter den ersten Dutzend Namen vielleicht erscheinen. Aber das liegt eher an seiner Profession, dass er vor allem Literaturkritiker war. Also ich würde ihn weniger als Belletristen beschreiben, sondern er war Essayist und Literaturkritiker.
Und aus meiner Sicht sind das eher die Personen, die heute etwas mehr in Vergessenheit geraten sind als diejenigen, die uns, sei es Lyrik oder Belletristik, hinterlassen haben. Genau, das ist zum Teil auch vielleicht etwas flüchtigere Kunst, die erstmal in Zeitungen, in Zeitschriften erscheint.
Und das Besondere ist ja, dass Bickel unter anderem mit diesem Buch, aber auch mit anderen Essays, diese Essays dann in Buchform gegossen hat. Und dadurch ist es nochmal oder ist dieser Zugang auch nochmal ein bisschen leichter. Oder dass man überhaupt erstmal sieht: „Ah, da ist etwas.“
Und er hat es dann auch noch zusammengefasst unter den Titel und hat mit diesem Titel Rumänien auch auf etwas hingewiesen, auf einen Zusammenhang, den er auch zu diesem Zeitpunkt erstmal wieder zum Vorschein bringen wollte. Und das ist dann vielleicht doch nochmal eine letzte Ergänzung zu der Frage: Sagt Bickel einem etwas?
Man muss auch sagen, die jüdische Kultur in Rumänien ist sehr, sehr wenig erforscht. Also Franziska Solomon und die Mitherausgeberin ist eine derjenigen, die das allmählich ändert. Aber jüdisch in Rumänien ist auch eher wenig in der jüdischen Forschung bislang betrachtet worden, immer nur so punktuell.
Und von daher wird auch, denke ich, diese Übersetzung da auch nochmal so einen Impuls geben, Rumänien etwas näher zu betrachten. Und da liefert uns Bickel eigentlich ein Who’s Who der jüdischen Kultur in Rumänien, mit dem wir anfangen können.
Es gibt ja noch keine rumänische Übersetzung, richtig? Welche Übersetzung gibt es denn überhaupt bisher? Das Buch wurde in den späten 70er Jahren ins Hebräische übersetzt. Es gibt so eine Vereinigung rumänische Juden in Israel und sie haben Bickel auch häufig eingeladen und so weiter und so fort.
In den 60ern und in den 70ern wurde das Buch dann übersetzt. Und das finde ich interessant, weil ich glaube, das zeigt vielleicht auch, dass es ein Zeitpunkt war, wo weniger Leute das Original lesen konnten. Aber sonst gibt es keine Übersetzung, zum Beispiel ins Englische, aber auch vor allem nicht ins Rumänische. Und das finde ich sehr schade.
Was denkt ihr, wen wollte Bickel denn adressieren? Warum hat er dieses Buch überhaupt herausgegeben 1961 und warum eigentlich zuerst in Argentinien? Ich fange vielleicht mit der Argentinien-Frage an. Buenos Aires war vor allem nach 1945, schon etwas früher, ein wichtiges Zentrum jüdischen Drucks. Da erschienen ganz viele jüdische Bücher.
Und von daher war das nicht ungewöhnlich, dass jemand, der in New York oder in Montreal saß, seine Bücher in Buenos Aires herausgegeben hat. Das nochmal zu der Transnationalität des Jüdischlands in dem Fall nach 1945. Ich denke, sein Vorwort finde ich extrem interessant, also sein eigenes Vorwort zum Buch, weil er schreibt irgendwas, was sie hier nicht unbedingt erwähnt haben, aber die Tatsache, dass Rumänien in diese jüdische Literaturlandschaft peripher war und dass es in der Zwischenkriegszeit ins Zentrum gerückt ist.
Und das, glaube ich, dachte er, nach dem Krieg ist komplett aus dem Blick gekommen. Also das weiß keiner mehr sozusagen. Und er hatte das Gefühl, er hat irgendwas da erlebt in diesen 20 Jahren in seinen Tätigkeiten, was wirklich besonders war und dass es sich lohnt, zu rekonstruieren oder für andere zu helfen. Also zu beschreiben.
Was interessant ist an diesem Buch, finde ich, ist, dass man könnte denken, es ist dann sehr nostalgisch, weil es so diesen Blick zurück und auch so eine Art Zeugnis ist, was Jessi, du gesagt hattest. Aber ich denke, es ist interessanterweise aus meiner Sicht nicht nostalgisch im Ton, sondern wirklich auch sehr.
Es beschreibt einfach diese Lebenswege und auch immer noch mit der Leidenschaft, die man spürt, und trotz dieser Zerstörung, die immer dabei ist, weil in jedem Kapitel erfährt man, wie viel diese Person gemacht hat, was sie gemacht hat, welche lustigen Sachen sie unter anderem gemacht haben und am Ende, was ihr Schicksal war.
Und das Schicksal ist häufig absolut schrecklich. Es ist entweder Tod im Holocaust oder stalinistische Verfolgung nach dem Zweiten Weltkrieg, weil viele haben Zuflucht, viele Literaten haben Zuflucht in der Sowjetunion gefunden und andere sind nach Israel ausgewandert. Aber dann ist ihre Tätigkeit so ein bisschen verloren gegangen.
Das heißt, es hat diesen sehr realistischen Ton irgendwie, aber aus meiner Sicht dann zeichnet es wirklich ein sehr lebendiges Bild, was in der Zwischenkriegszeit passiert ist. Ja, von einer Welt, die quasi untergegangen ist, nicht mehr existiert. Deswegen ist es natürlich sehr wichtig, dass wir heute Zeugnisse davon haben.
Wie war denn dann eigentlich sein Leben im Exil? Wie ging es dann für Bickel weiter? Also, wie war sein Leben in den USA und wie ist er mit dem Verlust seines alten Lebens, dieses Lebens, was hier in dem Buch beschrieben wird, umgegangen? Ich fange vielleicht an und du ergänzt, Gael.
Ich hatte das vorhin schon leicht angeschnitten. Im Endeffekt konnte er nicht sein Berufsleben als Rechtsanwalt fortsetzen. Und zugleich scheint mir, dass er recht gut Fuß gefasst hat im jüdischen Milieu in New York, wo es zu der Zeit, also er kommt 39 an, noch eine Fülle an jüdischen Tages- und Monatszeitungen und Zeitschriften gibt.
Und das heißt, er arbeitet nicht mehr als Rechtsanwalt, sondern er arbeitet vielmehr eigentlich noch in der jüdischen Schriftwelt und veröffentlicht auch mehr Bücher. Also sein erstes Buch ist 36 in Rumänien erschienen und vorher hat er eigentlich immer nur in Zeitschriften publiziert.
Und in den USA fängt er dann an, mehr solche Essaybände dann auch zu veröffentlichen, teilweise von Essays, die er vielleicht schon auch früher geschrieben hat, so wie das bei dem Buch Rumänien der Fall ist. Aber genau, er ist auf jeden Fall noch viel stärker irgendwie in diesem jüdischen Milieu eingebunden, findet dort auch Anschluss, wird unter anderem Vorstandsmitglied vom JIVO, das ist das jüdische wissenschaftliche Institut, also ein Forschungsinstitut, das auf jüdisch forscht zur jüdischen Geschichte, das sich dann auch in New York befand, also eine sehr wichtige Institution, die es auch bis heute gibt.
Er ist auch Präsident des jüdischen Pen Clubs für ein paar Jahre. Also genau, er engagiert sich weiter. Den gibt es auch noch. Ne, den gibt es leider nicht mehr.
Was nehmt ihr denn so mit? Also einfach so aus dem Bauch raus als ein Gefühl oder eine Anekdote oder so? Was nehmt ihr jetzt mit? Gael, nachdem du dieses Buch jetzt ein großes Projekt abgeschlossen hast. Und auch du, Caroline, die du dich jetzt mit diesem Buch beschäftigt hast.
Ich fange vielleicht an. Ich habe wahnsinnig viel über Rumänien gelernt, das mir vorher auch nicht so bekannt war. Ich kannte natürlich viele der Namen. Ich kenne auch Tschernowitz als symbolträchtigen Ort der jüdischen Sprachkonferenz. Aber wie das dann in der Zwischenkriegszeit so neue Konfigurationen angenommen hat und neuen Zusammenhänge gegeben hat, eigentlich aus ganz verschiedenen jüdischen Erfahrungen zu einer neuen rumänischen, das fand ich sehr spannend.
Und vor allem auch vor dem Hintergrund, dass wenn wir dann über die stalinistische Verfolgung der jüdischen Kultur sprechen und von den sowjetisch-jüdischen Schriftstellern, wenn man sich die Namen genauer anschaut, dann sind das viele aus diesem Bereich Bessarabien, die eben zu Großrumänien vorher gehört haben.
Das heißt, auch wenn wir heute von der Verfolgung sowjetisch-jüdischer Schriftsteller im Stalinismus sprechen, dann sind das viele, die in Rumänien und bei Bickel vorkommen. Und das ist sozusagen die nächste Grenzziehung, die wieder dazu führt, dass gewisse Dinge aus dem Blickfeld geraten. Und das waren so Momente, einige wenige unter vielen Aha-Momenten, die ich mitnehme.
Ja, ich teile diesen Eindruck. Also diese Verflechtung, die in Rumänien in Großrumänien stattfand, ist extrem spannend in diesem Buch. Was für mich also aus der Geschichtswissenschaft kommend so sehr interessant war, ist: Man denkt an Rumänien und vor allem an Großrumänien als ein Land, wo Antisemitismus eine große Rolle spielte, wo man über jüdische Verfolgung weiß.
Und ich glaube, man merkt dann immer wieder, wie wenig wir eigentlich über die Verfolgten wissen, was sie eigentlich motiviert hat, was sie gemacht haben und vor allem, wie unterschiedlich die jüdischen Akteure waren in dieser Zeit. Diese Vielfalt kommt bei Bickel einfach sehr deutlich zum Vorschein, dass es Zionisten gab, dass es Assimilanten gab, dass sie aktiv waren zusammen, aber auch gegeneinander teilweise und dass es unterschiedliche Generationen gab und wo diese Generationsspannung auch existierte, diese Sprachwelten und diese Milieus, also auch so soziale Milieus, die aufeinander kommen.
Und diese ganze Vielfalt, die einfach durch die Zerstörung einfach verloren gegangen ist, ist es wichtig, glaube ich, genau zu erkennen. Und das erlaubt dieses Buch.
Und dieses Buch können Sie natürlich auch mit nach Hause nehmen, wenn Sie möchten, oder sich besorgen: „Rumänien: Geschichte, Literaturkritik, Erinnerungen aus dem Jüdischen“ von Martin Wiesche, herausgegeben und kommentiert von Gael Fischer und Franziska Solomon, erschienen bei Vandenheck und Ruhbrecht.
Vielen, vielen lieben Dank, Gael, und vielen lieben Dank, Caroline. Und an dieser Stelle vielleicht auch nochmal lieben Dank auch an Alex Weidle, der diese Veranstaltung organisiert hat. Das Forschungsquartett, das finden Sie übrigens natürlich überall dort, wo es Podcasts gibt.
Also diese Veranstaltungen können Sie auch nochmal nachhören. Die Podcasts gibt es kostenlos bei Apple Podcasts, zum Beispiel bei Deezer, bei Spotify. Und wenn Sie noch mehr über detektor.fm, unser Podcastradio, erfahren möchten, dann gehen Sie am besten einfach auf detektor.fm.
Ja, mein Name ist Jessi Jus. Ich freue mich sehr, dass Sie heute alle hier waren und ich freue mich auch sehr, dass Sie zugehört haben. Bis zum nächsten Mal. Das Forschungsquartett in Kooperation mit dem Leibniz Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europas.