Rund 15 Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden unter Heuschnupfen, doch aktuelle Vorhersagen sind oft zu ungenau für den Alltag. Das Projekt PollenNet erfasst nun mithilfe von Citizen Science und KI den Pollenflug lokal. So soll ein neues Warnsystem für Allergiker entstehen.
Was für die einen der ersehnte Frühlingsbeginn ist, bedeutet für Millionen andere tränende Augen, triefende Nasen und Atemnot — Pollengräserallergie oder auch Heuschnupfen. Herkömmliche Vorhersagen von Pollen basieren meist auf wenigen Messstationen und groben Modellen, wodurch regionale Unterschiede kaum erfasst werden. Das Forschungsprojekt PollenNet, eine Kooperation des Max-Planck-Instituts für Biogeochemie, der TU Ilmenau, des UFZ und des Universitätsklinikums Leipzig, will dies grundlegend ändern.
Das Herzstück des Projekts ist die App Flora Incognita. Ursprünglich als digitale Bestimmungshilfe gestartet, hat sie sich mit über zehn Millionen Downloads zu einem mächtigen Monitoring-Instrument entwickelt. Im Rahmen von PollenNet fotografieren Nutzerinnen und Nutzer gezielt allergieauslösende Arten wie Hasel, Birke oder Gräser. Diese Datenmenge ist für die Forschung unersetzlich, da Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen allein niemals so viele Standorte gleichzeitig überwachen könnten.
Die eingesendeten Bilder dienen dazu, einer künstlichen Intelligenz beizubringen, das exakte Blühstadium automatisch zu erkennen. Die KI lernt zu unterscheiden, ob eine Knospe noch geschlossen ist oder bereits aktiv Pollen abgibt. Dr. Jana Wäldchen, Leiterin der Forschungsgruppe am MPI in Jena, betont die Vision des Projekts:
Idealerweise könnte man irgendwann wirklich in Echtzeit erkennen, wann bestimmte Allergenpflanzen tatsächlich genau vor Ort Pollen freisetzen.
Dr. Jana Wäldchen, Leiterin der Forschungsgruppe Biodiversität, Ökosysteme und Gesellschaft am MPI in Jena
In der aktuellen PollenNet-Studie 2026 werden diese Bürgerdaten mit physischen Pollenfallen in Jena, Leipzig und Ilmenau abgeglichen, um die Modelle zu validieren. Ziel ist ein System, das deutlich kleinräumiger und aktueller ist als bisherige Warnkarten. Neben der medizinischen Hilfe liefert das Projekt zudem wertvolle Erkenntnisse darüber, wie unsere Pflanzenwelt auf den Klimawandel und Wetterextreme reagiert. So wird aus einem einfachen Foto im Vorbeigehen ein wichtiger Beitrag zur modernen Biodiversitätsforschung.