Mission Energiewende | 40 Jahre DDR-Umweltbibliothek

„Umwelt war für uns alles, was den Menschen umgibt.“

Saurer Regen, zerstörte Wälder, eine massive Luftverschmutzung, vergiftete Flüsse und Seen — die Liste der Umweltverschmutzungen in der DDR ist lang. Vor 40 Jahren wurde die sogenannte DDR-Umweltbibliothek gegründet. Wie und zu welchem Zweck?

Bücher, Protest und ein Stück Freiheit im Keller

Sie wollten mehr als über dreckige Flüsse und zerstörte Landschaften reden: In der Berliner Umweltbibliothek trafen sich junge Menschen, die sich gegen Umweltzerstörung, Militarisierung und staatliche Bevormundung stellten. 1986 entstand die Bibliothek in den Kellerräumen der Berliner Zionskirchgemeinde — und wurde schnell zu einem wichtigen Treffpunkt der DDR-Opposition. Der Begriff „Umwelt“ war dabei bewusst weit gefasst.

Umwelt war für uns alles, was den Menschen umgibt und was ihn einschränkt — was ihn einschränkt in seiner Meinungsfreiheit, in seiner Reisefreiheit, in der Art und Weise etwas zu tun, was er vorhat, wenn es sein Recht ist, dieses zu tun.

Christian Halbrock, Mitgründer der DDR-Umweltbibliothek

Neben Veranstaltungen und einer kleinen Bibliothek entstanden die Umweltblätter. Sie berichteten über Ökologie und über Menschenrechte, politische Themen und staatliche Übergriffe. Vor allem aber verband die Bibliothek Menschen im ganzen Land: Die Zeitschriften wurden weitergegeben, Informationen kamen zurück — und so entstand ein Netzwerk, das weit über Berlin hinausreichte.

Staatliche Repression, überraschende Gegenwehr

Für die Beteiligten war das Engagement riskant. Mitgründer Christian Halbrock selbst wurde mehrfach festgenommen und geriet wegen seines politischen Auftretens beruflich unter Druck. Der entscheidende Einschnitt kam im November 1987, als die Staatssicherheit die Räume der Umweltbibliothek stürmte und Aktivistinnen und Aktivisten verhaftete. Doch statt einzuschüchtern, löste der Angriff Protest aus: Mahnwachen vor der Kirche wurden organisiert und schließlich kamen die Gefangenen wieder frei.

Diktatur zerbricht ja immer dann, wenn die Leute ihre Angst verlieren und wenn die Leute wieder solidarisch miteinander sind. Und Solidarität ist ja nicht nur, dass ich für meine Rechte eintrete, sondern für die Rechte des anderen, dem die Rechte vorenthalten werden.

Christian Halbrock, Historiker und Zeitzeuge

Die Aktion machte die Umweltbibliothek über die DDR hinaus bekannt. Nach dem Mauerfall war für Halbrock die ursprüngliche Aufgabe der Umweltbiliothek erfüllt. Geblieben ist die Überzeugung, dass gesellschaftliche Veränderung Solidarität braucht — und dass Umweltengagement mehr sein kann als Protest.

1986 hat der deutsche Historiker Christian Halbrock mit ein paar Mitstreitern die DDR-Umweltbibliothek in Ostberlin gegründet. Welche Erkenntnisse aus den Erfahrungen damals heute noch Bestand haben, das bespricht er in dieser Folge von „Mission Energiewende“ mit detektor.fm-Moderatorin Ina Lebedjew.

Redaktion