Sauerregen zerstörte Wälder, eine massive Luftverschmutzung vergiftete Flüsse und Seen. Die Liste der Umweltverschmutzungen in der DDR ist lang. Anfang Mitte der 1980er Jahre wurden die Umweltverschmutzungen Thema von oppositionellen Gruppen. 1986, also vor 40 Jahren, wurde die sogenannte DDR Umweltbibliothek gegründet. Was es damit auf sich hat, das ist detektor.fm. Ich bin Ina Lebedjew. Hi!
Mission Energiewende
Der detektor.fm Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 % Ökostrom. Christian Halbrock war von 1983 an bei verschiedenen Umweltschutzaktionen dabei, zum Beispiel bei Fahrrad-Demos gegen die Umweltverschmutzung und die Militarisierung in der DDR. Und 1986 gründete er zusammen mit ein paar Mitstreitern die Berliner Umweltbibliothek in der Zionskirchgemeinde. Und ich bin ganz gespannt, was er von dieser Zeit zu berichten hat.
Hallo Herr Halbrock, willkommen im Klima-Podcast von detektor.fm. Ja, hallo, ciao, schön! Ich habe es eben schon erwähnt: Sie haben Mitte der 1980er Jahre zusammen mit anderen die DDR Umweltbibliothek in Berlin gegründet. Erstmal, was war das umwelttechnisch für eine Zeit? Wie haben Sie die Situation damals wahrgenommen?
Die Gründung der Umweltbibliothek
Ja, die Umweltbibliothek ist ja nicht aus dem Nichts heraus entstanden, sondern es gab einen Vorläuferkreis, den Friedens- und Umweltkreis der Pfarr- und Glaubensgemeinde in Berlin-Lichtenberg, der am 1. September 1983 ins Leben gerufen wurde. Also, wir haben uns da 1983, Anfang September, in der Glaubenskirche getroffen. Da hatten wir uns aufgerufen, wir wollen einen neuen Friedens- und Umweltkreis gründen. Und das war sozusagen der Vorläufer. Das war alles in Lichtenberg, noch an der Pfarr- und Glaubenskirche.
Da hatten wir einen Pfarrer, der uns sehr gut gewogen war und wo dies möglich war. Aber Lichtenberg war nun mal nicht der Prenzlauer Berg oder Mitte, wo das größte Publikum wohnte, was sie erreichen wollten. Und die Glaubenskirche befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft, nur 300 Meter entfernt von der Hauptzentrale der Staatssicherheit in Berlin. Also war das nicht der beste Ort.
Und wir haben dann gesucht nach Räumen, wo wir unser Anliegen, eine Umweltbibliothek zu gründen und auch zu etablieren, wo wir das machen können, an welcher Kirchgemeinde. Und wir kamen dann auch relativ schnell auf die Zionskirche, die Zionskirchgemeinde, weil wir kannten dort Leute und wir wussten, dass diese Kirchgemeinde in der Nähe der Grenze personell und strukturell ziemlich stark ausgedünnt ist, uns sicherlich über so eine Initiative freuen würde und wir dort auch Gehör finden würden.
Jetzt vom Ansatz her ist die Umweltbibliothek als Gründung nicht nur reines Umweltsanliegen gewesen, Umwelts ja sozusagen Aktion und eine Umwelteinrichtung, sondern wir haben einen weitergefächerten Begriff gehabt. Also Umwelt war für uns alles, was den Menschen umgibt und was ihn einschränkt, was ihn einschränkt in seiner Meinungsfreiheit, in seiner Reisefreiheit, in der Art und Weise, etwas zu tun, was er vorhat, wenn es sein Recht ist, dieses zu tun.
Politische Dimensionen
Und wir hatten eben diesen Umweltbegriff, das passte auch wie in die Landschaft. Das war nicht so politisch verfänglich, als wenn wir uns gleich irgendwie oppositionelle Gruppe genannt hätten. Und wir hatten eben doch enge Kontakte zu den Umweltinitiativen in der damaligen Bundesrepublik, führten uns da zugehörig zu dieser politischen Strömung und somit passte das. Aber wir waren eben keine reine auf Umwelterhalt nur verengte Initiative.
Und das Zweite, was wichtig war zur Einrichtung dieser Initiative, war so: Es gab Ostberlin seit Ende der 70er Jahre verschiedene Gruppen, die trafen sich irgendwo in kirchlichen Räumen, dann häufig auch in privaten Räumen. Das hatten wir auch so gemacht, trafen uns in privaten Wohnungen, teilweise konspirativ. Das war aber alles keine gute Lösung. Wir wollten die Menschen erreichen, an die Menschen.
Und von daher entstand die Idee, man müsste über diese Gruppen, die sich etabliert haben, die so eine Art Protestkultur im institutionellen Rahmen zelebrierten, über Protestschreiben, über Resolutionen, über Eingaben, das müsste man erweitern, indem man eine Art Gegengesellschaft aufbaut. Eine Gegengesellschaft, also in der Bundesrepublik und im Westeuropa, auch Lateinamerika stand dafür das Prinzip der Graswurzelbewegung. Aber wir haben uns auch stark am polnischen Beispiel orientiert, wo damals Solidarność ganz stark war.
Und es gab ja quasi eine Art Gegengesellschaft im kommunistischen Polen. Und sowas wollten wir in der DDR aufbauen, eine sozusagen Gegengesellschaft im bestehenden Staat, die aus eigenen Bibliotheken besteht, aus Untergrundtheatern, aus eigenen Zeitschriften, Untergrundzeitschriften, auch eigenen Werkstätten, Kinderläden, alle Einrichtungen, die sich dem Staat erziehen, um dieser Diktatur, Fundament der Diktatur langsam sozusagen das vielleicht auszuhören, punktuell auszuhören.
Die Rolle der Umweltbibliothek
Und ja, sozusagen in diesem Land für die Leute, die nicht einverstanden waren und im Land bleiben wollten, eine Möglichkeit zu schaffen, in dem Land leben zu können, ohne nur die staatlichen Einrichtungen besuchen zu müssen. Also war es schon auch irgendwie eine sehr politische Organisation.
Weil ich also zuallererst muss ich so an Bibliothek denken, an so einen Ort des stillen Nachdenkens und wo eben irgendwie lange Buchreihen in den Regalen stehen und man ja hinkommt, um keine Ahnung, heutzutage seine Abschlussarbeiten zu schreiben oder so. Aber diese Umweltbibliothek war ja noch viel mehr, oder?
Das war viel mehr. Also es hieß eben Umweltbibliothek, war ein schlüssiger Begriff und ein greifbarer Begriff. Aber wir haben schon im April, Mai 1986 da begonnen mit einem Veranstaltungsprogramm, was wir auch durchgehalten haben all die Jahre. Damals war im aktuellen Fall in Tschernobyl eine unserer ersten Veranstaltungen stark besucht.
Aber ebenso ging es auch. Ein Titel einer der ersten Veranstaltungen war auch „Wie verhält man sich in einer Diktatur, wo man entweder eine Karriere machen kann und sich anpassen kann oder wenn man es nicht macht, aus allen Ausblickszusammenhängen rausfällt.“ Also somit haben wir immer schon früh einen stark politischen Ansatz verfolgt.
Haben neben diesem Veranstaltungsprogramm und dem Bibliotheksbetrieb vor allen Dingen eine eigene Zeitung herausgegeben oder eine eigene Zeitschrift, die Umweltblätter. Das ist an sich das Herzstück dieser Umweltbibliothek. Es steht überall drin, selbst auf staatlicher Stelle wurde gesagt, das ist gar kein Umweltblatt um Umweltthemen, sondern die greifen Menschenrechtsthemen auf, politische Themen auf, berichten über polizeiliche Übergriffe und ähnliches.
Aber das Entscheidende war, und darum ging es uns, ein Netzwerk zu bilden, ein Netzwerk, wo Leute uns erreichen können und wo wir über das Netzwerk, das wir da mit Leuten auch wieder andersrum in Kontakt treten können. Also das entscheidende Herzstück dieser Umweltbibliothek war quasi, es bestand aus drei Räumen.
Also einem vorderen Raum, wo man sich hinsetzen konnte, Sachen austauschen konnte mit schwarzem Brett und einigen Regalen, dann einen Raum, wo vor allen Dingen Regale drin waren und im hinteren Raum ein kleiner Raum. Und da stand ein riesen langer Verteiler wie bei der Post früher, mit so kleinen Fächern, wo man was reinschieben konnte. Da waren die Adressen herangeschrieben, wohin unsere Umweltblätter quer durch die DDR gehen sollten, überall hin, von Dresden bis nach Thüringen, hoch nach Wismar, auf die Insel Rügen.
Und gleichzeitig funktionierte dies wie ein Informationssystem. Die Leute ließen sich diese nicht nur zustellen, einige per Post, einige auf verschlungenen Wegen, einige mit Kurier, sondern sie lieferten im Rücklauf viele wichtige Informationen aus der DDR, Informationen an die sonst ja keiner herankam oder die geheim gehalten wurden. Oder sie lieferten manchmal auch Materialien, die man einfach braucht, Papier, Druckmatrizen und ähnliches.
Und dieses Vernetzungssystem machte die Umweltbibliothek zu einer Einrichtung, die bis im ganzen Land ihre Wirkung entfaltete. Jetzt waren Sie ja zu der Zeit irgendwie gerade mal Anfang 20. Hat es denn viel Mut gekostet, sich da reinzuwerfen in diese Gründung oder diese Initiative?
Mut und Herausforderungen
Ja, das stimmt. Wir waren damals relativ jung, vielleicht auch aus heutiger Perspektive. Damals war es eben tatsächlich so, dass man ja, man war im Schulunterricht schon, wurde mal konfrontiert und musste mal Positionen beziehen. In den Schulen wird man Mitglied dieser Freien Deutschen Jugend, dieser Einheitsorganisation, macht man mit im formiditärischen Unterricht.
Wir hatten den Sonderfall, dass es gab so eine produktive Arbeit. Man hatte sich das in Unterrichtsfach, das fand dann irgendwo statt in Landwirtschaftsbetrieben oder in anderen volkseigenen Betrieben. Und wir hatten den Sonderfall, dass wir in einem Rüstungsbetrieb standen. Also in der Schule wurde überall gepredigt, DDR ist Frieden und Sozialismus ist Frieden. Aber in der Praxis wurden wir dann eben in einem Rüstungsbetrieb während der Schulzeit eingesetzt.
Also man war relativ früh konnte man sich solchen Fragen kaum erziehen. Man wurde auch an jeder Ecke damit belästigt, musste man so sagen. Also diese Penetranz der Ideologie die ließ einem nur die Möglichkeit zu, entweder sich runterzuducken oder nicht zu sagen oder mitzumachen oder dann eben anzuecken.
Und ich bin eben auch in einem Milieu groß geworden, so südlich von Rostock, wo eine Art Grundstimmung da wurde gesagt, der Sozialismus, der wird vor allen Dingen in Berlin aufgebaut, auch nicht bei uns. Und vieles stimmt einfach nicht an diesem System. Da wurde nicht offiziell darüber geredet, aber überall, wo die Leute sich unbeobachtet führten, redete man eindeutig darüber.
Und somit war eine hohe Politisierung dort von Anfang an. Und ich bin in dem Bewusstsein groß geworden, dass man mit seiner Meinung nicht hinter dem Deich halten soll und dass man offen sagen soll, was in Phase ist. Bin dann auch relativ früh in irgendwelche Sachen mit reingerutscht. Es gab damals diesen Aufnäher „Schwerter zu Flugscharen“, den ich getragen habe in der Berufsschule. Berufsschulverbot, Betriebsverbot, also den Betrieb zu betreten, Festnahme durch Staatssicherheit, Beschlagnahmung und so weiter.
Was bedeutet das nochmal „Schwerter zu Flugscharen“ für Leute, die davon noch nicht gehört haben? Das waren Friedenssymbole und Friedensaufnäher der Jugendarbeiter der Evangelischen Kirche, die um den vielen Jugendlichen, die in dieser Zeit groß waren und einfach mit dieser zunehmenden Militarisierung nicht einverstanden waren in der DDR, so eine Art Halt zu geben.
Und in diesem Zusammenhang entstanden die sogenannten Friedensdekaden in der DDR Ende der 70er Jahre. Für diese Friedensdekaden wurden diese Aufnäher gedruckt. Man konnte die sich annähen, aber es wurde auch überjagt auf Leute gemacht, die damit offiziell herumliefen und öffentlich herumliefen.
Und dass Sie das gemacht haben, hatte dann einfach große Konsequenzen für Sie. Das hatte Konsequenzen, ja. Ein Berufsschulverbot, also sozusagen die Berufsschule betreten zu dürfen und den Betrieb betreten zu dürfen. Aber auch so eine Sicht hinter die Kulissen dieses Systems. Also man hat relativ viel Geschütze aufgefahren.
Einbestellung zur Aussprache mit acht Leuten beim Rat der Stadtsabteilung Bildung oder wie das Ding da hieß. Und natürlich war das erst mal bitter, die Berufsschule nicht betreten zu dürfen, weil man wollte ja seinen Abschluss machen. Und ja, irgendwann war das ja beschlagnahmt worden, alles eingezogen worden mit der Androhung von Geldstrafe, falls ich mir einen neuen anmachen würde, einen neuen auftreiben könnte.
Und dann kam ich zurück zur Berufsschule und habe einfach mitbekommen, da gab es drei Berufsschullehrer, die hatten einen Plan entworfen, die Abschlussprüfung für mich abzunehmen, zu dritt. Und dann das nicht in der Berufsschule zu machen, sondern in ja irgendwo in einem Gartenlokal oder in einer Südstadtmense an Rostock.
Da dachte ich, dass also in diesem Land ist nicht nur Frust, sondern es kann auch was passieren, wenn die Leute die Möglichkeit sehen. Und es gibt sicher die Leute, die bereit sind, dem entgegenzutreten, dem System. Also von da war ich relativ früh politisiert und bin dann, das war für mich klare Sache, ich wollte nicht den Verdienst ableisten in der DDR-Armee, die ja de facto nach der Moskauer Pfeife tanzte.
Uns war ja bekannt, dass Moskau seine Truppen damals 1968 in die Tschechoslowakei hat einmarschieren lassen. Und ja, wie ich in der Lehrzeit war, war Polen ein großes Thema und alle überlegten, lassen die jetzt auch die Panzer nach Polen einrücken. Und das wollte ich auf keinen Fall. Das war klar, ich verweigere den Lehrdienst. Ich habe den auch aus politischen Gründen verweigert, also nicht rein aus religiösen Gründen.
Und aus diesem Grund habe ich dann gesagt, mein Dienst an der Gesellschaft ist, dass ich ein Jahr in einem kirchlichen Behindertenheim arbeite bei Berlin. Das habe ich dann auch gemacht. Und wie ich nach Berlin kam, war an sich für mich klar, ich gehe nach Berlin. Nicht nur, weil man in Berlin sich etwas freier bewegen kann in Ostberlin als jetzt in den Bezirksstädten, sondern ich will mich da auch an Gruppen anschließen, mit Leuten was zusammen machen, um was aufzubauen.
Die Funktionen der Umweltbibliothek
Das war für mich klar. Das heißt, Sie haben die Bibliothek gegründet. Sie haben gesagt, es war ein Netzwerk, es war Politik, es war ein Ort, um sich zu sehen und sich zu treffen und sich unbeobachtet auch unterhalten zu können oder Pläne zu schmieden und diese Umweltblätter auch zu drucken. Was haben Sie da noch gemacht? Gab es denn da auch Literatur oder welche Funktionen hatte das noch?
Ja, also wir haben uns natürlich Literatur besorgt, die man in der DDR nicht ohne weiteres rankam. Zu Umweltfragen, aber auch zu Menschenrechtsfragen, zu Rechtsfragen, auch zu gesellschaftlichen Fragen, bis hin zu allem, was in der Bundesrepublik erschienen war über das Ministerium für Staatssicherheit. Und haben diese Literatur, weil man die natürlich ohne weiteres reinbekam, geschmuggelt über verschlungene Wege.
Ja, da ist das meiste dann auch bei uns angekommen und das wurde dann noch immer besser perfektioniert und ausgebaut. Berlin ist da ein gutes Pflaster, weil es da gewisse Möglichkeiten gibt, gewisse Kanäle auszunutzen und nicht alle Fahrzeuge von den DDR-Grenzpolizisten und von den Zollorganen der DDR kontrolliert werden durften und konnten.
Also wir bekamen dann auch immer mehr Selbstzeitungen, bekamen wir Zeitschriften aus dem Westen, die Taz bekamen wir, die Graswurzel, diese Zeitschrift bekamen wir. Also wir bekamen relativ viele Sachen. Ja, und das war schon enorm, weil es war trotzdem natürlich eine übersichtliche Bibliothek. Also man kann sich das nicht vorstellen, wie ein Riesen, sondern es waren eben diese zwei Räume, die schon ganz schön toll waren.
Aber es gab ja auch nicht viele Initiativen in der DDR, die sich dagegenstellten. Und als die Ausreisebewegung immer stärker wurde, sprach sich darum, man müsse vielleicht mal auch zur Umweltbibliothek gehen, sich da was ausleihen, registriert werden als Nutzer. Vielleicht kommt man dann schneller raus aus der DDR.
Und da haben wir schnell mitgekriegt, wenn da so ein Rahmen ansetzt und die Leute einer nach dem anderen bei uns ankommt, so viele Bücher haben wir gar nicht bei uns in der Bibliothek. Die sind dann alle weg, auf einmal alle ausgeliehen.
Razzia der Staatssicherheit
Ich hatte gelesen, dass es auch dann im November 1987 eine Razzia der Staatssicherheit gegeben hat in der Umweltbibliothek und dass die sozusagen sich erhofft hatten, dass sie sie auf frischer Tat ertappen bei illegalen Druckarbeiten und dass sie selber zu dem Zeitpunkt eben nicht dort waren, gerade. Wie hat dieses Eingreifen des Staates denn was verändert? Also nehme ich an, wie haben Sie es empfunden damals?
Es war ein wichtiger Einschnitt insgesamt in der natürlich Entwicklung der Umweltbibliothek, aber natürlich so ein wichtiges Ereignis, dass es auch in die Chronologie der DDR hineingekommen ist. Das war uns damals auch schon klar. Ursprünglich war es so, dass die staatlichen Stellen versuchten, nach allen Maßgaben uns zu ignorieren. Wir waren de facto nicht existent und man beschwerte sich überall bei kirchlich Verantwortlichen über die Leute am Keller in der Umweltbibliothek und die sagten: „Naja, wenn sie Probleme mit den jungen Leuten haben, dann unterhalten sie sich doch mit denen, gehen sie dahin.“
Das ignorierten die uns, sagten: „Das kommt gar nicht in die Frage, wir sprechen mit diesen Leuten nicht.“ Hinzu kam noch, dass es in dieser Phase geheimpolizeilich und auch polizeilich nicht gegen uns vorgegangen ist, sondern man hat das über verschlungene Wege gemacht, indem man versucht hat, einzelne Leute in der Umweltbibliothek zu kriminalisieren.
Die Staatssicherheit hat Straftaten begangen und hat versucht, die einzelnen Leuten unterzuschieben. Was schiefgegangen ist, nicht funktioniert hat, weil das so dilettantisch gemacht war. Aber es war trotzdem eine unheimlich nervliche Belastung.
Und dann im November 1987 war es so, es gab ja zwei wichtige Sammelstadtzeitschriften, also jetzt von oppositionären Gruppen herausgegebene Zeitschriften in Ostberlin. Das eine war der Grenzwahl von der Initiative Frieden und Menschenrechte und das andere waren die Umweltblätter. Die unterschieden sich quasi nicht besonders in dem, was sie berichteten, aber die Initiative Frieden und Menschenrechte mit ihrem Grenzwahl war nicht mal in der Kirche untergekommen, sondern war eine Gruppe, die außerhalb der Kirche agierte und die wesentlich deutlicher auch den Staat herausforderte.
Die Leute druckten nach zu Hause immer unter der Gefahr, dass der Staat sofort zugreift. Und wir kannten die Leute natürlich sehr gut, wir waren alle aufs engste miteinander verbandelt. Und an dem besagten Abend hatten wir uns bereit erklärt, noch nicht fertig gedruckte Seiten des Grenzwahls mitzudrucken. Es sollten die Umweltblätter gedruckt werden an dem Abend in der Nacht, aber auch die noch nicht fertig gestellten Seiten des Grenzwahls.
Das Ganze ist vorher durchgesickert, der Staatssicherheit bekannt gewesen und dann gab es den berühmten Überfall auf die Kellerräume der Umweltbibliothek mit der Pressekampagne am nächsten Tag auf „hurscher Tat“ ertappt. Es war ja so, dass in der DDR ganz selten berichtet wurde über politische Geschichten oder dass man gegen politisch Andersdenkende vorgegangen ist.
Auf der letzten Seite der Berliner Zeitung war hinten ein Artikel auf „hurscher Tat ertappt“, so ein kleiner Artikel. Daneben war eine Meldung platziert über einen Kriminellen, der per Fahndung gesucht wird, was auch ganz selten in der DDR geschah, dass so eine Fahndung überhaupt in der Zeitung liefen.
Das war alles gut inszeniert und natürlich hatte man die Leute, die das geplant haben im Ministerium für Staatssicherheit gedacht, das funktioniert wie es immer funktioniert hat in der DDR. Der Vater Staat schlägt mit der Faust auf den Tisch, alle verkriechen sich unter dem Tisch und kommen auch nicht wieder heraus.
Protest und Solidarität
Wir haben es geschafft, genau etwas anderes herzustellen und zwar, indem wir dieser Verhaftung unserer Leute und der Beschlagnahmung der Technik Mahnwachen entgegengesetzt haben. Mahnwachen, die vor der Kirche standen. Die ersten Mahnwachen wurden auch noch festgenommen und mitgenommen, aber wir haben dann immer neue Staffeln hingeschickt, bis dann endlich eine Staffel stehen blieb vor der Kirche.
Denen war natürlich klar, dadurch, dass das Leute sind, die sich nicht wegbeißen, die sich nicht wegschubsen lassen, die ziehen ihr Ding durch. Die Sache wurde dann relativ schnell auch in Westberlin, in der Bundesrepublik bekannt, lief dort über den ETA, über Radio, über Fernsehen. Diese Aktion, diese Protestaktion, die hat doch tatsächlich dazu geführt, dass wir unsere Leute wieder herausbekommen haben, dass wir die Strafverfahren, dass die eingestellt wurden.
Die Technik haben wir nicht zurückbekommen, aber gleichzeitig wurde die Umweltbibliothek de facto deutschlandweit bekannt, in dem selbst den Abendnachrichten im Westen darüber berichtet wurde. Und es war, glaube ich, wirklich eine absolute Seltenheit, weil ja auch Leute verhaftet wurden für Dinge, die sie nicht getan hatten und nicht wieder freigekommen sind.
Also das klingt nach einer absoluten Ausnahmegeschichte. B. Genau, das war eine absolute Ausnahmegeschichte. Zum einen eben, dass Leute sich tatsächlich dem entgegengestellt haben in dieser Art und Weise und nicht verkochen haben, sondern entgegengehalten haben.
Zum anderen war es, das kam uns in gewissen Maßen natürlich zugute, ein Übergriff staatlicher Stellen auf kirchliche Räume. Sowas gab es die letzten Male in massierter Form in den 1950er Jahren. Und dann war es in den 60er Jahren hin und wieder in den 70er Jahren eigentlich nicht mehr.
Und viele lebten in der DDR unter der Illusion, die DDR ist so auch in ihre Jahre gekommen, vernünftiger geworden. Sowas gibt es nicht mehr. Es ist kein Staat, der besonders toll ist und keine Gesellschaft, aber man kann in ihr leben, man kann in ihr doch gut auskommen. Auch der Staat hat dazugelernt.
Und nun auf einmal passierte genau das. Das war das Déjà vu, die 50er Jahre sind zurück. Das hat der ganzen Sache einen enormen Schub gegeben, dass wir auch innerkirchlich eine enorme Solidarität erfahren haben, auch von Leuten, die uns vorher manchmal skeptisch gegenüberstanden.
Ja, und es war einfach in dieser organisierten Langeweile DDR war das wirklich ein Paukenschlag. Das war uns klar, dass mit dieser Nummer kommen sie nicht ohne weiteres in die Normalität zurück. Und natürlich auch für die Gründung, ich habe es ja am Anfang gesagt, die Umweltbibliothek, die Räume, das waren Räume, die sie von der Kirche, von der Erziehungsgemeinde, von dem Pfarrer zur Verfügung gestellt bekommen haben.
Der Schutz der Kirche
Und der Schutz der Kirche hat ja offenbar dann auch eine große Rolle gespielt, damit sie da rausgekommen sind. Sicher, ja genau, der hat auf jeden Fall eine Rolle gespielt. Das war auch klar, so eine Bibliothek als Anlaufpunkt können wir nur in kirchlichen Räumen machen.
Und der Pfarrer, der uns das erste Mal sah, war uns sehr angetan. Er hatte in den 50er Jahren selbst Ausgrenzung erfahren, war von einer Schule verwiesen worden, weil er zur Gemeinde gehörte, war auch in einer Parteizeitung namentlich angegriffen worden.
Und von daher sah er sozusagen seine eigene Jugend wieder vor seiner Haustür stehen, hat uns reingebeten, hat uns gleich da die Räume gezeigt, die Kellerräume. Ja, das war vor die Motorradwerkstatt seines Schwiegersohns. Die haben uns sozusagen ausgebaut, Heizung reingelegt und das wurde die Umweltbibliothek.
Aber ohne diese kirchlichen Räume wäre das nicht gegangen. Und auch die Mahnwachen, die ja ganz wichtig waren, das war nur möglich vor dieser Kirche selber. Man hat das auch versucht zu unterbinden, also mit baurechtlichen, an den Haaren herbeigezogenen Argumenten, dass wir nicht vor dem Turm stehen durften, sondern nur an einer Seitentür und so weiter und so fort.
Aber man ist eben an das Gebäude auch nicht richtig rangekommen. Mit der einen Ausnahme, wir hatten hier eine Transparenz am Kirchturm rangemacht: „Freiheit für die Inhaftierten“. Und da ist dann tatsächlich die Feuerwehr angerückt mit einer Einsatzleiter-LKW dran und uns hat das Transparente vom Kirchturm wieder runtergeholt.
Werbung für Lichtblick
Bitte widmet eure Aufmerksamkeit doch kurz unserem Werbepartner. Ihr wollt 100 Prozent Ökostrom? Dann wechselt jetzt zu Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter. Hier bekommt ihr Ökostrom aus Sonne und Wind, intelligente E-Mobilität und Solaranlagen für günstigen Strom vom eigenen Dach.
Jetzt konnten Sie ja 1986 und auch 87 noch nicht ahnen, was bald passieren würde. Hatten Sie da manchmal auch so ein bisschen Schiss vor der eigenen Courage oder dass das zu große Opfer kostet? Schwer zu sagen. Es ist eine Geschichte, wo man mittendrin ist.
Ich bin in diesen kirchlichen Schnellsten, haben Anschicht erlassen nur vom Namen Staatssicherheit. Ich hatte auch, bevor ich nach Berlin kam, eine Festnahme das erste Mal auf dem Bahnhof durch die Transportpolizei, wurde dann nach Verhören und allem Möglichen der Staatssicherheit überstellt und den Vorwurf, ich hätte die DDR verlassen wollen und gesetzlich.
Und da habe ich mitgekriegt, wie man mit Leuten umgeht, die keinen kirchlichen Schutz haben. Da wurde nicht nur geschubst und alles Mögliche. Da wurde auch mit der Waffe gedroht, falls ich einen Fluchtversuch unternehmen sollte bei der Überführung.
Also das war schon nicht ganz ohne. Ich bin auch jemand, der sich jetzt mit psychischen Mitteln nicht so schnell unter Druck setzen lässt. Das ist bei anderen anders. Das ist jeder unterschiedlich.
Es war dann zum Teil so, dass wie ich dann zur Staatssicherheit überstellt wurde in die Verhöre, dass das zumindest den angenehmen Nebeneffekt hatte, dass dort eh nicht mehr physisch zugelangt wurde. Man hat es da auch mit unsäglich dummen Leuten zu tun, aber nicht ganz so dumm wie bei der Polizei. Und von daher gut.
Ich hatte schon einiges erlebt, bin auch relativ häufig festgenommen worden, zu Verhören gebracht worden, vor allen Dingen im Herbst 1983, aber auch später immer wieder. Es war auch so, dass alle so den Eindruck hatten, oder viele, dass sie mich da irgendwie ein bisschen rausgepickt hatten in der Gruppe. Nachdem den kochen wir immer weich. Wenn der schlapp macht, dann haben die anderen auch nicht mehr so viel Lust oder viele springen ab. Aber das ist ihnen nicht gelungen.
Ich hatte dann ja neben vielen Ordnungsstrafverfahren auch ein Überprüfungsverfahren auf Einleitung eines Ermittlungsverfahrens wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt. Ich musste eben viele Ordnungsstrafen bezahlen und hatte keine Chance, eine Ausbildung noch zu machen. Das war klar.
Das war selbst so, dass ich mich mit meiner Urkunde als Elektriker überall bewerben konnte. Und im Bewerbungsgespräch wurde gesagt: „Ja klar, Elektriker brauchen wir sofort.“ Und eine Woche später kam die Nachricht: „Ja nee, da ist was dazwischengekommen und das geht nicht.“ Und so, es geht leider wirklich nicht.
Ich habe mich auch mal zusammen mit einem Punk beworben. Da habe ich gedacht, nee, Punk nehmen sie sicherlich nicht. Und mich werden sie vielleicht nehmen. Aber am Ende wurde der Punk genommen. Und auch da also es war so, mit Ausbildung war nichts, im vernünftigen Arbeitsrechtsverhältnis war nichts.
Ich habe dann bei der Kirche gearbeitet und ich durfte die Idee auch grundsätzlich nicht verlassen. Also weder in Richtung Westen noch in Richtung Puren, noch die Schengen Sowald Kreide. Da war schon klar, Anfang 20 sieht man vielleicht vieles anders.
Wurde auch bei mehreren Verhören gefragt, ob ich nicht endlich, weil es ja keinen Sinn hat und unterschiedliche Meinungen und ich sowieso immer negativ auffalle, nicht lieber in den Westen ausreisen will. Und da wurde mir auch gesagt, das dauert maximal drei Wochen. Ich brauche jetzt nur hier sofort unterschreiben und dann bin ich in drei Wochen draußen.
Das war natürlich ein gutes Angebot. Viele haben ja Ausreiseanträge über und über geschrieben, zehn Stück manchmal, und sind nicht rausgekommen oder haben jahrelang gewartet. Und ich hatte innerhalb von drei Wochen die DDR verlassen können.
Meinen Sie, dass das eine Falle war oder dass das so gemeint war? Das war so gemeint. Das sind ja auch viele. Also die Umweltbewegung und die Friedensbewegung, unabhängig, die ist ja massiv geschwächt worden durch die Ausreise. Und das hätten die auch so, das hätten sie nämlich gehen lassen.
Aber es war ja so, wir hatten viel Kontakt auch zu den Umweltaktivisten im Westen. Die sagten: „Ja, wir können ja an sich alles machen, was wir wollen, aktionsmäßig politisch machen, aber wir bewirken de facto nichts. Man hört doch gar nicht hin.“
Und im Westen kannst du an sich alles sagen und alles machen, aber du hast ja keinen Effekt. So war es damals. Bei uns war es so, wir durften an sich nichts machen. Aber wenn wir irgendwas nur allzu Kleines machten, wurde das sofort registriert.
Und auch wenn es nicht besonders intelligent ausgedrückt war, sofort auch verstanden als Kritik. Und wir wurden wahrgenommen. Das war dieses Angebot: „Reisen Sie doch endlich aus der DDR.“
Das hatte auch den Aspekt, dass man sagen konnte: „Okay, wenn ich noch ein bisschen hier bleibe, kann ich maximalen Schaden anrichten. In dem Land ist es richtig mehr Schaden an, als wenn ich jetzt in den Westen gehe und da verschwinde in der Masse der vielen.“
Das war sicherlich Anfang 20. Ich weiß nicht, ich habe manchmal darüber nachgedacht, später, ob ich vielleicht später meine Meinung geändert hätte, wenn ich gesehen hätte, dass in dem Land sich nichts verändert, nichts passiert.
Waren Sie weiter Feuer und Flamme? Ja, oder man muss sagen, es ist so eine Art, man wird reingeboren in ein System. Und ich war jetzt nicht, wie es immer so schön hieß, einem Kind von Angehörigen der Arbeiterklasse, sondern meine Eltern arbeiteten im Kirchendienst und viele andere bei uns im Dorf, die waren Bauern, die hatten noch E4 zu Hause, waren auch nicht Vollgenossenschaftler.
Ich war ein Handwerker. Und wenn einem gleich erklärt wird, ja, in einer zukünftigen sozialistischen Gesellschaft ist für solche Leute an sich kein Platz mehr. Und das geht dann an sich immer so weiter mit solchen Sachen.
Man ist in einem System, wo man sagt, dann kriegt man auch nicht zu allen Vieren, sondern man reagiert, man reagiert, man reagiert. Und das war sozusagen der Mechanismus, der mich da noch angetrieben hat in einem Staat, mit dem ich nicht einverstanden war, den ich auch so nicht akzeptieren wollte, mir das nicht gefallen zu lassen und dann wieder reagieren zu müssen.
Auch das Echo der Status war drauf. Sie haben ja dann 1989 nach der Wende also eigentlich direkt danach sich von der Umweltbibliothek verabschiedet, weil Sie sagten, damals Ihr Zweck sei aus Ihrer Sicht dann eben über Nacht nicht mehr nötig gewesen.
Wie hat Sie denn diese Zeit und auch diese Rolle als Gründer der Umweltbibliothek als Umweltaktivist geprägt? Ja, ich hatte schon gesagt, dass alles sehr stark politisch war, auch durch das, was stattfand bis zu dieser Durchsuchung, Stürmung der Räume.
Wie dann die DDR zu Ende war und die Mauer fiel, war ich am Ende doch aber ganz froh, dass das alles mal endlich zu Ende war. Immer dieser Aktionismus, immer dieses, man war ja mehrere Abende in der Woche unterwegs, um politisch was machen zu müssen oder setzte Pamphlete auf, die dann irgendwo versandeten oder vielleicht auch mal im Westen erschienen.
Aber es war Politik. Und das Leben ist immer eher als Politik. Und ich war dann irgendwie froh, dass es auch was anderes gibt im Leben.
Und für mich war auch klar, wie Sie schon gesagt hatten, dass die Umweltbibliothek ein Informationscenter, eine Plattform, Drehscheibe, die spiegelbildlich zu den Verhältnissen der DDR entstanden ist, um diese Verhältnisse sozusagen zu überlaufen.
Und die Bundesrepublik funktioniert anders. Für mich war entscheidend, erstmal die Bundesrepublik klar, da gibt es Meinungsfreiheit, da gibt es Pressefreiheit, da gibt es Gewaltenteilung.
Einfach nur zu sagen, wir machen so weiter, weil wir das so schön fanden und um weiterzumachen, das war für mich zu wenig. Ich wollte wissen, wie die Bundesrepublik funktioniert, der ich anfangs sehr skeptisch gegenüber eingestellt war.
Ich wollte wissen, wie die funktioniert. Und ich wollte auch wissen, was mit uns eigentlich geschehen ist in diesen Jahren, als wir an sich nur reagiert haben. Was da eigentlich passiert in so einem System.
Und da habe ich mich dann zurückgezogen, hatte auch vorgeschlagen, am besten die Umweltbibliothek aufzulösen, damit dieser Missbrauch, der denn stattfindet, dass sich andere diese Trophäe dann ans Revier klemmen und sagen: „Ja, ja, wir sind in den Fußstapfen der Tradition“ und so.
Auf der anderen Seite ist es so, man erpört sich gegen was, man protestiert gegen was, man hat ein Thema, auf das man aufdockt. Und es gibt ja mal zwei Leute.
Es gibt gerade im Umweltengagement Leute, die aus persönlicher Betroffenheit reagieren. Und es gibt Leute, die reagieren und greifen ein Thema auf. Aber es geht nicht nur um das Thema.
Sie wollen über das Thema ihrem revolutionären Elan, wie man sagen könnte, Ausdruck verleihen. Und ich gehöre eher zur zweiten Gruppe. Und auf der anderen Seite ist es dann doch so, also ist dann doch nicht nur ein Vehikel gewesen.
Das hat man uns ganz häufig vorgeworfen: „Ihr missbraucht das Umweltthema, um gegen den Staat Stimmung zu machen.“ Auf der anderen Seite glaubt man dann doch an sowas.
Also im Grunde habe ich festgestellt, jetzt, wie die Jahre vergehen, dass ich doch im Grunde so ein richtig verdammter Umweltschützer bin. Und dass das auch eine Utopie war für mich.
Dieses Ja, mit der Natur zu leben, anders zu leben, sozusagen Selbstversorgung. Und wir haben dann tatsächlich, meine Frau und ich haben uns hier vor zehn Jahren in Nordbrandburg einen Wirtschaftshof, der sonst abgerissen worden wäre, größtenteils übernommen.
Und sie war ja auch damals sehr aktiv in der Umweltbibliothek, hat de facto den ganzen Bibliotheksbetrieb, den ganzen Laden überhaupt am Laufen gehalten und gemanagt.
Und jetzt ist es so, dass wir de facto unsere Träume von Anfang 20 hier umsetzen, um mal zu sehen, funktioniert das eigentlich, diese Sache. Aus der Stadtwohnung raus und nicht nur immer in die Kaufhalle im Supermarkt laufen, sondern funktioniert das Ganze, diese Utopie.
Die Grundlage ist, damit sich eine Gesellschaft hin zu einer Gesellschaft wandelt, in der mehr Bewusstsein für Umwelt möglich ist und mehr für die Umwelt getan wird, weil auch die ganzen Produktionsstrukturen, weil die ganzen anderen, es ist ja nicht nur so, dass über Bewusstsein und über Verordnung und über verschärfte Heilungsgesetze und so weiter ökologische Gesellschaft entsteht, sondern sie entsteht ja de facto auch durch den Wandel von Produktionsverhältnissen, indem diese wieder regionaler, kleinteiliger werden.
Wenn man sieht, was auch selbst in Ostdeutschland, aber auch in Westdeutschland bis in die 70er Jahre vor Ort alles produziert werden konnte, was man handwerklich konnte, was man sozusagen selber hergestellt hat und was heutzutage alles über Transport geregelt wird.
Da wird sozusagen angeklickt: „Ich brauche das, das kommt dann über den Versandteller dort und dort“ und so weiter. Da entsteht ganz viel Mobilität, ganz viel Transport, ganz viel CO2-Belastung.
Das ist damals nicht notwendig gewesen, weil die vor Ort auf ihren Höfen tatsächlich selber die Bretter säen konnten, die Brunnenringe gießen konnten. Das ist sozusagen für uns jetzt ein gewisses Mal so, nochmal Versuch und die Bestätigung, dass wir doch daran geglaubt haben, dass wir nicht nur Bambule machen wollten.
Ich habe jetzt richtig Gänsehaut gehabt, gerade, weil ich habe es vermutet oder habe dann sozusagen nachgeguckt und habe gesehen, dass Ihre Frau auch hier und da Interviews gegeben hat. Dann haben Sie sie dort kennengelernt?
Ja, genau. Wir kennen uns halt. Das ist ja wundervoll. Also ja, auch super spannend, was Sie erzählen, wie Sie sozusagen heute leben oder auf Umwelt gucken.
Jetzt sind das 40 Jahre. Gibt es noch irgendwas, was ich Sie gerade nicht gefragt habe? So die Lücke zwischen unseren beiden Köpfen, wo Sie sagen, das bleibt davon, dass wir das damals gemacht haben, was Ihnen wichtig war?
Ja, da kann man wahrscheinlich den ganzen Abend drüber reden. Es war auf jeden Fall wichtig, das zu tun. Es ist immer wichtig, für seine Meinung einzustehen und nicht nur für seine eigene Meinung.
Das ist mir tatsächlich wichtig. Unser Vorbild war ja über weite Strecken die Entwicklung in Polen mit der Freien Gewerkschaft. Letztendlich zerbricht die Diktatur ja immer dann, wenn die Leute ihre Angst verlieren und wenn die Leute wieder solidarisch miteinander sind.
Und Solidarität ist ja nicht nur, dass ich für meine Rechte eintrete, sondern für die Rechte des anderen, denen die Rechte vorenthalten werden. Und das ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Aspekt für uns bis heute, was Sie auch aus dieser Zeit mitgenommen haben.
Dass Sie sich engagieren auch für die Rechte anderer, wenn diese ihre Rechte nicht bekommen. Das ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Aspekt.
In der Diktatur ist es die Entsolidarisierung aus Angst und heute ist es die Entsolidarisierung aus Egoismus oder aus Konsumrausch oder aus was auch immer. Aber da sozusagen einzuhaken und sich zu engagieren, das ist eine wichtige Sache gewesen.
Und natürlich im Rückblick ist es natürlich immer wichtig, dieser Zeitfaktor. Man war ein zwei zwanzig. Die Zeit vergeht so schnell, dann hat man dies gemacht und das gemacht.
Und man hat gesehen, wie Landschaften für große Maschinen umgestaltet wurden, wie Höfe umgestaltet wurden. Ein Großteil der Höfe, auf der wir leben, sind inzwischen für Wochenendsurlauber, Wochenendsleute, die haben da ihr Häuschen und die Grundstücke haben sich geändert dadurch.
Und auch die Dörfer. Man sieht, was man alles wieder aufbauen müsste. Wir haben angefangen, eine Streuobstwiese wieder anzupflanzen und das dauert und das dauert.
Wir haben eine Walnussfarm aufgebaut. Aber das ist der Zeitfaktor, dass man sagt, man hat jetzt mal angefangen an dem Traum wieder anzubeißen und damit loszulegen.
Aber ob denn die Zeit reicht? Wer erntet denn die Erfolge am Ende? Das sind dann höchstens die Enkel wahrscheinlich. Und da hofft man natürlich, dass da was hängen bleibt.
Auf jeden Fall. Das sagt Christian Halbrock. Er hat 1986 zusammen mit ein paar Mitstreitern die Umweltbibliothek in der Zionskirchgemeinde gegründet. Vielen vielen Dank für diese Eindrücke und die Informationen und die Geschichten zu diesem Thema.
Dankeschön. Ja, gerne. Und das war es für diese Woche mit dem Klimapodcast von detektor.fm. Wenn euch gefällt, was wir hier machen, dann lasst uns doch bitte gern ein Abo da.
Teilt den Podcast mit Menschen, die sich für Klimathemen interessieren könnten. Vielen Dank fürs Zuhören, sage ich. Produziert hat diese Folge Diebke Stark. Ich bin Ina Lebedjew und ich freue mich, wenn ihr nächste Woche wieder mit dabei seid.
Macht’s gut. Bis bald. Tschüss.
Mission Energiewende. Der detektor.fm-Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 % Ökostrom.