Das „Shifting Baseline Syndrom“ kann uns blind dafür machen, das Artensterben wahrzunehmen. Was steckt hinter dem Phänomen und was lässt sich dagegen tun?
Täglich sterben bis zu 150 Tierarten aus. Schuld an dem Verschwinden unzähliger Arten ist unter anderem der Klimawandel. Die veränderten klimatischen Bedingungen entziehen vielen Mikroorganismen, Pilzen, Pflanzen und Tieren ihre Lebensgrundlage. Stirbt eine Art aus, kann dadurch das gesamte Ökosystem ins Wanken kommen. Mit verheerenden Folgen, nicht nur für die Natur. Denn auch viele unserer Wirtschaftsleistungen basieren auf Ökosystemdienstleistungen. Bedrohte Arten zu schützen ist also auf mehreren Ebenen enorm wichtig. Doch wir können nur schützen, was wir kennen. Und genau hier kommt uns das „Shifting Baseline Syndrom“ in die Quere.
Der Begriff „Shifting Baseline Syndrom“ wurde durch den Meeresbiologen Daniel Pauly im Jahr 1995 geprägt. Der Begriff bezeichnet eine kollektive Wahrnehmungsverschiebung, bei der degradierte Umweltzustände als „normal“ akzeptiert werden. Von einer Generation zur nächsten vergessen wir immer mehr, wie der Zustand der Umwelt früher einmal gewesen ist. Und wissen nicht mehr, dass früher mehr Insekten auf der Windschutzscheibe waren oder mehr Fische im Meer.
Früher sind Zehntausende von Staren als Schwarm über die Landschaft geflogen. Daran erinnert man sich aber gar nicht mehr so richtig, weil man damals nicht so darauf geachtet hat. Oder weil man noch gar nicht am Leben war.
Prof. Dr. Christoph Scherber, stellvertretender Generaldirektor des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels
Meist halten wir den Status Quo für den „Normalzustand“. Denn der Verlust von Arten, die bei unserer Geburt schon ausgestorben waren, lässt sich nur schwer betrauern.
Das Schlimmste was passieren kann, ist, dass keiner mehr Bescheid weiß. Wenn keiner mehr weiß, was einen Feldsperling von einem Haussperling unterscheidet. Wenn wir dieses Wissen nicht haben, kann es passieren, dass Arten verloren gehen und dann kriegt das noch nicht mal mehr jemand mit.
Prof. Dr. Christoph Scherber
Wie wichtig ist es für das Gewinnen neuer Erkenntnisse, dass wir ältere Artenzustände erfassen? Wie kann der Zustand der Natur überhaupt erforscht werden? Und welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz bei der Auswertung von Daten zur Biodiversität? Über diese Fragen spricht detektor.fm-Moderatorin Klara Fröhlich in dieser Folge von „Mission Energiewende“ mit Prof. Dr. Christoph Scherber, er ist stellvertretender Generaldirektor des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels.