Yippie! Der Klimapodcast von detektor.fm ist für den Deutschen Podcast Award 2026 nominiert. Seit mehr als acht Jahren beleuchtet Mission Energiewende aktuelle Klimathemen. Wir gucken auf vielversprechende Technologien, analysieren politische Ansätze und erzählen Geschichten von Menschen, die etwas bewegen. Und liefern euch damit jede Woche neue Perspektiven und Denkanstöße.
Möglich macht das unsere Kooperation mit Lichtblick. Das Team um Klimaexpertin Dr. Corinne Feiten ist seit der ersten Stunde Teil des Projekts. Und weil es außergewöhnlich ist, dass eine solche Kooperation Klimajournalismus über Jahre eine Bühne bietet, ist Mission Energiewende in der Kategorie Brand Branded nominiert. Das ist eine von drei Publikumskategorien, das heißt, ihr könnt für uns abstimmen – eine Woche lang, und zwar vom 21. bis 28. April 2026. Sobald das Voting startet, packen wir euch den Link zur Abstimmung in die Show Notes. Also bitte stimmt ab für Mission Energiewende beim Publikumsvoting des Deutschen Podcast Awards 2026 und drückt uns die Daumen. Dankeschön!
Früher war mehr Lametta. Das ist ein berühmtes Zitat von Loriots Sketch „Weihnachten bei Hoppenstedts“. Der ein oder andere mag es kennen. Während wir da nicht wissen, ob es wirklich weniger Lametta gibt, wissen wir dank der Forschung, dass diese Aussagen stimmen. Früher waren mehr Insekten auf der Windschutzscheibe und früher waren auch mehr Fische im Meer. Aber wir Menschen leben im Hier und Jetzt. Und jede Generation sieht nur einen Zustand der Welt und den Ist-Zustand der Artenvielfalt auf dem Planeten und findet den deshalb völlig normal. Fachleute nennen diese kollektive Wahrnehmungsverschiebung das Shifting Baseline Syndrome. Und das schauen wir uns heute an.
Mein Name ist Clara Fröhlich und ihr hört den Klimapodcast von detektor.fm. Schön, dass ihr am Start seid. Mission Energiewende – Der detektor.fm Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 Prozent Ökostrom.
Einmal im Jahr wird auf der ganzen Welt der sogenannte Earth Day gefeiert. „Our Power, Our Planet“ lautet in diesem Jahr international das Motto. Es liege in unserer Macht, sich für unseren Planeten einzusetzen, heißt es auf einer Webseite zum Earth Day. Andererseits ein Leitsatz, der im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit und Artenschutz immer wieder auftaucht, lautet: „Wir können nur schützen, was wir kennen.“
Professor Dr. Christoph Scherber ist stellvertretender Generaldirektor des Leibniz Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels und in dieser Funktion auch für den Standort Museum König Bonn zuständig. Und ich freue mich, dass wir heute sprechen können. Willkommen im Klimapodcast von detektor.fm, Herr Scherber.
Vielen Dank und hallo. Ich habe es kurz angerissen, aber Sie sind der Fachmann und ich möchte keine interessanten Details unterschlagen. Wie erklären Sie denn das Shifting Baseline Syndrome? Was ist es aus Ihrer Sicht, was ist damit gemeint?
Das ist im Prinzip wie so eine Art Umweltvergesslichkeit, dass man sich also zunehmend schlechter erinnert an das, was früher gewesen ist, dass es früher mal mehr Insekten oder mehr Amseln oder sowas gegeben hat. Und das schleicht sich eben durch die Generationen hinweg so hin. Das heißt, von einer Generation zur nächsten vergisst man immer mehr, wie es früher mal gewesen ist und denkt dann letzten Endes, dass alles toll ist und man sich gar nicht mehr vorstellen kann, wie viel besser es vielleicht auch früher gewesen sein kann. Und dabei wissen wir zum Beispiel bei den Insekten, dass es ein Artenschwinden gibt. Also wir haben wissenschaftliche Evidenz, dass es weniger wird bei manchen Arten.
Genau, also ich habe ein sehr eindrückliches Paper hier vor mir liegen, wo zum Beispiel über 120 Jahre hinweg Insekten- und Pflanzeninteraktionen angeschaut worden sind. Also man ist im Prinzip hingegangen zu Flächen, die schon mal vor 120 Jahren auch beprobt wurden und hat eben herausgefunden, dass es viel weniger Bestäuberbesuche bei den Blüten gegeben hat, viel weniger Insekten da gewesen sind. Also eine dramatische Veränderung. Und dasselbe finden wir bei vielen anderen Artengruppen auch, beispielsweise bei Fischen oder bei Vögeln.
Ist es dann so, wenn es einmal weniger gibt, funktioniert das wie so eine Abwärtsspirale? Dann gibt es auch immer weiter weniger?
In der Natur hängt ja alles mit allem zusammen. Es ist schon so, dass dann Netzwerke irgendwann sehr stark verarmen und dann auch so ein bisschen zusammenbrechen können. Es ist schon so, dass dann am Ende auch weniger Möglichkeiten da sind und wir am Ende auch wirtschaftlich geschädigt werden. Sehr interessant ist zum Beispiel, dass die britische Regierung das jetzt auch als nationales Sicherheitsproblem erkannt hat, also den Verlust von Arten. Ganz frisch im Januar/Februar diesen Jahres ist das also von der britischen Regierung herausgegeben worden und es wäre hilfreich, wenn viele andere Regierungen das auch wahrnehmen würden und entsprechend auch aktiv werden würden.
Gibt es da noch mal eine genauere Erklärung, wo die Sicherheitslücke oder warum da ein Sicherheitsrisiko besteht?
Letzten Endes beruht ja vieles unserer gesamten Wirtschaftsleistungen auf Leistungen der Natur, Ökosystemdienstleistungen und sowas. Also Stichwort Bestäubung oder auch Holzgewinnung im Wald, also viele andere Sachen. Und all das hängt von der Natur ab. Und wenn wir hier zu viel verlieren, dann haben wir irgendwann keine stabilen Systeme mehr und keine stabilen Erträge mehr. Ich glaube, diese Vernetzung muss immer wieder betont werden, damit wir verstehen, dass dieser Artenschwund einen wirklich konkreten Einfluss auf unser Leben haben wird.
Gibt es denn noch mal ein konkretes Beispiel für dieses Shifting Baseline Syndrome, wo Sie an einer Landschaft oder einem Land so eine konkrete Zahl oder ein Beispiel sagen können?
Es gibt sehr viele historische Berichte zum Beispiel aus dem Bereich der Fischerei, dass da teilweise richtig dicke Brocken gefangen worden sind vor 100 Jahren, wo man heute gar nichts mehr hat. Zum Beispiel der Stör ist ja inzwischen verschwunden aus vielen Gewässern. Da gibt es alte Bilder, wo man sieht, dass da also weiß ich nicht wie viele Kilo schwere Individuen da damals mehrfach pro Tag gefangen worden sind und heute ist da einfach nichts mehr vorhanden. Das kann man sich wirklich eigentlich nur vorstellen, wenn man diese alten Bilder nimmt oder wenn man sich mit den Urgroßeltern noch mal unterhält.
Wie wichtig ist es denn für das Gewinnen neuer Erkenntnisse, dass wir solche quasi älteren Artenzustände erfassen?
Wir können im Prinzip im Geschichtsbuch der Erde auch lesen und versteinerte Interaktionen uns anschauen. Es ist sehr erstaunlich, zu sehen, dass das eigentlich immer noch alles genauso ist, wie es damals war. Also wenn ich versteinerte Blätter anschaue, sind die damals genauso angefressen wie heute von irgendwelchen Pflanzenfressern. Ich kann also wirklich die Vergangenheit verstehen und auch die Gegenwart verstehen, wenn ich mich auf so eine Zeitreise begebe und kann dann auch schauen, was sich verändert hat. Aber so gesehen gibt es ja auch Arten, die komplett neu oder losgelöst entstehen könnten. Also korrigieren Sie mich gerne, brauchen wir denn zwingend wirklich dieses Wissen oder inwiefern bringt uns das was, um diese Arten auch zu kategorisieren?
Wir müssen auf jeden Fall wissen, wie viel früher da gewesen ist, um auch aktiv werden zu können. Es ist ja auch eine Verantwortung, die wir als Menschen haben gegenüber der Natur oder der Umwelt oder auch gegenüber uns selbst, dass wir verantwortungsvoll mit dem Planeten umgehen. Und deswegen ist es schon wichtig, zu verstehen, was sich verändert hat. Es gibt natürlich auch positive Entwicklungen, es gibt auch sehr schön sichtbare Erfolge des Naturschutzes. Zum Beispiel für all diese Aspekte ist es aber wichtig, dass wir immer die historische Komponente mit dabei haben. Und was man nie erfasst hat, kann man natürlich auch in der Veränderung gar nicht beschreiben. Also ich denke mal, darauf kommt es ja sicherlich auch an.
Weil Sie das Fischebeispiel genannt haben, das war auch eines der ersten, bei dem ich in Kontakt mit dem Shifting Baseline Syndrom gekommen bin. Was wäre denn noch eine Art oder eine Gruppe, wo wir das schon häufig beobachten können?
Beobachten können wir das sehr deutlich bei den Vögeln. Auch wenn man alte Berichte anschaut, man muss gar keine alten Berichte anschauen. Man kann zum Beispiel auch in Städte oder Dörfer fahren, wo die Dächer noch nicht renoviert worden sind. Da nisten dann häufig ganz viele Stare zum Beispiel in den Dächern oder auch Haussperlinge um die Häuser herum. Das ist also ein großes Vogelkonzert die ganze Zeit. Wenn ich dann in Neubauviertel gehe oder in Gegenden, wo die Dächer renoviert worden sind, dann ist es da komplett leise. Man hört nichts. Und so ist es eben früher auch gewesen. An vielen Orten ist die ganze Luft voll mit Vogelstimmen gewesen. Es sind Zehntausende von Staren als Schwärme über die Landschaft geflogen. Ein sehr eindrückliches Beispiel ist die Wandertaube in Nordamerika, die ja inzwischen komplett ausgestorben ist, wo die Schwärme so groß waren, dass der ganze Himmel verdunkelt worden ist. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Gerade bei den Vögeln gibt es sehr eindrückliche Ergebnisse, die sich übrigens auch wirklich quantitativ decken. Wir haben zum Beispiel jetzt über die letzten zehn, zwanzig Jahre in Nordamerika eine Million Vogelindividuen verloren. Einfach nur an Menge, Vogelmenge, die verloren gegangen ist. Wenn man sich diese Kurve anschaut, die geht wirklich runter so steil wie ein wirklich senkrecht gehaltener Wolfsschläger. Das ist wirklich extrem, was es da für Veränderungen gegeben hat, deren man sich selbst aber gar nicht mehr so richtig erinnert, weil man damals vielleicht gar nicht so viel aufgepasst hat oder noch gar nicht am Leben war. Man nimmt ja immer das für gegeben, was man um sich herum hat. Da ist, glaube ich, auch die Forschung eben besonders wichtig.
Aber ich finde interessant, dass Sie angesprochen haben, dass es natürlich einen Quantitätsfaktor gibt. Also man kann noch viele Tiere haben, aber man kann nicht unbedingt unterschiedliche Arten haben. Ist das Shifting Baseline Syndrom denn dann nur auf die Quantität bezogen, also dass wir weniger sehen? Oder würde man das auch sagen, wenn man jetzt ganz viele Vertreter von einer Art hat?
Wir sehen es ganz deutlich bei den Schmetterlingen. Es gibt ja auch die Tagfalter-Kartierung hier in Deutschland, Tagfalter-Monitoring. Da sehen wir von Jahr zu Jahr, dass die Allerweltsarten noch da sind: Der Kohlweißling, der Zitronenfalter, das Tagpfauenauge. Aber die selteneren Arten, die verschwinden mehr und mehr. Und es gibt ganze Landstriche, insbesondere in den intensiv genutzten Regionen, wo einfach nichts mehr los ist, wo gar keine Arten mehr da sind. Und wenn sie nicht mehr da sind, dann vermisst man sie auch nicht mehr. Also das geht ganz schnell. Und wir haben also nicht nur einen Verlust der Arten, sondern auch einen Verlust der Kenntnis der Natur, dass also die Leute auch dann schon gar nicht mehr als ein Schmetterling überhaupt bestimmen können. Das liegt natürlich sicherlich auch an den Lebensräumen, die zurückgehen. Da sind wir bei den Pflanzen. Sind die auch betroffen oder wie viel wissen wir darüber?
Bei den Pflanzen sieht man es genauso. Wir haben ja sehr starke Stickstoffeinträge über die Atmosphäre, beispielsweise aus dem Straßenverkehr oder auch aus Drift aus der Landwirtschaft. Also unsere ganze Landschaft ist eigentlich von Stickstoff überfrachtet und damit verschwinden ganz viele Pflanzenarten, die an Nährstoffarmut angepasst sind. Und da können wir eigentlich auch schon wirklich zählen, wie jedes Jahr wieder mehr und mehr verschwinden, gerade zum Beispiel aus seltenen Lebensräumen wie Hochmooren oder auch aus Magerasen. Da gibt es also auch bei den Pflanzenarten einen sehr gut quantifizierbaren Schwund.
Jetzt sind wir bei Ihnen ja genau an der richtigen Stelle, um noch mal ein bisschen grundsätzlicher nachzufragen. Könnten Sie vielleicht so einen kleinen Einblick geben, was Sie so auch aus der Metaebene kennen, wie überhaupt der Zustand der Natur erforscht werden kann? Vielleicht reichen so ein paar Methoden oder genau wo auch der Trend hingeht. Das würde mich interessieren.
Genau, es gibt ein ganz, ganz breites Spektrum an Methoden. Es fängt damit an, dass man sich mit alten Texten auseinandersetzen kann. Man kann Umfragen machen mit älterer Generation, wer heißt das junge Generation. Man kann ins Museum gehen und kann da zum Beispiel von den Insekten sammeln, was im Herbar alles abgelegt worden ist. Man kann aus den Insektensammlungen hingehen und schauen, welcher Pollen klebt an den Bienen oder an den Schwebfliegen dran. Das machen wir teilweise auch in unseren Untersuchungen. Man kann dann so Probenahmen durchführen, dass man also Insekten fängt und schaut, was ist alles da. Bei den Vögeln haben wir zum Glück eine relativ gute Basis an Beobachtungen, vor allem aus dem Hobbybereich, die also schon relativ lange strukturiert vorliegen. Und dann in neuerster Zeit verwendet man zunehmend auch molekulare Methoden, wo man eben im extremsten Fall sogar einfach nur eine Luftprobe nimmt und schaut, welche Erbsubstanz fliegt da in der Luft mit rum und kann dadurch dann auch schon sagen, wo ist der Elefant und wo ist die Giraffe gewesen im Zoo. Zum Beispiel. Also da gibt es unglaubliche feinsinnige Methoden inzwischen.
Spielt da auch die, wenn Sie sagen, molekulare Methoden, Genetik mit rein oder ist das nochmal ein eigenes Feld?
Genau, das ist im Prinzip eine genomische Erfassung der Artenvielfalt. Da gibt es jedes Jahr zum Beispiel auch einen Wettbewerb im Regenwald, wo man zum Beispiel mit Drohnen oder auch mit verschiedenen Fahrzeugen, also so ferngesteuerten Fahrzeugen, unterwegs ist. Und dann sammelt man eben zum Beispiel mit so kleinen, ich sag mal, Wattebäuschchen oder Filterpapier sammelt man dann Umwelt-DNA ein. Dann gibt es immer ein Team, was gewinnt, was es am schnellsten dann möglichst viele Arten erfasst hat. Sehr, sehr spannende Sachen. Also es ist einerseits eine sehr spezifische Arbeit. Ich glaube, man muss sich unglaublich ins Detail verlieren können. Andererseits ist es ja auch eine Unmenge an Daten, die Sie dann am Ende auswerten. Ist das korrekt, dass man da eigentlich ein Forscherleben mit verbringen kann?
Auf jeden Fall. Wobei ich sagen muss, dass die Datenauswertung am Ende immer aufs Gleiche rausläuft. Also es ist immer so, dass ich halt eine Fragestellung haben muss und dann muss ich wissen, was habe ich gemessen, über wie viele Jahre liegt mir das vor. Selbst wenn ich gar keine große Statistik mache, sehe ich dann auch wenn ich mir ein Diagramm anschaue, sehr deutlich, ob sich was geändert hat oder nicht.
Spielt da, wenn wir bei dem Thema sind, als letzte Frage dazu, denn auch künstliche Intelligenz immer mehr eine Rolle, dass Sie große Datensammlungen da analysieren lassen oder ist das noch kein Thema?
Das ist für uns derzeit sehr wichtig, weil wir gerade im Bereich der Auswertung von Vogelstimmen zum Beispiel unglaubliche Mengen an Audiomaterial ansammeln. Und es gibt zum Glück von der Cornell University zum Beispiel ein Tool, was jeder eigentlich sich aufs Smartphone laden kann, mit dem man dann herausfinden kann, welche Vögel gesungen haben. Und das letzten Endes KI-basiert. Also es geht letzten Endes, also KI ist vielleicht ein bisschen der falsche Ausdruck. Es geht eigentlich immer um das sogenannte statistische Lernen. Also ich habe praktisch ein Muster und ich erkläre mir das dann mit bestimmten vorhandenen Mustern und kann dann klassifizieren, welche Rufe zum Beispiel da gewesen sind oder welche Tiere auf dem Foto zu sehen gewesen sind. Und das ist für uns eine Routine-Methode inzwischen, an der wir zunehmend arbeiten. Man darf aber auch da nicht vergessen, dass die historischen Daten ja eben nicht in dieser Fülle vorliegen. Und man muss schauen, dass man kein Ungleichgewicht hineinkriegt, dass wir also jetzt ganz, ganz viele moderne Daten haben, aber eben die Referenz in der Vergangenheit entsprechend dann fehlt. Klar, wenn ich jetzt einfach aufgrund meiner Erfassungsmethode mehr Daten sammle oder habe und das vergleiche mit einer Zeit, wo ich diese Erfassungsmethode noch nicht hatte, dann ist eine kleine Verzerrung, ein Bias sozusagen, drin. Und den will man nicht.
Genau, den hat man immer. Also selbst wenn ich mit Versteinerungen arbeite, habe ich dasselbe Problem, dass ich halt der Erhaltungszustand sich verschlechtert, je weiter ich in der Zeit zurückreise. Wenn ich jetzt ins Jura oder in die Kreidezeit gehe, dann ist mit die Wahrscheinlichkeit, dass ich irgendwas toll Erhaltenes finde, halt auch schlechter. Also dieses Problem haben wir die ganze Zeit und mit dem müssen wir uns rumschlagen und Lösungen dafür entwickeln.
Vielen Dank, das ist super spannend. Ich gehe mal weiter im Fragenblock. Also es klingt ja erstmal logisch, dass wenn wir nicht wissen, was fehlt, wir es eben auch nicht schützen können. Aber wie viel wissen wir denn insgesamt aus Ihrer Sicht über die Biodiversität unserer Erde?
Naja, das ist das Problem, dass wir nach wie vor dabei sind, Millionen von Arten zu beschreiben. Also ich meine, wir reisen jetzt zum Mond und zum Mars und suchen da nach Mikroorganismen und so weiter. Aber wir haben eben unsere Tiefsee oder unsere Insektenwelt auf der Erde, auf unserem eigenen Heimatplaneten, noch gar nicht wirklich erfasst. Und die Arten sterben uns sozusagen zwischen den Fingern weg, noch bevor wir sie beschrieben haben. Also ich habe da ganz interessante Beispiele von Arten, die mühselig beschrieben worden sind. Und kurz nach der Neubeschreibung sind sie auch schon wieder verschwunden, weil der einzige Berg, auf dem sie vorkamen, der Wald gerodet worden ist oder so. Also wir sind praktisch zwei verschiedenen Herausforderungen ausgesetzt. Das erste ist eben, dass wir immer noch dabei sind, überhaupt die Fülle an Leben auf der Erde zu erkennen und zu beschreiben. Und gleichzeitig müssen wir uns aber auch überlegen, wie können wir diese Fülle für die Zukunft erhalten.
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Wenn wir noch einmal an den Anfang zurückgehen, da haben wir über das Shifting Baseline Syndrom gesprochen und wir haben auch schon gesagt, warum wir uns eigentlich als Menschheit das vergegenwärtigen sollten. Aber vielleicht können Sie auch noch mal erklären, welche Konsequenzen hat es denn, wenn wir das nicht tun?
Also das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass keiner mehr Bescheid weiß. Also keiner weiß mehr überhaupt, was eine Amsel ist oder sowas oder was ein Feldsperling von einem Haussperling unterscheidet. Wenn wir dieses Wissen nicht haben, dann kann es halt passieren, dass Arten verloren gehen und dann kriegt das noch nicht mal mehr jemand mit. Also wir verlieren sozusagen Dinge, ohne davon Kenntnis zu haben. Und das kann dann irgendwann wieder zum Beispiel wirtschaftlich relevant werden oder auch für die Schulbildung relevant werden, dann eben, wenn man nichts mehr zeigen kann, wenn man nichts mehr weiß. Es ist zum Beispiel so, dass viele Lehrer an den Schulen gar keine Pflanzenarten mehr haben. Ich hatte das selber sogar eigenes Erlebnis bei einem Lehrer, der ein Herbar anfertigen ließ und dann bestimmte Artnamen genannt hat. Und die waren teilweise falsch bei Baumarten, also Baumarten wie Ahorn und Buche. Wenn man die nicht mehr drauf hat, dann ist es wirklich schwierig. Wie will man dann der nächsten Generation irgendwas vermitteln?
Das Shifting Baseline Syndrom betrifft uns als Durchschnittsbürger und Bürgerinnen, weil wir das Risiko für den Klimawandel eben dadurch unterschätzen und nicht handeln. Aber inwiefern hat denn dieses Phänomen auch Auswirkungen auf die wissenschaftliche Arbeit?
Es hat auf unsere tägliche Arbeit sehr starke Auswirkungen, weil eben die Personen, die wir dann einstellen, zum Beispiel als Promovierende oder auch die wir als Masterstudierende betreuen, kennen sich oft gar nicht mehr richtig gut aus mit Arten. Die können oft keine Pflanzen mehr bestimmen, keine Schmetterlinge mehr bestimmen und so weiter. Also da merkt man wirklich so dieses generationsübergreifende Vergessen, nicht mehr vorhandene Artenkenntnis. Und das beeinflusst letzten Endes auch sehr stark die Qualität dessen, was wir erreichen können. Es wird zunehmend schwieriger, noch Expertinnen zu finden und Experten, die bestimmte Artengruppen erkennen können oder die Vogelstimmen richtig zuordnen können. Und ohne dieses Wissen können wir unsere Wissenschaft vergessen. Also wir brauchen dringend dieses Artenwissen und müssen hier deutlich mehr investieren und mehr Kurse anbieten, um eben gegen das Vergessen anzuarbeiten.
Es wird oft genannt, dass wir diese Wahrnehmungsverschiebung nicht wahrnehmen, weil wir eben uns auf unser Hier und Jetzt konzentrieren. Und das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass wir viele aktuelle Krisen haben, die wir als Menschheit zusammen bewältigen müssen. Und trotzdem frage ich mich, ist das Ihrer Meinung nach auch der Grund, warum so etwas in den Hintergrund gerät? Oder liegt es vielleicht auch an etwas anderem?
Also es gibt ja auch Möglichkeiten, sich das immer wieder in den aktuellen Fokus zu rücken. Klar, wir sind natürlich in einer sich immer mehr beschleunigenden Welt. Wir sind mitten in der Informationsbombe, wie man so schön sagt. Also es gibt überall ständig Informationen. Alles wird ständig irgendwo gepostet. Das Essen, was ich heute gegessen habe, wird irgendwo rumgeschickt als virtuelles Bild. Dass da natürlich dann in diesem Grundrauschen vieles untergeht, ist eigentlich kein Wunder. Schwieriger ist, dass weniger und weniger Menschen wirklich Naturerfahrungen haben und wirklich rausgehen, weil es eben so schön einfach geworden ist, vor dem Bildschirm oder vor dem Smartphone zu sitzen und sich nur berieseln zu lassen und gar nicht mehr rauszugehen und das Belohnungszentrum des Gehirns dadurch zu betätigen. Da müssen wir wirklich wegkommen davon. Wir brauchen eigentlich wieder mehr insgesamt in allen Lebensbereichen mehr dreidimensionale Erfahrungen. Keiner weiß mehr, wie unser Essen hergestellt wird. Keiner weiß, wie eine Fabrik funktioniert und keiner weiß, wie die Natur funktioniert. Das ist alles dasselbe Prinzip. Und da müssen wir einfach daran arbeiten, auch in der Bildung, dass wir einfach wirklich mehr haptische, dreidimensionale Erfahrungen ermöglichen.
Ja. Es gibt ja auch diese schöne Idee, dass wenn wir die Natur in ihrer Schönheit genießen können, diese Schutzfunktion selber auch wollen. Also das motiviert uns sozusagen dazu, unser Umfeld, unsere Natur um uns herum zu schützen.
Genau, es ist ja auch so gewesen, zu Corona-Zeiten hat man plötzlich gemerkt, wie schön der Park ist, in dem man dann spazieren gehen konnte. Die Flüsse sind plötzlich wieder klar gewesen, die Luft war wieder gut. Da merkt man plötzlich auch den Wert der Natur noch mal anders zu schätzen. Und es wäre schön, davon so ein bisschen was beibehalten zu können, dass man einfach sich freut, wenn ein Baum Schatten spendet. So ganz einfache Sachen. Oder man freut sich über Blumen am Wegesrand. Hat ja auch eine gute Wirkung auf die Psyche, mal ganz davon abgesehen, obwohl es ja in erster Linie um die Umwelt geht.
Ich habe noch eine abschließende Frage, und zwar bei all diesen Fakten ist es vielleicht manchmal für Sie als Forscher ja auch gar nicht so leicht, optimistisch zu bleiben. Was gibt Ihnen denn Zuversicht oder auch Motivation, dieser Arbeit weiter nachzugehen?
Ich arbeite eigentlich immer so, dass ich in die Zukunft schaue. Also ich hake sozusagen ab, dass Dinge schlecht gelaufen sind in der Vergangenheit. Und ich sage mir dann immer: Jetzt lass es nach vorne schauen und lass uns überlegen, wie wir eine lebenswerte Zukunft gestalten können. Und das ist eigentlich extrem motivierend, muss ich sagen. Und das ist auch das Narrativ, mit dem ich auch überall ankomme, wenn ich jetzt mit Landwirtinnen und Landwirten spreche, wenn ich mit Industrievertretern spreche. Wenn ich nach vorne schaue und sage, was können wir jetzt bewirken? Wir sind so eine tolle Gesellschaft. Wir haben so viele Möglichkeiten. Wie können wir denn das Zusammenleben mit der Natur so gestalten, dass für alle was drin ist? Wie können wir vielleicht sogar von der Natur etwas lernen oder bessere ökonomische Bedingungen haben, indem wir die Natur mitdenken? Und das ist für mich ungemein motivierend und das macht mir auch jeden Tag Spaß. Und das versuche ich auch unterzubringen in Vorträgen oder Vorlesungen oder wo auch immer ich tätig bin, dass ich eben sage: Lass uns so ein bisschen die Schatten der Vergangenheit vergessen. Lass uns nach vorne schauen und anpacken. Wir leben auf einem tollen Planeten. Haben wir gerade erst wieder bei der Mondmission gesehen, wie toll der Planet ist. Und wir haben die Verantwortung für ihn und sollten einfach das Beste daraus machen. Das sagt Prof. Dr. Christoph Scherber, der stellvertretende Generaldirektor des Leibniz Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels. Vielen Dank für das Gespräch.
Gerne, vielen Dank. Und das war der Klima Podcast von detektor.fm zum Earth Day. Redaktion Ina Lebedjew. Die Audio Produktion für diese Folge hatte Paula Bültemann. Lasst uns gern ein Abo da, wenn euch gefällt, was wir hier machen. Damit sorgt ihr dafür, dass auch andere Menschen diesen Podcast finden. Herzlichen Dank! Ich bin Clara Fröhlich. Macht’s gut und tschüss! Mission Energiewende – Der detektor.fm Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 Prozent Ökostrom. Untertitel im Auftrag des ZDF für funk 2017.