Wir entdecken mehr neue Arten als je zuvor. Gleichzeitig ist die Artenvielfalt extrem bedroht. Wie können wir die Natur besser schützen?
Die Artenvielfalt auf der Erde ist unfassbar: Schätzungsweise 2,5 Millionen Arten von Tieren, Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen kennt die Menschheit bis heute. Wie viele Arten es insgesamt auf unserem Planeten gibt, ist dabei weiterhin völlig unklar. Schätzungen gehen davon aus, dass tatsächlich mehrere zehn bis hunderte Millionen existieren könnten.
Tatsächlich werden heute sogar mehr Arten entdeckt als je zuvor. Besonders bemerkenswert ist die Geschwindigkeit der Entdeckungen: Zwischen 2015 und 2020 wurden im Schnitt etwa 16.000 neue Arten pro Jahr wissenschaftlich beschrieben. Das sind mehr als doppelt so viele wie noch in den 1990er-Jahren.
Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung sind moderne Methoden wie DNA-Analysen. Sie ermöglichen die Identifikation sogenannter kryptischer Arten, die äußerlich kaum zu unterscheiden sind, genetisch jedoch deutlich voneinander abweichen. Dadurch wird sichtbar, wie viel der globalen Artenvielfalt bisher verborgen geblieben ist.
Überraschend ist, dass nicht nur kleine oder unscheinbare Organismen entdeckt werden. Auch neue Vogel-, Säugetier- oder Baumarten werden regelmäßig beschrieben. Besonders große Wissenslücken bestehen bei Fischen und Amphibien: Hier könnte die Mehrheit der Arten noch unbekannt sein. Denn Regionen wie die Tiefsee und die tropischen Regenwälder gelten als besonders unerforscht.
Dass wir jedes Jahr viele neue Arten entdecken, darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die globale Artenvielfalt massiv bedroht ist. Weltweit verschwinden Lebensräume durch Abholzung, intensive Landwirtschaft, Städtebau und Rohstoffabbau in einem historischen Ausmaß. Hinzu kommen Klimawandel, Umweltverschmutzung, Überfischung sowie eingeschleppte invasive Arten, die ganze Ökosysteme aus dem Gleichgewicht bringen können.
Forschende sprechen inzwischen vom Beginn eines menschengemachten Massenaussterbens. Darauf soll der Internationale Tag zur Erhaltung der Artenvielfalt, der jährlich am 22. Mai stattfindet, aufmerksam machen. Denn viele Arten verschwinden wahrscheinlich, bevor sie überhaupt wissenschaftlich beschrieben wurden. Das macht die Erforschung der Biodiversität nicht nur zu einer wissenschaftlichen Aufgabe, sondern auch zu einem Wettlauf gegen die Zeit.
Wenn ein Lebensraum zerstört wird, weiß man nicht, was dort verschwindet.
Daniel Lingenhöhl, Spektrum der Wissenschaft
Daniel Lingenhöhl ist Chefredakteur von Spektrum der Wissenschaft. Im Gespräch mit detektor.fm-Moderator Marc Zimmer zum Tag der Artenvielfalt erklärt er, wie es um das Artensterben und die Biodiversität steht.