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Wogegen protestiert die Bevölkerung?

Beirut liegt in Schutt und Asche. Auf der Straße brodelt es. Schon vor der Explosion gab es starke Proteste gegen die Regierung, die inzwischen intensiver geworden sind. Um das dortige System besser zu verstehen, haben wir uns gefragt: Wogegen wird denn protestiert?

Im Libanon wächst die Wut der Bevölkerung seit der Explosion im Hafen von Beirut am 4. August. Schon seit dem Herbst vergangenen Jahres, demonstrieren vorwiegend junge Menschen gegen die Regierung und das politische System. Sie kritisieren Missstände in der Wirtschaft, politische Korruption, schlechte öffentliche Infrastruktur sowie mangelnde Energieversorgung.

Libanon in der Krise

Der Libanon ist eine parlamentarische Republik. Das politische System ist nach Konfessionen organisiert. Somit sollen religiöse Spannungen vermieden werden. Seit letztem Jahr steckt das Land jedoch in einer tiefen Wirtschaftskrise: Die Währung hat an Wert verloren und fast die Hälfte der Menschen hat keine Arbeit. Die Demonstranten fordern mehr als nur politische Versprechen. Sie wollen die „völlige Neuordnung des politischen Systems“, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt.

Aus allen Teilen der libanesischen Gesellschaft

Während zu Beginn der Proteste eher junge Menschen auf die Straßen gingen, ist die Protestwelle heterogener geworden. Nun haben sich auch ältere Menschen der Opposition angeschlossen. Feuerwehrkräfte sollen sich geweigert haben, ihre Feuerlöscher gegen die Demonstrierenden einzusetzen. Ehemalige Soldaten und Offiziere stürmten sogar das Außenministerium und belagerten es für einige Stunden.

Die junge Bevölkerung möchte ein Ende des Sektierertums, sie sagt: Wir wollen nicht mehr so gespalten sein. Wir wollen ein Land sein und wir wollen Libanesen sein. Wir wollen nicht christliche, schiitische, sunnitische oder drusische Libanesen sein.

Diana Hodali, Journalistin mit Spezialisierung auf den Nahen Osten

Foto: privat

Frankreich, Deutschland, die EU und viele weitere Staaten zeigten sich auf einer Geberkonferenz solidarisch mit dem Libanon. Über 250 Millionen Euro führten sie zusammen, um dem Land aus der Krise zu verhelfen.

Es ist ein besonderes Statement, wenn eine Geberkonferenz von sich aus sagt, dass man dem Land gerne helfen möchte – aber nicht mit ihren Counterparts, also dem Präsidenten und Ministerien etc., zusammenarbeiten möchte. Das ist so ziemlich ein Schlag ins Gesicht, aber vollkommen gerechtfertigt.

Joachim Paul, Leiter Heinrich-Böll-Stiftung Beirut

Foto: privat

detektor.fm-Moderatorin Maureen Welter spricht mit Diana Hodali über das politische System im Libanon. Sie ist freie Journalistin und hat sich auf den Nahen Osten spezialisiert. Welche  Zukunftsperspektiven er für das Land sieht, erzählt Joachim Paul. Er ist Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung im Libanon. 

 

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