Der Pavillon des Vatikans ehrt auf der diesjährigen 61. Venedig-Biennale die Mystikerin Hildegard von Bingen. Ein Gespräch mit dem Kurator Hans Ulrich Obrist.
Sie sah den Menschen als ganzes – eine Einheit aus Geist, Seele und Körper, im Einklang mit der Natur und den eigenen Lebensumständen: Hildegard von Bingen. Die Benediktinerin erforschte Pflanzen und Kräuter auf ihre Wirkstoffe hin, untersuchte, welchen Einfluss unser Essen auf unseren Körper hat. Und in welchem Maße Bewegung und Ruhe dem seelischen Gleichgewicht guttut. Mit ihren Lehren und Ideen war Hildegard von Bingen — die im 12. Jahrhundert lebte — ihrer Zeit weit voraus. Bis heute ist sie bekannt als Heilerin, Mystikerin, Schriftstellerin und Komponistin.
Der Pavillon des Vatikans widmet Hildegard von Bingen nun auf der 61. Venedig-Biennale die Ausstellung „The Ear Is the Eye of the Soul“, kuratiert von Hans Ulrich Obrist. Besucherinnen und Besucher können hier die hektische moderne Welt für einen Augenblick vergessen und durch einen klösterlichen Garten wandeln. Gemäß der Idee von Biennale-Kuratorin Koyo Kouoh, die sich für mehr Erdung und Gelassenheit einsetzte. Und so stellt „The Ear is the eye of the soul“ das Gehör in den Mittelpunkt. Gemeinsam mit Soundwalk Collective haben die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler für die Ausstellung ein ganz besonderes Hörerlebnis entwickelt. „Sound und Ton privilegiert die Innerlichkeit, die Moderation“, erzählt Kurator Hans Ulrich Obrist im Podcast.
Wir wollten einen Garten schaffen, in dem man zuhört.
Hans Ulrich Obrist, Kurator
Gerade ihr kosmisches Denken sei es, das viele Künstlerinnen und Künstler inspiriert, so Obrist. Hildegard von Bingen schaffte es bis heute, über ihr Denken Brücken zu bauen. Für die Ausstellung in Venedig hat Obrist viele namhafte Künstlerinnen und Künstler zusammengebracht. Unter ihnen etwa Patti Smith, Jim Jarmusch und Brian Eno. Außerdem zeigt er das letzte Werk des im Frühjahr verstorbenen deutschen Regisseurs Alexander Kluge, das zusätzlich in den ehemaligen Klosteranlagen „Complesso di Santa Maria Ausiliatrice“ zu sehen ist.
Wir leben in einer Zeit, die extrem fragmentiert ist und wo es viel Polarisierung gibt. In dieser Zeit ist es extrem wichtig ist, die Dinge wieder zusammenzubringen.
Hans Ulrich Obrist
In dieser Folge von „Kunst und Leben“, dem Podcast in Kooperation mit dem Monopol-Magazin, spricht Elke Buhr, Chefredakteurin des Monopol-Magazins, mit dem Kurator Hans Ulrich Obrist über seine kuratorische Arbeit für den Pavillon des Vatikans. Obrist wurde in der Schweiz geboren und hat bereits auf der ganzen Welt gearbeitet. Er verantwortete Ausstellungen in Wien, Paris, New York und Hamburg. Seit 2006 leitet er die Serpentine Galleries in London. Auf der 61. Venedig-Biennale zeigt er die Ausstellung „The Ear is the Eye of the Soul“ in Gedenken an Hildegard von Bingen. Besichtigen könnt ihr sie bis zum 22. November 2026.