Sie sah den Menschen als Ganzes, verbunden mit der Natur und den Lebensumständen um ihn herum. Sie erforschte, welche Wirkung bestimmte Kräuter auf den Menschen haben, wie unser Körper davon beeinflusst wird, was wir essen und in welchem Maße Bewegung und Ruhe dem seelischen Gleichgewicht guttut.
Hildegard von Bingen, die Benediktinerin, lebte im 12. Jahrhundert und war mit ihren Lehren und Ideen ihrer Zeit weit voraus. Bis heute ist sie unter anderem bekannt als Heilerin, Mystikerin, Schriftstellerin und Komponistin. Der Pavillon des Vatikans widmet ihr nun auf der 61. Venedig Biennale die Ausstellung „The Ear is the Eye of the Soul“, kuratiert von Hans Ulrich Obrist. BesucherInnen können hier die hektische moderne Welt vor der Tür lassen und durch einen klösterlichen Garten wandeln. „The Ear is the Eye of the Soul“ stellt das Gehör in den Mittelpunkt. Gemeinsam mit Soundwalk Collective haben die teilnehmenden KünstlerInnen für die Ausstellung ein ganz besonderes Hörerlebnis entwickelt.
Und damit sage ich Hallo und herzlich Willkommen zu einer neuen Folge von Kunst und Leben, dem Podcast in Kooperation mit dem Monopolmagazin. Mein Name ist Sarah Marie Plikart. Hallo, Kunst und Leben, der Monopol Podcast von detektor.fm. Hans Ulrich Obrist hat den Vatikanischen Pavillon für die 61. Venedig Biennale kuratiert. In der Schweiz geboren, hat er bereits auf der ganzen Welt gearbeitet und machte Ausstellungen in Wien, Paris, New York und Hamburg. Seit 2006 leitet er die Serpentine Galleries in London. Für „The Ear is the Eye of the Soul“ in Venedig hat er viele namenhafte KünstlerInnen zusammengebracht, unter anderem Patti Smith, Jim Jarmusch und Brian Eno. Außerdem zeigt er das letzte Werk des im Frühjahr verstorbenen deutschen Regisseurs Alexander Kluge.
Wer da welche Ideen hatte, warum Hildegard von Bingen heute immer noch oder erst recht relevant ist und wie man eigentlich lernt zuzuhören, darüber hat er mit Elke Buhr, Chefredakteurin des Monopolmagazins, im Interview gesprochen. Der Vatikan hat jetzt schon zum zweiten Mal eine richtig interessante Ausstellung bei der Biennale von Venedig gemacht, und ich wundere mich immer noch darüber.
Kannst du mir verraten, wer ist eigentlich beim Vatikan dafür verantwortlich, dass die so gute Sachen machen und wer kennt sich da so gut aus? Ich hätte es denen einfach nicht zugetraut. Ja, es ist so, dass der Vatikan jemanden hat, der für Kultur zuständig ist, und zwar ist das der Kardinal Tolentino de Mendoza. Es ist ein Poet, ein Schriftsteller aus Portugal, und der ist wirklich visionär und hat unglaubliche Ideen. Ich glaube, das hat sehr viel damit zu tun, dass er einfach eine kulturelle Vision hat.
Und das ist interessant, weil mich hat er sich von Anfang an auch ein bisschen an André Malraux erinnert, weil Frankreich hatte ja mal diesen Schriftsteller André Malraux als Kulturminister vor langer Zeit. Es gab auch in Lateinamerika eine Zeit, wo eben Octavio Paz und Carlos Fuentes und mehrere Schriftsteller auch als Kulturdezernenten und Kulturminister tätig waren. Und das ist so ein seltener Fall, wo jemand der wirklich aus der Kultur kommt. Und in diesem Sinne ist es auch etwas, wovon vielleicht andere Länder in Europa was lernen könnten.
Ja, unbedingt. Das ist sehr untypisch mittlerweile, weil ja immer weniger Leute sich mit Kultur auskennen, die über Kultur bestimmen. Das ist ja eines der Probleme, glaube ich, unserer Gegenwart. Und wie ist diese Kontaktaufnahme passiert vom Vatikan? Also, wir sind uns schon vor mehreren Jahren begegnet, eigentlich über die Poesie, weil ich habe seine Poesiebücher gelesen. Und dann hat uns Bruno Racine, der Präsident von Palazzo Fenges, vor zwei Jahren, der hat uns irgendwie zusammengebracht.
Und so habe ich dann auch geschrieben für den letzten Beitrag zusammen mit Julia Christeba für den Katalog. Und aus dieser Katalogzusammenarbeit hat sich dann die Zusammenarbeit am Pavillon ergeben. Und der Kardinal hat dann angefragt, ob ich den nächsten Pavillon für 26 kuratieren würde. Und das Grundthema Hildegard von Bingen war dann deine Idee? Ja, ja. Es ist sehr lange, dieses Projekt mit Hildegard etwas zu machen, zu Hildegard etwas zu machen mit meinem Kollegen Ben Vickers.
Ben Vickers ist ja Künstler und Technologist, und wir haben ja zehn Jahre zusammengearbeitet, weil ich habe ihn eingeladen, so 2013, 2014, das Technologiedepartment der Serpentine aufzubauen. Er war ja unser erster Chief Technology Officer. Und diese ganzen Projekte, die wir seit zwölf Jahren machen mit AI, mit Videogames, mittlerweile sind ja fünf Kuratoren und Kuratorinnen tätig an der Serpentine, die sich ausschließlich mit Technologie beschäftigen. Wir machen auch diese Future Art Ecosystem Reports regelmäßig. Das hat alles mit Ben Vickers begonnen.
Und so haben wir dann eigentlich im Büro wöchentlich über Hildegard von Bingen gesprochen, weil wir uns beide dafür seit so langem interessieren und haben immer darüber nachgedacht, dass man irgendwann eine Ausstellung machen sollte. Wir fanden irgendwie, dass der Wide Cube nicht richtig wäre dafür, sondern dass es eigentlich einen Garten bräuchte. Man müsste einen Klostergarten finden, einen Garten, wo auch diese heilenden Kräuter wären, eine Art von, wo man irgendwie auch vereint sein könnte mit Pflanzen und mit Tieren.
Und wir hatten irgendwie diese Idee, einen Garten zu finden. Aber das blieb immer ein unrealisiertes Projekt, bis es eben diese Anfrage gab. Und wie der Kardinal mich dann kontaktiert hat, habe ich sofort Ben angerufen und habe ihn gefragt, ob er das zusammen machen will. Und er fand das auch sehr spannend. Und dann hat der Kardinal uns eben diesen Garten gezeigt in Venedig. Und wir waren total fasziniert von diesem Garten aus zwei Gründen.
Erstens, weil er ist ja wirklich eigentlich an dem beschäftigsten Ort, an einem der lautesten Orte Venedigs, was ja der Hauptbahnhof ist. Da kommen Millionen von Menschen an jedes Jahr. Die Touristen reisen ab oder kommen an. Die Boote fahren davon los. Es ist wirklich nie ruhig an dieser Stelle. Und da gibt es diese Türe, so 50 Meter von dem Hauptbahnhof, hinter der Kirche. Und da ist man auf einmal in diesem Carmeliter Garten, eigentlich Teresa von Avila gewidmet, inspiriert von Teresa von Avila, und kann da irgendwie absolut ruhig sein und sich in diesem Garten aufhalten.
Nur ist dieser Garten öffentlich nicht zugänglich, sondern er ist eben nur für, wenn man so irgendwelche Tours hat, so Guidetours, manchmal zugänglich wird, aber mehrheitlich eben noch von dem Kloster benutzt. Es werden da auch weiterhin Pflanzen angepflanzt, Heilpflanzen. Und wir waren ganz begeistert. Und irgendwie das Merkwürdige war, dass mir dieser Garten irgendwie bekannt vorkam. Ich wusste aber, dass ich noch nie da war.
Und dann habe ich ein paar Stunden nachgedacht. Auf einmal ist mir dann eingefallen, dass ich den Garten kenne aus dem Buch von César Nottebaum, weil der große Schriftsteller César Nottebaum hat ja ein sehr schönes Buch geschrieben über Venedig. Und da gibt es eben ein Kapitel, wo er beschreibt, wie er auf einmal in der Nähe vom Bahnhof diese magische Türe entdeckt. Eigentlich wie eine Türe in eine ganz andere Welt. Und wir werden auch versuchen, diesen Katalogtext, also diesen Text nochmals abzudrucken in dem Katalog.
Also wirklich eine sehr schöne Zusammenfassung von dieser Erfahrung. Und wir dachten immer, dass es interessant wäre, über Ton irgendwas mit Hildegard zu machen, weil einerseits es auch so viele Komponisten, Musiker, Musikerinnen gibt, die von Hildegards Komposition und von Hildegards, wenn man so will, Musik eben beeinflusst sind. Und Sound oder, wenn man so will, Ton privilegiert ja die Innerlichkeit, die Moderation. Und es ist eigentlich eine In-Word Experience. Es ist eine verinnerlichte Erfahrung.
Und wir wollten so einen Garten schaffen, wo man zuhört. Also die Etta La Nanne hat mir ja immer gesagt, wir müssen Situationen schaffen, wo man wieder lernt zuzuhören im 21. Jahrhundert. Also was man auf Englisch auch Deep Listening nennt. Und wir dachten, dass man so eine Situation schaffen könnte, wo das Zuhören eine Form von Präsenz schafft, wo man irgendwie Besucher einlädt, in dieser beschäftigten Zeit der Venedig Biennale eine sehr fokussierte Erfahrung zu haben, Aufmerksamkeit, vielleicht auch ruhiges Nachdenken und ja, gemeinsame Meditation.
Und wir dachten, irgendwie, dass so ein Tongarten und dann, wie immer, habe ich diese Idee mit Alexander Kluge getestet, weil ich habe ja seit 30 Jahren, ich habe in den 90er Jahren Alexander Kluge eigentlich in die Kunstwelt gebracht. Wir haben begonnen Ausstellungen zu machen, und wir hatten so ein Ritual. Also der Garten ist ja eigentlich auch ein Ritual. Und Kluge und ich hatten dieses Ritual, dass wir uns immer am 1. Januar um 15 Uhr in Sils Maria verabredet haben, jedes Jahr.
Und so haben wir dann immer eigentlich das Jahr besprochen, die Projekte, was wir zusammen machen. Kluge hat mir erklärt, was für ihn die wichtigen Themen sind. Ich habe immer eine Art von Mentor auch für mich. Und so haben wir natürlich sofort Alexander angerufen, weil ich wusste, dass er auch immer über Hildegard von Bingen was machen wollte. Und wir haben ihn dann besucht und er hat sofort auch dieser Idee zugestimmt, dass irgendwie eine Tondimension, eine Sounddimension haben sollte.
Und dass man irgendwie, und hat dann sofort bei dem allerersten Treffen den Titel für uns gefunden. Der Titel lautet: Ja, ich weiß nicht, wie würde man es auf Deutsch übersetzen? Sag ruhig auf Englisch: „The ear is the eye of the soul“. Das Ohr ist das Auge der Seele, würde man, glaube ich, sagen. „The ear is the eye of the soul“. Ja, genau. Das Ohr ist das Auge der Seele. Und er hat das dann auf einem Blatt Papier aufgeschrieben, und wir haben das gescannt und hatten sofort den Titel.
Und dann eigentlich hatten wir den Titel am Anfang, aber noch nicht die Ausstellung. Und dann haben wir uns überlegt, dass wir eigentlich Musiker und Musikerinnen von verschiedenen Generationen einladen möchten, Komponisten, Komponistinnen von Terry Reilly. Und wir wussten auch, dass Meredith Monk sich seit langem schon mit Hildegard auseinandergesetzt hat. Ich bin ja auch in London, habe ich immer wieder mit Brian Eno zusammengearbeitet. Wir waren auch mal Nachbarn, wie ich nach London gezogen bin.
Also wir kennen uns seit sehr, sehr langem und ich weiß auch, dass Eno mir auch immer von Hildegard erzählt hat. Das waren so die ersten, die wir kontaktiert haben. Wir wussten, Patti Smith hat viel zu Hildegard sich geäußert. Und dann dachten wir, es ist irgendwie spannend, wenn wir so verschiedenste neue Arbeiten in Auftrag geben könnten für diesen Garten. Es muss aber eine holistische Erfahrung sein. Es muss eine ganzheitliche Erfahrung sein.
Und da führten dann alle Wege zum Soundwalk Collective, weil das Soundwalk Collective mit Stefan Kasiak und auch Simone Merli arbeiten ja seit Jahrzehnten an diesen ganzheitlichen Tonerfahrungen. Die bringen eben Ton in mehrdimensionale Räume. Also wie Xenakis immer sagte, mit seinen Polytops es gibt eben dieses große Potenzial, dass man ganz viele Tonquellen hat in einem Raum und so Mehrdimensionalität schafft. Sowohl Ben als auch ich waren immer sehr beeindruckt von diesen Toninstallationen von Soundwalk Collective.
Unter anderem haben sie ja zum Beispiel von Bernie Kraus dieses unglaubliche Tonarchiv verräumlicht. Bernie Kraus hat seit Jahrzehnten eben Tiere und Natur dokumentiert, die am Abschwinden sind und so quasi auch diese Extinction Crisis thematisiert durch seine Tonaufnahmen. Und da haben im Soundwalk Collective in der Fondation Cartier zur Wiedereröffnung diese Toninstallation, diesen Gang geschaffen. Und so dachten wir, vielleicht könnte der Gang mehr zu einem ganzen Garten werden und die könnten das so vereinheitlichen.
Und die waren auch sofort sehr begeistert. Und so war das Team dann zusammen. Und dann gab es eben den zweiten Raum, weil der Vatikan hatte diesen Complesso di Santa Maria aus Sidiatriche. Das ist eine ehemalige Kirche. Den haben die für länger jetzt und den hatten sie auch benutzt für die Architekturbiennale. Bei der letzten Architekturbiennale da war in diesem Santa Maria aus Sidiatriche, das ist eben in der Nähe von Arsenale bei der Via Garibaldi.
Da hatten die mit Tatjana Bilbao und Mayo Architects dieses Opera Aperto geschaffen. Also quasi eine Ausstellung zur Architekturbiennale als Hommage an Umberto Ecos. Ich weiß nicht, auf Deutsch wie das übersetzt ist, das Opera Aperto, das offene Werk. Das offene Werk, genau. Umberto Ecos offenes Werk. Und das wurde quasi für die Architekturbiennale in Venedig im 25. 2025 gezeigt. Und das war eigentlich das zweite unrealisierte Projekt.
Also das erste unrealisierte Projekt war irgendwas zu Hildegard von Bingen zu machen. Und mein zweites, was ich mit Ben zusammen eben seit langem hatte. Und das zweite unrealisierte Projekt war eben, ich habe ja mal den Schweizer Pavillon gemacht auf der Architekturbiennale und ich hatte immer dieses unrealisierte Projekt, weil mir ist aufgefallen, wenn man ein Pavillon macht in Venedig, da geht man ja dann hin und guckt sich den an bei der Biennale, die vorstattfindet.
Und dann sieht man, wie das abgebaut wird. Es war wirklich beeindruckend. Ich war da in Venedig damals vor zehn Jahren. Das sieht man ja eigentlich als Besucher nie. Aber wenn man da ist am Ende, wenn die Biennale endet im November, da werden einfach alle Wände rausgeworfen. Es wird alles rausgeworfen wie Tabula Rasa. Und ich habe mir damals überlegt, vor zehn Jahren, wenn ich irgendwann wieder gefragt werde, ich wusste ja nicht, ob das irgendwann wieder geschieht, aber sollte ich irgendwann in meinem Leben wieder gefragt werden, ein Venedig Pavillon zu machen, dann würde ich versuchen, diese Tabula Rasa Sache zu vermeiden und einen nachhaltigeren Umgang mit dem vorherigen Pavillon anzustreben.
Ein bisschen wie im Garten, dass man den vorherigen Pavillon wachsen lässt. Und das Interessante war, dass die Kuratorinnen Giovanna Zabotti und Marina Otero Versier mit diesen zwei Architekturbüros, mit Tatjana Bilbao und Mayo Architects, eine Reparationssituation geschaffen oder eine Restaurationssituation geschaffen. Also dieser Raum wurde eben während der Architekturbiennale wieder in Stand gesetzt. Es gab da ein Gerüst, ein scaffolding, und es gab auch sehr viele Workshops Gespräche.
Und die haben so eine großartige Aufstellungsarchitektur gemacht mit diesen gelben Lichtern, mit diesen Arbeitstischen. Und da dachten wir, da könnten wir einfach drauf aufbauen. Wir könnten quasi unser Hildegard von Bingen Archiv hinzufügen. Es fügte sich dann auch, dass die Tatjana Bilbao und ihr Studio in Mexiko, die in Deutschland, es ist ja sehr selten, dass heute ein Architekturbüro ein 21. Jahrhundertkloster, was auch als Kloster funktioniert, in Auftrag kriegt.
Und dieses Kloster wird tatsächlich in Deutschland gebaut. Da dachten wir, wir könnten darauf hinweisen, dass die Architektin von diesem Raum zurzeit ein Kloster baut und sehr inspiriert ist von Hildegard von Bingen. Und dann hatten wir natürlich diese Idee mit Alexander Kluge, weil der wollte von Anfang an nicht eine Tonarbeit machen, sondern der wollte zwölf Filme beisteuern zu dieser Ausstellung und auch sehr viele Drucke, also so auf Kupferplatten gedruckte Hildegard von Bingen Drucke.
Und er hat ja viel am Ende seines Lebens mit AI gearbeitet. Und das wurde ja eigentlich sein letztes Werk. Er hat ja daran gearbeitet bis ein paar Tage vor seinem Tod. Und so dachten wir, das könnte auch für Alexander Kluge interessant sein, dieser Raum. Und so haben wir ihn dann in Verbindung gesetzt mit Tatjana Bilbao und Mayo Architects. Und das Tatjana Bilbao Büro hat dann eben mit ihm zusammen die Ausstellungsarchitektur entwickelt.
Es sind quasi drei Räume in diesem Komplex um diese Kirche herum, die von Alexander Kluge bespielt sind mit diesen zwölf Videos und diesen Drucken. Also insofern haben sich zwei meiner unrealisierten Projekte durch diese Vatikan Einladung so realisiert. Alle interessieren sich offenbar für Hildegard von Bingen. Hildegard von Bingen ist eine Denkerin des Mittelalters.
Was ist denn interessant an ihr? Warum taucht sie im Moment so häufig auf? Ja, ich glaube, sehr interessante Frage, weil ich glaube, es gibt verschiedenste Gründe. Einerseits, und die wollten wir eigentlich auch mit all diesen neuen Werken, es sind ja verschiedenste Generationen involviert. Es geht von Terry Rydie, der ist 90 und lebt in Japan jetzt und hat eine neue Arbeit komponiert, eben zu Meredith Monk, über Patti Smith oder Susan Shani, zu auch ganz jungen Künstlern und Künstlerinnen wie FKA Twigs oder Devonte Hines, der unter dem Namen Blood Orange sehr bekannt ist in der Popmusik.
Und so wollten wir quasi in diesem Garten diese verschiedensten Themen adressieren, die eben heute Hildegard relevant macht. Und das eine ist natürlich, was ganz wichtig ist, ist diese heilende Dimension. Sie war ja Ärztin und Heilerin. Und dieser Garten ist eben auch ein Garten mit heilenden Kräutern. Dieses Melissewasser wurde da oft angebaut und das ist eine Medizin, dieses Melissewasser, was restauriert und was die Mönche und die Nonnen eben weiter auch produzieren.
Dann glaube ich auch diese Viriditas-Idee ist sehr wichtig. Viriditas ist ja das Hauptkonzept, wenn man so will, von Hildegard von Bingens Theologie und das kann man übersetzen als Greenness. Und es geht um eine, wenn man so will, vitale Präsenz, die eben das Heilen möglich macht. Und das ist, glaube ich, heute auch super relevant im Zusammenhang mit der ganzen Ökologie und Environmental- und Extinction-Debatte.
Und dann natürlich auch die Frage der verschiedensten Dimensionen. Ich meine, genauso das hat ja Alexander Kluge auch gehabt in seiner Praxis, dieses polymatische, ich weiß nicht, wie man das auf Deutsch nennt, diese polymatische Dimension. Also was man auf Englisch ja Polymat nennt, das Wirken, wenn man so will, von Hildegard von Bingen hatte so viele Dimensionen. Sie war eben Heilerin, sie war Äbtin, sie war eine öffentliche Figur, sie hatte Visionen, sie war Schriftstellerin.
Also all diese verschiedensten Dimensionen ihrer Arbeit sind, glaube ich, auch sehr, sehr wichtig. Also Hildegard von Bingen war ja auch eine Musikerin und es gibt ja auch so eine starke Spiritualität in ihrem Werk oder auch in ihren Erzählungen. Ist das etwas, was dich persönlich irgendwie anspricht? Ich finde, du bist so, von dem wie ich dich kenne, gar nicht so ein mystischer Typ oder lässt du es so nicht raushängen?
Also ich habe sehr viel Zeit verbracht die letzten Jahre mit diesem Buch von Maura Zattoni. Die war auch eine wichtige Begleiterin unseres Projektes. Sie lebt ja auch weiterhin im Kloster von Hildegard und die sei eine der großen Expertinnen von Hildegard. Und sie hatte dieses Werk, also dieses Buch geschaffen, Worte wie von Feuerzungen. Und das ist leider auf Englisch noch nicht erschienen.
Aber für die Zuhörer und Zuhörerinnen von dem Blog, die Deutsch sprechen, ist es verfügbar auf Deutsch. Es ist in Deutschland rausgekommen. Also das ist dieses Buch. Und da sieht man eben im Buch, wo diese ganzen Visionen von Hildegard irgendwie zusammengefasst sind und wo sie sich wirklich mit den fundamentalen Fragen des Lebens auseinandersetzt. Es ist eine unglaubliche Textauswahl von ihren wichtigsten Texten und ist wirklich extrem inspirierend. Und ich empfehle das sehr.
Und da sie übernehmen auch wirklich die Aktualität. Ich meine, was sie auch wichtig macht, ist, wie sie aus der Verborgenheit an die Öffentlichkeit irgendwie kam. Also als wirkliche Pionierin, auch zu einer Zeit, wo sie als Frau in der Kirche eigentlich sehr viele Obstakle, also wurden ihr extrem viele Hindernisse in den Weg gelegt. Und sie hatte ja auch immer wieder zu kämpfen mit Widerständen aus Rom und hat sich dann am Klärwo gewandt und hat sich irgendwie wirklich durchgesetzt.
Und ich meine, ich habe auch mit Zahadid oft über Hildegard von Bingen gesprochen. Ich meine, Zahadid hat sich ja als Frau in einer Welt durchgesetzt in einer Architekturwelt, wo sie eine der ganz wenigen Frauen war am Anfang. Also für Zahadid war das auch eine ganz wichtige Figur. Ich glaube, das ist eine weitere Dimension von Bingen, die ganz wichtig ist.
Und dann einfach auch diese Idee, dass die Worte eigentlich wie blitzende Flammen sind und diese Idee auch der Zusammenarbeit, was auch sehr interessant ist, wie sie die Briefe eingesetzt hat. Ich meine, ein ganz wichtiger Bestandteil ihres Werkes, ihres Lebens, sind ja die Briefwechsel mit verschiedensten Figuren ihrer Zeit und die Art und Weise, wie ihr eben die Erde Kraft gab, wie sie die Idee auch aller Sinne, die Idee auch, ich glaube, das Kosmische einfach auch ihres Denkens, ist sehr relevant für viele Künstler und ist sehr relevant, denke ich mir.
Für uns allen einfach auch diese Idee, das ist eben nicht, ich meine, wir leben ja in einer Zeit, die sehr, ich glaube, das ist das was mich persönlich am meisten interessiert, weil du mich fragst nach meinem persönlichen Bezug zu Hildegard von Bingen. Also nebst diesen ganzen Visionen, nebst ihrer ganzen heilenden Dimension. Ich glaube, was mich irgendwie am meisten auch daran interessiert, ich meine, wir leben ja in einer Zeit, die extrem fragmentiert ist, in einer Zeit, wo es extrem viele Polarisierungen gibt, wo extrem viele Menschen nicht mehr miteinander reden.
Wir leben in einer Zeit, wo es extrem wichtig ist, Dinge wieder zusammenzubringen, Brücken herzustellen. Und ich glaube, die Art und Weise, wie sie das immer wieder geschaffen hat, dass Trennung überwunden wird. Es geht um Togetherness und nicht um Separation. Es geht um das Zusammensein und nicht um die Trennung. Und das bezieht sich sowohl auf die Art und Weise, wie sie verschiedenste Felder und Disziplinen zusammenbringt, aber auch die Art und Weise, wie sie Menschen zusammenbringt.
Und ja, es ist ein lebendiger Quell, wie Maura Zattoni so schön sagt in ihrem Buch. Naja, und dieser Soundwalk durch den Garten hat natürlich wirklich etwas extrem Meditatives und Heilendes. Und ich glaube, ich habe niemanden getroffen, bei dem das nicht funktioniert hat. Also das fand ich auch toll.
Also wir haben schon sehr lange gewartet. Also ich habe da während der Preview-Woche, glaube ich, schon fast eine Stunde da gestanden. Das ist natürlich erst mal so ein bisschen genervt und denkt, man will ja auch tausend andere Sachen machen. Aber ich fand es gut zu sehen, alle Leute, die da rausgekommen sind, sahen dann wieder total entspannt und glücklich aus. Und das ist, glaube ich, für eine Kunsterfahrung sehr selten, oder?
Das ist wahrscheinlich auch einfach etwas, was man mit Musik auch am besten hinbekommt und mit dieser Kombination von den Gerüchen und dem Sound. Wie ist es für dich gewesen? Also wie lange warst du? Ich durfte nur eine Viertelstunde. Wie lange warst du? Wie lange hast du dir das angehört? Nein, wir waren tagelang da, aber wir haben es ja aufgebaut. Aber normalerweise ich meine, die Eröffnungswoche war natürlich besonders schwierig, weil einfach so viele Menschen es sehen wollten.
Normalerweise sind die Timeslots ja eine Stunde, sodass man so 45 Minuten bis maximal eine Stunde verbringt. Und das ist glaube ich eigentlich die ideale Zeit, weil nach einer gewissen Zeit vergisst man ja auch die Kopfhörer. Man kann ja auch wirklich sich vertiefen. Es gibt ja diese Bänke. Wir haben ja neben den Musikern auch Dichter eingeladen, Dichter wie Banu Kapil oder Dichter wie Raul Zurita. Wenn man sich dann auf diese Bänke setzt, kann man die Poesie auch hören.
Geht es schon auch darum, dass man die Zeit befreit, dass man da eine Erfahrung machen kann, die so, hoffen wir, auch transformativ ist. Und vor allem auch, ich glaube, bei Ausstellungen, und das ist ja dasselbe auch bei Büchern und bei Filmen, ich glaube, es ist einfach wichtig, dass man irgendeine Situationen schafft, wo die Menschen auch immer wieder zurückkehren können.
Also ich glaube, die Idee, dass man eine Ausstellung besucht und sie dann abhakt, das reicht irgendwie einfach nicht. Ich glaube, wenn eine Ausstellung funktioniert, also das war immer mein Kriterium bei einer Ausstellung, für mich ist eine Ausstellung nur dann erfolgreich, wenn die Menschen zurückkommen wollen. Also das war ja schon auch so bei Peter Dorg, jetzt bei unserem House of Music. Es sind ja sehr viele Menschen in London, die sind jeden Sonntag gekommen und sind immer wieder gekommen.
Da hatten wir dieses House of Music mit Bildern und Musik. Eine multisensorelle Erfahrung. Und ich glaube, das ist etwas bei Utopia Station, war das auch so 2003, wo wir mit Rikrit Tiravanija und Molly Nesbitt. Diese Utopia Station in den Chardis aufgebaut haben.
Das war auch so diese Idee, dass man da immer wieder kommen kann und Zeit verbringen kann. Und das ist ja auch so. Ich meine, ein Buch oder ein Film kann man ja auch immer wieder lesen oder immer wieder sich angucken. Und das ist nicht einfach abgehakt.
Und ich glaube, bei Ausstellungen ist das oftmals so: Man besucht eine Ausstellung und dann denkt man, das ist es jetzt. Und das versuchen wir irgendwie zu überwinden, indem man Situationen schafft, wo eben Vielfachbesuche erwünscht sind und möglich sind. Das funktioniert jetzt auch. Wir kennen auch viele Leute in Venedig, die schon drei, viermal gekommen sind. Es gibt ja auch viele Menschen, die die Biennale zweimal besuchen. Ja, genau. Ich würde auch total gerne nochmal hingehen.
Also danke dafür, Hans Ulrich Obrist, für diesen fantastischen vatikanischen Pavillon und für diesen Moment der Pause im Trubel von Venedig und für diese Chance, wirklich nachzudenken, zu sich zu finden und tolle Musik zu hören. Danke! Vielen Dank fürs Kommen.
Und ich wollte einfach wirklich nochmals dieses Buch empfehlen, weil unser Katalog ist da noch nicht erschienen. Wir arbeiten mit Irma Buhm an einem Katalog und wir arbeiten auch an einer Schallplatte, weil wir denken, eine Schallplatte wäre sehr schön, sodass man sich das auch nochmals zu Hause anhören kann. Aber das wird noch ein paar Wochen dauern, ein paar Monate dauern. Das kommt dann im Herbst raus.
Aber in der Zwischenzeit kann man sich eben dieses Buch lesen von Maura Zattoni, das große Hildegard von Bingen Lesebuch. Und was man da eben wirklich sehen kann, ist, wie Maura Zattoni eben aufzeigt, die Vielfalt literarischer Formen von Hildegard: die theologischen Visionen, die komponierten Lieder, die Briefe.
Was ich vergessen habe vorzuerwähnen, ist, sie hat ja auch eine neue Sprache erfunden. Ich glaube, das ist auch etwas, was sehr viele Künstler und Künstlerinnen heute fasziniert: diese Sprache, diese neue Sprache, die Hildegard erfunden hat. Und dann gibt es die Predigten und es gibt die Lieder.
Und Patti Smith hat sich ja darauf bezogen. Auch sie kam ja nach Venedig und hat dann ganz überraschenderweise bei der Pressekonferenz, es gab so eine öffentliche Eröffnung, es war weniger eine Pressekonferenz als eine Eröffnung. Wie nennt man das in Venedig, wenn der Pavillon so feierlich eingeweiht wird? Eine Einweihung, sowas in der Art.
Ja, am Freitagabend gab es so eine Einweihung von dem Pavillon und Patti Smith war dann auch da und der Kardinal hat da gesprochen und viele Leute auch vom Vatikan. Und Patti hat dann auf einmal ganz spontan eben ein Lied gesungen und eine Art von Prayer, ein Gebet für Hildegard.
Und da sieht man einfach diese Vielfalt. Einige haben sich inspiriert von den Visionsschriften, andere haben Lieder komponiert, andere haben sich bezogen in ihren Musikstücken auf die Briefe, andere auf die neue Sprache, die sie geschaffen hat. Und ich glaube, das ist irgendwie schon einzigartig. Es gibt ganz wenig Parallelen in der Literaturgeschichte.
Und das ist auch das, worüber Alexander Kluge gearbeitet hat in seinen zwölf Filmen. Ja, ja, vielen, vielen Dank. Ja, schön, dich zu sehen. Bis bald.
Ja, sehr gut. Elke Buhr im Gespräch mit dem Kurator Hans Ulrich Obrist. Er hat die Ausstellung für den vatikanischen Pavillon bei der diesjährigen 61. Venedig Biennale kuratiert.
Und bevor ich euch jetzt in euren Tag, in den Mittag oder vielleicht auch in den Abend verabschiede, haben wir hier noch einmal die einmalige Gelegenheit, reinzuhören in dieses wirklich wunderbar beschriebene Hörerlebnis in diesen Soundwalk, den man dort im Garten neben dem Hauptbahnhof in Venedig erleben kann.
Also hier einmal exklusiv für euch aus der Ausstellung „The Ear is the Eye of the Soul“. Eintauchen in diese Ausstellung, in dieses Hörerlebnis in voller Gänze könnt ihr noch bis zum 22. November in Venedig und zusätzlich zu dieser Klangwelt, zu diesem Klangwerk gibt es eine Ausstellung mit Werken von Alexander Kluge im Complesso di Santa Maria aus Siliatrice, die ihr ebenfalls bis zum 22. November euch in Venedig anschauen könnt.
Seit Anfang Mai läuft die 61. Venedig Biennale. Wie die Eröffnung war, vor allem vor dem Hintergrund der Proteste und was sie alles schon vorab besichtigen konnten, darüber habe ich in der letzten Folge gesprochen, und zwar mit Elke Buhr und Silke Hohmann vom Monopol Magazin.
Frische Eindrücke kurz nachdem die beiden nämlich zurückgekommen sind aus Venedig. Diese und alle anderen Folgen dieses Podcasts könnt ihr noch mal nachhören, natürlich direkt bei uns bei detektor.fm und selbstverständlich überall da, wo es Podcasts gibt.
Produziert hat diese Folge Wiebke Stark. Und mein Name ist Sarah Mariplikat. Ich bedanke mich bei euch fürs Zuhören, sage Tschüss und bis zum nächsten Mal. Kunst und Leben, der Monopol Podcast von detektor.fm.