Evolutionär gesehen beschützte uns die körperliche Stressreaktion vor dem Säbelzahntiger. Heute kann uns Stress selbst das Leben kosten: Laut Weltgesundheitsorganisation zählt Stress zu einer der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts. Dabei ist Stress für die Bewältigung unseres Alltags immer noch lebensnotwendig.
Wenn Stress entsteht, läuft im Körper ein fein abgestimmtes biologisches Programm ab. Zunächst aktiviert sich innerhalb von Sekunden das sympathische Nervensystem. Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet: Herzschlag und Blutdruck steigen, Energie wird mobilisiert. Kurz darauf folgt die sogenannte HPA-Achse, die über Cortisol wirkt — ein Hormon, das längerfristige Anpassungen steuert. Es beeinflusst unter anderem Immunsystem, Gedächtnis und Stoffwechsel.
Problematisch wird es, wenn diese Systeme dauerhaft aktiv bleiben. Denn dann kann Stress zu Schlafproblemen, Verdauungsbeschwerden, erhöhter Infektanfälligkeit oder psychischen Symptomen führen; Depressionen oder Angststörungen können die Folge sein. Allerdings spielt Stress auch bei vielen anderen Krankheiten eine Rolle, etwa bei Diabetes, Bluthochdruck oder Adipositas.
Zwar wirkt die Stressreaktion als körperliches Notfallprotokoll aus der Steinzeit heute nicht immer adäquat. Denn lebensbedrohliche Gefahren — etwa durch wilde Tiere — erleben wir weit seltener. Trotzdem ist die biologische Stressreaktion für unseren Alltag absolut notwendig.
Ohne ein funktionierendes und auch fluktuierendes Stresssystem würden wir in der Früh gar nicht aufstehen können und auch nicht so leistungsfähig sein.
Dr. Mathias Schmidt, Forschungsgruppenleiter am MPI für Psychiatrie
Ob Stress uns krank macht, hängt stark davon ab, ob wir eine Situation kontrollieren können. Bei planbaren Belastungen kann Stress sogar leistungsfördernd wirken, denn er ermöglicht eine erhöhte Konzentration. Chronischer, unkontrollierbarer Stress hat hingegen schnell negative Folgen. Das lässt sich auch im Rückblick auf die Corona-Pandemie gut nachvollziehen: Global kämpften die Menschen mit unerwartetem und anhaltendem Stress — die Folge: deutlich mehr Fälle von Angststörungen und Depressionen. Als die Situation durch Masken und Impfstoffe kontrollierbarer wurde, flachte auch die Erkrankungsrate wieder ab.
Mathias Schmidt vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München weiß, dass nicht jeder Mensch gleich auf Stress reagiert. Mit seinem Team untersucht er, welche genetischen Varianten zu einem sogenannten polygenen Risiko führen. Besonders spannend ist dabei ein Protein, das in Schmidts Forschung eine zentrale Rolle spielt: FKBP51. Es beeinflusst, wie empfindlich Zellen auf das Stresshormon Cortisol reagieren. Veränderungen in diesem System können dazu beitragen, dass Stress schlechter verarbeitet wird.
Auch frühkindliche Erfahrungen, insbesondere Traumata, beeinflussen stark, wie gut wir als Erwachsene mit Stress umgehen können. Aber auch Umweltbedingungen, soziale Beziehungen und der Lebensstil haben Auswirkungen darauf, wie schnell uns Stress krank macht.
Genau hier setzt Schmidts Stressforschung an: Ziel ist es, künftig besser vorherzusagen, wer besonders stressgefährdet ist. Statt „One-size-fits-all“-Therapien könnten künftig gezielt passende Medikamente für bestimmte Stress- und Depressionsprofile eingesetzt werden.
In dieser Folge „Ach, Mensch!“ spricht detektor.fm-Moderatorin Jessica Hughes mit Dr. Mathias Schmidt über seine neuesten Forschungserkenntnisse und wie Behandlungen in Zukunft individueller gestaltet werden könnten.