Der Wecker klingelt, der Tag beginnt. Beim Zähneputzen werden am Handy schnell Mails gecheckt. Der Kaffee wird kalt, während man versucht, das Kleinkind anzuziehen. Dann raus in den Morgenverkehr. Alle Ampeln sind rot. Das Arbeitsmeeting hat schon längst angefangen. Vielleicht schimpft man dann noch über die anderen Auto- oder Radfahrerinnen oder trommelt nervös aufs Lenkrad. Die Gedanken rasen, das Herz klopft schneller. Man ist gestresst.
Aber während manche Menschen daran zu wachsen scheinen, können andere am Stress zerbrechen. Warum ist das so? Warum sind manche widerstandsfähiger gegenüber Stress als andere? Wann macht Stress krank? Und was passiert dabei eigentlich in unserem Körper? Darum geht es hier heute in einer neuen Folge von „Ach Mensch“. Ich bin Jessi Hughes. Schön, dass ihr zuhört. „Ach Mensch“, Schwerpunkt Körper und Psyche. Ein detektor.fm Podcast in Kooperation mit der Max-Planck-Gesellschaft.
Stress und seine Auswirkungen
Evolutionär gesehen rettete die körperliche Stressreaktion uns das Leben, beschützte uns z. B. vor dem Säbelzahntiger. Heute kann uns Stress sogar das Leben kosten. Laut Weltgesundheitsorganisationen zählt Stress zu einer der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts. Matthias Schmitt leitet am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München die Forschungsgruppe Neurobiologie der Stressresilienz. Er untersucht, wie Stress biologisch wirkt, wann er krank macht und warum Menschen unterschiedlich darauf reagieren.
Hallo Herr Schmitt, schön, dass Sie da sind. Hallo Herr Schmitt, wir zeichnen auf 10 Uhr morgens. Sie haben sicher auch schon das ein oder andere heute erledigt oder haben sicherlich auch noch einige Aufgaben heute vor sich. Wie gestresst sind Sie gerade? Ja, zum jetzigen Zeitpunkt bin ich gar nicht so gestresst, weil ich einen verhältnismäßig entspannten Morgen hatte. Ich hatte nur ein Meeting jetzt noch vor unserem und habe auch ganz okay geschlafen. Also ist ganz in Ordnung.
Es gibt ja so Menschen, die sind echte Workaholics. Der Stress scheint die einfach so zu beflügeln. Also der treibt die richtig zu Höchstleistungen an. Ich kann ganz klar sagen, dass ich so ein Typ nicht bin. Also wenn ich zu viele Überstunden mache, dann fühle ich mich sehr schnell ausgebrannt. Aber gleichzeitig kenne ich auch das Gefühl, so richtig zufrieden mit mir zu sein, wenn ich es irgendwie schaffe, z. B. unter Zeitdruck eine Podcast-Folge zu produzieren.
Positiver und negativer Stress
Gibt es eigentlich eine Unterscheidung zwischen positiven und negativen Stress? Also so ganz klar kann man das vielleicht nicht trennen, aber die Unterscheidung gibt es natürlich schon. Was ganz wichtig bei Stress ist, oder wenn ich jetzt mal grundsätzlich sage, Stress ist ja letztendlich eine Herausforderung. Das kann für den Körper eine Herausforderung sein. Das geht von Kälte oder Hunger. Das sind Stressoren, die zu einer Stressantwort im Körper führen.
Aber auch psychologische Stressoren wie z. B. Zeitdruck oder eine Bedrohungssituation sind halt auch Stresssituationen. Und die gehören einfach zum Leben dazu. Und auch die Reaktion des Körpers auf den Stress ist eine ganz wichtige. Beispielsweise, wo wir zwei letztendlich, oder jeder, der in der Früh aufsteht, das Erste, was der Körper letztendlich macht, oder eine der wichtigen Sachen, die da passieren, ist ein Anwerfen der Stresssysteme.
Das heißt, meine Stresshormonwerte steigen in der Früh kurz vor oder während dem Aufwachen an, damit ich den Körper überhaupt befähige, anständig aus dem Bett zu kommen. Also ohne ein funktionierendes und auch fluktuierendes Stresssystem würden wir in der Früh gar nicht so gut aufstehen können und auch nicht so leistungsfähig sein. Das heißt, das würde man in jedem Fall mal sagen, wir mal unter den Aspekt positiven Stress verbuchen können.
Weil wenn man nicht in der Früh aufstehen möchte oder auch keine Energie hat, dann ist vielleicht auch das Leben nicht mehr so spannend und erfreulich. Und auf der anderen Seite, in dem Extremen, sage ich mal, wären dann wirklich starke traumatische Stressoren oder langfristige chronische Stressoren, die eigentlich alle gemeinsam haben, dass sie unkontrollierbar sind.
Kontrollierbarkeit von Stressoren
Und die Kontrollierbarkeit von Stressoren ist ein ganz wichtiger Faktor. Also eine Podcast-Folge vorzubereiten, wie das in Ihrem Fall vielleicht ein Stressor ist, den kann man ja als Stressfaktor modulieren. Kann ich sagen, okay, wenn ich mir genug Zeit nehme, das vorzubereiten, das Skript zu schreiben, mir Gedanken vorher mache, dann ist das zwar immer noch ein Stressor, aber es ist sehr begrenzt und kontrollierbar.
Und ich kann dann am Ende mit diesem Stress gut umgehen. Und der kann letztendlich auch beflügeln, wenn ich zum absehbaren Zeitpunkt sage, der Stressor ist jetzt abgeschlossen, die Arbeit ist abgeschlossen, die Herausforderung ist abgeschlossen, wie ich das auch geplant habe. Es war so ein kontrollierbarer Stressor. Und das ist ganz anders, wenn die Stresssituation eine unkontrollierbare ist, wo man entweder real keine Möglichkeit hat, das zu kontrollieren oder zumindest psychisch das Gefühl hat, man hat hier keinerlei Kontrolle.
Und diese Stresssituationen sind tatsächlich die, die dann auch häufig krank machen können. Ich fühle tatsächlich auch oft schon Stress, wenn ich zum Beispiel meinem Partner zugucke, wie er gestresst ist. Kann Stress eigentlich anstecken und hat das evolutionär irgendeinen Sinn?
Soziale Aspekte von Stress
Auf jeden Fall ist es so, dass soziale Aspekte, gerade in sozialen Wesen wie uns Menschen, aber auch in Tieren, wir arbeiten ja viel im Tiermodell mit der Maus, die auch in der sozialen Struktur letztendlich lebt. Und diese soziale Interaktion ist ganz, ganz wichtig. Da gibt es zum einen im Englischen heißt das Social Buffering, also die soziale Abpufferung.
Also man kann eine Stresssituation tatsächlich deutlich besser bewältigen, wenn man einen sozialen Puffer hat, durch einen Partner, durch Familienmitglieder oder in Freundeskreisen, ein soziales Umfeld, die durch ihre Signale letztendlich dazu beitragen, dass der Stresseffekt geringer ist. Gleichzeitig ist Stress auch ansteckend. Und das hat natürlich auch evolutionsbiologisch seine Bewandtnis und seine Vorteile.
Das heißt, wenn alle um mich herum, sage ich mal, in der sozialen Gruppe deutlich Stress ausgesetzt sind oder sehr viele Anzeichen von Stress zeigen, dann sollte ich mir vielleicht Gedanken machen, was da gerade los ist. Möglicherweise haben die alle schon was gesehen, den anlaufenden Säbelzahntiger, der mir noch nicht bewusst war.
Stress und Kinder
Und diese vorab Hochregulation von Stresssystemen, auch wenn ich selber noch gar nicht weiß, woher kommt der Stressor, aber ich sehe das bei meinen sozialen Mitmenschen oder in meiner Umgebung, dass da sehr viel Stress herrscht. Das ist also auch ein Mechanismus, der auf jeden Fall so funktioniert. Um mal vom Säbelzahntiger noch mal ins Hier und Jetzt zu kommen: Wenn ich also zum Beispiel mit meinem Kleinkind in der Stadt unterwegs bin, wir eine Straße überqueren, ich sehe ein Auto, gerate etwas in Stress, dann hat das den Vorteil für das Kind.
Im Zweifelsfall wird es ohnehin an meine Hand mitgezogen, aber das Kind bekommt mit: „Oh, hier ist eine Gefahrensituation.“ Ja, da muss man natürlich noch mal vielleicht auch einschränken die Frage: Wie alt ist das Kind und wie aufmerksam oder wie gut kann es seine Umgebung da auch wahrnehmen? Gerade Kinder sind ja natürlich in gewissen Altersstufen auch sehr auf die Erziehungsperson, Mutter, Vater, wer auch immer gerade da ist, fixiert.
Das heißt, die orientieren sich auch sehr stark an der Reaktion der Eltern in dem Fall. Was auch vielleicht ganz wichtig ist zu erwähnen, das ist jetzt beim Überqueren der Straße vielleicht nicht so der Fall, weil das ein alltäglicher Stress ist, der sehr häufig vorkommt und der auch auf jeden Fall in einem Rahmen ist, wo es ganz wichtig ist, dass man während der Entwicklung solchen Stressoren ausgesetzt ist, damit man eben lernt, auch mit den Herausforderungen umzugehen.
Es ist also ganz wichtig, letztendlich diese Erfahrung zu machen. Das Abschirmen von Kindern in dem Fall während der Entwicklung von allen Stressfaktoren ist sicherlich nicht förderlich, weil dann deren biologische Systeme einfach auch nicht lernen, mit dem Stress umzugehen. Und später, wenn sie dann erwachsen sind, kommen die Stressoren von ganz allein und dann ist das System vielleicht gar nicht richtig eingestellt, um mit so einer Stresssituation umzugehen.
Stressreaktionen im Körper
Auf der anderen Seite ist gerade kindliche Entwicklung natürlich eine Phase, wo sehr viel Plastizität noch herrscht, um eben auf spätere Situationen vorbereitet zu sein. Und das ist auch eine bekannte Phase, wo beispielsweise sehr starke oder traumatische Erfahrungen wirklich langfristige, lebenslange Effekte für die einzelnen Personen haben können. Vielleicht gucken wir uns noch mal ganz konkret an, was eigentlich im Körper passiert, wenn Stress entsteht.
Können Sie das vielleicht noch mal erklären, was da auf körperlicher Ebene los ist? Mache ich gerne. Also grob gesagt gibt es verschiedene Stressantwortsysteme. Das sind hormonelle Kaskaden, die reagieren auf eine Bedrohungs- oder Stresssituation. Das kann, wie gesagt, ganz weitreichend sein. Das ist von internen oder externen Reizen.
Also ein interner Reiz wäre jetzt beispielsweise mal Hunger. Ein externer Reiz könnte halt Hitze oder Kälte sein. Also gar nicht unbedingt immer negativ. Jeder Saunabesuch wird zu einer Stressreaktion führen. Oder Eisbaden ist ja jetzt sehr populär, wird auch zu einer sehr starken Stressreaktion führen. Erkrankungen, also zum Beispiel ein Infekt, wird eine Stressreaktion auslösen. Bis eben hin zu chronischem Stress, den man vielleicht hat aufgrund von schwierigen Beziehungen oder Arbeitssituationen, um mal ein Beispiel zu nennen.
In all diesen Situationen wird erst mal akut das sympathische Nervensystem angeschaltet. Das ist eine Nervenkaskade, letztendlich, die innerhalb von Sekunden zur Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin aus der Nebennieren führt. Das ist eigentlich ein Stresssystem, das ist den meisten Menschen bekannt, weil man es auch selber spüren kann.
Also der Ausstoß von Adrenalin in einer akuten Stresssituation ist ja sogar etwas, was Leute gerne suchen, weil es eine durchaus positive Erfahrung sein kann. Beim Skydiving oder Bungee Jumping oder in welchen Situationen auch immer. Das ist auch etwas, was man an sich körperlich und aufgrund der körperlichen Symptome, die man da hat, spüren kann.
Das heißt, in dieser Situation, man nennt das die Fight-or-Flight-Reaktion, also man wird in die Lage versetzt, durch einen stärkeren Blutdruck, einen schnelleren Herzschlag, bessere Verfügbarkeit von Glucose beispielsweise, um ein bisschen schneller laufen zu können. Die Muskeln sind ein bisschen stärker, in diesen Situationen eben adäquat auf so eine Akutstresssituation eingehen zu können.
Hormonelle Stresskaskade
Das zweite ganz wichtige System, was angeschaltet wird, aber mit ein bisschen Verzögerung von 5 oder 10 Minuten, ist eine hormonelle Stresskaskade. Das ist die HPA-Achse im Englischen oder im Deutschen Hypothalamus-Hypophysensystem. Das ist also eine hormonelle Kaskade, die im Gehirn beginnt und über die Ausschüttung von einem Neuropeptid und dann einer weiteren Ausschüttung von einem Blutpeptid-Hormon auch über die Nebenniere zur Ausschüttung von dem Stresshormon Cortisol führt.
Cortisol kennen die meisten Menschen auch als Stresshormon. Was ganz wichtig ist zu sagen, ist, dass Cortisolausschüttung selber eben nicht spürbar ist. Also da habe ich ja schon erwähnt, dass die Cortisol-Ausschüttung, wenn man in der Früh aufsteht, deutlich höher sein wird als am Abend, wenn ich ins Bett gehe. Wird auch deutlich stärker sein nach einer guten Stressreaktion und fluktuiert, wie gesagt, auch im Tagesverlauf.
Aber das sind Veränderungen, wo wir keine Sensoren haben, die wir so spüren können. Das heißt, es ist eben auch nicht so einfach zu sagen, ich fühle mich gestresst oder ich bin zwar in viel Stress, aber ich kann das alles super handeln, ich bin gar nicht so gestresst. Ob das dann immer mit den Hormonwerten korreliert, ist gar nicht so klar.
Weil es durchaus Menschen gibt, die möglicherweise sich sehr gestresst fühlen, aber auf der anderen Seite gar keine hohen Cortisolwerte aufweisen. Und andersrum auch Menschen gibt, die sich gar nicht gestresst fühlen, aber sehr hohe Stresshormonwerte aufweisen, was dann langfristig durchaus negative Effekte haben kann.
Langfristige Effekte von Stresshormonen
Und diese Stresshormone, Cortisol, gehen im Prinzip in jede einzelne Zelle des Körpers, wo es dann Rezeptoren gibt, wo diese Stresshormone andocken. Und diese dann langfristige oder mittelfristige Effekte mediieren, die häufig darauf ausgerichtet sind, dann auch in Zukunft auf Stressreaktionen gut und besser reagieren zu können. Da wird beispielsweise das Immunsystem reguliert und darauf vorbereitet, dass es vielleicht in den nächsten Minuten oder Stunden aktiv werden muss.
Da wird auch zum Beispiel Gedächtnisfunktionen reguliert, sodass ich mir eine Stresssituation sehr gut merken kann. Das ist dann beispielsweise in Prüfungssituationen gar nicht mehr so förderlich, weil ich mir dann, sagen wir mal, noch ein Jahr später sehr gut mich daran erinnern werde, dass ich in dieser Prüfung war und alles so stressig war.
Und die Prüfungssituation selber werde ich mir sehr gut merken können. Aber das Abrufen von bereits Erlerntem in der Stresssituation ist eher reduziert. Das heißt, das funktioniert eben dann nicht so gut. Das sind Anpassungen, die dann in solchen speziellen Situationen auch eher negativ werden können.
Symptome von Stress
Sie haben eben schon erklärt, dass man unter Umständen gar nicht mitbekommt, dass man eben zum Beispiel hohe Cortisolwerte hat. Was könnten denn Symptome sein, die einem zeigen, eigentlich läuft hier was schief oder schlecht? Ja, das sind häufig so sekundäre Symptome. Wenn beispielsweise die Verdauung nicht gut reguliert ist und man Verdauungsprobleme hat oder wenn man Schlafprobleme hat.
Das ist keine direkte Evidenz. Das kann natürlich auch an anderen Sachen liegen. Aber es ist schon natürlich so, dass hohe Stresshormonwerte auf all diese Systeme einen Einfluss haben. Von der Verdauung zu, man wird häufig krank, weil das Immunsystem eben immer supprimiert ist durch diese hohen Stresshormonwerte. Man hat Gedächtnisprobleme möglicherweise, bis hin eben dann zu ersten Symptomen, wo man sagt, ich fühle mich sehr ausgelaugt oder ich habe eine erhöhte Angstsymptomatik.
Das sind alles keine direkten Korrelate oder Messpunkte, wo ich sagen kann, die zeigen ganz eindeutig, dass ich hohe Stresshormonwerte habe. Aber im Umkehrschluss führen hohe, kontinuierliche, nicht gut regulierte Stresshormonwerte eben zu solchen Symptomatiken. Das heißt, man kann das im Prinzip nur indirekt, wenn man es nicht tatsächlich messen lässt, kann man das nur indirekt darstellen.
Stress als hilfreiches System
Also wir fassen noch mal zusammen: Stress ist nicht grundsätzlich negativ. Aber wann kippt denn genau dieses eigentlich hilfreiche System? Ja, das ist letztendlich etwas, wo immer noch daran geforscht wird. Viel, wo auch die Frage eben ist, unter welchen Bedingungen wird die Stressantwort eher so, dass sie nicht mehr förderlich ist, sondern negative Effekte hat.
Was wir wissen, ist, dass das in jedem Fall ein erhöhtes Risiko gibt, dass es in diese Richtung geht, immer bei sehr starken traumatischen Stresserfahrungen. So ist es. Also Stresserfahrungen, die außerhalb der normalen Norm sind, die wir so erwarten können. Dort ist immer eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, beispielsweise an einer posttraumatischen Belastungsstörung zu leiden.
Die akute Stressreaktion ist eine ganz wichtige. Und die würden wir alle haben, wenn man einer Traumaerfahrung ausgesetzt ist. Die Unterschiede kommen dann wirklich erst einige Wochen später, während sich die meisten, Gott sei Dank, von solchen Traumata auch wieder erholen und wieder auf eine normale Stressreaktion zurückfallen können. Dann gibt es einzelne Personen, die das nicht mehr können und deren Stresshormonsystem oder auch Verhalten langfristig gestört ist.
Chronischer Stress und seine Folgen
Traumatische Stressoren sind definitiv etwas, was zu einer negativen Stressantwort führen kann. Und das andere eben langanhaltende unkontrollierbare Stressoren. Man hat das beispielsweise recht eindrucksvoll sehen können während der Corona-Pandemie, die wir alle durchleben mussten. Und die natürlich für die allermeisten Menschen ein starker chronischer, unerwarteter und auch unkontrollierbarer Stressor war.
Gerade in den ersten Wochen und Monaten der Pandemie waren sehr viele neue Gefahren plötzlich da. Und es gab wenig Möglichkeiten, mit diesen Gefahren umzugehen. Keine Strategien, was sich tun konnte. Und der Stress dieser Situation war letztendlich für die meisten Menschen sehr hoch. Was dann auch dazu geführt hat, dass man zeigen konnte, dass in dieser Zeit auch die Erkrankungsrate von Depressionen oder Angsterkrankungen in der gesamten Bevölkerung zugenommen hat.
Im späteren Verlauf der Pandemie ist das dann wieder abgeflacht, weil wir dann eben Möglichkeiten bekommen haben, proaktiv gegen diesen Stressor vorzugehen. Es gab dann Impfungen, man konnte Masken tragen. Und es war klar, dass das tatsächlich hilft. Und solche Strategien haben dann diesen unkontrollierbaren Stressor letztendlich zu einem kontrollierbaren Stressor gemacht. Und damit ist auch dieser negative Aspekt der Stresssituation etwas abgemildert worden.
Krankheiten durch Stress
Sie haben jetzt schon ein paar Folgen auf chronischen Stress genannt. Was sind denn noch Krankheiten, die durch Stress verursacht werden? Also Depressionen hatten wir gerade schon, vielleicht eine Angststörung? Ja, Stress in starker und unkontrollierbarer Form ist eigentlich ein Beitrag für eine ganze Reihe von Erkrankungen. Also in meinem Forschungsgebiet fokussieren wir da sehr stark auf psychiatrische Erkrankungen.
Depression ist ja auch wirklich eine Erkrankung, die sehr, sehr häufig ist. Sie trifft also im Schnitt einen von sechs Personen im Laufe ihres Lebens. Das sind also wirklich viele, über 100 Millionen betroffene Personen weltweit zu jedem Zeitpunkt und im Laufe des Lebens eben noch mal deutlich mehr. Und es ist eine chronische Erkrankung, die wirklich die Betroffenen für Monate und häufig auch Jahre beeinträchtigt und nicht nur sie, sondern auch ihr Umfeld.
Also das ist natürlich eine ganz wichtige. Dasselbe gilt für Angsterkrankungen, aber es sind nicht nur psychiatrische Erkrankungen. Auch metabolische Erkrankungen, zum Beispiel Übergewicht oder Typ-2-Diabetes, hängt zumindest mit Stress zusammen und wird durch Stress gefördert. Auch kardiovaskuläre Erkrankungen, Erkrankungen des Immunsystems. Stress ist eben letztendlich, das Stresssystem ist ein System, was uns befähigt, in einer Herausforderung und Situation etwas leistungsfähiger und angepasster zu sein.
Das hat aber natürlich auch die Kehrseite der Medaille. Wenn ich dieses System überstrapaziere oder wenn es aus dem Ruder läuft, dass es dann wirklich im ganzen Körper Veränderungen geben kann. Wo immer noch viel Unklarheit herrscht, ist, warum ein Stressor bei einer Person beispielsweise eher zu einem Diabetes führt und bei der nächsten Person zu einer Herz-Kreislauf-Erkrankung und bei der dritten Person zu einer psychiatrischen Erkrankung.
Die sind häufig miteinander überlappend, aber warum eine Person eben besonders stark auf metabolischer Ebene und eine andere Person besonders stark auf psychischer Ebene reagiert, ist bisher leider gar nicht verstanden.
Resilienz und Stressgenetik
Also wenn dieser Stress so gefährlich ist, dann frage ich mich natürlich, was kann ich dagegen tun? Ich muss gewisse Dinge trotzdem machen, arbeiten, mich ums Kind kümmern. Ich muss einkaufen gehen, ich muss den Alltag bewältigen, der eben einfach oft stressig ist. Es lassen sich aber einfach nicht alle gleich stressen von solchen Dingen. Manche sind resilienter als andere. Und genau das untersuchen Sie ja. Warum ist das denn so? Warum sind manche Menschen einfach anfälliger für Stress? Gibt es so eine Art Stressgen?
Es gibt auf jeden Fall genetische Veranlagungen, die wir mehr und mehr erkennen, die dazu führen, dass jemand besser oder weniger gut mit dem Stress, mit solchen chronischen Stressoren umgehen kann. In einem Krankheitsfeld wie der Depression beispielsweise macht die genetische Veranlagung etwa 40 Prozent aus. Das heißt, 40 Prozent der Variabilität wird dann von genetischen Faktoren getragen.
Wir wissen in der Zwischenzeit auch, dass das nicht ein oder zwei oder drei Gene sind, sondern wirklich eine ganze Reihe von vielen Dutzenden von Genen, Varianten sind, die zu diesem Risiko beitragen. Das ist also ein polygenes Risiko, was auch Sinn macht, weil eben auch so ganz viele unterschiedliche Systeme betroffen sind.
Ein Ansatz hier ist zu schauen, ob bestimmte Varianten von solchen polygenetischen Risikofaktoren eben besonders eine Veranlagung für beispielsweise metabolische versus immunologische versus psychiatrische Phänotypen ausprägt. Dass man aufgrund der Genetik schon ein bisschen sagen kann, Person A ist besonders anfällig für eine metabolische Erkrankung durch Stress und Person B vielleicht eher für eine psychiatrische Erkrankung durch Stress.
Zumindest deuten die Forschungsergebnisse auf diese Richtung hin. Es gibt in jedem Fall die genetische Ebene, die resilienzfördernd oder auch vulnerabilitätsfördernd sein kann. Aber was man auch ganz klar sagen muss, das ist nur eine Seite der Medaille. Es gibt niemanden, der resilient ist und einfach egal, was er tut oder was die Person tut, immer gesund bleiben wird.
Es gibt auch niemanden, der so vulnerable ist, dass egal was da kommt, aufgrund der Genetik einfach schon mal klar ist, die Person wird eine Depression erkranken. Sondern das muss immer auch im Kontext letztendlich dann auch sich entwickeln. Und da geht es los bei frühkindlichen Erfahrungen, allein schon tatsächlich auch Erfahrungen der Eltern und der Erfahrung der Mutter während der Schwangerschaft, die bereits schon Effekte auf das noch ungeborene Kind haben und da bereits Weichen gestellt werden in Richtung Resilienz oder eher Vulnerabilität.
Einfluss von Erfahrungen auf die Resilienz
Dann, wie gesagt, Erfahrungen während der frühkindlichen Entwicklung, während der Jugendphase, während der Pubertät beispielsweise. Die Pubertät ist eine ganz, ganz wichtige Phase, wo sehr viel Plastizität auch im Gehirn da ist und wo sehr viele Weichen gestellt werden, wo abhängig vielleicht ein bisschen auch von der Genetik, aber dann auch eben von diesen Umweltfaktoren eine eher Resilienz fördernde oder Resilienz vermindernde Richtung eingeschlagen werden kann.
Und letztendlich, wenn ich das noch kurz abschließen kann, natürlich dann die Lebensumstände im Erwachsenenalter. Dazu gehört Ernährung, dazu gehören soziale Kontakte, dazu gehört vielleicht regelmäßiger Schlaf oder viele solche Faktoren, die natürlich auch dann ganz direkten Einfluss auf die Resilienz haben.
Epigenetik und Stress
Wie schreibt sich denn der Stress in das System eines Kindes ein? Also wenn Sie gerade sagen, zum Beispiel Erfahrungen aus der ganz frühen Kindheit, wie werden die mitgegeben? Ja, da geht es viel in den Bereich der Epigenetik. Also wir haben ja alle in unseren Zellen letztendlich einen genetischen Code, der letztendlich abgelesen wird und damit halt auch dann die Zellen gebaut werden können und das Ganze funktioniert.
Aber die Ablesewahrscheinlichkeit beispielsweise eines Gens wird dann über epigenetische Mechanismen reguliert. Das heißt, da wird dann nicht die Sequenz der DNA verändert, sondern das sind zusätzliche Modulationen auf der DNA, die dann dazu führen, dass ein Protein mehr oder weniger abgelesen wird beispielsweise.
Und solche epigenetischen Veränderungen können gerade in solchen Entwicklungsphasen in der frühkindlichen Entwicklung gesetzt werden und dann wirklich über ein ganzes Leben. Man hat doch zeigen können, über Generationen hinweg solche Veränderungen letztendlich mit sich bringen.
FKBP51 und seine Funktion
Ein Molekül, das in Ihrer Forschung auch immer wieder auftaucht, ist das Protein FKBP51. Ich weiß nicht, genau, ob ich es richtig ausgesprochen habe. Was macht denn genau dieses Protein? Ja, das FKBP51 oder das Gen dazu ist das FKBP5, hat tatsächlich einen relativ klobigen Namen, hat aber eine ganz wichtige Funktion, die wir und auch andere natürlich identifizieren konnten.
Das kam initial tatsächlich aus klinischen Studien, wo gefunden wurde, dass eben Polymorphismen, also tatsächlich genetische Punktmutationsveränderungen, die wir alle in unserem genetischen Code in der DNA haben, in diesem Gen dazu führen, dass dieses Protein letztendlich mehr exprimiert wird.
. Und diese Genvariationen waren eben besonders häufig in Patienten, die an stressinduzierten Erkrankungen, sei es Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen, aber eben zum Beispiel auch metabolische Erkrankungen leiden. Ist diese Mutation aufgetreten. Und wir und andere haben uns das dann letztendlich in der Grundlagenforschung angeschaut, was macht dieses Protein letztendlich.
Und was gezeigt werden konnte, ist, dass es ein Hilfsprotein ist, was interagiert mit dem Stresshormonrezeptor für Cortisol. Das heißt, wenn dieses Hilfsprotein an dem Rezeptor gebunden ist, dann ist dieser Rezeptor weniger sensibel oder sensitiv für das Binden von Cortisol und letztendlich die Signalübertragung weiter in der Zelle. Und das hat dann letztendlich zur Folge, dass ich hier sozusagen einen Modulator habe, der jetzt nicht so schwarz-weiß das Stresssystem ausschaltet oder anschaltet, sondern der, sagen wir mal, die Qualität der Stressübertragung regulieren kann.
Und wenn ich sehr viel von diesem Protein in einer Zelle habe, dann kann die Zelle einfach nicht mehr so gut auf Stressreaktionen reagieren, und das System wird letztendlich so ein bisschen flacher. Das heißt, beispielsweise auch in depressiven Patienten ist ja häufig beobachtet worden, dass die eben nicht diesen typischen Tag-Nacht-Rhythmus aufweisen, dass man in der Früh hohe Cortisolwerte hat und am Abend sehr niedrige, sondern die haben eher einen abgeflachten Rhythmus: morgens gar nicht so viel, aber abends viel zu viel.
Und das kann unter anderem daher kommen, dass ich eben so eine Blockade auf dem Leukokortikotrezeptor habe, also dem Cortisolrezeptor, und dieser dann einfach durch zu viel von diesem Hilfsprotein einfach nicht mehr so gut reagieren kann. Und damit auch letztendlich zu einer veränderten Resilienz von Personen führen kann.
Vorhersage von Stressanfälligkeit
Wenn es also jetzt so bestimmte Biomarker gibt, die ein Faktor für Stressresilienz sind, wie nah sind wir denn dann heute dran, Stressanfälligkeit wirklich biologisch vorherzusagen und eventuell dann sogar auf der Ebene auch irgendwie dran zu schrauben? Ja, also ich würde mal sagen, wir nähern uns dem Ganzen deutlich an, sind aber noch nicht da, dass wir sagen können, es gibt keinen biologischen Test, mit dem ich tatsächlich das so vorhersagen kann, dass ich auch mit einer genügend hohen Wahrscheinlichkeit sagen kann, okay, ich kann da jetzt dran schrauben.
Das liegt daran, dass da natürlich auf der einen Seite mit vielen Probanden oder vielen Patienten Korrelationen sehr klar gezeigt werden können, aber die Auflösung der Möglichkeiten, die wir zurzeit mit den Biomarkern haben, ist noch nicht gut genug, dass ich es mit sehr hoher Sicherheit für die Einzelpersonen vorhersagen kann. Das heißt, in einer Gruppe von hundert oder tausend Probanden sehe ich dieses Verhältnis von Biomarker zu Stressresilienz sehr, sehr klar.
Aber wenn ich das auf eine Einzelperson runterbreche, und das muss man ja letztendlich dann, wenn man da behandeln möchte, keiner möchte behandelt werden gerade bei Resilienz mit etwas, was noch gar nicht passiert ist. Da möchte man schon mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen können, ja, bei diesem Lebensstil oder bei diesen Ereignissen, die jetzt noch kommen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sie eine Depression oder eine Typ-2-Diabetes entwickeln, und wir müssen da jetzt im Vorfeld gegenwirken.
Wenn das nicht stark genug ist, diese Vorhersage, dann wird das niemand machen wollen, und dann ist das auch nicht sinnvoll. Das heißt, da geht die Forschung gerade in die Richtung zu sagen, okay, wir haben eine ganze Reihe von Biomarkern aus dem Blut beispielsweise, das kann aber auch Bildgebung sein, das kann Genetik sein. Wir versuchen, diese Biomarker zu kombinieren, um die Vorhersagewahrscheinlichkeit letztendlich zu erhöhen. In die Richtung geht die Forschung, und da machen wir auch Fortschritte.
Behandlung von Depressionen
Aber zum jetzigen Zeitpunkt gibt es eben leider noch keinen Test, der Stressresilienz ganz direkt abbilden kann. Aber was denken Sie denn, wie könnte sich zum Beispiel die Behandlung von Patientinnen mit Depressionen oder Angststörungen in Zukunft verändern, dank ihrer Stressforschung? Also da hoffen wir und haben auch gute Hinweise, dass wir aufgrund einer personalisierteren Medizin auch deutlich besser die Behandlung steuern können.
Bisher ist es eben leider noch so, dass wir zwar Medikamente haben, die gut gegen Depressionen wirken, aber auch nicht bei allen Patienten und Patientinnen. Dementsprechend müssen die Ärzte in der Klinik viel versuchen, und es eben nicht 100 Prozent klar ist, welche Person gut auf die Medikamente anspricht und welche nicht. Man hat halt da einige Medikamentenklassen, aber die ähneln sich zum Teil auch recht stark, und es gibt eben keine Möglichkeit, wirklich personalisiert auf eine Symptomatik oder auch Genetik oder Lebensgeschichte eines Patienten einzugehen.
Und da ist die Hoffnung schon da, dass wir aufgrund unserer Forschung letztendlich Personengruppen identifizieren können, die zwar möglicherweise eine ähnliche Symptomatik haben wie andere Gruppen, wo wir aber aufgrund der Biomarker, die identifiziert werden können, der Genetik, der Lebenserfahrung usw., dann sagen können, gerade in dieser Personengruppe gibt es die Möglichkeit, mit diesem Medikament anzugreifen, weil ich eben diese Zusammenhänge da sehen kann.
Und da gibt es auch schon klinische Studien in diese Richtung, die ganz vielversprechend derzeit aussehen. Das heißt, ich hoffe schon, dass wir in den nächsten Jahren dann die ersten Medikamente sehen, wo das Medikament letztendlich mit einem Biomarker-Test verknüpft ist und nicht jeder dafür in Frage kommt, sondern nur eine Subgruppe von Patientinnen, wo man sagt, okay, wenn dieser Biomarker dazukommt und die Symptomatik, dann habe ich eine sehr hohe Evidenz und Wahrscheinlichkeit, dass just dieses zusätzliche Medikament dem Ganzen sehr hilft.
Geschlechterunterschiede in der Stressforschung
Wir sprechen jetzt schon über individuelle Medizin. Dabei zeigen uns Statistiken ja heute schon, dass Frauen viel häufiger über Stress berichten und auch häufiger an Depressionen erkranken, die wiederum ja häufig auch durch Stress verursacht werden. Würden Sie sagen, Frauen sind biologisch anfälliger für Stress, oder liegt das eher an Lebensumständen und gesellschaftlichen Rollen?
Also da kommen viele Sachen zusammen. Aus der Grundlagenforschung und aus der biologischen Forschung kann man ganz klar sagen, dass ganz unabhängig von gesellschaftlichen Situationen und Rollen eine Frau, aber auch zum Beispiel eine weibliche Maus, ganz anders auf Stress reagiert als ein Mann oder zum Beispiel eine männliche Maus. Das heißt, da gibt es ganz klare genetische und hormonelle Unterschiede, die dazu führen, dass Stress anders verarbeitet wird, dass es zu anderen Symptomen aufgrund von Stress kommt.
Und diese biologischen Ursachen sind da unabhängig von, sagen wir mal, gesellschaftlichen Konstrukten. Und man sieht das auch in Zahlen für stressinduzierte Erkrankungen. Also Depressionen beispielsweise sind doppelt so häufig in Frauen wie in Männern. Und das ist unabhängig von, sagen wir mal, gesellschaftlichen Faktoren, wie häufig man oder wie gerne man zum Arzt geht oder bei welchen Symptomen man zum Arzt geht oder möglicherweise auch welchen Stressoren man ausgesetzt ist.
Also das ist da schon in der Statistik bereinigt. Zusätzlich ist es natürlich in unserer Gesellschaft leider so, dass Frauen ganz anderen, zum Teil auch deutlich stärkeren Stressoren ausgesetzt sind, stärkeren Belastungen ausgesetzt sind. Und da ist natürlich auch die Gesellschaft gefragt, auf dieser Seite zu versuchen, die Situation zu verbessern, um das sowieso schon erhöhte Risiko auf biologischer Ebene nicht noch weiter zu eskalieren.
Gender Health Gap in der Forschung
Ich muss auf jeden Fall an den Gender Health Gap denken. Also in der medizinischen Forschung werden Frauen ja oft benachteiligt. Wie sieht es da aktuell in der Stressforschung aus? Da hat sich Gott sei Dank in den letzten Jahren einiges verbessert und getan. Da ist es tatsächlich auch so, dass noch vor einigen Jahrzehnten, sage ich mal, das männliche Versuchstier das Maß aller Dinge war und man davon ausgegangen ist, dass die Ergebnisse, die man im männlichen Versuchstier sieht, mehr oder weniger eins zu eins auf dann die andere Hälfte der Maus oder menschlichen Gesellschaft übertragen werden können.
In der medizinischen Forschung ist eben ganz klar, dem ist nicht so. Und dementsprechend wird jetzt auch alle Forschung sehr, sehr stark in beiden Geschlechtern durchgeführt und miteinander verglichen, um eben auch klarzustellen und auch, sagen wir mal, diesen Gap aufzuholen. Das heißt, es wird jetzt auch viel Forschung spezifisch in weiblichen Mäusen oder weiblichen Versuchstieren gemacht, um eben zu prüfen, sind die Befunde, die wir schon wissen aus der Vergangenheit in männlichen Kohorten, sind die eigentlich ähnlich oder wo liegen hier die Unterschiede?
Das heißt, da wird versucht, diesen Gap zu schließen. Und was unsere Daten und auch die von den vielen Kolleginnen international eben zeigen, ist, dass die Mechanismen, die beispielsweise auch Stressresilienz zugrunde liegen, dann häufig doch sehr, sehr unterschiedlich sind in Frauen wie in Männern, was dann auch dazu führt, dass auch Behandlungsstrategien bis hin zu pharmakologischen Interventionen hier in Zukunft spezifisch sein werden müssen.
In vielen Fällen, nicht in allen. Natürlich möchte ich jetzt nicht sagen, dass es da so grundsätzlich Schwarz-Weiß-Unterschiede gibt und nichts nicht gleich läuft bei Mann wie bei Frau. Das ist natürlich auch nicht wichtig. Aber man muss auf jeden Fall diese Unterschiede ganz klar untersuchen. Und das fängt häufig schon bei der Sprache an.
Also so Ausdrücke wie eine atypische Depression, die dann häufig bei Frauen auftritt, ist natürlich ein krasser Fehler, das überhaupt in diese Richtung zu formulieren, weil es eben einfach eine andere Ausprägung, eine Symptomatik ist. Aber atypisch suggeriert ja, dass es etwas ist, was nicht typisch ist. Aber es ist eben typisch für 50 Prozent der Bevölkerung.
Fazit
Trotz allem, was wir jetzt hier eben besprochen haben, sagen Sie, ohne Stress wäre unser Leben langweilig. Auf die Erklärung bin ich jetzt doch zum Schluss ein bisschen gespannt. Naja, letztendlich ist es ja so, dass ein Stressor eigentlich nur eine Herausforderung ist. Ein Leben ohne Herausforderungen würde bedeuten, das wäre langweilig. Es gäbe ja keine Challenges, keine tollen Sachen.
Auch ich habe ja gesagt, eine Stressreaktion wird auch ausgelöst durch Sachen, die eigentlich ganz schön sind, wie eine Sauna oder, wenn man das mag, natürlich. Nicht jeder mag das. Aber auch durch Sport beispielsweise. Auch beim Laufen brauchen wir eine erhöhte Stressantwort, um dann auch die Energie für diese Aktivität zur Verfügung zu stellen.
Das heißt, das Stresshormonsystem ist im Prinzip ein ganz ideales System, um die Herausforderungen, die wir im Tagesverlauf haben, optimal nutzen zu können. Und sollte aktiv sein in den Zeiten, wo ich das brauche. Sollte aber auch nicht aktiv sein in Zeiten, wo ich das nicht brauche, zum Beispiel wenn ich Ruhephasen habe, wenn ich schlafe.
Und da ist es eben ganz wichtig zu schauen, dass man diese Ruhephasen, Unterholungsphasen auch hat. Weil wenn ich meinen Körper immer auf 110, 120 Prozent fahre und nie die Gelegenheit zur Regeneration gebe, dann ist auch klar, vielleicht dass es dann langfristig zu Problemen führen kann.
Regeneration – ein zentrales Stichwort, das Dr. Matthias Schmitt am Ende noch einmal betont hat. Am Max Planck Institut für Psychiatrie in München erforscht er unter anderem, warum manche Menschen anfälliger für Stress sind als andere. Seine Arbeit könnte dazu beitragen, neue klinische Ansätze zu entwickeln für die Behandlung von Erkrankungen, die durch Stress begünstigt werden. Dazu zählen nicht nur psychische Leiden, sondern auch Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck oder auch Fettleibigkeit.
Und wer jetzt ein dystopisches Szenario vor Augen hat – ein Medikament gegen Stress als Lifestyle-Produkt für noch mehr Leistungsfähigkeit – den kann Schmitt beruhigen. So einfach ist es nicht. Denn eines bleibt unverzichtbar: echte Regenerationsphasen.
Das war’s dann auch erstmal für heute. In der nächsten Folge von „Ach Mensch“ sprechen wir über Essstörungen und erfahren, wie virtuelle Körpermodelle bei der Therapie von Anorexie helfen können. Ich freue mich, wenn ihr dann wieder dabei seid. Und wenn euch dieser Podcast bisher gefallen hat, dann empfehlt ihn doch gerne auch anderen Menschen weiter, die sich für Themen rund um Körper und Psyche interessieren.
Produziert wurde diese Folge von Tim Schmutzler, und ich bin Jessi Jus. Bis zum nächsten Mal! „Ach Mensch“ – Schwerpunkt Körper und Psyche. Ein detektor.fm-Podcast in Kooperation mit der Max-Planck-Gesellschaft. Untertitel von Stephanie Geiges.