Forschungsquartett | Ozeane

Sand, Strömung und nächtliche Schwingen: Drei Rätsel der Ozeane

Die Ozeane bedecken zwei Drittel der Erde, doch wir kennen sie kaum. Drei aktuelle Forschungsprojekte zeigen nun neue Einblicke in die komplexen biologischen, sozialen und klimatischen Gefüge unserer Meere.

Das Forschungsquartett — dieses Mal in Kooperation mit der Max-Planck-Gesellschaft

 

Die „Eule“ der Galapagosinseln

Auf den Galapagosinseln hat die Gabelschwanzmöwe eine Nische besetzt, die sie unter ihren Verwandten einzigartig macht: Sie jagt als einzige Möwenart ausschließlich nachts auf dem offenen Ozean nach Kalmaren, die im Dunkeln an die Wasseroberfläche steigen. Um in der Dunkelheit auf offenem Ozean überleben zu können, verfügt die Möwe über eine beeindruckende biologische Ausstattung.

Die Gabelschwanzmöwe verfügt über spezialisierte Augen. Ähnlich wie Eulen oder Katzen haben Sie ein Tapetum lucidum. Das ist eine Schicht hinter den Sensoren in den Augen, die das Licht zurückwirft — somit haben die Gabelschwanzmöwen sozusagen ein Restlichtverstärkersystem.

Dr. Kamran Safi, Leiter der Forschungsgruppe Tier-Umwelt Interaktionen am MPI für Verhaltensbiologie

Die Gabelschwanzmöwe gibt der Wissenschaft ein Rätsel auf: Die Vögel stoßen mysteriöse „Klicklaute“ aus. Das Team um Dr. Kamran Safi untersucht derzeit, ob diese Rufe zur Echoortung dienen — ähnlich wie bei Fledermäusen — oder ob die Möwen damit ihre Gruppe auf dem Meer koordinieren.

Kenia: Sand als Konfliktherd

An den Küsten Mombasas in Kenia rückt ein ganz anderer Aspekt des Ozeans in den Fokus: Sand. Für viele ist er nur ein Grundstoff für Beton, doch das Projekt S.and zeigt seine tiefere Bedeutung als Identitätsstifter und Lebensraum rund um den Indischen Ozean. Teresa Cremer vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung betont, dass der oft illegale Abbau und die massive Küstenbebauung soziale Spannungen verschärfen. Ein Umdenken sei dringend nötig.

Nachhaltiges Ressourcenmanagement setzt voraus, dass Materialien nicht nur nach ihrem unmittelbaren Marktwert zu bewerten sind, sondern eben auch ihre Funktionen in lokalen Ökosystemen und Lebensweisen berücksichtigt werden.

Teresa Cremer, Doktorandin am MPI für ethnologische Forschung und Mitglied der Emmy Noether-Gruppe: „Sand: Die Zukunft von Küstenstädten im Indischen Ozean“

Klimamotor im Atlantik: Wie stabil ist die AMOC?

Weit weg von den Stränden Afrikas sorgt die „Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation“ (AMOC) für wissenschaftliche Debatten. Diese gigantische „Umwälzpumpe“ ist entscheidend für das milde Klima in Europa und schwächt sich ab. Kollabiert die AMOC, könnte das zu einem deutlich kühleren Klima in Europa und extremen Wetterereignissen führen. Doch Professor Dr. Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie warnt vor vereinfachten Katastrophenszenarien. Er kritisiert die oft einseitige Berichterstattung über eine mögliche Abkühlung durch eine schwächere AMOC.

Jede Meldung, jede Veröffentlichung, dass wir eine Abschwächung sehen, wird gleichgesetzt mit einer Befürchtung einer drastischen Abkühlung in Europa. Aber das muss man halt differenziert betrachten.

Prof. Dr. Jochem Marotzke, Direktor und Wissenschaftliches Mitglied am MPI für Meteorologie

Da gleichzeitig die CO2-bedingte Erwärmung wirkt, sei noch unklar, ob eine schwächere Strömung die Hitze in Europa künftig nur dämpft oder tatsächlich zu einer Abkühlung führt.