Eine KI soll das Navier-Stokes-Problem gelöst haben, eines der berühmten sieben Millennium-Probleme. Doch die Sensation wird von einem Streit überschattet.
Die Millennium-Probleme sind sieben besonders schwierige ungelöste mathematische Fragen, die das Clay Mathematics Institute im Jahr 2000 veröffentlichte und deren Lösung jeweils mit einer Million US-Dollar belohnt wird.
Zu ihnen gehört auch das sogenannte Navier-Stokes-Problem. Die Navier-Stokes-Gleichungen beschreiben, wie sich Flüssigkeiten und Gase bewegen. Das mathematische Problem besteht vereinfacht darin, zu klären, ob diese Gleichungen unter bestimmten Bedingungen zu unendlichen Größen führen können — etwa zu einer unendlich hohen Geschwindigkeit an einem einzelnen Punkt. Bisher war das nur bei vereinfachten Varianten der Gleichungen nachweisbar.
Am 8. September 2026 veröffentlichte der KI-Konzern OpenAI einen offenbar vollständigen Beweis für das Problem. Nach Angaben des Unternehmens wurde der Beweis mit einem KI-Modell entwickelt und anschließend mit einem Beweisprüfer verifiziert. Sollte sich der Beweis bestätigen, wäre nach der Poincaré-Vermutung erst das zweite Millennium-Problem gelöst.
Die Veröffentlichung wird allerdings von einem Streit überschattet. Dabei geht es um die Frage, ob OpenAI bei seiner Lösung die Arbeit zweier Mathematiker genutzt hat. Tristan Buckmaster und Levent Alpöge hatten fast ein Jahr an einem ungewöhnlichen Lösungsweg gearbeitet – und kurz nachdem OpenAI davon erfahren hatte, präsentierte auch OpenAI einen Beweis mit einem sehr ähnlichen Ansatz.
Buckmaster vermutet deshalb, dass OpenAI irgendwie auf ihre Arbeit gestoßen sein könnte. OpenAI bestreitet das und weist den Vorwurf des Kopierens zurück. Gleichzeitig räumt das Unternehmen ein, dass anonymisierte Daten aus der Nutzung seiner Produkte möglicherweise zum Training der KI beigetragen haben könnten.
Der Fall zeigt die großen Veränderungen, vor denen die Mathematik in Zeiten von KI steht. Einige sehen das ganze Fach durch künstliche Intelligenz als bedroht an.
Wir sind in einer neuen Ära der Mathematik.
Manon Bischoff
Manon Bischoff schreibt bei Spektrum der Wissenschaft über Mathematik und KI und eine der Hosts im Podcast „Geschichten aus der Mathematik“. Im Gespräch mit detektor.fm-Moderator Marc Zimmer erklärt sie, warum die mutmaßliche Lösung des Millennium-Problems für so viel Streit sorgt und warum die Mathematik in Zeiten von künstlicher Intelligenz so massiv unter Druck gerät.