Der Hektoria-Gletscher in der Antarktis ist binnen weniger Monate zerbrochen. Das wirft beunruhigende Fragen auf: Kommt der große Kollaps im ewigen Eis früher als angenommen?
Der Hektoria-Gletscher im Westen der Antarktis gibt Forschenden Rätsel auf. Innerhalb kürzester Zeit, nämlich zwischen Februar 2022 und März 2023, ist er nahezu vollständig kollabiert. Rund 84 Quadratkilometer Eis sind sogar innerhalb weniger Wochen zerbrochen. Auf dem Höhepunkt des Zerfalls sind täglich bis zu 800 Meter des Gletschers ins Meer gestürzt.
Ein derart schneller Kollaps ist selbst in Zeiten der Klimakrise selten — und besorgt nicht nur bei Klimaaktivistinnen und -aktivisten. Die Forschung versucht daher, die Ursachen des Zerfalls zu ergründen und zu verstehen, ob auch andere große Eisschilde gefährdet sind.
Inzwischen wird deutlich, dass beim Hektoria-Gletscher wohl eine Kombination besonderer geologischer und physikalischer Bedingungen zusammengekommen ist. Anhand von Satellitendaten lässt sich nachvollziehen, dass der ebene Untergrund den Zerfall wohl entscheidend beschleunigt hat: Als das stützende Meereis vor der Gletscherfront verschwand, wurde die Eisschicht schnell dünner und begann irgendwann zu schwimmen. Dieser Prozess führte offenbar zum schlagartigen Zerbrechen des Eises.
Der Gletscher wurde bis weit den Berghang hinauf zerstört. Heute endet er nicht mehr in einer steilen Eisklippe, sondern in einer flachen Bahn. Da der Hektoria-Gletscher vergleichsweise klein war, hat der Kollaps nicht entscheidend zum Anstieg des Meeresspiegels beigetragen. Doch was, wenn es größere Gletscher erwischt?
Besonders brisant ist die Frage, ob ähnliche Mechanismen auch bei den riesigen antarktischen Gletschern auftreten könnten. Der berühmte Thwaites-Gletscher etwa liegt in einem über tausend Meter tiefen Trog und könnte bei einem Kollaps den globalen Meeresspiegel um rund 65 Zentimeter erhöhen, warnen Expertinnen und Experten.
Noch ist jedoch unklar, wie wahrscheinlich ein solch abrupter Zerfall bei diesen gigantischen Eisschilden ist — und wie schnell der Meeresspiegel im Extremfall steigen könnte.
Gletscher sind im Grunde sehr zähe Flüsse aus Eis.
Lars Fischer
Lars Fischer ist Redakteur bei Spektrum der Wissenschaft und erklärt im Gespräch mit detektor.fm-Moderator Marc Zimmer, was beim Hektoria-Gletscher passiert ist und inwiefern das exemplarisch für die Entwicklung im ewigen Eis stehen könnte.