Was passiert, wenn ein Gletscher nicht langsam schmilzt, sondern innerhalb weniger Wochen regelrecht zerbricht? Genau das ist in der Westantarktis passiert und stellt vieles in Frage, was wir bislang über die Stabilität von Eisschilden zu wissen glaubten. Darum geht’s heute bei uns hier im Spektrum Podcast. Mein Name ist Max Zimmer. Schön, dass ihr dabei seid. Spektrum der Wissenschaft, der Podcast von detektor.fm.
Weltweit schmelzen die Gletscher. Das habt ihr in den vergangenen Jahren im Zusammenhang mit dem Klimawandel sicherlich oft in den Nachrichten gehört. Und meistens sieht man dann Fotos, die eben so ein Gletscher heute zeigen und dann zum Vergleich vor 10, 20 oder eben 30 Jahren. Und da sieht man dann, dass die Eisfläche deutlich kleiner geworden ist. Es geht aber noch krasser. Der Hektoria Gletscher, der liegt im Westen der Antarktis, und der ist innerhalb von nur ein paar Wochen nahezu vollständig zusammengebrochen. Wir reden jetzt von den Jahren 2022 und 2023, und damals sind in kürzester Zeit 84 Quadratkilometer Gletscher verloren gegangen. 84 Quadratkilometer Eis, das zuvor hunderte Meter dick auf festem Fels lag, hat sich plötzlich angehoben, das begann zu schwimmen und ist dann in kurzer Zeit zu einem riesigen Trümmerfeld zerfallen. Ist natürlich die Frage, wie konnte das passieren? Das fragen sich Forschende nämlich. Und natürlich auch mit Blick auf die großen und wichtigen Gletscher, die wir sonst noch so haben.
Ursachen des Kollapses
Erste Ergebnisse sind jetzt vor kurzem erschienen zur Ursachenbestimmung. Und in dieser Folge sprechen wir darüber, warum dieser Kollaps so plötzlich kam, welche physikalischen Prozesse eben dahinter steckten und was wir natürlich daraus auch für die Zukunft der Antarktis lernen können. Und das Ganze machen wir mit Lars Fischer. Der ist Redakteur bei Spektrum der Wissenschaft und heute mein Gast hier im Podcast. Hallo Lars! Moin, Marc! Ja Lars, fangen wir doch mal mit einer Verortung an. Wo genau lag denn dieser Hektoria Gletscher? Wie sah der aus und was ist heute davon übrig? Der Hektoria Gletscher lag ziemlich nah an der Spitze der westantarktischen Halbinsel, also eben nicht in der Nähe dieser ganz großen Eiskappen, sondern eher abseits. Das heißt, wir reden noch nicht von irgendwelchen Katastrophenszenarien. Und 84 Quadratkilometer ist im Vergleich zu antarktischen Gletschern ja auch relativ klein. Was eine Rolle spielt, ist, dass der Hektoria Gletscher ursprünglich früher ein Zustrom des Larsen B Schelfeises war. Die Älteren werden sich erinnern, das war ein Schelfeis, also eine schwimmende Eisdecke, die im Jahr 2002 ebenfalls binnen weniger Wochen in Stücke gebrochen und verschwunden ist. Also dieses Larsen B Schelfeis hatte ungefähr die Größe des Saarlandes. Das war schon ziemlich schockierend und auch ziemlich massiv damals. Und man kann jetzt diesen Kollaps des Hektoria Gletschers so ein bisschen als Spätfolge dieses Larsen B Schelfeis-Kollaps betrachten. Allerdings mit dem Unterschied, dass das Larsen B Schelfeis ja schwimmendes Eis war. Das heißt, das ist in verschiedenen Eisbergen zerbrochen, während das, was jetzt beim Hektoria Gletscher verschwunden, verloren gegangen ist, das war ursprünglich auf dem Felsen aufliegendes Eis. Also das heißt, die ganze Geschichte geht ins Jahr 2002 zurück auf einen anderen, sogar noch größeren Kollaps.
Bedeutung der Gletscher
Und Lars, jetzt nehmen wir das immer so hin, ja, die Gletscher sind super wichtig für Erde und Klima, aber vielleicht wiederholen wir das nochmal kurz. Warum denn eigentlich? Aus unserer Perspektive muss man erst mal unterscheiden zwischen den Gebirgsgletschern. Die liegen, wie der Name sagt, in Gebirgen rum. Die sind für uns wichtig, unter anderem weil sie für Millionen Menschen um den Himalaya oder auch teilweise in den Alpen Wasser liefern in Form von Gletscherflüssen, die darunter fließen. Teilweise sind sie auch wichtig für die Energieversorgung, weil sie Stauseen und hydroelektrische Dämme speisen. Natürlich sind sie auch einfach kulturell wichtig in diesen Gebirgsregionen. Das sind die Gebirgsgletscher. Die Antarktisgletscher sind ja ganz andere Gletscher. Die liegen auf Meereshöhe, die münden ins Meer. Und bei der Antarktis und auch bei Grönland haben wir gar nicht so sehr das Problem, dass die Gletscher jetzt primär den Klimawandel antreiben würden, sondern wenn dieses ganze Wasser in der Antarktis und auch in Grönland schmilzt, der Meeresspiegel entsprechend steigt, dann verlieren wir tatsächlich einige der am dichtesten besiedelten Küstenregionen der Erde. Da leben Millionen Menschen, da sind unsere wertvollsten Häfen, unsere reichsten Städte. Das ist alles an der Küste, das ist alles für die Menschheit. Wäre der Verlust, wenn man wirklich viel von der Antarktis verliert, von diesen Antarktisgletschern, das wäre ein immens schwerer Schlag. Also das verdeutlicht nochmal, warum die Gletscher so wichtig sind.
Der Kollaps des Hektoria Gletschers
Und wenn wir jetzt nochmal zurück zum Hektoria Gletscher kommen, Lars, was ist denn bei diesem Kollaps passiert? Also der Kollaps selbst fand vom Januar 2022 bis zum März 2023 statt. In diesem relativ kurzen Zeitraum sind eben diese 84 Quadratkilometer aufliegendes Gletscher mit hoher Geschwindigkeit zerbröselt. Und am stärksten tatsächlich in der Phase von November bis Dezember 2022 wurden binnen drei Tagen elf Quadratkilometer Gletscher verloren. In drei Tagen, muss man sich vorstellen. Also das war ein extrem rapider Zusammenbruch. Aber natürlich war der Prozess dieses Kollaps, der hatte mehrere Stufen. Und dieser wirklich drastische Kollaps war quasi die dritte Stufe. Und die erste Stufe, die hat man dann Anfang 2022 gesehen, als das festliegende Eis, das also auf dem Meer schwimmt, aber eben zum Beispiel an benachbarten Inseln festliegt und auch relativ dick ist und eben den Gletscher zurückstützt. Das ist also kein Schelfeis, sondern ein dünneres, aber immer noch sehr massives Eis. Das ist dann am Anfang des Jahres verloren gegangen. Und dann ist eben auch die schwimmende Eiszunge des Gletschers, das 300 Meter dicke schwimmende Zunge, ist dann auch zerbrochen. Wir reden jetzt hier immer noch über schwimmendes Eis in dieser ersten Phase. Und dieses schwimmende Eis hat eben die ganz, ganz wichtige Funktion, dass es quasi den Gletscher abstützt. Diese Gletscher sind ja quasi sehr zähflüssige Flüsse aus Eis, die sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit runter zum Meer bewegen. Und je schneller sie sich bewegen, desto schneller brechen sie vorne ab, desto mehr Wasser geben sie ab, desto schneller steigt der Meeresspiegel. Und deswegen ist dieser Abstützeffekt des schwimmenden Eises so unglaublich wichtig. Das heißt, in der ersten Phase ist dieses schwimmende Eis und die schwimmende Eiszunge verloren gegangen. Und dann war erst mal Winter von April bis Juli da unten in der Antarktis. Das ist der Winter. Und da hatte sich also die vorderste Front des Gletschers wieder stabilisiert, scheinbar. Was man aber gesehen hat, ist, dass sich durch diesen Verlust des stützenden Eises die Fließgeschwindigkeit des Gletschers in dieser zweiten Stabilisierungsphase deutlich erhöht hat. Also der Gletscher ist sehr viel schneller von den Bergen runter geflossen, hat dann natürlich auch entsprechend Eis verloren. Und durch diese höhere Fließgeschwindigkeit hat er immer weiter an Dicke verloren. Und das war quasi die Vorbereitung für diese entscheidende Kollapsphase 3. Was in der Kollapsphase 3 passiert ist, ist, dass das Eis, das da in diesem Tal lag, das ist dann durch dieses Wegfließen so dünn geworden, dass es irgendwann so dünn war, dass es aufgeschwommen ist. Vorher lagen da 100 m Eis obendrauf, haben das Eis auf den Boden gedrückt. 50 m, 30 m, 20 m. Und irgendwann war dieser Gletscher, diese ganze Fläche so ausgedünnt, dass es plötzlich aufgeschwommen ist wie eine Eisscholle. Und man kann sich ja vorstellen, es war so 400, 500 m dickes Eis. Das klingt sehr viel, aber wenn wir über 84 km² rechnen, sind 400 oder 500 m nicht so groß. Wenn das anfängt zu schwimmen, zerbricht das. Und tatsächlich ist dieser Kollaps offensichtlich auch weiter den Berg hochgelaufen. Also nicht nur in dieser Küstenebene. Denn wenn man sich heute Fotos anguckt vom Hektoria Gletscher, dann hat der Rest des Gletschers keine Eisklippe mehr, wie das früher der Fall war, wie man das von antarktischen Gletschern kennt, sondern der Gletscher ist quasi bis auf den Berg hinauf zertrümmert und bildet jetzt eine Trümmerzunge, die auf Meereshöhe in diese Zone aus schwimmenden Trümmern in dieser Bucht bildet. Und da sind wir jetzt in der vierten Phase dieses Kollaps der zweiten Stabilisierungsphase, in der ich will nicht sagen, alles kaputt ist. Das ist vielleicht einen Tick zu dramatisch. Aber in der jetzt wirklich alles kollabiert ist, was da kollabieren kann. Also es ging sehr, sehr rasant zu, haben wir gehört.
Gründe für den schnellen Zerfall
Warum verlief denn dieser Zerfall so ungewöhnlich schnell? Das erforscht man ja gerade. Was weiß man denn schon über die Gründe? Der Hauptgrund war tatsächlich die Form des Bodens unter dem Gletscher, unter diesen 84 Quadratkilometern. Das war flach, mit einer Steigung von weniger als fünf Grad, ungefähr. Das heißt, das ist so richtig eine Eisebene. Und man kann sich vorstellen, wenn so ein Gletscher auf so einem flachen Boden liegt und er verliert immer mehr an Dicke, dass er irgendwann aufschwimmt. Dann schwimmt er natürlich auf der ganzen Fläche auf. Weil wir überall diese flache Ebene haben. Wenn der Gletscher aus den Bergen runterfließt, na ja, dann geht der Boden dahinter steil hoch und dann schwimmt vielleicht der vordere Teil auf und bricht ab. Und danach wird der Teil dahinter noch ein bisschen dünner und bricht danach nach einer Weile ab. Also wenn sich so ein Kollapsberg aufarbeiten muss, dann dauert das natürlich wesentlich länger. Und das ist tatsächlich der entscheidende Punkt hier, dass eben dieser Hektoria Gletscher in einer relativ flachen Ebene lag und deswegen auf großer Fläche kaputt gehen konnte. Der entscheidende Punkt, man könnte jetzt natürlich sagen, okay, Besonderheit dieses Gletschers, klar, ist dann auch nicht besonders überraschend, dass dann diese Eisplatte in einem Stück hochgeht und zerbricht. Interessant, schöne Videos aus Satellitenbildern, aber nicht so besonders. Der entscheidende Punkt ist aber, dass dieses Thema Bodenform, die Form des Erdbodens unter den Gletschern, die ist für das Verhalten der wirklich großen westantarktischen und inzwischen auch ostantarktischen Gletscher ganz entscheidend. Zumindest vermutet man das. Und deswegen erregt dieser Prozess so viel Aufmerksamkeit, weil man eben hier sehen kann, dass die Bodenform unter dem Gletscher tatsächlich eine massive Auswirkung auf den Kollaps haben kann.
Verständnis der Gletscher
Ja, da stellt sich mir eh die Frage: Gletscher ist ja nicht gleich Gletscher. Was entscheidet denn grundsätzlich darüber, wie sich so ein Gletscher verhält und auch entwickelt? Und wie gut verstehen wir das bisher? Also für die Antarktis muss man sagen, dass wir das nicht besonders gut verstehen. Das hat zwei Gründe. Der eine Grund ist eben, dass wir da eine relativ komplexe Situation haben. Wir haben also nicht ein Stück Eis, das in den Alpen irgendwo rumliegt und langsam runterfließt, sondern wir haben eben diese Wechselwirkung zwischen vielen Gletschern der Eiskappe. Wir haben die schwimmende Eiszunge, wir haben Schelfeis, wir haben festliegendes Eis. All das bewirkt, ja, diesen Stützeffekt, der dann die Geschwindigkeit, die Fließgeschwindigkeit der Gletscher verändert. Und dann haben wir, wo wir in der Antarktis nicht allzu viel wissen, auch noch das Wassersystem unter dem Gletscher. Da sind ja Seen, da sind ja sozusagen Flüsse, ganze Schmelzwassersysteme. Und natürlich hat Wasser unterm Gletscher natürlich auch einen Einfluss auf die Bewegung des Eises. Und das, was wir in letzter Konsequenz wissen wollen: Wie schnell fließt eigentlich diese gigantische Menge Eis da ins Meer und kann sich das beschleunigen? Das hängt von ganz vielen Faktoren ab, auch von der Wechselwirkung zwischen Eis und Meer. Also in antarktischen Gletschern haben wir ja relativ tiefes Wasser unter den Eisschäfen. Das heißt, warmes Wasser kommt von unten, schmilzt sie an möglicherweise. Dann haben wir Meeresphänomene, die wir kaum verstehen, z. B. Turbulenz, die dann auch warmes Wasser unter die Gletscher treibt. Und wenn dann dieses schwimmende Eis wieder ausdünnt und zerbricht, dann fließen die Gletscher schneller. Also es ist unglaublich komplex. Das ist ein Problem. Und das zweite Problem ist, na ja, es ist die Antarktis. Wir haben praktisch keine Daten. Natürlich gibt es sehr viele Daten aus der Antarktis. Aber wenn wir das mal mit Daten aus anderen Ökosystemen oder geologischen Systemen vergleichen, dann ist das fast nichts. Weil die Antarktis unglaublich schwer zu erreichen ist. Es ist unglaublich schwer, da Forschung zu betreiben. Es ist sehr, sehr teuer. Und dann haben wir ja immer das Problem, viele interessante Dinge passieren unter den Schäfeisen. Und da hat man jetzt seit ein paar Jahren überhaupt die Möglichkeit, mit Tauchbooten da drunter zu fahren und einfach mal zu gucken, was da so passiert. Und manchmal gehen die Tauchboote dann auch verloren, was dann teuer ist wiederum. Also das ist alles eine Geldfrage, es ist eine Ressourcenfrage, es ist eine Datenfrage, und die Antarktis ist ein ganzer Kontinent. Da müsste man unglaublich viel Geld und unglaublich viel Mühe reinschütten, um auch nur einen Ansatz von einer Idee zu kriegen, wie das eigentlich alles im Gesamtbild aussieht. Also das ist eine extrem unwirtliche, gefährliche und schwer zu erforschende Umgebung.
Bedeutung des Hektoria Gletschers
Aber wenn man sich jetzt den Hektoria Gletscher anschaut, dann stellt sich ja vor allem, glaube ich, so ein bisschen die Frage: Du hast ja schon gesagt, im Vergleich zur großen Masse der Antarktis ist dieser kleine Gletscher natürlich nicht viel Eismasse, die jetzt verloren gegangen ist. Aber es stellt sich natürlich die Frage, inwiefern steht das, was da passiert ist, auch stellvertretend für andere, möglicherweise wichtigere und größere Gletscher? Einerseits haben wir diesen Prozess, der für unser Verständnis von Eisverlust in der Antarktis quasi so archetypisch ist, dass man sagt, okay, man verliert das Schelfeis, dadurch geht die Stützfunktion verloren, dann fließt das alles schneller, dann zerbricht die Eiszunge, dann zerbricht das feste Eis. Und wenn dieses ganze stützende System weg ist, dann fließt der Gletscher schneller. Es ist ja nicht so, das schwimmende Eis, das lässt den Meeresspiegel nicht nennenswert steigen. Und auch der Kollaps selbst des Hektoria Gletschers, der ist ja aufgeschwommen. Das war ja in dem Moment ein schwimmendes Eis. Das hatte nicht so die wahnsinnig große Auswirkung auf den Meeresspiegel. Der entscheidende Punkt, das, was den Meeresspiegel ansteigen lässt, das ist die Fließgeschwindigkeit der Gletscher. Das ist also aufliegendes Eis, das rutscht ins Meer, dadurch steigt der Meeresspiegel. Und dieser Prozess, der hängt eben von der Dynamik des stützenden schwimmenden Eises ab. Und das, was wir beim Hektoria Gletscher gesehen haben, ist im Grunde eine klassische Sequenz. Das stützende Eis geht verloren, die Fließgeschwindigkeit steigt an und irgendwann kollabiert der ganze auf dem Gestein aufliegende Gletscher. Also das ist das eine. Wir haben diesen Prozess quasi in Zeitraffer gesehen. Und das Zweite ist die Sache mit der Bodenform. Denn wir haben ja bei mehreren sehr großen Gletschern, z. B. Thwaites Gletscher in der Westantarktis, der sehr, sehr groß ist, der kann allein 2 m Meeresspiegelanstieg verursachen. Wir haben in der Ostantarktis Gletscher, die alle in so Trögen des Grundgesteins liegen. Und da ist natürlich diese große Frage: Na ja, wenn jetzt dieser Gletscher zurückweicht, wenn das schwimmende Schelfeis verschwindet, wie beim Hektoria Gletscher, irgendwann stößt das Meer an die Kante von dem Trog. Wie beim Hektoria Gletscher, da schließt das Meer an die Kante von dieser Eisfläche. Und plötzlich war die ganze Eisfläche weg. Und wenn jetzt das Meer bei den ganz großen Gletschern, die in diesen Trögen liegen, am Anfang vom Trog ankommt, wo das Gestein unter dem Gletscher nach hinten abfällt, da ist die große, große Frage: Was passiert dann? Passiert dann so etwas Ähnliches wie beim Hektoria Gletscher, dass das plötzlich irgendwann kollabiert? Es gibt da mehrere Theorien, wie so eine gigantische Eiskappe eben von dem Punkt an sehr, sehr schnell zerfallen könnte. Da gibt es z. B. den Prozess, dass die Eisklippe vorne einfach beim Abschmelzen, beim Abbrechen immer höher wird, weil das Gestein nach hinten ja abfällt. Die wird immer höher und deswegen ist sie nicht mehr stabil. Dann bricht sie immer weiter ab. Oder was passiert, wenn Meerwasser in diesen Trog hineingelangt? Also die Bodenform ist für die Stabilität dieser Gletscher ganz entscheidend, zumindest vermutet man das heute. Und dieser Kollaps des Hektoria Gletschers zeigt eben, dass diese Vermutung, dass die Bodenform relevant ist, dass da was dran ist. Und das macht es eben auch für die ganz großen Gletscher relevant. Du hast ja diesen Thwaites Gletscher gerade angesprochen. Wir hatten auch schon mal eine Podcast-Folge hier dazu. Das ist der berühmteste Gletscher, zumindest da unten in der Antarktis. Er hat meines Wissens sogar einen eigenen Social Media Kanal, wenn ich mich da richtig erinnere. Warum ist denn der eigentlich so wichtig? Und inwiefern ist er vielleicht dann ähnlich gefährdet wie eben der Hektoria Gletscher? Das liegt im Wesentlichen daran, dass er und seine Nachbargletscher in so einem Trog sitzen. D. h. wir haben diese potenziell gefährdete Bodenform. Wir haben mehrere Modelle, wie eben diese Bodenform einen Gletscher zum Kollabieren bringen könnte. Außerdem liegt er in der Westantarktis. Das ist eine riesen Eiskappe in der Westantarktis. Da ist der Eisschild deutlich instabiler als in der Ostantarktis. D. h. wenn irgendwo ein sehr schneller Kollaps an der großen Eiskappe passiert, dann in der Westantarktis. Und wegen der Bodenform ist er der Hauptverdächtige. Und der ist natürlich inzwischen auch außerordentlich gut erforscht. Und dass es auch in der Wissenschaft geht, der Dübel steht immer auf einem großen Haufen. Dieser Gletscher ist so prominent, weil er immer wieder erforscht wird, weil er so prominent ist. Da hat er schon so ein bisschen Promibonus, der aber, auch muss man fairerweise sagen, berechtigt ist. Es gibt allerdings auch Fachleute, die dem widersprechen. Die sagen, klar, dieser Gletscher sieht erst mal gefährdet aus, aber da muss man auch ganz piano sein. Wir wissen noch gar nicht, ob diese Theorien über den potenziellen Gletscherzerfall wirklich zutreffen. Das ist seit 10.000 Jahren, 12.000 Jahren ist so etwas in dem Ausmaß auf der Erde nicht mehr passiert. D. h. wir haben keine Erfahrungen damit, wir haben keine Anschauungen damit, ob solche Prozesse wie solche Prozesse ablaufen. D. h. da ist möglicherweise auch da wieder so ein gewisser Schneeballeffekt eingetreten, in dem Moment, in dem man von diesem Doomsday-Gletscher geredet hat. Inzwischen gibt es eben auch Studien und Fachleute, die sagen, na ja, okay, klar, dieser Gletscher könnte schnell kollabieren, aber bei Eisschäden bedeutet schnell 2000 Jahre. D. h. man da eben auch mal ein bisschen den Druck rausnehmen muss und sagen, okay, das ist für die Zukunft der Menschheit interessant, aber es wird nicht innerhalb der nächsten 10 Jahre passieren. Natürlich nicht. Aber man weiß es, man weiß es wirklich nicht. Also man hat ja auch in fossilen Sedimenten teilweise von Paläo-Gletschern Rückzugsgeschwindigkeiten von mehreren 100 m pro Tag errechnet.
Zukünftige Forschung
Ja, da sind wir wieder bei deiner, ich glaube, letzten Frage. Wir wissen einfach noch viel zu wenig darüber, wie sich diese Eisschäden wirklich verhalten. Ja, das wäre auch wirklich meine abschließende Frage an dich noch mal. Du hast ja beschrieben, wie schwer es auch ist, dann teilweise in diesen Gegenden zu forschen. Hast aber auch gesagt, den Thwaites Gletscher zum Beispiel kennt man jetzt mittlerweile ganz gut. Was gilt es denn künftig, eben noch besser zu erforschen, um diese Prozesse auch zu verstehen? Ja, da könnte man jetzt ganz salopp sagen, die Antarktis. Das ist wirklich das Problem. Es ist nicht so, dass man da jetzt groß was übersehen hätte. Und auch beim Thwaites Gletscher hat man ja schon einige Daten. Aber wenn man sich klarmacht, erstens wie groß die Antarktis ist, wie gigantisch diese Gletscher sind und über welche Zeiträume wir hier reden. Diese Geschichte mit dem Hektoria Gletscher, dass wir jetzt innerhalb von anderthalb Jahren totalen Kollaps haben, das ist ja selbst im Extremfall die absolute Ausnahme. Sondern diese Gletscher, diese Eiskappen verändern sich vermutlich über Zeiträume von hunderten Jahren oder vielleicht tausenden Jahren so im großen Stil. Und das heißt, wir brauchen nicht nur mehr Daten, wir brauchen auch längere Datenreihen. Es ist, glaube ich, gar nicht so die Frage, dass man jetzt irgendwas erforschen müsste, was man noch nicht angeguckt hat, sondern man muss einfach die Ressourcen haben. Man muss einfach mehr über diese Gletscher erfahren, um zu wissen, was sie in Zukunft tun werden. Ja, das wäre gut und wichtig für uns alle. Und wenn ihr noch mehr zu diesem Thema lesen wollt, dann könnt ihr das tun auf spektrum.de. Da findet ihr Lars Artikel auch nochmal über den Hektoria Gletscher und den Zerfall da und was das alles auch mit den anderen Gletschern und mit der Gletscherproblematik insgesamt zu tun hat. Das könnt ihr alles nochmal nachlesen auf spektrum.de. Und Lars, dir sag ich vielen, vielen Dank fürs Erklären. Ja, danke auch dir. Das war für mich wieder spannend, mich da nochmal einzuarbeiten. Und das war’s für diese Woche vom Spektrum Podcast. Vielen Dank euch fürs Zuhören. Seid gern auch kommende Woche wieder dabei. Ihr kennt das Spiel. Wie immer am Freitag gibt’s dann eine neue Folge von uns. Bis dahin freue ich mich, wenn ihr den Podcast abonniert, kommentiert, bewertet und teilt. Auch dafür vielen, vielen Dank. Mein Name ist Marc Zimmer und ich sag Tschüss und macht’s gut. Spektrum der Wissenschaft, der Podcast von detektor.fm.