Ob Frühling, Sommer oder Winter: Die Jahreszeiten wirken stärker auf unser Denken, als uns bewusst ist. Studien zeigen, dass sich moralische Werte, Risikobereitschaft und sogar politische Einstellungen im Jahresverlauf verschieben.
Frühlingsgefühle und Winterblues: Die Jahreszeiten wirken sich auf unser Befinden und unser Gehirn aus. Saisonale Depressionen sind ein bekanntes Phänomen in der Psychologie. Darüber hinaus zeigen sich saisonale Effekte auch in Alltagspräferenzen, etwa bei Musikgeschmack oder Farbvorlieben. Feiertage verstärken diese Effekte zusätzlich, indem sie soziale Normen und Emotionen beeinflussen — etwa durch gesteigerte Spendenbereitschaft oder mehr Trinkgeld.
Doch beeinflussen sie auch, wie wir denken und Entscheidungen treffen? Das legen zumindest einige Studien nahe. Insbesondere im Frühling und Herbst legen Menschen mehr Wert auf Loyalität, Autorität und moralische Reinheit. Das sind Werte, die die Forschenden eher konservativen Einstellungen zuordnen. Dagegen bleiben Werte wie Gerechtigkeit und Mitgefühl über die Jahreszeiten stabil.
Eine mögliche Erklärung liegt in der Psychologie von Veränderung und Unsicherheit. Im Frühling und Herbst verändern sich Tageslängen besonders stark, was offenbar unterschwellige Verunsicherung oder Ängste auslösen kann.
Offenbar sind Menschen im Winter zudem tendenziell risikoaverser, möglicherweise aufgrund schlechterer Stimmung oder saisonaler Depressionen. Auch kurzfristige Wettereinflüsse spielen eine Rolle: Regen kann etwa die Bereitschaft verringern, für Veränderungen zu stimmen.
Diese Effekte sind individuell zwar klein, können aber in der Summe große gesellschaftliche Auswirkungen haben. Denn solche Verschiebungen betreffen nicht nur abstrakte Werte, sondern könnten auch konkrete Entscheidungen beeinflussen. Verändern sich etwa Wahlverhalten, Gerichtsurteile oder finanzielle Risikobereitschaft je nach Jahreszeit?
Die Effekte sind subtil, aber messbar.
Christiane Gelitz
Christiane Gelitz ist Psychologin und Redakteurin bei Spektrum der Wissenschaft und erklärt im Gespräch mit detektor.fm-Moderator Marc Zimmer, wie sich die Jahreszeiten auf unser Denken auswirken.