Der Frühling macht sich breit und verändert bestimmt auch bei euch die Stimmung. Oder wie stark sich die Jahreszeiten wirklich auf unsere Stimmung und vielleicht auch auf unser Handeln auswirken, darum geht es heute bei uns hier im Spektrum Podcast. Mein Name ist Max Zimmer. Schön, dass ihr dabei seid. Spektrum der Wissenschaft, der Podcast von detektor.fm.
Ihr kennt ja sicher alle Worte wie Frühlingsgefühle oder auch Winterblues, und die zeigen ja schon, dass unsere Gefühlswelt ganz schön von den Jahreszeiten beeinflusst wird. Aber die Frage ist: Wie weit geht das? Es gibt Studien, die legen nahe, dass sich sogar unsere Werte im Laufe des Jahres ändern können und damit eben auch unsere Entscheidungen und unser Handeln. Das hätte natürlich weitreichende Konsequenzen. Entscheiden wir beispielsweise bei einer Wahl im März anders als bei einer Wahl im September? Oder macht ein Richter vielleicht ein anderes Urteil, wenn es im Sommer ist, als wenn es im Winter wäre? Forschende versuchen jetzt deshalb nämlich rauszukriegen, woran genau das liegt, mit den unterschiedlichen Einstellungen und Werten entlang des Jahres. Und Spektrum der Wissenschaft hat gerade eine Serie zur Psychologie der Jahreszeiten gemacht, und über so ein paar Aspekte davon wollen wir heute hier im Podcast sprechen, und zwar mit Spektrum-Redakteurin Christiane Gelitz. Hallo Christiane!
Hallo Max! Ja, Christiane, ich habe gerade schon so ein Stichwort gesagt: Winterblues, davon spricht man ja gerne. Also, es gibt tatsächlich so etwas wie saisonale Depressionen. Das ist ein Thema, das ihr euch auch anschaut. Ab wann spricht man denn von sowas und was weiß man auch so über die Gründe?
Ja, immer dann, wenn die Gemütszustände immer wieder stark mit den Jahreszeiten wechseln. Also, der Oberbegriff ist saisonal-affektive Störung, das ist der Fachbegriff, und das beinhaltet dann auch mögliche manische Episoden, also Phasen mit Hochstimmung und starkem Antrieb bis hin zu Größenwahn sogar. Aber wenn man verkürzt von Winterdepressionen oder auch Herbst-Winter-Depressionen spricht, dann bezeichnet das eigentlich nur die typische Form. Also, da können auch depressive Phasen im Sommer auftreten, aber für die Diagnose sollten sie im Herbst-Winter häufiger sein. Und bei der Diagnostik werden letztlich dieselben Symptome abgefragt wie bei einer Depression, die nichts mit den Jahreszeiten zu tun hat. Es gibt aber auch besonders typische Merkmale wie starke Müdigkeit und Heißhunger auf Kohlenhydrate, da achtet man dann besonders drauf. Ansonsten kann aber das ganze Spektrum an depressiven Symptomen auftreten. Also, typisch ist ja, man ist antriebslos und freut sich über nichts mehr. Depressiv zu sein wird aber oft ja so verstanden, dass man traurig oder niedergeschlagen ist und dass es dafür auch irgendwie einen Grund im Leben gibt. Aber eine typische schwere Depression ist oft so etwas wie eine quälende Leere, also so eine Art innere Erstarrung, grau, und das muss keinen erkennbaren Anlass haben. Bei der Herbst- Winter-Depression ist das ein bisschen anders, da gibt es eben dann eine klare Ursache.
Und was weiß man da jetzt über die Gründe? Also, der Hauptauslöser ist der Lichtmangel. Der verändert den Botenstoffhaushalt, genauer den Haushalt von Serotonin, das ist so eine Art Wohlfühlbotenstoff, und von Melatonin, das ist eine Art Müdemacher. Bei der Herbst-Winter-Depression ist der Melatonin-Spiegel tagsüber mittel etwas zu hoch, und bei Serotonin gibt es verschiedene Befunde, die aber immer in eine Richtung gehen. Also, bei wenig Sonnenlicht wird weniger Serotonin produziert und/oder es wird vermehrt abtransportiert oder bindet schwächer an Rezeptoren. Das scheint noch nicht endgültig geklärt, was da der Hauptfaktor ist. Es gibt aber außerdem noch einen Faktor, der den Botenstoffhaushalt verändert, nämlich dass wir uns im Winter weniger bewegen, und das soll auch dazu führen, dass weniger Serotonin und außerdem auch weniger Dopamin verfügbar ist. Und Dopamin, das ist so eine Art Motivationshormon, das schütten wir dann aus, wenn wir etwas Tolles erwarten. Und wenn es daran fehlt, dann haben wir auf nichts mehr Lust. Es gibt außerdem noch eine genetische Veranlagung für Depressionen allgemein, aber auch speziell für die Herbst- Winter-Variante. Und bei einer sogenannten genomweiten Assoziationsstudie hat man so circa 30 Gene gefunden, und darunter zum Beispiel auch eines, das dafür zuständig ist, den biologischen Rhythmus an kürzere Tage anzupassen. Theoretisch könnten es aber noch sehr viele mehr Gene sein, denn sehr viele Gene verhalten sich im Sommer anders als im Winter. Das heißt, sie sind in der einen Jahreszeit aktiver als in der anderen. Irgendwo hieß es sogar, dass das für ein Viertel unserer Gene gilt, also das wären dann Tausende. Und diese Gene, die mit den Jahreszeiten aktiver oder weniger aktiv werden, regulieren vor allem den Hormonhaushalt, den Stoffwechsel und das Immunsystem. Und tatsächlich zu den Mitverursachern von Infektionen und Entzündungen im Winter.
Und wie behandelt man dann so etwas? Vor allem mit Licht. Also, optimal sind lange Spaziergänge bei Tageslicht. Das hilft sogar an trüben Tagen, auch wenn es sich vielleicht dabei gar nicht so anfühlt. Und das hilft eben, weil es Bewegung und Licht verbindet. Und für den Schlaf-Wach-Rhythmus ist es am besten, das möglichst früh am Tag zu tun, also rauszugehen. Und wenn das nicht machbar ist, dann gibt es glücklicherweise eine einfache Lösung dafür. Man setzt sich eine halbe Stunde vor eine Tageslichtlampe. Die sollte so 10.000 Lux haben. Lux, das ist die Einheit für die Beleuchtungsintensität. Und um das in Relation zu setzen: 10.000, das ist so ungefähr ein Zehntel von dem, was es an einem sonnigen Sommertag draußen an Lux hat. Das ist aber, obwohl sich jetzt wenig anhört, ein Zehntel echt hell. Vielleicht hast du auch schon mal in so eine Lampe hineingeguckt. Ich habe selber tatsächlich noch keine genutzt, aber ich habe einen Freund, der das im Homeoffice stehen hat, auch für die Wintermonate. Und genau da habe ich es nämlich auch mal gesehen und dachte schon: Oh, das ist aber eine Menge Licht. Also, fühlt sich zumindest so an. Genau, das ist echt hell. Das ist aber super praktisch und sinnvoll, genau das auf den Schreibtisch im Büro zu stellen und das einfach standardmäßig morgens eine halbe Stunde anzumachen, wenn man Probleme hat mit Stimmungsschwankungen im Winter. Ich habe mir so ein Ding auch mal angeschafft, einfach um zu gucken, wie es denn so läuft mit dem Winter, wenn man so eine Lampe auf dem Tisch stehen hat. Und ich hatte auch das Gefühl, das ist gut für die Stimmung. Aber für die Augen ist das echt super anstrengend, finde ich. Vielleicht geht es anderen da anders. Es steht aber eben auch in der Literatur, man sollte das vorher auf jeden Fall mit dem Augenarzt abklären, weil es wohl eben auch Augenerkrankungen gibt, bei denen das irgendwie ungünstig sein könnte. Aber eben stimmungstechnisch kann sich das echt lohnen. Also, so eine Lichttherapie genügt schon bei jeder zweiten betroffenen Person, damit die Herbst- Winter-Depression schwächer wird oder ganz verschwindet. Das sagt zumindest die Psychiatrie Professorin Edda Winkler-Pirek. Ich hoffe, ich spreche den Namen richtig aus. Sie leitet an der Uni Wien eine Ambulanz für Herbst-Winter-Depressionen und sie ist eine von den Fachleuten, mit denen unsere Autorin, das war Sarah Koldehoff, eben für diese vier Geschichten über den Einfluss der Jahreszeiten gesprochen hat. Und Frau Winkler-Pirek sagt auch, bei saisonaler Depression ist seltener als bei anderen Depressionen so, dass eine Psychotherapie verschrieben wird, weil die Ursache eben auch tatsächlich weniger in der Psyche liegt. Herbst- Winter-Depressionen sind einfach stark biologisch bedingt und deshalb würde Lichttherapie dann auch eher mit Antidepressiva kombiniert als mit einer Psychotherapie. Und was ja auch oft empfohlen wird, das hast du bestimmt auch mal gehört, ist Vitamin D. Das sollte auch einen antidepressiven Effekt haben, heißt es. Aber laut Frau Winkler-Pirek ist das bisher zumindest nicht nachgewiesen. Aber man weiß, Vitamin D beugt auch Müdigkeit und Infekten vor, und das kann natürlich indirekt wieder gut für die Stimmung sein. Und so würde es dann eben vielleicht doch helfen. Aber in jedem Fall ist Licht am Morgen das Mittel der Wahl, und es kann übrigens auch generell bei Depressionen helfen, vielleicht weil es eben auch da hilft, den Hormonhaushalt und den Schlaf-Wach-Rhythmus zu regulieren.
Sehr interessant, was dann Licht doch für einen Einfluss hat. Und was ich wirklich interessant fand in eurer Serie, auch diese saisonalen Depressionen. Man kann sich das irgendwie so im Herbst-Winter vorstellen und hat es vielleicht auch schon mal irgendwie im Umfeld gehabt oder selber erlebt. Aber es ist wirklich so, dass auch in den Frühjahrsmonaten solche saisonalen Depressionen auftreten können, was ja auf den ersten Blick jetzt nicht so zusammenpasst. Was geht denn da vor?
Also, zum einen gibt es einfach eine atypische Winterdepression. Das heißt, das ist eben auch eine saisonale affektive Störung, aber eben mit einem atypischen Verlauf, eben mit einem Maximum im Frühling oder dann möglicherweise auch im Sommer. Und das kann zum Beispiel mit körperlichen Problemen zusammenhängen, zum Beispiel mit Pollenallergien, aber eben auch mit psychischen Auslösern. Also für manche Menschen ist es im Sommer besonders schwer, damit umzugehen, dass es da so eine Diskrepanz gibt zwischen der eigenen Gefühlslage und dem Leben der anderen, dem man ja überall zusehen kann, wie sie sich über den Sommer freuen. Und das ist dann eben besonders qualvoll. Und dann gibt es natürlich auch noch Menschen, die helle Sonne und Hitze einfach gar nicht gut vertragen und darunter richtig leiden. Und auch das kann dann eben bei einer Veranlagung zu Depressionen dazu führen, dass die eben eher ausbrechen. Aber auch bei einer Winterdepression kann es sein, dass im Frühling bestimmte Symptome sich verschlimmern, und zwar nämlich die Suizidgedanken. In 2023 kam da zum Beispiel eine Studie heraus mit Daten von mehr als 10.000 Menschen aus den USA, Kanada und UK, wonach zwar im Dezember der Wunsch zu sterben am größten ist, wenn man depressive Menschen direkt befragt. Aber wenn man mit einem Reaktionstest implizite Assoziationen misst, also über die Assoziationsstärke zwischen Worten wie „ich“ und „Suizid“, dann kommt dabei raus, dass die Leute im Februar am meisten an Suizid denken oder eben am meisten diese Assoziationen haben. Und bei den vollzogenen Suiziden sieht es auch ähnlich aus. Da gibt es diese Saisonalität im Frühjahr auch, zum Beispiel laut Daten aus Dänemark. Da lag die Zahl der Suizide im Frühling rund 20 Prozent höher als in anderen Monaten. Wenn man genau auf die Menschen schaut, die schon einmal wegen einer Depression stationär behandelt wurden, bei denen ohne Behandlung gab es so einen Peak zwar auch im Frühling, aber schwächer. Und den Daten war wohl nicht zu entnehmen, ob dieser allgemeine Peak nur an denen lag, die auch eine Depression hatten, aber dann vielleicht eben nicht in der Klinik behandelt worden waren. Das wurde eben nicht genau erfasst in den Daten, das konnte man nicht nachvollziehen. In jedem Fall lautet die mögliche Erklärung, dass im Frühling der Antrieb schneller steigt als die Stimmung. Und das führt dann dazu, dass die Suizidgedanken eben auch eher in die Tat umgesetzt werden. Und so einen Effekt kennt man tatsächlich auch von bestimmten Antidepressiva. Da weiß man auch, da muss man am Anfang besonders aufpassen, wenn man die Antidepressiva gibt, weil die Wirkung eben zuerst auf den Antrieb einsetzt und erst später auf die Stimmung. Und das ist dann eben ein gefährlicher Moment in der Behandlung. Und vielleicht ist das auch der richtige Moment, um einmal darauf hinzuweisen, dass eine Depression eben keineswegs hoffnungslos ist, auch wenn die Lage eben subjektiv hoffnungslos erscheint. Das ist aber ein Symptom der Depression. Und es gibt viele mögliche Behandlungen. Also, auch wenn die Lichttherapie nicht wirken sollte oder ein anderer erster Therapieversuch nicht wirken sollte, gibt es viele weitere Möglichkeiten. Und kurzfristig kann man sich zum Beispiel jederzeit an die Telefonseelsorge wenden. Telefonseelsorge.de, per Chat, Mail, Telefon. Die bieten inzwischen alles an. Oder man geht zum Hausarzt oder in die Ambulanz einer Psychiatrie, und die vermitteln dann weitere Hilfe.
Ja, sehr wichtig ist einmal auch festzuhalten an der Stelle. Christian, jetzt haben wir viel über Stimmung gesprochen. Ich habe eingangs auch gesagt, ihr guckt euch auch ein bisschen an, wie sich Werte und Einstellungen im Laufe des Jahres verändern können. Und ich glaube, das ist etwas, wo viele Leute sagen würden, das ist doch bei mir nicht so. Meine Werte und Einstellungen stehen fest. Tatsächlich gibt es aber sehr interessante Forschung dazu. Vielleicht kannst du uns mal ein paar Ergebnisse präsentieren.
Ja, einige. Und da gibt es tatsächlich sehr viele, dass man da gar nicht im Detail so darauf eingehen kann. Die Winterdepression war in unserer Serie praktisch nur der Auftakt. Aber überraschenderweise sind wahrscheinlich die anderen drei Teile, und einer davon zur Einstellung, auch wahnsinnig große Forschungsgebiete. Auch wenn man davon relativ wenig mitbekommt und das vielleicht auch nicht so wahrhaben will. Vor zwei Jahren kam zum Beispiel eine große Studie heraus. Da hat man festgestellt, dass die Zustimmung zu einigen moralischen Werten mit den Jahreszeiten stärker oder schwächer wurde. Und zwar im Frühling und im Herbst. Da waren den Leuten die klassisch konservativen Werte wichtiger als im Sommer oder Winter. Und zwar so Werte wie Loyalität und Respekt vor Autoritäten. Und bei anderen Werten wie zum Beispiel Gerechtigkeit, da haben sie keine solchen Schwankungen gefunden. Also im Frühling und im Herbst eher konservative Werte mehr, zumindest als im Sommer und im Winter. Das halten wir jetzt einmal fest. Und dann frage ich natürlich: Woran könnte das denn liegen? Wie erklärt man sich das?
Also, sicher sagen kann man das leider nicht. Aber die Forscher haben einen Zusammenhang entdeckt, der eine mögliche Erklärung bieten könnte. Nämlich bei ihren Versuchspersonen war es so, dass die konservativeren Einstellungen im Frühling und im Herbst auch mit vermehrter Ängstlichkeit einhergingen. Und die Idee von den Forschern ist: Im Frühling und im Herbst verändert sich die Umwelt stark und so etwas kann beunruhigend wirken, auch wenn man das vielleicht bewusst gar nicht so merkt. Und deshalb würde man sich dann eher konservativen Werten zuwenden. Nach der Theorie wären diese konservativen Werte also eher angstmindernd, weil sie den Status quo schützen. Ob das tatsächlich so funktioniert, das ist eben einfach eine Theorie. Es gibt aber tatsächlich auch andere Forschung, die so ein bisschen in die Richtung geht. Die zum Beispiel zeigt, dass konservative Einstellungen mit Unsicherheitsintoleranz einhergehen.
Worauf wirken sich die Jahreszeiten denn noch aus, wenn wir bei dem Thema sind? Ja, wahnsinnig viel. Aber wenn wir vielleicht erstmal bei Einstellungen und Entscheidungen bleiben, zum Beispiel Nahrungsvorlieben, Farbvorlieben, Siegvorlieben, finanzielle Entscheidungen, so etwas wie großzügiges Verhalten, sexuelles Interesse und eben auch, wo wir bei politischen Wahlen das Kreuzchen setzen. Aber man muss da gleich eine dicke Einschränkung mitschicken, nämlich viele Effekte sind sehr klein und nur an großen Stichproben nachweisbar. Also, dass im Sommer das sexuelle Interesse steigt oder dass man im Sommer mehr fröhliche Musik hört, das können vielleicht die einen oder anderen auch noch bei sich selbst beobachten und können das nachvollziehen. Und da können auch mal größere Effekte auftreten. Aber wenn man ein Leben lang eine Partei gewählt hat, dann wählt man nicht plötzlich eine andere, weil der Wahltermin woanders liegt. Trotzdem zeigen sich über große Mengen von Menschen eben solche Effekte. Und vielleicht liegt es eben an denen, die nicht auf eine Partei zum Beispiel festgelegt sind. Also, wenn wir bei dem Beispiel bleiben wollen, das kann das eben sein, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind, dass die Jahreszeiten einfach einen ganz kleinen Schubs geben. Sie krempeln aber eben nicht die ganze Persönlichkeit oder das gesamte Wertegefüge um. Ja, das muss man sicherlich festhalten. Aber trotzdem total interessant, dass das irgendwie dann zumindest in der Masse doch messbar ist. Und das hat ja dann irgendwie auch weitreichende Implikationen, oder?
Ja, auf jeden Fall. Also, vielleicht eben nicht für den Einzelnen, aber auf gesellschaftlicher Ebene sollte man sowas unbedingt im Blick haben. Auch die kleinen Effekte, weil sie in der Summe dann eben eine große Wirkung haben können. Im Gesundheitssystem zum Beispiel, da gibt es auch Studien zu Präventionskampagnen, zum Beispiel zur Krebsfrüherkennung. Und da kann man zum Beispiel sehen, dass man eben ein paar Leute mehr gewinnt in bestimmten Jahreszeiten. Und eine US-Studie hat zum Beispiel festgestellt, dass in Zeiten mit hoher Arbeitslosenquote, die ja auch immer wiederkehren, diese Zeiten dass dann mehr Frauen auf ein Angebot für kostenlose Mammographien reagiert haben. Und das ist ja gar nicht so unplausibel. Also, in arbeitslosen Zeiten haben die Leute weniger Geld dafür, eben umso mehr Zeit, um so ein Angebot wahrzunehmen. Und bei uns zum Beispiel ist die Arbeitslosenquote meines Wissens im Juli, August und im Januar, Februar am höchsten. Und das sind ja gerade die zentralen Sommer- und Wintermonate. Das heißt, es könnte sein, dass man da eben Jahreszeiteneffekte sieht. Und das ist bei Jahreszeitenstudien häufig, dass man dann aber nicht weiß, was genau hier kausal wirkt, weil sich mit den Jahreszeiten eben nicht nur viele biologische Bedingungen und die Umwelt verändern, sondern eben auch ökonomische, soziale und kulturelle Faktoren. Und wenn man dann eben nicht zufällig die richtige Variable miterhebt, dann weiß man einfach nur: Ja, im Sommer ist halt XY mehr oder weniger. Aber woran genau das liegt, weiß man nicht. Und so ein typischer Effekt ist zum Beispiel auch die Zeitumstellung. Also, wenn die Uhren vorgestellt werden, dann hängt das ja vielen ein paar Tage oder Wochen nach, vor allem den späten Chronotypen. Das sind eben die, die sich schwer tun mit dem Frühaufstehen und nachts gern lange aufbleiben. Und das führt zum Beispiel dann zu bestimmten Phasen, eben direkt nach der Umstellung der Uhr, was dann eben zu Frühjahrsbeginn ist, zu mehr Verkehrsunfällen. Und das hat dann aber unter Umständen eben, das weiß man dann nicht, sicher gar nichts mit den Jahreszeiten an sich im biologischen Sinn zu tun, sondern eben mit unserer Jahreszeitenkultur, also der Zeitumstellung. Und solche Faktoren gibt es ja viele. Also, Rituale wie Weihnachten aktivieren einfach eine bestimmte Stimmung. Und das typische Verhalten im Sommer hat wahnsinnig viele Auswirkungen. Also, dass wir im Sommer uns mehr draußen bewegen, mehr in der Natur sind, das ist gut für die Psyche und für die Gesundheit. Und das hat ja dann wiederum viele Folgeeffekte.
Ja, also man kann auf jeden Fall festhalten, dass unsere Umwelt uns natürlich beeinflusst. Man kann da sogar noch weiter reingehen. Ihr schreibt sogar, das Wetter kann unsere Entscheidungen beeinflussen. Lässt sich das wirklich belegen? Ja, genau. Jahreszeiten und Wetter gehen ja auch Hand in Hand. Deswegen liegt es schon nah. Und in den meisten Regionen der Welt ist das ja so. Also, es gibt sicher einzelne Regionen, wo die Jahreszeiten nicht so stark variieren wie bei uns, aber eben in unseren Breiten schon. Und manches ist ja auch banal. Also, die meisten Leute gehen eben lieber bei schlimmem Wetter vor die Tür und die bekommen dann mehr Licht und mehr Bewegung. Das hebt die Stimmung und beeinflusst auch sonst das Erleben und Verhalten in vielen Lebensbereichen und zum Beispiel eben auch wieder Wahlergebnisse. Also, wenn die Bereitschaft, bei schlechtem Wetter wählen zu gehen, nicht gleich verteilt ist über verschiedene Wählergruppen, dann kann es eben sein, dass der Wahltermin und das Wetter generell eine Rolle spielen. Wem schlechtes Wetter zugute kommt, also eher konservativen oder eher linken Parteien, das ist aber gar nicht so ganz klar. Da haben Studien in den USA und Deutschland schon Verschiedenes ergeben. Klar ist eben nur, das Wetter kann dabei eine Rolle spielen und eben auch in vielen anderen Lebensbereichen. Also, bei extremer Hitze zum Beispiel sind die Leute im Straßenverkehr aggressiver und bauen mehr Unfälle einfach, weil Überhitzung oder Flüssigkeitsmangel wohl Stress für den Körper bedeutet. Und darunter leidet dann die Emotionskontrolle zum Beispiel. Und der Luftdruck ist auch ein Faktor. Das wird zum Beispiel diskutiert im Zusammenhang mit dem Volumen des Gehirns. Ich weiß, das klingt ein bisschen verrückt, aber verschiedene Hirnregionen sind offenbar je nach Jahreszeit unterschiedlich groß. Das hat eine Studie an der Universität Yale vor ein paar Jahren ergeben, 2021 war das, und der Erstautor hieß Gregory Book. Ein Ergebnis war da, in den Sommermonaten steigt das Volumen des Kleinhirns, und das sorgt ja zum Beispiel für das Feintuning von Bewegungen. Jetzt könnte man denken, das ist irgendwie ein verrücktes Einzelergebnis, aber das passt eben auch zu anderen Befunden, dass zum Beispiel die Feinmotorik im Sommer besser funktioniert. Und die Ergebnisse werden da zwar, glaube ich, eher mit besserer Durchblutung der Hände erklärt, aber womöglich hat es eben tatsächlich auch mit dem Gehirn zu tun.
Sehr interessante Forschung ist das auf jeden Fall. Aber du hast ja auch gesagt, an vielen Stellen muss man natürlich irgendwie noch eine Klammer dran machen. Deswegen würde mich so zum Ende noch interessieren: Das ist ja alles wirklich sehr, sehr spannend und hat eben, wie wir auch gesagt haben, ziemlich große Implikationen im Zweifel, wenn uns da die Einflüsse beeinflussen. Vor welchen Herausforderungen steht die Forschung denn auf diesem Feld so in Zukunft? Ja, das große Problem ist ja, wie eben schon angedeutet, dass man die vielen verschiedenen Einflüsse nicht wie in einem echten Experiment zufällig variieren kann. Also, man kann nicht sagen, wir machen jetzt am Wahltag im Januar einmal Minusgrade und einmal 25 Grad im Schatten, zumal bei so seltenen Ereignissen wie Wahlen, wo man auch gar nicht so viele Daten hat, dass man alle möglichen anderen Faktoren dann irgendwie statistisch kontrollieren kann. Man kann deshalb praktisch nie wissen, was wirklich die Ursache ist. Also, biologische Faktoren im Zusammenhang mit den Jahreszeiten oder andere Faktoren, die da mit einhergehen. Und das können eben Hunderte sein, wie Zeitumstellung, Urlaube oder Feiertage. Wenn die Leute im Sommer anders ticken, dann kann das am Licht oder in der Wärme liegen oder an viel Bewegung, Kontakten oder einfach nur daran, dass sie sich gerade auf einen langen Urlaub freuen. Psychologische Studien sind aus solchen Gründen ja generell oft schwer interpretierbar. Aber bei Einflüssen der Jahreszeiten gilt das tatsächlich ganz besonders. Und selbst wenn man mehrere Artikel zu dem Thema schreibt, dann geben die nur einen kleinen Ausschnitt wieder von dem, was man da alles eigentlich beleuchten müsste. Also, sie beleuchten quasi so ein paar Inselchen in einem riesigen, dunklen, unerforschten Ozean. Ein Artikel hat 2024 dazu aufgerufen, mehr Licht da in dieses Dunkel zu bringen. Und zwar unter dem Titel Homo Temporus, wer das nachlesen will. Und über diesen Artikel bin ich auch auf das Thema aufmerksam geworden. Die Autoren schreiben da, man sollte eigentlich bei jeder Studie, auch wenn es gar nicht das Thema ist, bei dem Artikel dann sollte man immer mit erfassen, wann genau die Daten erhoben wurden. Weil, wenn das nicht passiert, erscheinen etwaige jahreszeitliche Schwankungen in den Daten einfach nur als Fehlervarianz. Und schlimmstenfalls gehen dann andere Effekte darin unter. Und womöglich könnte man auf die Weise sogar manche widersprüchliche Befunde erklären, wenn man für die Jahreszeiten getrennt auswertet. Und die Option gibt es natürlich nicht, wenn man den Zeitpunkt der Erhebung überhaupt nicht miterfasst. Und das unnötigerweise, denn das macht ja praktisch keine Arbeit.
Ja, total. Christiane, lass uns das noch kurz besprechen zum Ende, den Leuten vielleicht auch ein bisschen Lust machen auf eure Serie „Psychologie der Jahreszeiten“, heißt die ja. Und wir haben uns jetzt hier einige Aspekte davon angeschaut. Auf spektrum.de gibt es aber noch mehr dazu. Was haben wir uns noch das Thema Denkvermögen angeschaut, vor allem in Aufmerksamkeit und Gedächtnis und natürlich das Liebesleben. Dem widmen wir auch einen eigenen Artikel. Da hinterlassen die Jahreszeiten viele Spuren. Und das alles kann man übrigens auch auf Papier nachlesen, wenn man das lieber mag. Denn die Serie erscheint ab Sommer dann auch gedruckt in unserem Magazin Spektrum Psychologie.
Ja, also große Empfehlung, da auf jeden Fall noch mal reinzuschauen. Denn die Jahreszeiten beeinflussen uns auf vielfältige Weise, wie Christiane Gelitz uns dargelegt hat. Vielen, vielen Dank, Christiane!
Danke dir! Und das war’s für diese Woche vom Spektrum Podcast. Euch sage ich vielen, vielen Dank fürs Zuhören. Gerne auch kommende Woche wieder dabei sein. Dann gibt es, wie immer freitags eine neue Folge von uns. Und bis dahin würde ich mich freuen, wenn ihr den Podcast abonniert, wenn ihr kommentiert, bewertet und teilt. Das hilft uns sehr. Auch dafür vielen Dank. Mein Name ist Max Zimmer und ich sage Tschüss und macht’s gut. Spektrum der Wissenschaft, der Podcast von detektor.fm.