Fünf Jahre Arabischer Frühling

Ägypten zwischen Furcht und Hoffnung

25.01.2016

Vor fünf Jahren haben die Proteste und Unruhen auf dem Tahrir-Platz in Kairo ihren Anfang genommen. Freiheit, Demokratie, Wohlstand waren die hochgesteckten Ziele der Demonstranten. Was ist daraus geworden?

„Platz der Befreiung“, so heißt der Tahrir-Platz in der ägyptischen Hauptstadt auf deutsch. Seit dem Januar 2011 ist der Platz ein Sinnbild für den Arabischen Frühling. Die Serie von Aufständen und Revolutionen hat sich von Kairo aus über zahlreiche Länder in Nordafrika und den Nahen Osten erstreckt, darunter Libyen und Jemen.

Arabischer Frühling, das ist die Hoffnung auf ein besseres Leben und auf Demokratie gewesen. Fünf Jahre später haben sich in vielen Ländern die Wünsche und Erwartungen der Proteste nicht erfüllt. Auch im Ursprungsland Ägypten scheint die anfängliche Euphorie vollständig verflogen zu sein.

Arabischer Frühling: Tausende auf den Straßen

Die Proteste im bevölkerungsreichsten arabischen Land kamen für viele ausländische Beobachter überraschend. Bereits seit der Jahrtausendwende hatte es immer wieder Streiks und Unruhen wegen der Korruption und der schlechten wirtschaftlichen Lage gegeben. Diese konnten aber vom Staatsapparat des damaligen Präsidenten Mubarak immer wieder unterdrückt werden.

In Ägypten praktiziert man derzeit die Schnellkochtopf-Methode. Man schraubt den Deckel zu und denkt, damit sei das Problem von selbst aus der Welt. – Daniel Gerlach, Chefredakteur und Mitherausgeber des Orient-Magazins „Zenith“

Demokratie ohne Plan

Auf den Sturz Mubaraks im Jahr 2011 folgte aber zunächst kein radikaler Umbruch im Land. Der einflussreiche Militärrat war nicht bereit, die Macht direkt an ein ziviles Führungsgremium zu übertragen. Stattdessen setzten die Generäle einen langwierigen Transformationsprozess in Gang, der auch fünf Jahre später nicht abgeschlossen ist.

Ende 2012 kam es erneut zu Protesten gegen die Staatsführung. Der erste frei gewählte Präsident Ägyptens, Mohammed Mursi, setzte sich offen über die Verfassung hinweg: die Gewalt eskalierte. Das Militär nutzte diese Unruhen zu einem Putsch und ernannte Adli Mansur zum vorläufigen Präsidenten. Bei den anschließenden Neuwahlen im Mai 2014 wurde schließlich Abd al-Fattah al-Sisi zum Präsidenten gewählt.

Wenn dieses Sisi-Regime sein Versprechen einlöst, Ägypten wirtschaftlich voran zu bringen, dann hat es noch eine geringe Chance fortzubestehen und den Machtapparat zu transformieren. – Daniel Gerlach

Was in Ägypten fünf Jahre nach dem Arabischen Frühling von den Idealen der Demonstranten übrig geblieben ist, darüber hat detektor.fm-Moderator Gösta Neumann mit Daniel Gerlach gesprochen. Er ist Chefredakteur und Mitherausgeber des Orient-Magazins „Zenith“.

ist Chefredakteur von zenith - der Zeitschrift für den Orient. Foto: © Marcel MettelsiefenIch denke, der nächste Aufstand wird kommen und er wird möglicherweise blutiger sein als vorher.Daniel GerlachChefredakteur und Mitherausgeber von «Zenith- Zeitschift für den Orient». | Foto: Marcel Mettelsiefen 

Redaktion: Matthias Stiebing