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Regenwald-Abholzung: Klimafolgen sind größer als gedacht

23.10.2014

Für bisherige Klimabilanzen ist nur die Größe der abgeholzten Waldflächen berücksichtigt worden. Doch die Rodung hat Spätfolgen, die sich bislang nicht berechnen ließen. Leipziger Wissenschaftlern ist das jetzt erstmals gelungen.

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Die Regenwälder spielen für das weltweite Klima eine entscheidende Rolle. Denn sie entziehen der Luft Treibhausgase und dienen als riesige Kohlenstoffspeicher. Werden die Wälder abgeholzt, gelangt der Kohlenstoff auf einen Schlag in die Atmosphäre und beschleunigt in Form des Treibhausgases CO2 den Klimawandel. Nach derzeitigen Schätzungen macht die Rodung des Regenwaldes ungefähr ein Neuntel aller menschlich verursachten Kohlenstoff-Emissionen aus.

Im Regenwald kommt es auf die neuen Ränder an

Doch der Anteil ist offenbar größer als gedacht. Denn manche Spätfolgen der Abholzung im Regenwald sind bislang nicht berücksichtigt worden: Es kommt nämlich nicht nur auf die Größe der gerodeten Flächen an, sondern auch darauf, wie sehr Restwälder zerstückelt werden. Je mehr Schneisen geschlagen werden, desto mehr Bäume sterben nachträglich an den Waldrändern. Wissenschaftler am Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung haben diesen Effekt jetzt erstmals genauer berechnet.

In Green Radio erklären Sandro Pütz, Hauptautor der Studie, und Andreas Huth, Leiter der zuständigen Arbeitsgruppe, wie sie den Spätfolgen der Regenwald-Rodung auf die Spur gekommen sind.

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Der Beitrag zum Nachlesen

Regenwälder sind große Kohlenstoff-Speicher. Werden sie abgeholzt, dann gelangt der Kohlenstoff in die Atmosphäre, in Form des Treibhausgases CO2. Um die Menge dieser Emissionen zu bestimmen, haben Forscher bislang nur auf die Größe der gerodeten Flächen geschaut. Nicht berücksichtigt haben sie die Folgen neu entstehender Waldränder. Denn an denen ändert sich das Mikro-Klima, und dadurch sterben nach der Rodung weitere Bäume, sagt der Biologe Sandro Pütz vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung:

Hier ändert sich die Luftfeuchte, es wird wärmer, bestimmte Waldarten – und gerade diejenigen, die eben viel Kohlenstoff speichern, und die eben ein gleichmäßiges Klima brauchen – die leiden dann darunter und sterben eben mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ab. – Sandro Pütz

Dazu kommt, dass an Waldrändern mehr Sturmschäden auftreten. Auch davon sind besonders die großen Bäume betroffen, die viel Kohlenstoff gespeichert haben. Durch diese Spätfolgen der Rodung geht also weitere Biomasse verloren, und weiterer Kohlenstoff gelangt in die Atmosphäre. Die Leipziger Forscher haben jetzt erstmals berechnet, wie stark dieser Effekt ist. Dazu haben sie ein Computermodell entwickelt, das einen ganzen Wald nachstellt.

Das simuliert einzelne Bäume, das Wachstum, und komplexe Wälder, also Tropenwälder mit verschiedenen Arten, und hat sozusagen die biologischen und ökologischen Prozesse integriert. – Sandro Pütz

Das Computermodell simuliert zum Beispiel, wie viel Licht auf die Blätter fällt, wie schnell die Bäume daraufhin wachsen und wie viel Kohlenstoff sie speichern – je nachdem, ob sie mitten im Wald stehen oder am Waldrand. Besonders schwierig war es, ein solches Modell für die Tropen zu entwickeln, sagt Andreas Huth, Leiter der zuständigen Arbeitsgruppe am Helmholtz-UFZ:

Dieses Modell ist halt entwickelt worden schon über viele viele Jahre in unserer Gruppe und ist praktisch eins der wenigen Waldmodelle, was wirklich in den Tropen angewendet werden kann. Die Herausforderung ist da, dass man sehr viele Arten hat und eben Strategien braucht, um solche Modelle derart zu konstruieren, dass sie mit diesen hohen Artendichten umgehen können. – Andreas Huth

Das Modell sollte zeigen, wie sich ein Wald entwickelt, der durch Rodung in viele kleine Stücke zerteilt wird. Denn je mehr Einzelflächen übrig bleiben, desto mehr Bäume stehen an Rändern und sterben später ab. Wie sehr Regenwälder heute schon von Schneisen zerstückelt sind, haben die Forscher zusätzlich anhand von Satellitenbildern ermittelt, mit Aufnahmen vom Amazonas-Gebiet und vom atlantischen Regenwald. Andreas Huth:

Dass man wirklich jetzt aus Satellitendaten Fragmente analysiert, das ist wirklich neu. Also das haben wir sozusagen entwickelt. Das heißt, wir haben Algorithmen entwickelt, mit denen wir praktisch jedes einzelne Fragment detektieren und in seiner Größe bestimmen und auch bestimmen, wie viel Randfläche es hat und welche Form es hat. – Andreas Huth

Anschließend haben die Wissenschaftler die Satellitendaten in ihr Wald-Simulations-Modell einfließen lassen. So konnten sie ausrechnen, wie viel Kohlenstoff in den beobachteten Regenwäldern zusätzlich freigesetzt wird, allein durch die Baum-Verluste an neu entstandenen Waldrändern. Für den atlantischen Regenwald kommen sie so auf 68 Millionen Tonnen in zehn Jahren.

Und für den Amazonas haben wir eben ermittelt dann für zehn Jahre, das sind dann 600 Millionen Tonnen Kohlenstoff. Und dann haben wir eine einfache Schätzung eben, wie viel global im Jahr an Kohlenstoff zusätzlich durch Landschafts-Zerschneidung freigesetzt wird, und da kommen wir mit bis zu 200 Millionen Tonnen für alle tropischen Wälder. – Sandro Pütz

Und das sind 20 Prozent mehr, als man der Regenwald-Rodung bisher zugerechnet hatte. Wenn die Zahlen stimmen, hätte das enorme Folgen fürs Klima. Um den zusätzlichen Baumverlust durch neu entstehende Waldränder gering zu halten, sollten die Restflächen jeweils mindestens 100 Quadratkilometer groß bleiben, empfehlen die Forscher. Das entspricht einem Drittel der Fläche Leipzigs. Für den atlantischen Regenwald kommt diese Erkenntnis aber zu spät: Seine vielen Einzelstücke kommen größtenteils nur noch auf ein Hundertstel davon.