Green Radio | Der neue Weltrisikobericht

Macht die Urbanisierung den Klimawandel gefährlicher?

18.09.2014

Weltweit ziehen Menschen vom Land in die Städte. Doch 40 Prozent der urbanen Siedlungen liegen direkt am Meer. Von den immer häufigeren Naturkatastrophen werden also immer mehr Menschen betroffen sein, so ein Ergebnis des neuen Weltrisikoberichts.

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Durch den Klimawandel steigt das Risiko von Naturkatastrophen. Darin sind sich die Forscher einig. Bei der Frage, wie die Welt sich am besten auf dieses Risiko vorbereiten sollte, spielt aber noch eine zweite globale Entwicklung eine wichtige Rolle: Nämlich die zunehmende Verstädterung. Im Jahr 1950 lebten zwei Drittel der Menschheit auf dem Land. Hundert Jahre später, im Jahr 2050, werden dagegen zwei Drittel aller Menschen in Städten leben.

Weltrisikobericht: die Verwundbarkeit der Städte

In Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt

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Besonders die urbanen Lebensräume stehen also vor der Herausforderung, mit den Klimafolgen fertig zu werden. Wie groß ist das Katastrophenrisiko speziell in Städten, und wie können Städte sich darauf vorbereiten? Das ist das Schwerpunktthema des neuen Weltrisikoberichtes, den das „Bündnis Entwicklung Hilft“ gerade herausgegeben hat.

Peter Mucke, Geschäftsführer des Bündnisses und Herausgeber des Weltrisikoberichtes, hat uns die wichtigsten Ergebnisse erklärt.

Foto: Saskia Uppenkamp"Wir fordern, auch von der Bundesregierung, dass auf den vier anstehenden Weltkonferenzen 2015 und 2016 der Katastrophenvorsorge und der Bereitstellung finanzieller Mittel für die Katastrophenvorsorge ein höheres Gewicht beigemessen wird."Peter MuckeGeschäftsführer beim "Bündnis Entwicklung Hilft". Foto: Saskia Uppenkamp 

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Der Beitrag zum Nachlesen:

Wirbelstürme, Erdbeben, Überschwemmungen, Dürren und ein Anstieg des Meeresspiegels – diese fünf Arten der Gefährdung untersucht der jährlich erscheinende Weltrisikobericht. Dabei wird ermittelt, wie stark einzelne Staaten von solchen Naturkatastrophen gefährdet sind. Bei der Einschätzung wird auch berücksichtigt, wie gut ein Land auf mögliche Katastrophen vorbereitet ist. Auf diese Weise entsteht der Weltrisiko-Index, eine Art Ranking der Staaten nach Katastrophenrisiko, erklärt Peter Mucke, Geschäftsführer des „Bündnis Entwicklung Hilft“ und einer der Initiatoren des Weltrisikoberichts:

Die Daten, die wir dabei nutzen, sind alles frei zugängliche Daten, so dass der ganze Index auch transparent berechnet wird, und wir nutzen zum Zweiten nur Daten, die weltweit verfügbar sind, denn unser Ziel ist es, wirklich eine weltweite Bewertung zu machen. Und das zeigt sich auch in diesem Jahr, in 2014, wir haben insgesamt 171 Länder analysiert. – Peter Mucke

Dem größten Risiko ausgesetzt sind demnach Vanuatu, die Philippinen, Tonga, Guatemala und Bangladesch. Zu einer der Hauptursachen von Naturkatastrophen wird in Zukunft der Klimawandel. Denn Wirbelstürme, Überschwemmungen und Dürren lassen sich immer öfter auf die globale Erwärmung zurückführen.

Dieses Risiko ist immer dann am größten, wenn wir im küstennahen Bereich sind, und dieses Jahr haben wir eine gesonderte Analyse durchgeführt für den urbanen Raum, und dabei ist wichtig zu wissen, dass 40 Prozent weltweit der städtischen Siedlungen in direkter Küstennähe sind. Und die Küstenbereiche werden besonders getroffen sein. – Peter Mucke

Für Städte in Küstennähe könnte das Risiko also einerseits besonders groß sein, weil hier viele Menschen auf engem Raum leben. Doch urbane Räume haben auch Vorteile gegenüber dünner besiedelten Regionen: Zum Beispiel lassen sich Rettungsdienste in der Stadt besser aufbauen. Auch Maßnahmen wie Deiche könnten dort auf kleiner Fläche mit weniger Aufwand mehr Menschen schützen, sagt Peter Mucke:

Aber auch ein Teil der so genannten grünen Schutzmaßnahmen, also im vorderen Bereich, vor den Städten auch Küsten in ihren Ökosystemen zu schützen, zum Beispiel Mangrovenwälder zu schützen oder Korallenriffe zu schützen, um damit die Wucht dessen, was dann an Welle oder an Wirbelsturm auf die Stadt trifft, zu reduzieren – das können Sie in dem kleinflächigeren effektiver umsetzen im städtischen Bereich. – Peter Mucke

Insofern sind Städte also nicht zwangsläufig stärker gefährdet als ländliche Bereiche. Vor allem in besonders schnell wachsenden Städten fordert der Weltrisikobericht aber eine bessere Katastrophenvorsorge. Denn wo wenig Raum ist, müssen Menschen oft auf Flächen siedeln, die dafür eigentlich nicht geeignet sind – etwa an Flussufern oder Hanglagen. Hier kommt es auf eine gute Stadtplanung an, die die Interessen der Bewohner einbezieht.

Es gibt dann Situationen in Städten, dass die Stadtverwaltung sagt, also Moment, dieses Gebiet gehört euch nicht, ihr siedelt da an einem Flussufer, und dann wird allein mit dem Argument, dass ja hier das Flussufer als Schutzraum benötigt wird, werden die Menschen vertrieben. Es wird ihnen aber keine Alternative gegeben, also sie haben nicht ein anderes Gelände, wo sie dann hingehen können. – Peter Mucke

Diese Art der Vertreibung kritisiert das Bündnis Entwicklung Hilft. Denn dabei haben vorsorgende Maßnahmen ähnliche Folgen wie die Katastrophen, vor denen sie eigentlich schützen sollen. Manchmal wird der Katastrophenschutz sogar als Vorwand für wirtschaftliche Interessen missbraucht.

Wir kennen das aus dem Küstenbereich, dass Menschen gesagt wird, ihr müsst hier weggehen, das ist zu gefährlich, und anschließend werden dann die Planungen vorgelegt, einige Monate später, für große Hotelkomplexe oder Erholungsanlagen, die eben für den Tourismus genutzt werden sollen. – Peter Mucke

Konkrete Vorschläge oder Forderungen für einen effektiveren Katastrophenschutz enthält der Weltrisikobericht nicht. Für ein besseres Risiko-Management fehle in den betroffenen Regionen oftmals das Geld, sagt Peter Mucke. Deshalb geht es ihm eher darum, international auf bestehende Probleme aufmerksam zu machen.

Das, was wir fordern, ist, auch von der Bundesregierung, dass auf den vier anstehenden Weltkonferenzen 2015 und 2016* dem Themenfeld der Katastrophenvorsorge und daraus resultierend eben auch der Bereitstellung von finanziellen Mitteln für die Katastrophenvorsorge ein höheres Gewicht beigemessen wird. – Peter Mucke

* Anmerkung – gemeint sind: Weltkonferenz zur Katastrophenvorsorge 2015 in Sendai, Weltgipfel der Vereinten Nationen zur Post-2015-Agenda 2015 in New York, Weltklimakonferenz 2015 in Paris und Weltgipfel Habitat III 2016 (Ort noch offen).