Digitale Debattenkultur

Web 2.0 - Ein Ort für Wohlfühlaktivisten?

01.02.2016

Arabischer Frühling, Gezi und Occupy haben gezeigt: Proteste und globaler Aktivismus werden vermehrt über das Netz organisiert. Doch viele soziale Netzwerke sind laut einer Studie eigentlich kein Ort für breite politische Debatten. Denn immer öfter heißt es: "Like" und "Retweet" statt Diskussion.

Debattenkultur: national statt global

Aktivisten der Occupy-Bewegung haben sich 2011 vorwiegend über das Internet organisiert. Die Proteste gingen über Ländergrenzen hinweg und es ist der Eindruck entstanden, dass soziale Medien als Katalysator für transnationale politische Bewegungen dienen können – doch der Schein trügt.

Forscher der Universität Hildesheim haben Protestbewegungen in Deutschland, Spanien, Portugal, USA und Großbritannien untersucht und festgestellt, dass die Occupy-Bewegungen in den einzelnen Ländern eher auf nationale Belange hin ausgerichtet waren. Geteilte Inhalte bezogen sich also eher auf das eigene Land. Einzig die Proteste in London solidarisierten sich über Landesgrenzen hinweg.

„Gutes Gefühl per Like-Button“

Die Leiterin der Studie Marianne Kneuer und ihre Kollegen haben drei wesentliche Typen von Aktivisten feststellen können: Menschen, die sich sowohl online als auch offline engagieren, Menschen, die primär im Netz politisch aktiv sind, und sogenannte „Wohlfühlaktivisten“. Diese beschäftigen sich nur oberflächlich mit politischen Themen. Sie teilen Inhalte, aber führen keinen Diskurs.

Marianne Kneuer betont, es sei wichtig, sich inhaltlich mit Themen auseinanderzusetzen, um emotionale Debatten – wie jene im Zuge der Asylpolitik – zu vermeiden.

Das Problem, das ich bei allen sozialen Netzwerken sehe, in der Hauptsache aber bei Facebook, ist, das Nutzer leicht in eine Gefühls- und Informationsblase geraten. – Marianne Kneuer, Politikwissenschaftlerin

Eine Studie der Universität Hildesheim hat gezeigt, dass sich Menschen eher weniger über soziale Medien an inhaltlichen Diskussionen beteiligen. Über die Debattenkultur in sozialen Medien bei Protestbewegungen hat detektor.fm-Moderatorin Constanze Müller mit Marianne Kneuer gesprochen. Sie ist Autorin der Studie und lehrt Politikwissenschaften.

DSC07858-1_Marianne Kneuer_Politikwissenschaften Uni Hildesheim_Foto Isa LangTatsächlich gibt es wenig inhaltliche Auseinandersetzung mit politischen Programmen oder Themen. Es gibt auch wenig Austausch zwischen den einzelnen Aktivisten innerhalb einer Protestbewegung.Marianne Kneuerist Dozentin für Politikwissenschaft und hat die Studie zur politischen Debattenkultur im Netz betreut. 

Redaktion: Zülal Yildirim