Digitalisierung im Bildungssystem

Digital lernen: Deutschland muss Nachsitzen

02.06.2016

Tafel und Stift statt Smartphone und Tablet. Bei der Digitialisierung kommen deutsche Schulen nicht hinterher. Was hindert uns daran, neue Medien sinnvoll beim Lernen einzusetzen?

Digitales Entwicklungsland

Wenn es um die Digitalisierung geht, ist Deutschland nicht gerade die Speerspitze der Innovation. Die Nutzung neuer Technologien ist nicht nur für unsere Bundeskanzlerin „#Neuland“, sondern auch für mittelständische Unternehmen, die öffentliche Verwaltung und Schulen.

Es gibt wenige Leuchtturmprojekte, mit denen versucht wird, digitale Bildung voranzubringen. Von einer einheitlichen Strategie, wie man die digitale Bildung sinnvoll in Schulen und Hochschulen nutzen sollte, kann aber nicht die Rede sein. Entsprechend schlecht schneiden deutsche Schüler bei Vergleichsstudien  wie zum Beispiel der Internationalen Computer and Information Literacy Study ab.

Kein Innovationsdruck

„Selbst in Chile und Tschechien wird mehr für die digitale Bildung getan“, beschwerte sich der ehemalige VW-Chef Martin Winterkorn im letzten Jahr. Tatsächlich überrascht das ein wenig: Gerade in Ländern mit großen Problemen im Bildungssystem geht die Digitalisierung schneller voran.

Wenn Sie sich anschauen, wo Digitalisierung besonders schnell losging, dann ist das in den USA […] oder eben in Entwicklungs- und Schwellenländern, Indien oder Südamerika, wo es an Infrastruktur im Sinne von Schulen und Lehrern gefehlt hat. – Ralph Müller-Eiselt, Bertelsmann Stiftung

Begründet wird dies damit, dass Digitalisierung neuartige Lösungen anbieten kann für Probleme wie zum Beispiel: zu teure universitäre Bildung in den USA oder für den Lehrermangel in Schwellenländern. MOOCs – online Kurse, die in der Regel kostenlos sind – bieten sowohl Amerikanern als auch Indern eine Möglichkeit, den Schwächen ihres Bildungssystems zu entgehen.

Das deutsche System sei nicht so schlecht, sagt Ralph Müller-Eiselt im detektor.fm-Interview. Aber deswegen fehle es auch am nötigen Druck zur Innovation.

Digitale Bildung Was wird aus dem Datenschutz?

Individuelleres, kreativeres und effizienteres Lernen versprechen sich Optimisten von der digitalen Bildung. Doch für maßgeschneiderte Lehrpläne oder kostenlose Kurse im Internet zahlen wir auch einen Preis unsere Daten.

Die größte Herausforderung für Deutschland wird es nicht sein, Lehrer entsprechend auszubilden oder jede Schule mit WLAN oder Computern auszustatten. Die Aufgabe wird darin bestehen, dem gläsernen Konsumenten nicht den gläsernen Schüler folgen zu lassen. Dazu werden neue Regelungen im Datenschutz genauso nötig sein wie eine Medienkompetenzausbildung für Schüler.

Wie weit ist Deutschland bei der Digitalisierung in Schulen? Über die Chancen und Risiken der digitalen Bildung hat detektor.fm-Moderatorin Anna Corves mit Ralph Müller-Eiselt gesprochen. Er leitet für die Bertelsmann Stiftung das Projekt „Teilhabe in einer digitalisierten Welt“ und ist Co-Autor des Buches „Die Digitale Bildungsrevolution„.

Ralph Müller-Eiselt, Zuständig für digitale Bildung bei der Bertelsmann StiftungIm internationalen Vergleich hängen wir deutlich zurück. Nirgends werden digitale Medien seltener genutzt, die Lehrer sind vergleichsweise skeptisch und schlechter ausgebildet. Ralph Müller-Eiseltsieht die Digitalisierung des Bildungssystems als Chance. Er leitet das Projekt "Teilhabe in einer digitalisierten Welt" bei der Bertelsmann Stiftung.