Fortschritt | Bewegungsspiele für Konsolen – Sport oder nur Spiel?

16.07.2013

Die XBox, die Wii, die PlayStation: Konsolen gelten nicht gerade als förderlich für die Fitness. Bewegungsspiele sollen das ändern - sie werden statt mit Controller mit dem ganzen Körper gespielt. Bringt das mehr als nur Spaß?

Sie stehen seit in immer mehr Wohn-, Kinder- und Jugendzimmern. Sie versprechen Spiel, Spannung, Abwechslung, Zeitvertreib. Sie werden immer raffinierter, die Grafik immer besser, die Spiele immer ausgefeilter: die Rede ist von Spielekonsolen.

Doch weil man die in der Regel im Sitzen spielt, ist eine Warnung mindestens genau so alt, wie die Konsolen selbst: dass die Konsolen faul, träge und dick machen sollen. Wer auf dem Sofa spielt, spielt nicht draußen – und bewegt sich nicht. Soweit der Vorwurf.

Die Hersteller der Konsolen haben reagiert: mit Bewegungsspielen. Tennis, Surfen, Tanzen, Fitnesskurse – all das gibt es inzwischen zum Spielen an der Konsole. Eine Kamera am Fernseher überwacht dabei, wie gut oder schlecht der Spieler sich anstellt. Es braucht also keinen Controller mehr: die Konsolen setzen Ganzkörper-Bewegungen der Spieler auf dem Bildschirm um.

Doch bringt das mehr Fitness? Macht das sportlich? Fragen, die sich auch Prof. Klaus Voelker vom Institut für Sportmedizin an der Uni Münster gestellt hat.

Das Gespräch zum mitlesen

Einen schönen guten Tag Herr Völker. Sie haben sich diese Bewegungs-Spiele an Konsolen ja angeschaut. Und auch 40 Studenten das alles ausprobieren lassen. Sorgen die für mehr Bewegung und mittelfristig bessere Fitness?

Also das erste kann man sicherlich bejahen. Sie sorgen für mehr Bewegung. Die Frage der Fitness ist dann immer eine zweite Frage, denn da hängt so ein bisschen die Intensität dran, und auch die Dauer und die Wiederholungshäufigkeit. Und das kann man so pauschal nicht bejahen.

Was können diese Konsolenspiele denn überhaupt leisten? Vielleicht einen ersten Zugang zum Bewegen wieder herstellen, oder eine grundsätzliche wieder reaktivieren?

Da ist sich die Literatur und auch wir uns nicht so ganz im Klaren. Ist es eine Alternative zu Bewegung, oder ist es vielleicht sogar die Anbahnung von Bewegung. Letzteres habe ich, wie gesagt, nur in ganz wenigen Fällen mal erfahren. Dass jemand sagt: „Also dieses Golf-Spielen ist ja so lustig, ich probier das mal in Echt“, wie man so schön sagt. In den meisten Fällen habe ich aber solche Äußerungen noch nicht vernommen.

Haben Sie es denn schonmal erlebt, oder gehört, dass es bei einigen wirklich zu einem ernstzunehmenden Kalorien-Verbrauch kam?

Wir haben das gemessen. Sie haben natürlich jetzt schon die neueste Generation dieser Bewegungsspiele genommen, wo quasi die Kamera die eigene Bewegung aufnimmt und dann virtuell überträgt. Da steckt schon wieder ein stärkerer Zwang dahinter als in der anderen Generation, wo man so einen Beschleunigungsaufnehmer in der Hand hatte und quasi dann die Bewegung ausgeführt hat.

Es gibt ein klein wenig mehr Zwang. Dadurch, dass man ja selbst in das Bild hinein projiziert wird, und auch dann die Bewegung in der Quantität und in der Größe nachmachen muss, ist der Kalorienverbrauch ein klein bisschen höher als bei dem anderen, wo ich nur die Hand bewege und damit ein bisschen mehr pfuschen kann.

Jetzt gibt es ja auch Spiele, die wirklich darauf ausgelegt sind, die körperliche Fitness zu verbessern. Können Sie dazu was sagen?

Wir haben solche Programme durchführen lassen. Das heißt also, wir haben sogar den Vergleich gemacht: so ein Fitnessprogramm an der Konsole – also der Spieler und die Konsole alleine – gegen die gleiche Übung mit den gleichen Zeitdauern in einer geführten Gruppe.

Und wir konnten sehen, dass zum Beispiel solche Qualitäten wie Kraftfähigkeit, wie Koordinationsfähigkeit und Beweglichkeit bei beiden in vergleichbarer Weise zugenommen haben. Eins hat allerdings nicht geklappt: und das ist zum Beispiel die Ausdauer. Denn da findet da zum Beispiel dieses Laufen auf der Stelle statt. Und das scheint doch was ganz anderes zu sein, als wenn ich wirklich laufe und Strecke mache.

Nun hat man ja den Eindruck, Konsolen, das sei nur was für junge Menschen. Auf der anderen Seite: wenn ich keinen Controller brauche, und nur durch die Bewegung meines Körpers spiele, ist die technische Hürde ja sehr niedrig. Also: Sind diese Spiele tatsächlich für jüngere Anwender besser geeignet, oder u.U. auch für Nutzer im höheren Alter?

Also, sie sind auch für Nutzer im höheren Alter geeignet. Wir sind sogar schon mit solchen Konsolen ins Altenheim gegangen und haben Gleichgewichtsübungen, was ein großes Thema im Bereich von Altenheimen ist, durchgeführt. Wenn Sie sich mal ins Netz begeben und Bilder anschauen, dann werden Sie ganze Kegel-Clubs finden, die virtuell mit solchen Bewegungen gegeneinander antreten. Auch da gibt es schon Foren, wo virtuell gekegelt wird.

Das heißt: ich sehe durchaus eine sehr große Indikation, gerade zum Beispiel im Bereich der Altenheime, solche Spiele einzusetzen. Es gibt auch Ansätze zum Beispiel im Rahmen der Therapie. Wo man durch so eine Konsole zu Bewegung angeleitet wird, und gleichzeitig aber auch von seiner Übung etwas abgelenkt wird. Solche Elemente zu integrieren: ich sehe da eine große Zukunft, in Anführungsstrichen.

Natürlich ist momentan die Masse orientiert an den Jungen und alles was so verfügbar ist, ist meistens für die Jüngeren oder die Mittelalten konstruiert – kann dann aber auch von Älteren genutzt werden!

Wenn ich mir jetzt vorstelle, ich gehe in einen Kurs. Da hab einen Trainer, der erklärt mir jede einzelne Übung, wie ich mich richtig zu bewegen habe, wie ich Übungen richtig durchführe. Und wenn ich dann alleine mit so einer Konsole zu Hause sitze – da kann ich doch bestimmt auch einiges falsch machen. Gibt es da so häufige Fehlerquellen? Ich denke da z.B. an falsche Haltung…?

Man kann immer was falsch machen, das ist schon richtig. Nur: ich bin immer so ein bisschen vorsichtig gleich mit dem falsch machen zu beginnen. Wir haben eigentlich ein anderes Problem: wir haben eigentlich das Problem, die Leute überhaupt erstmal zur Bewegung zu bekommen. Das ist das viel größere Problem und die diejenigen, die dann hinterher etwas machen und dann falsch machen, das ist ein kleineres Problem – um das quantitativ einzuordnen.

Es ist richtig, aber wenn ich bestimmte Übungen auswähle: es gibt Übungen, die haben einen höheres Risikopotential. Und andere haben weniger Risikopotential. Und wenn ich wirklich selektiere und sage, ich nehme die Übungen, die von den Anforderungen her ein geringes Risikopotential haben, dann ist das Risiko, Fehler zu machen, auch relativ überschaubar.

Nun sind Sie Sportmediziner, haben Studien zu diesen Spielen gemacht. Wie ist denn da der Diskussions- und Forschungsstand in Ihrem Fach so? Wird das Thema diskutiert, erforscht – oder glauben Sie, das ganze ist eher eine Art Hype oder Trend?

Also, es ist sicherlich ein Hype gewesen. Und es gibt eine ganze Reihe anderer Autoren, die das gemacht haben. Aber meiner Beobachtung nach ist jetzt in der letzten Zeit gar nichts mehr in der Richtung publiziert. Ich nehme an, dass das ein Pflänzchen ist, was so auf einer niedrigen Welle bei ein paar Interessieren weiter verfolgt wird. Aber ich glaube nicht, dass das ein neuer Forschungszweig oder eine große neue Welle wird.

Es ist nur auch ein Punkt zu beachten. Es gibt ein paar Erfahrungen, leider auch noch keine Langzeitstudien. Das Problem ist: wie lange ist so etwas interessant? Wenn das neu ist, die Leute für vier bis sechs Wochen in solch einem Kurs dazu anzuleiten, nach so einer Konsole zu trainieren, das ist leistbar. Aber mache ich das denn auch noch nach einem halben Jahr, nach einem dreiviertel Jahr? Es gibt ein paar Beobachtungen, die von der Wissenschaftlichkeit her natürlich ein bisschen in Zweifel zu ziehen, die sagen: nach vier bis sechs Monaten erlahmt das Interesse. Und wenn dann nicht zusätzlich Dinge wie soziale Kontakte oder Interaktion mit anderen hinzukommen, dann ist so eine Kiste hinterher doch relativ langweilig. Sie ist auch überschaubar: es gibt ja auch Dinge, wo dann Korrekturen reingegeben werden, die am Anfang sehr positiv aufgefasst werden. Hinterher nerven die, weil man gemerkt hat: Aha, das ist ein Algorithmus der da abläuft, und passt gar nicht zu dem, was ich mache. Insofern, was noch eine offene Frage ist: ist das etwas, was quasi wie das Fitness-Studio oder irgendetwas anderes eine dauerhafte Möglichkeit ist, sich fit zu halten? Und das möchte ich nach dem momentanen Kenntnisstand zumindest in Frage stellen.

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