Fortschritt | Fußball-Serie: Jogi Löws “Gegner-Scanner”

05.06.2012

Zur EM wollen wir im «Fortschritt» eine kleine Serie starten. Es geht um die Frage: wieviel Technik steckt im "Event Fußball"? Zum Auftakt gehts um die Spieler. Wie gut oder schlecht die sind, messen inzwischen Computersysteme. Aber wie?

Wer sich auf dem Platz durchsetzt? Mit genügend Daten über die beteiligten Spieler kann die Antwort ziemlich klar ausfallen. / © David Hecker (dapd)

„Der is spitze!“„Der kann nix!“ – oder auch: „Immer wenns eng wird, vermasselt der es!“

Demnächst hören wir alle solche Sätze wieder öfter. Wenn nämlich die Jungs der Deutschen Nationalmannschaft auf den Platz laufen. Die EM steht vor der Tür. Und damit die Diskussionen darüber, wen der Bundestrainer da auf den Platz schickt und wen nicht, auch.

{info_1} Die Antwort auf die Frage, wie gut oder schlecht ein Spieler ist, ist in dieser absoluten Profiliga aber längst kein Zufall mehr. Dahinter steckt ziemlich viel Wissenschaft, und: die Arbeit mit statistischen Daten. Mehr noch: die dort gewonnenen Informationen und Erfahrungen können richtig viel Geld wert sein.

An der Deutschen Sporthochschule arbeitet man daran, die Leistung von Spielern zu messen – und aus den Daten die relevanten Infos für den Nationaltrainer und seinen Stab zu gewinnen. Wie man das macht, darüber sprechen wir mit Professor Jürgen Buschmann. Er leitet die Scouting-Abteilung an der Deutschen Sporthochschule und arbeitet dort auch eng mit dem DFB und der Nationalelf zusammen.

Das Interview zum mitlesen: Jürgen Buschmann scannt die Gegner der DFB-Elf

Herr Professor Buschmann, in Ihrer Abteilung geht es um das Scouting, also das Beobachten neuer junger Spieler. Wie muss man sich das denn genau vorstellen? Was machen Sie da?

JB: Wir sind hauptsächlich dafür da, die Gegner zu beobachten, also für die Gegnervorbereitung. Wir entscheiden also nicht darüber, welcher Spieler zum Beispiel in die Nationalmannschaft kommt. Sondern uns Hauptaugenmerk liegt immer auf dem Gegner. Und dort werden technisch-taktische Elemente, sowohl quantitativ als auch qualitativ, von uns ausgewertet und dem Trainerstab zur Verfügung gestellt.

Kann man denn tatsächlich die Leistung eines Spielers messen durch solche Beobachtung?

JB: Die kann man sicherlich messen. Allerdings nur quantitativ. Das heißt: wir können feststellen, wie viele Meter jemand gelaufen ist, wie schnell er gelaufen ist, wie oft er gesprintet ist, wie viele Pässe er geschlagen hat, wie viele davon positiv waren, welche Folgen die Pässe hatten – also all diese ganzen Sachen sind sicherlich messbar und statistisch auswertbar. Und sind von daher eben auch eine Hilfe für den Trainerstab der Fußball-Nationalmannschaft, um auf der einen Seite die richtigen Spieler zu finden gegen die entsprechenden Gegenspieler. Wo sind Stärken, wo sind Schwächen beim Gegner. Und das ist unsere Aufgabe.

Das heißt, wenn Sie so eine statistische Auswertung machen, gehts ja um die Datenerhebung. Woher kriegen Sie denn diese Informationen, die Sie gerader aufgezählt haben?

JB: Die stellen wir zum größten Teil selbst zusammen. Das heißt, wir haben Video-Material zur Verfügung. Wir werten pro Mannschaft ungefährt 10 bis 15 Spiele aus. Und das bedeutet, diese Auswertung erfolgt auf der einen Seite quantitativ. Das heißt, jeder Ballkontakt wird von uns aufgezeichnet. Das sind pro Spiel 1.500 bis 2.000 Ballkontakte, die dann entsprechend in eine Datenbank gegeben werden. Aber was für den Trainerstab noch viel wichtiger ist, ist das sogenannte qualitative Scouting. Denn da möchte der Trainerstab gerne wissen: Wie sieht es denn aus, wo sind Stärken, wo sind Schwächen im Abwehrbereich? Wie verhält sich eine Mannschaft nach Rückstand? Wer macht den Spielaufbau? Wo sind gewisse Muster zu erkennen, wie der Spielaufbau erfolgt?

Und das sind viel wichtigere Fragen, als jetzt nur ne reine Statistik „Der spielt 80% aller Pässe erfolgreich“ – denn das nichts darüber aus, wenn die Verteidiger sich den Ball hin und her schieben, und kein Gegner dazwischen ist, und ich habe dann eine 100%ige Passgenauigkeit und Statistik.

Aber was viel viel wichtiger ist: Bewegungsmuster zu erkennen. Wenn zum Beispiel ein Spieler, ein Stürmer, eine ganz bestimmte Finte besonders gut beherrscht, dann gehen wir hin und versuchen, die eigenen Spieler darüber zu informieren. Wenn zum Beispiel ein Ronaldo den Übersteiger beherrscht, dann sollte ein Philipp Lahm im Training auch den Übersteiger üben. Damit er dann vom peripheren Sehen sofort im Ansatz erkennen kann, wenn Ronaldo zum Übersteiger ansetzt, dass er genau weiß „Jetzt kommt das!“ – und das dann entsprechend vermeiden zu können.

Gibts denn da auch Analysen von den eigenen Spielern? Ist es nicht auch hilfreich, wenn man sich selbst anschaut?

JB: Das ist richtig, aber das ist nicht unsere Aufgabe. Das ist dann primäre Aufgabe des Trainerstabes, die sich damit beschäftigen. Natürlich analysieren wir auch die eigene Mannschaft und geben nach den Spielen einige Hinweise. Aber unser Hauptaugenmerk liegt grundsätzlich auf dem Gegner. Allerdings: Basis für die Analyse des Gegners ist immer die eigene Spielphilosophie der Mannschaft.

Bei all den Daten und Statistiken und Video-Auswertung, und was es alles gibt, da kommt ja so ein bisschen das Gefühl vom „Gläsernen Spieler“ auf. Auf der anderen Seite muss es doch auch immer noch so etwas geben wie ein Bauchgefühl oder einen Instinkt, oder Erfahrung eines Trainers. Oder ist das mittlerweile tatsächlich überschätzt und die Technik ist einfach sicherer?

JB: Nein. Das wird immer so bleiben. Mein Lieblingsbeispiel ist gerade die Trainingswissenschaft in der früheren DDR. Ich habe immer gesagt: wenn es das schon gäbe, vom wissenschaftlichen allgemein, den gläsernen Spieler, oder was ich in Individualsportarten im Schwimmen oder in der Leichtathletik machen kann, dann wäre auch früher die DDR schon immer Weltmeister geworden. Aber das ist zum Glück eben nicht der Fall. Wir als Wissenschaft, wir sind hilfreich, und je höher das Niveau ist und je gleicher die Mannschaften sind, umso wichtiger sind wir. Wir sind vielleicht das letzte Prozent nur, aber das ist wichtig. Und dieses Bauchgefühl, das richtige Zusammenstellen der Mannschaft, an die Spieler heranzukommen, sie zu motivieren – das wird immer noch entscheiden. Und im Endeffekt gehört im Fußball natürlich auch, das haben wir gerade im Champions-League-Endspiel gesehen, ein klein bisschen Glück dazu. Und das ist eigentlich das Spannende und das Schöne am Fußball.

Können Sie eigentlich immer noch in Ruhe ein Fußballspiel genießen? Oder gucken Sie mittlerweile nur noch als Wissenschaftler drauf?

JB: Genießen ja – aber so völlig unbedarft am Fernseher oder im Stadion zu sitzen, das geht bei mir nicht mehr. Es laufen immer Analyseprozesse ab, dass ich wieder Fehler erkenne, dass ich Stärken erkenne, all diese ganzen Sachen die kommen bei mir zum Tragen. Genießen kann ich es, aber trotzdem auch mit analytischem Verstand.

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