Fortschritt | Sind Handystrahlen wirklich schädlich?

23.08.2011

Ein Leben ohne Handy: Für viele Menschen kaum vorstellbar. Doch immer wieder wird in den Medien über die Gefahr von Handystrahlungen berichtet. Zurecht? Zwischen Hysterie und sachlicher Vorsicht - einige Ratschläge.

Keiner kann sich ein Leben ohne Handy vorstellen. Doch sind Mobiltelefone schädlich? / Foto: © McMarcLouwes/flickr.com

weiß, ob schnurlose Telefone und Handys dem Menschen schaden können.Anja Schulte-Lutz weiß, ob schnurlose Telefone und Handys dem Menschen schaden können. 

Der moderne Mensch kann sich ein Leben ohne gar nicht mehr vorstellen. Wenn es mal kaputt ist oder verlegt wurde, fühlen wir uns unwohl, hektisch. Und wenn wir etwas vergessen haben oder uns verspäten, ist der Griff dahin schon vollkommen automatisiert. Die Rede ist natürlich vom Handy. Doch immer wieder hört man auch davon, dass die Mobilfunk-Strahlung schädlich sein soll. Da ist von Krebs die Rede, von Menschen die sich in Schutzanzügen begeben oder in Funklöcher ziehen, von Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit.

Eine neue Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation WHO kommt denn auch zu dem Schluss: „Möglicherweise krebserregend“ könnte die Handystrahlung ein.

Wie das einzuordnen ist, und ob an der Gefahr durch Handy-Strahlung etwas dran, weiß man im Bundesamt für Strahlenschutz. Dort wurden nicht nur zahlreiche Einzelstudien durchgeführt, sondern auch warnende Studien auf ihre Grundlage hin überprüft. Das Ergebnis erklärt Anja Schulte-Lutz vom Bundesamt für Strahlenschutz.

Das Interview zum mitlesen

Bevor wir das Rätsel ein wenig lüften, wollen wir einmal kurz nachfragen, wie viel bei Ihnen im Bundesamt zu diesem Sachgebiet bekannt ist. Auf welchen Untersuchungsstand kann Ihr Haus denn da zurückgreifen, bei der Frage, ob Handystrahlung schädlich ist?

Das Bundesamt für Strahlenschutz hat selbst ein großes Forschungsprogramm zu dem Thema durchgeführt: mit 54 Einzelstudien versucht herauszufinden, ob es Gesundheitsgefahren durch Handystrahlung geben könnte. Das Ergebnis: solange die Grenzwerte eingehalten werden, sind nach dem heutigen Stand der Wissenschaft keine gesundheitlichen Schäden zu befürchten. #00:01:34-0#

Nun gibt es ja auch viele andere Untersuchungen, die dann meist auch ziemlich viel Öffentlichkeit bekommen – und die zu anderen Ergebnissen bekommen. Die wollen mal Schlaflosigkeit belegen, Sehstörungen, Schwindel, bis hin zu erhöhtem Krebsrisiko. Diese Studien haben Sie sicherlich auch angeschaut. Wie bewerten Sie die denn?

Natürlich muss man sich so eine Studie immer im Einzelnen angucken, wie dort gearbeitet wurde. Was man generell wissen muss, ist, dass eine Studie alleine noch keinen wissenschaftlichen Beweis ergeben kann. Sondern man muss immer mehrere Puzzleteile zusammenfügen – gerade, was Studien betrifft, die statistische Auswertungen machen. Diese Studien können immer einen statistischen Zusammenhang finden – die können aber keinen wissenschaftlichen Beweis, dass die vermutete Ursache auch diesen Effekt ausgelöst hat, finden.

Das heißt: man muss immer zusätzlich Studien haben, die auch einen biologischen Wirkmechanismus zeigen, der die gefundenen Effekte erklären kann. Das deutsche Mobilfunk-Forschungsprogramm hat versucht, solche Studien zu wiederholen. Das heißt: eine Studie, die als Beweis gelten möchte, muss sich wiederholen lassen – unter Versuchsbedingungen. Und gerade solchen Fragen ist man im Mobilfunkforschungsprogramm nachgegangen. Zum Beispiel um herauszufinden: wie steht es mit Elektro-Sensibilität? Also Menschen, die Beschwerden haben, und diese auf Mobilfunk zurückführen. Hier hat das Programm gezeigt, dass wir keinen ursächlichen Zusammenhang finden können, obwohl die Menschen Beschwerden haben.

Man trifft ja oft auf so Stammtischparolen, die dann sagen: Es wird ja immer mehr, was in den Mobilfunknetzen gesendet wird – das muss ja ungesund sein. Das Netz wurde ja in den vergangenen Jahren in der Tat immer weiter ausgebaut. Das Funkaufkommen steigt auch. Sieht man da tatsächlich einen Zusammenhang?

Also für mich als Einzelperson ist die Strahlung, die von meinem eigenen Telefon ausgeht, wesentlich größer, als das, was von den Mobilfunk-Sendestationen ausgesendet wird.

Das heißt die allergrößte Strahlenbelastung in meinem persönlichen Alltag ist das Handy, wenn ich es ans Ohr halte und damit telefoniere. Und hier hat jeder die Möglichkeit, seine Strahlenbelastung vorsorglich geringer zu halten. Das ist auch der Rat des BfS. Denn die Studien, die wir kennen, haben keine schädlichen Wirkungen nachgewiesen – sie lassen aber noch Fragen offen. Deswegen raten wir zur Vorsorge. Mit dem Handy können Sie das sehr einfach machen. Wenn Sie ein Festnetz-Telefon nutzen können, anstelle des Handys, dann benutzen Sie das Festnetz-Telefon. Wenn Sie mit dem Handy telefonieren müssen, fassen Sie sich kurz – ist auch gut für die Telefonrechnung. Telefonieren Sie nicht bei schlechtem Empfang, also im Auto zum Beispiel. Versuchen Sie, da entweder anzuhalten, sich auf einen Parkplatz zu stellen oder nutzen Sie eine Freisprechanlage mit Außenantenne. Nutzen Sie ein Headset.

Achten Sie beim Handykauf darauf, dass Sie ein Handy mit möglichst niedrigem SAR-Wert kaufen. SAR bedeutet: spezifische Absorptionsrate, und sagt aus, wieviel Energie der Kopf am Ohr aufnehmen kann, wenn das Telefon mit der höchsten Sendeleistung sendet. Zwei Watt pro Kilogramm sind zulässig. Als strahlungsarm gelten Handys, die einen Wert von 0,6 oder niedriger haben. Und noch eine ganz einfache Möglichkeit: einfach eine SMS schreiben, wenn es nur um kurze Nachrichten geht – dann hat man das Handy überhaupt nicht am Kopf.

Macht es eigentlich einen Unterschied, ob ich Handy ausgesetzt bin, einem schnurlosen Telefon oder UMTS?

Das Prinzip, wie es funktioniert, ist das gleiche. Sie haben so im wesentlichen im Alltag das Handy, das schnurlose Telefon und WLan-Anwendungen.

Die höchste Strahlenbelastung haben Sie üblicherweise durch das Handy, weil sie es sehr nah am Ohr haben, das Handy aber eine weite Strecke mit seiner Funkleistung zum nächsten Funkmast überbrücken muss. Bei Ihrem DECT-Telefon, also schnurlosem Telefon zu Hause: das haben Sie auch am Ohr. Aber die Distanz, die überwunden werden muss, ist weit niedriger. Deswegen haben Sie da geringere Strahlenwerte.

Auch bei diesen DECT-Telefonen können Sie darauf achten, Ihre Strahlenbelastung zu reduzieren. Also zum Beispiel die Basisstation in einen Raum zu stellen, in dem Sie sich nicht dauerhaft aufhalten: im Flur, oder auch in der Abstellkammer –  gut, das ist jetzt nicht ganz so praktisch. Wenn Sie das Telefon nicht brauchen, das Telefon wirklich in die Basisstation stellen; also ist der Flur doch der bessere Ort. Oder darauf zu achten, dass, wenn Sie ein neues Telefon kaufen, eins haben, dass die Sendeleistung entfernungsabhängig steuert und wo sich die Basisstation möglichst ganz ausschaltet, wenn das Telefon in der Basisstation steht.

Jetzt haben Sie vorhin gesagt, auch bei Ihren Studien sind noch Fragen offen geblieben. Wie würden Sie denn generell den Forschungs- und Erkenntnisstand auf diesem Gebiet bewerten? Wie viel oder wenig wissen wir denn?

Also aufgrund des deutschen Mobilfunkforschungsprogramms, aber auch anderer großer Forschungsprogramme im Ausland, haben wir da einen sehr guten Erkenntnisstand. Offene Fragen betreffen in allererster Linie mögliche Langzeitwirkungen und Wirkungen auf Kinder. Einerseits ist eben die Mobilfunktechnik noch nicht sehr lange in Gebrauch.

Andererseits: wir sollten immer berücksichtigen, dass Kinder möglicherweise empfindlicher reagieren als Erwachsene. Gerade bei Kindern müssen wir davon ausgehen, dass sie Handys weit länger in ihrem Leben nutzen werden, als Menschen, die heute schon erwachsen sind. Das heißt: das sind Bereiche, in denen weiter geforscht werden muss.

Jetzt haben Sie ja eben schon die Langzeitdaten angesprochen. Was meinen Sie denn? Wann kann man da erste belastbare Daten erwarten?

Erste Langzeitstudien gibt es sogar schon. Das ist die sogenannte Interfon-Studie. Die hat keine schädlichen gesundheitlichen Wirkungen nachweisen können – aber eben auch noch Fragen offen gelassen. Langzeitstudien müssen eben sehr langfristig angelegt werden. Das heißt, da sind keine kurzfristigen Ergebnisse zu erwarten. Gerade wenn man Menschen von anfang an begleiten möchte, das ist ein sogenannter prospektiver Ansatz, dann kann man wirklich lebenslang begleiten.