Fortschritt | Tablets speziell für Kinder: Ist das sinnvoll?

27.11.2012

Tablets sind In. Und so wundert es eigentlich nicht, dass bereits erste Modelle speziell für Kinder auf dem Markt sind. Sie schütteln darüber den Kopf? Ein Kindermedien-Forscher sagt: dann machen Sie es genau falsch.

Eine zentrale Frage der frühen Mediennutzung: Ermutigen oder doch lieber vorenthalten? © Steffi Loos/dapd.

Im Zug, im Café, in Büros – sie sind inzwischen überall: Tablet-PCs und Touch-Computer werden immer beliebter. Erwachsene freut, dass die Maschinen zum Surfen, Mailen, Musik und Videos schauen genau so gut funktionieren wie Laptops – und dabei klein und leicht sind.

Tablets haben aber noch einen anderen Vorteil: sie sind intuitiv zu bedienen. Statt sich umständlich mit einer Maus durch Menüs zu klicken, tippt und schiebt man dort einfach auf dem Bildschirm.

Und weil das oft viel logischer ist, sind Tablets auch für Zielgruppen interessant, für die klassische Computer zu komplex sind. Kinder zum Beispiel. Die ersten Tablet-Modelle speziell für Kinder sind schon auf dem Markt.

Intuitiv ja – aber darum gleich kindgerecht?

Sinnvoll, vor allem zum Lernen, sagen die einen. Überforderung, die Kinder nur abstumpfen lässt, warnen andere.

Was von Tablet-PCs für Kinder zu halten ist, wollten wir deshalb von einen Entwickler wissen: Prof. Klaus Peter Jantke. Er leitet die Abteilung „Kindermedien“ am Fraunhofer Institut für Digitale Medientechnologie.


Das Interview zum Mitlesen

Nun ist ein sehr schlagkräftiges Argument bei PCs für Kinder ja immer das Lernen und Lernprozesse, normalerweise lernen Kinder ja immer noch eher mit statischen Werkzeugen, Büchern, Spielzeuge zum Anfassen, Hefte, Tafeln – was macht ein Tablet denn da attraktiv?

Ich denke, dass die Dinge, die wir bisher hatten, ja nicht verloren gehen. Kinder sollen ja weiterhin Bausteine übereinander stapeln und damit ganz haptische Erfahrungen sammeln, und auch ein bisschen Physik einfach erleben – wenn sie schief stapeln, fällt der Turm irgendwann von selbst um und man hat nicht die Freude, ihn selbst umgeschubst zu haben. Das wollen wir den Kids ja gar nicht wegnehmen.

Aber wenn wir uns mit digitalen Medien beschäftigen, dann bauen die für uns typischerweise immer eine gewisse Hürde auf, nämlich, das System bedienen zu können. Und das ist eben bei diesen Tablets geringer, diese Hürde, das heißt die Kids kommen schneller an den Inhalt ran und an den Inhalt wollen wir Kinder eigentlich immer lassen, ob in der physischen oder in der digitalen Welt. Ich bin ganz sicher, wir müssen das immer von der inhaltlichen Seite sehen: Ist der es wert, dass man sie damit vertraut macht?

Es gibt auch Bücher, auch solche, die in Deutschland Bestseller sind, die sind es nicht inhaltlich wert, dass man sie liest. Und die sollte man seinen Kindern nicht in die Hand geben. Ein Buch ist nicht der Natur nach besser, weil die Bücher, die „guten“ sind.

So einfach oder intuitiv die Bedienung auch ist bei den Tablet-PCs, besteht ja möglicherweise doch die Gefahr, dass man es irgendwann nicht mehr überschaut oder dass es zur Überforderung führt?

Ich weiß gar nicht so genau, ob man Kinder überhaupt überfordern kann. Ist es nicht eher so, dass da zwei Mechanismen wirken – der eine ist wie bei einem Sieb: Wenn irgendwas nicht mehr reinpasst, dann fällt das da einfach durch. Wenn etwas nicht die richtige Form hat, fällt es durch und richtet auch keinen großen Schaden an. Kinder können doch wunderbar ignorieren, ausblenden und weghören. Die drehen sich um und wollen nicht mehr.

Das andere ist, das Kinder ein feines Gefühl dafür haben, wenn ihnen der Druck zu groß wird. Die einen heulen dann und die anderen hören auf und legen es weg. Ich glaube, dass wir unseren Kindern da schon vertrauen können.

Die sind, wenn sie in normalen Verhältnissen aufwachsen, nicht scheu zu artikulieren, dass sie etwas nicht wollen. Die sagen uns ja, wenn sie etwas nicht essen oder nicht trinken wollen oder wenn sie zu einer anderen Beschäftigung keine Lust haben.Und sie sagen uns auch, wenn ihnen Tablets zuviel werden.

Wenn wir mal die Seite des Gehirns dazunehmen – unsere Gehirne kann man doch gar nicht überfordern, die sind doch sehr aufnahmefähig. Solange die Kinder können, verarbeiten sie die Medien. Und wenn nicht, schmeißen sie von selbst das Handtuch.

Das würde auch dagegen sprechen, zu sagen, wir richten die Tablets speziell für Kinder ein – ich kann einem Kind also einfach einen handelsüblichen Tablet geben, mit bestimmten Inhalten, die für das Kind geeignet sind. Es muss kein spezielles Gerät sein?

Da haben Sie im Prinzip Recht. Sie können Ihren teuren, schicken Tablet-PC dem Kind geben und es darauf Sachen hin- und herschieben, aufmachen, antippen oder sonstwas machen lassen. Wenn wir bei unseren Kindern erreichen wollen, dass sie die Dinge beherrschen, dass sie sich im Straßenverkehr auskennen, zu Beispiel, dann nehmen wir sie fest an die Hand, gehen aber doch meistens zur realen Straße und üben das in der realen Welt.

Es spricht alles dafür, die normalen Tablet-PCs, die wir auch benutzen, den Kindern zu geben.Es gibt Gründe, ihnen besondere Geräte zu geben, zum Beispiel, wenn man glaubt, man müsste sie damit eine gewisse Zeit allein lassen. Dann hat man Angst, sie werfen was runter oder sie machen etwas, was sie nicht dürfen – dann gibt man den Kindern immer besondere Geräte, Spielmesser, mit denen man nicht wirklich schneiden kann. Das kann man sicher alles machen, wenn man das Kind damit allein lassen will.

Aber nun kommt der Knackpunkt: Wollen wir unsere Kinder beim Umgang mit den Medien allein lassen? Wenn man sich dabei um seine Kinder kümmern kann und sie nicht mit Medien „ruhigstellt“, dann braucht man für sie auch keine besonderen Zugänge zu den Medien.

Ist es vorstellbar, dass wir in zwei, drei oder fünf Jahren, wenn Kinder in die Schule kommen, eine Klasse da sitzen haben, die nicht mehr das Federmäppchen rausholt, sondern den Tablet-PC?

Das wird garantiert so. Die Welt ändert sich. Wenn immer wir uns ausgemalt haben wie sie wird, sie wurde noch viel wilder und noch ganz anders. Die Technologien und die Geräte werden immer billiger. Wir haben den Preisverfall überall erlebt.

Wir haben den bei Computern erlebt, bei Notebooks. Wir haben ihn bei Smartphones erlebt, wir werden ihn bei den Tablet-Pcs erleben. Irgendwann wird es in den Schulen dieses Motto: „Bring you own device“ gelten. Bring dein eigenes Gerät mit und komm ins Netz der Schule.

Wie siehts denn im Moment aus, mit der Verbreitung multimedialer Lern-Werkzeuge an deutschen Schulen? Können Sie das einschätzen?

Es gibt exzellente Ausnahmen. Schulen, die voll mit interaktiven Whiteboards ausgestattet sind. Es gibt sehr, sehr viele engagierte Lehrer. Aber man muss sagen, es sind die Ausnahmen. Ich denke, dass dieser ganze Medienumbruch natürlich ein Prozess ist, der uns sehr fordert und wir dürfen nicht vergessen, dass die Mehrzahl der Lehrer, die heute in den Schulen tätig sind, das natürlich in ihrer Ausbildung nicht hatten.

Das ist ja kein Vorwurf. Die können ja nichts dafür, dass man ihnen während des Studiums so was nicht gezeigt hat, dass es das noch gar nicht gab. Aber sie werden eben mit immer neuen Dingen konfrontiert und folglich dauert der Prozess sehr, sehr lange. Also ich denke, der Zustand ist eigentlich, von wenigen guten Ausnahmen abgesehen, ziemlich unbefriedigend.

Müsste man den Satz, den man oft hört, wenn man Skeptiker hört, „Für Kinder ist das noch nichts“, wahrscheinlich umformulieren in Richtung „Für manche Erwachsene ist das noch nichts und deswegen haben sie Angst davor, das ihren Kindern zu geben“?

Ja. Sehr viele erwachsene Menschen haben Vorbehalte Dingen gegenüber, die sie nicht beherrschen und die sie nicht verstehen. Und da sie keine Übung haben, können sie sie auch nicht in den Griff bekommen. Nehmen sie doch Computerspiele. Bei vielen Erwachsenen hapert es doch schon an der Steuerung. Es hat keinen Sinn Eltern, Großeltern oder auch Politiker, für zwei Stunden vor den Computern zu setzen und zu sagen: „Jetzt spielt doch mal ein Shooter-Spiel, damit ihr eure Kids versteht.“.

In diesen zwei Stunden kommen die nicht mit der Steuerung zurecht, wissen gar nicht was sie machen sollen und hinterher ist erreicht, dass der Frust noch größer ist. Und alle Vorbehalte, dass das alles ganz blöd ist und überhaupt nicht sinnvoll, sich nur bestätigt haben. Mit Medientechnologien vertraut zu werden und mit Medien umgehen zu können, das verlangt einfach Übung, so wie Fahrradfahren, Schwimmen und noch viele andere schöne Dinge.

Und wenn man etwas nicht macht und nicht den Zugang dazu hatte, dann ist man ungeübt und mag das nicht. Und wer ein bisschen ängstlich ist und gar nicht gut klettern kann, der scheut sich auch ganz doll, wenn er das eigene Kind dann klettern sieht. Und ruft: „Komm da runter, geh da weg“. Und so machen das viele Eltern eben auch der Medienwelt gegenüber. Das ist ein Prozess und wir sollten unsere Eltern befähigen, den Prozess zu begleiten, ohne, dass sie alles selber machen können. Sie sollen doch einfach für die Kinder als Kommunikationspartner und als Reflektionspartner zur Verfügung stehen. Sie nicht allein lassen. Dann können die Kids schon ihren Weg gehen.

Kinder haben vermutlich viel weniger Scheu vor technischen Neuerungen als ihre Eltern. Wir haben gesprochen darüber, ob Tablet-PCs geeignet sind für Kinder und ob man da spezielle Ausführungen für Kids braucht oder doch eher einfach nur das handelsübliche Tablet benutzen kann. Fragen, die wir gestellt haben Professor Klaus Peter Jantke. Er leitet die Abteilung Kindermedien am Frauenhofer-Institut für digitale Medientechnologie. Haben Sie vielen herzlichen Dank für das Gespräch!


{ad_conrad}