Fortschritt | EM-Serie – Was steckt im modernen Fußballschuh?

27.06.2012

»Einfach nur den Fuß hinhalten …« – solche Tipps werden Fußballern auch in Zukunft nicht zum Tor verhelfen. Aber zwischen Stollen und Senkel hat sich in letzter Zeit Einiges getan – ein Sportwissenschaftler zur Technik hinterm Fußballschuh.

Von den Socken: im modernen Sportschuh steckt oft mehr Wissenschaft als vermutet. Foto: © Clemens Bilan/dapd.

spricht in unserer Serie «Technik und Fortschritt im Fußball» über Sportschuhe.Dr. Wolfgang Potthastspricht in unserer Serie «Technik und Fortschritt im Fußball» über Sportschuhe. 

Wenn wir in diesen Tagen die EM schauen, dann sehen wir dort die Krönung des Profi-Fußballs: die am besten analysierten Spieler, den perfekten Rasen und High-Tech-Bälle.

Unsere sportliche Serie im Fortschritt führen wir weiter: diesmal geht es um die Schuhe der Athleten.

Bei Autos heißt es oft: der beste Wagen nützt nichts, wenn der Reifen schlecht ist. Gilt das im Fußball auch? Und wieviel Wissenschaft steckt in so einem Profi-Fußballer-Schuh?

Das wollten wir von Wolfgang Potthast wissen. Er arbeitet am Karlsruher Institut für Sport und Sportwissenschaft sowie an der Deutschen Sporthochschule und erforscht unter anderem, wie Sportschuhe auf Muskeln und Skelett wirken.

Wie viel vom Erfolg oder Misserfolg eines Profispielers hängt denn von seinem Schuhwerk ab?

Das ist natürlich schwer, das in Prozentzahlen auszudrücken. Das geht wahrscheinlich nicht. Aber es gibt natürlich einzelne Situationen, wo gutes oder schlechtes Schuhwerk zu 100 % den Misserfolg bedingt. Denken Sie an Situationen, wo ein Spieler wegrutscht, wo er ausrutscht, oder im Rasen hängen bleibt.

Was ist denn da in den letzten Jahren so passiert an Entwicklungsarbeit? Ich hab mal gehört, die Stollen sehen jetzt zum Beispiel ganz anders aus als früher?

Ja, die Stollen sind ein Thema. Es gibt eine ganze Reihe von anderen. Die Stollen sahen früher eher so zylinderförmig aus, vielleicht ein wenig konisch. Wie so kleine Fässchen, die man entweder unter den Schuh geschraubt hat oder die mit der Sohle direkt verbunden waren. Heute sieht man häufig, nicht nur aber häufig, mehr so Blades, so nennen die Hersteller das – so klingenartige Stollen unter der Sohle. Das ist eines, das die Stollenform sich ganz massiv verändert hat. Das soll, und das tut es auch, den Halt des Schuhs auf dem Rasen verändern.

Dazu kommt sicherlich, als ganz wesentlicher Aspekt, das deutlich reduzierte Gewicht der Schuhe. Schuhe hatten früher vielleicht 400, 500 Gramm Masse. Und heute, die leichten, wiegen irgendwie so zwischen 200 und 300 Gramm. Also das ist schon ganz massiv. Die Materalien haben sich ganz stark verändert. Wir hatten früher Schuhe, deren Obermaterial – im wesentlichen Leder – ganz einfach die Sohle genäht wurde oder damit verschweißt wurde. Heute sind bei den hochwertigen Schuhen Obermaterial und Sohle ineinander intergriert, so dass die Fußform besser abgebildet wird. Und das spiegelt sich dann auch in der Passform wider und letztlich dann auch in der sportlichen Leistung.

Da steckt ja wahrscheinlich ganz schön in viel Arbeit in der Entwicklung von so einem Schuh?

Ja, also die Entwicklung müssen wir auf zwei Seiten betrachten. Auf der einen Seite, auf der ingeniuertechnischen, insbesondere bei der Entwicklung von Materialien. Wir wollen auf der einen Seite natürlich einen Fußballschuh der eine Sohle hat, die relativ steif ist – oder nur an den richtigen Stellen biegsam. Nämlich dort, wo auch der Fuß biegsam ist: kurz hinter den Zehen, da wo wir Gelenke haben. Und an den anderen Teilen sollte die Sohle relativ steif, relativ stabil sein. Nur das gelingt jetzt nicht dadurch, dass man ein Gelenk in die Sohle einbaut, sondern die Sohle unterschiedlich dick macht. Also wir wollen an manchen Stellen Steifheit haben, aber trotzdem geringes Gewicht. Und da hat sich in den letzten Jahren ganz erheblich etwas getan.

Jetzt hat ja jeder Spieler nen anderen Fuß. Heißt das dann, das bei den Profis jeder für sich angefertigte Schuhe besitzt?

Viele der Profis – ich kann Ihnen jetzt nicht genau sagen, ob das für jeden einzelnen so ist – viele der Profis haben eigene Leisten. Der Leisten ist sozusagen der künstliche Fuß, um den der Schuh dann angeformt wird. So dass man sagen kann, dass die sehr sehr guten Spieler maßgeschneiderte Schuhe haben.

Und wie funktioniert dann so eine Vermessung der einzelnen Schuhe, dass ich den perfekten Fußballschuh bekomme?

Klassisch geschieht das so, dass man gewissermaßen einen Abdruck des Fußes macht, und diesen Abdruck dann mit Gips oder ähnlichem Material ausgießt. Heute haben wir andere Möglichkeiten. Wir haben solche Laser-Scanner: wir können den Fuß gewissermaßen in eine kleine Kammer stecken und Laserstrahlen und Kameras nehmen dann die Umrisse des Fußes mit einer sehr sehr hohen Genauigkeit auf. Und das kann dann helfen, Leisten, das heißt den künstlichen Fuß, entsprechend zu formen.

Die Fußballschuhe werden ja in Forschungslaboren untersucht und entwickelt. Was passiert denn genau in so einem Forschungslabor?

Also, die Materialeigenschaften bestimmter Materialien, die dann für die Herstellung des Schuhs genutzt werden, werden in ingenieurtechnischen Materiallabors getestet. Das ist das eine, das man versucht, möglichst leichte Materialien, möglichst haltbare Materialien herzustellen. Die müssen natürlich auch getestet werden. Und das andere, und da glaube ich besteht noch einiges Verbesserungs- und Entwicklungspotential bei den Herstellern. Das andere ist dann, wie letztlich der Spieler mit dem Schuh interagiert.

Es geht dabei nicht ausschließlich um die Passform. Das ist ja relativ einfach herauszubekommen: passt der Schuh oder nicht? Sondern: was passiert denn, wenn ich einzelne Materialeigenschaften verändere? Wenn ich einzelne Bestandteile des Schuhs verändere? Den Stollen oder so. Dann ist das eine, einen mechanischen Test zu machen. Aber wir wissen gar nicht zwangsläufig, wie dann der Spieler mit diesem Schuh interagiert.

Heißt das dann, die Tests werden direkt am Spieler gemacht? Da steht dann ein Spieler auf dem Laufband? Oder gibts eine Video-Auswertung? Wie sieht denn so ein Test eines neuen Schuhs aus?

Für mein Gefühl ist das unterrepräsentiert, geschieht das viel zu wenig. Durchaus gibt es Tests, das wird dann auch zum Teil von den Herstellern in Auftrag gegeben, an Universitäten und andere Labors. Und man schaut, macht der Schuh das denn, was er soll? Schieß ich damit härter? Lauf ich damit schneller? Allerdings ist sicherlich noch großer Entwicklungsbedarf aus meiner Sicht und es ist nicht wirklich verstanden, was wirklich am Menschen passiert.

Wir sehen dann häufig das Resultat – der schießt härter, der schießt nicht härter, oder der läuft schneller, der läuft nicht schneller – wir verstehen aber nicht zwangsläufig, warum. Und das bremst natürlich dann die Weiterentwicklung von allen Sportgeräten. Wenn ich nicht wirklich weiß, warum geschieht etwas, dann kann ich an der richtigen Stellschraube nicht drehen. Also, solche biomechanischen Untersuchungen, wie Sie sie eben angedeutet haben, geschehen, aber geschehen aus meiner Sicht sicherlich nicht hinreichen.

Sie hatten grad gesagt, dass dieser aufwendige Schuh entwickelt wird, damit der Spieler schnellerläuft, damit er besser bremsen kann. Aber macht man diese ganze Entwicklung denn nur deswegen? Oder gibts da auch Faktoren, wie: Man versucht, Verletzungen zu vermeiden oder natürlich auch die Anzahl der Tore zu erhöhen?

Das ist natürlich ein ganz wesentlicher Punkt, den Sie ansprechen. Wir versuchen, wenn wir Sportgeräte verändern, entweder Verletzungen zu minimieren, oder auf der anderen Seite die sportliche Leistung zu maximieren. Manchmal, nicht zwangsläufig aber manchmal, stehen sich diese beiden Ziele widersprüchlich entgegen. Der Fußballer wird nicht begeistert sein, wenn ich ihm einen Schuh gebe, mit dem ich ihm sage: Du kannst damit deine Verletzungswahrscheinlichkeit um 10% reduzieren, allerdings kann man damit nicht mehr so gut spielen. Grad beim Fußballschuh ist das natürlich ausgesprochen schwierig. Auf der einen Seite müssen wir versuchen, dem Spieler den nötigen Halt zu geben. Damit meine ich: bei den Richtungswechselbewegungen, die ja beim Fußball ganz wesentlich sind, zunächst einmal den Fuß auf dem Boden verankern – in der richtigen Weise, ich übertreibe etwas, wenn ich verankern sage.

Wenn wir barfuß laufen würden, würden wir sicherlich über den Rasen rutschen. Dafür haben wir die Stollen. Nur muss ich die Stollen so anordnen und so designen, dass alle Bewegungen – das sind Abstoppbewegungen, das sind Drehbewegungen, das sind Sprungbewegungen, Landungen – in optimaler Weise ausgeführt werden können. Und das beinhaltet zunächst einmal einen Trend dahin, dass ich ich den Fuß relativ stabil im Schuh verankere. In einem Ski-Schuh wär das Fuß vielleicht hundertprozentig fest verankert. Auf der anderen Seite will der Spieler, und muss der Spieler natürlich auch, ein gutes Ballgefühl haben. Das heißt, er muss einen möglichst direkten Kontakt zum Ball haben – und das ist ein dem Anspruch der hohen Stabilität fast diametral entgegenstehendes Ziel.

Dann lassen Sie uns noch eine Sache klären: Warum spielen denn die Spieler dieser EM in grellbunten Neon-Schuhen?

Och, das glaube ich ist eher eine Marketing-Sache. Das hat eher nichts mit der Funktion des Schuhs zu tun. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, welcher Hersteller. Das hat natürlich so einen hohen Wiedererkennungswert.

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