Fortschritt | Was kann Windows 8 ?

23.10.2012

Für Microsoft wird's eng: Windows 8 muss ein Erfolg werden. Das neue Betriebssystem erntete vorab viel Lob - zurecht? Was Win8 kann, wie gut es mit Produkten von Apple und Google zusammenarbeitet und ob sich ein Umstieg lohnt - ein Überblick.

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Start > Programme > und so weiter - das war einmal. Die neue Windows-Oberfläche funktioniert mit Kacheln. / © Microsoft

im heise-Verlag der stellv. Chefredakteur von c't.Jürgen Kuriim heise-Verlag der stellv. Chefredakteur von c't. 

Es ist für Windows vielleicht die letzte Chance, sich im Hauen und Stechen zwischen Google und Apple ein ausreichend großes Stück vom Kuchen zu sichern.

Windows 8 kommt am Freitag raus. Und wenngleich sich Windows in den letzten Jahren eher wenige, richtig echte „Fans“ gemacht hat: die Vorberichterstattung für Windows 8 ist hier auffällig begeistert. Jürgen Kuri kennt das neue System – und sieht Microsoft mit dem Rücken an der Wand.

Das kann auch völlig in die Hose gehen. (…) Sie sind dazu verdammt, dass es der große Wurf wird. (Jürgen Kuri)

Wie gut sich Windows 8 also anfühlt, wer mit einem Umstieg besser noch warten sollte und warum für Microsoft ein Erfolg mehr als dringend nötig ist, das besprechen wir Jürgen Kuri, stellvertretender Chefredakteur von c´t.

Wer über Windows 8 nachdenken sollte – Das Interview zum mitlesen

Die FTD schreibt, mit Windows 8 sei Microsoft „zurück im Spiel“. Teilen Sie denn die Euphorie dieser und anderer Berichterstatter?

Na, so richtig kann ich die noch nicht ganz teilen. Das muss sich nämlich erst noch beweisen, ob Microsoft da zurück im Spiel ist, wie das so schön formuliert wird. Es ist zumindest die letzte Chance von Microsoft, tatsächlich in diesen Bereich zurückzukehren – oder da zum ersten Mal richtig auftrumpfen zu können.

Das heißt, was die ganzen Mobilgeräte angeht, Tablet-Geräte, Mobiltelefone, Smartphones. Da war Microsoft bisher nicht sehr glücklich mit dem, was sie bislang gemacht haben. Und versuchen sie eben, mit Windows 8, mit einem einheitlichen System für alle Plattformen das zu reißen und gegen die Konkurrenz endlich reüssieren zu können.

Dann schauen wir uns mal an, wass Microsoft neu und anders machen will. Da geht man hin zu großen Kacheln. Können Sie mal beschreiben, wie das neue Windows aussieht und wie flüssig, wie stimmig es arbeitet?

Ja, das ist das, was natürlich dem Anwender als allererstes auffällt, wenn er ein Windows 8 sieht: das sieht komplett anders aus, als ein bisheriges Windows.

Das Startmenü ist verschwunden. Stattdessen hat man eine Oberfläche, auf der tatsächlich Kacheln zu sehen sind, die einzelne Anwendungen repräsentieren – die gleichzeitig aber auch Informationen über den Status einer Anwendung geben können. Das heißt, die Kachel für die Mail kann anzeigen, wie viel neue Mails eingegangen sind. Die Wetter-Kachel zeigt eben das Wetter auch an, ohne dass man die Anwendung direkt öffnet.

Wer ein Windows-Telefon von Nokia zum Beispiel schonmal in Händen gehabt hat, der wird diese Oberfläche kennen. Die ist nämlich im Prinzip das, was Microsoft mit „Windows Phone 7“ eingeführt hat, und jetzt eben mit „Windows 8“ und „Windows Phone 8“ weiterführt – eben auch auf dem Desktop-PC.

Die Einführung wird ja flankiert von einer Armada neuer Geräte, die extra für Windows 8 auf den Markt kommen. Notebooks mit Touch-Display, Hybride aus Tablet und Notebook, All-in-One-PCs mit riesigem Multitouch-Schirm, eigene sehr flache Tablets. Wieso macht man das so? Was ist die Strategie?

Microsoft möchte im Prinzip mit Windows 8 sofort ein komplettes Portfolio an Soft- und Hardware präsentieren können, die sämtliche Bedürfnisse der Anwender abdeckt. Das heißt: nicht erstmal Windows 8 für den PC einführen, und dann irgendwann mit einem Tablet nachtrotteln. Sondern eben alles gleich haben, um zu demonstrieren, dass Windows 8 eben eine einheitliche Plattform über alle Geräte bietet. Zumindest ist das die Behauptung von Microsoft.

Und damit dem Anwender es möglich einfach machen: der muss sich nicht mehr umstellen, wenn er von Desktop-PC aus aufs Handy wechselt, oder vom Handy aufs Tablet. Das sieht alles gleich aus, es ist alles gleich bedienbar und es bietet überall die selben Anwendungen. Und dafür hat Microsoft dann eben sowohl die Hardware-Partner angeheuert, dass die gleich mit Geräten rauskommen, und auch entsprechende Tablets selbst gebaut.

Dafür sind sie sogar so weit gegangen, dass sie inzwischen bei den Tablets nicht nur Intel-Prozessoren unterstützen, die die Tablets antreiben sollen, sondern eben auch Prozessoren nach dem sogenannten ARM-Design – ein Chipentwickler aus England, der in den meisten anderen Tablets und Smartphones zugange ist und bisland nicht auf Desktop-PCs zu finden war.

Mit den Geräten und mit den Kacheln konzentriert man sich ja sehr stark auf Touch-Bedienung. Glaubt man bei Windows, die Leute wollen am Schreibtisch sitzen und auf ihren Monitoren rumfingern?

Das ist das große Problem, das Microsoft hat. Mit Windows 8 versuchen sie tatsächlich, sich ganz von den Mobilgeräten her neu zu definieren. Und das macht natürlich auf dem Desktop-PC einige Probleme. Die Mouse-Bedienung der Kacheln ist etwas umständlich. Die Wege sind sehr weit, die man den Mauszeiger schieben muss. Und das kann sehr unpraktisch werden.

Man will aber gleichzeitig nicht unbedingt mit nem Touch-Schirm, der so einen halben Meter von einem weg steht, ständig mit der Hand draufpacken müssen, um irgendwas zu bedienen. Das heißt, wie sich diese Kachelbedienung von Windows 8 tatsächlich im zum Beispiel Büro-Alltag anmutet, das wird sich noch rausstellen müssen. Da müssen wir schauen, wie die Anwender damit umgehen – ob sich das wirklich durchsetzen kann.

Gerade für Unternehmen ist das ein großes Problem, weil sie eben durch die neue Oberfläche natürlich auch komplett ihre Anwender neu schulen müssen, wie die mit den Rechnern umzugehen haben. Und das ist das große Risiko, das Microsoft da mit Windows 8 eingeht. Sie können fast nicht anders, als so einen radikalen Schnitt zu machen. Auf der anderen Seite kann das auch völlig in die Hose gehen und das Stammgeschäft von Microsoft arg in Mitleidenschaft ziehen.

Angelehnt an Apple kommt auch ein neuer App-Store in die Windows-Welt. Muss das sein? Braucht es den?

Wenn man tatsächlich mit der neuen Oberfläche arbeitet, gibt es einige Anwendungen, die nur mit der neuen Oberfläche funktionieren. Man hat zwar die Möglichkeit, in Windows 8 auch das Startmenü zu benutzen. Aber dann gibt es einige Anwendungen, die dann nicht mehr laufen. Mit der neuen Oberfläche gibt es eben auch neue Anwendungen, die nur damit laufen. Und die kriegt man auch nur in diesem App-Store. Die kann man dann nicht normal im Laden kaufen oder sich irgendwo sonst herunterladen, sondern die muss man bei Microsoft im App-Store kaufen.

Das ist natürlich im Prinzip Apple abgeguckt, die das ja nicht nur beim iPhone so machen, sondern inzwischen bei Mac OS X dazu auch übergegangen sind, solche Möglichkeiten zu bieten. Und das wird natürlich die eine Möglichkeit für Microsoft sein, Windows 8 auch ein bisschen zu fördern. Indem es interessante Apps gibt, die man sonst nicht bekommt, und die dann eben Windows 8 voraussetzen.

Heißt das aber, wenn ich auf meinem jetzigen Computer, sagen wir mal mit Windows 7, Programme drauf habe, dass ich die für das neue Betriebssystem auch neu kaufen muss?

Nicht unbedingt. Die alten Anwendungen sollen alle erstmal weiterlaufen. Die haben natürlich dann nicht die neue Oberfläche oder das neue Design, was auch die Anwendungen mit bekommen. Sondern die laufen im alten, von Windows 7 gewohnten Design. Da gibts dann natürlich Brüche in der Oberfläche.

Das heißt, man ist dann unter Windows 8 in der ehemals „Metro“ genannten Oberfläche zugange und startet eine Anwendung, die plötzlich ganz anders aussieht als das, was sonst auf dem PC gerade läuft. Da gibt es Brüche – und da wird es natürlich dazu führen, dass es manche Anwendungen dann sehr schnell im neuen Design gibt. Und die muss man dann natürlich auch neu kaufen.

Grundsätzlich gilt aber, dass die alten Anwendungen weiter laufen. Die Basis von Windows 8 ist im Prinzip ein etwas überarbeitetes Windows 7.

Und eine weitere große Neuerung: die Synchronisation kommt. Also, dass Einstellungen und Apps zwischen mehreren Geräten sich immerzu abgleichen. Um das zu gewährleisten, hat man sich eine sog. „Metro-Bedienoberfläche“ ausgedacht. Was ist das denn? Und wie gut funktioniert das?

Das funktioniert, wenn man die Microsoft-Dienste benutzt, die dahinterstehen, natürlich recht gut. Microsoft hat ja mit SkyDrive und ähnlichen Einrichtungen auch ein Cloud-Angebot, über den sich die Anwendungen und die Einstellungen der Anwendungen synchronisieren lassen. Das geht von Kontakten über Bookmarks fürs Web bis hin zu Einstellungen einzelner Anwendungen. Das funktioniert so gut, wie andere Anbieter das auch machen.

Das kennt man ja zum Beispiel von google oder von Apple, die solche Möglichkeiten für ihre Handies und Smartphones auch bieten, die dann auch den Abgleich mit dem PC zum Beispiel erledigen können, wenn man zum Beispiel nur google-Dienste benutzt. Und so funktioniert das dann letztlich auch bei Microsoft. Das geht problemlos, das ist inzwischen eine Erfahrung, die viele Anwender gemacht haben: dass das extrem bequem ist, wenn man über verschiedene Geräte hinweg immer auf die selben Daten zugreifen kann, immer von den selben Einstellungen gehen kann – und da hat Microsoft recht gut nachgearbeitet.

Was passiert, wenn ich nicht nur Microsoft-Dienste nutze? Wenn ich zum Beispiel ein Smartphone habe mit einem Android-Betriebssystem oder ein iPhone?

Das ist dann teilweise schwierig. Es ist so, dass man natürlich diverse Dienste anderer Anbieter von google oder Apple vor allem auch integrieren kann in Windows 8, und das man zum Beispiel mit „Google Mail“ arbeiten kann oder ähnlichem. Das funktioniert aber nicht so gut wie wenn man Microsoft-eigene Dienste benutzt.

Da geht Microsoft im Prinzip den selben Weg, den google und Apple auch gehen: das man versucht, als Anbieter die User möglichst zu allen eigenen Diensten zu locken. Dadurch, dass man es damit besonders bequem macht, während die Integration anderer Dienste teilweise etwas schwierig ist.

Das zeigt sich zum Beispiel an dem neuen Dienst xbox-Music, der in Windows 8 integriert ist. Für den gibt es zwar für Windows 8, Windows Phone 8, für die Tablets überall Apps und man kann von überall her auf seinen Musik-Katalog zugreifen und streamen. Aber es gibt zum Beispiel keine Apps für Android und fürs iPhone. Das heißt, wenn man diesen Dienst nutzen will, dann ist man am besten bedient, wenn man alle Geräte mit Windows betreibt und nicht ein anderes System ansetzt.

Es klingt so, alle diese Neuerungen, als ob das alles Sinn macht, wenn man auch die neuen Geräte kauft. Ist denn für jemanden, der sich kein neues Gerät kaufen will, ein früher Umstieg auf Windows 8 anzuraten? Oder sollte man da vielleicht noch ein bisschen warten?

Also wenn ich kein neues Gerät kaufe – ich kriege zwar Windows 8 relativ billig, ich kriege ein Upgrade schon für 30 Euro, aber jetzt sofort umzusteigen, das lohnt sich tatsächlich wahrscheinlich nicht. Man sollte da etwas abwarten, wie die Erfahrungen sind, auf bisher vorhandener Hardware. Man muss nicht unbedingt aufrüsten, um Windows 8 einsetzen zu können: die Hardware-Anforderungen sind im Prinzip die gleichen, wie bei Windows 7.

Und ob man die neue Oberfläche haben will, das muss man sich erstmal genau überlegen und ein bisschen warten, wie die Erfahrungen anderer Anwender sind auf herkömmlichen PCs.

Wenn man natürlich ein neues Gerät kauft, dann hat man jetzt sehr große Auswahl: man kann nicht nur google-Geräte oder von Apple etwas nehmen, sondern kann auch bei Microsoft zuschlagen und findet dort ansprechende Geräte, die gut zu bedienen sind und die alle Features haben, die man heute von solchen Geräten erwartet. Bei alten PCs sollte man beim Umstieg doch noch etwas warten, denke ich.

Jetzt kann natürlich Ihr obligatorischer Blick in die Glaskugel nicht fehlen. Wird Windows 8 der große Wurf für Microsoft? Was meinen Sie?

Sie sind dazu verdammt, dass es der große Wurf wird. Wenn ihnen das misslingt, dann wird es mit ihren Geschäftszahlen noch weiter nach unten gehen, dann müssen sie sich ganz schnell überlegen, was sie in Zukunft noch machen können. Man hat es schon an den letzten Geschäftszahlen gemerkt: die Gewinne der Windows-Sparte sind tatsächlich um die Hälfte eingebrochen! Ein ziemlich dramatischer Einschnitt, auch für Microsoft.

Und wenn Windows 8 das nicht wieder ausgleichen kann, wenn Windows 8 nicht der Erfolg wird und Microsoft eben auch in den coolen Bereichen wie Smartphones oder Tablets zum Mitspieler macht, dann ist Microsoft in argen Schwierigkeiten. Im Prinzip ist Microsoft mit Windows 8 zum Erfolg verdammt. Ob es das wirklich wird, das wage ich heute tatsächlich noch nicht zu sagen.

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